Sexualisierte Gewalt

Erstellt: Donnerstag, 16. November 2017

(Hero). Die Sportministerkonferenz hat auf Initiative Baden-Württembergs die Prävention sexualisierter Gewalt im organisierten Sport in den Fokus genommen. Prävention sexualisierter Gewalt sei keine Kür, sondern Pflicht für den organisierten Sport, betonte Sportministerin Susanne Eisenmann. Aktuelle Studien belegen: Der Schutz vor sexualisierter Gewalt im organisierten Sport besitzt nach wie vor große Dringlichkeit. Es gibt keinen Grund, sich auf dem erreichten Präventionsniveau auszuruhen.

"Sexualisierte Gewalt ist im Sport wie in anderen Lebensbereichen keinesfalls zu tolerieren. Bereits sexistische Witze sind vor dem Hintergrund des besonderen Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Trainer und Athletin oder Athlet ein absolutes No-Go", sagte Sportministerin Susanne Eisenman im Anschluss an die 41. Sportministerkonferenz. Eisenmann verweist darauf, dass die Hälfte der Spitzenverbände die Prävention von sexualisierter Gewalt noch nicht in Qualifizierungsmaßnahmen verankert hätte. Sie sieht den organisierten Sport in der Pflicht, "diese Schutzlücke rasch zu schließen".  

Auf Initiative Baden-Württembergs hatten sich die Sportministerinnen und -minister zum ersten Mal seit sieben Jahren ausführlich mit dem Thema beschäftigt und auf Basis der Ergebnisse des von der Deutschen Sporthochschule Köln, dem Universitätsklinikum Ulm und der Deutschen Sportjugend durchgeführten Forschungsprojekts "Safe Sport" eine Zwischenbilanz gezogen.

"Wenn knapp 40 Prozent aller Kadersportlerinnen und -sportler, die an der Studie teilgenommen haben, schon einmal eine Form sexualisierter Gewalt im Sport erfahren haben, können wir nicht von Einzelfällen sprechen", betonte Eisenmann. Zwar bildeten Fälle sexualisierter Gewalt mit Körperkontakt die klare Ausnahme, doch andere Formen sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt und sexuelle Grenzverletzungen seien deutlich häufiger anzutreffen und könnten ebenfalls traumatische Wirkungen auf die betroffenen Sportlerinnen und Sportler haben.

"Es ist deshalb völlig klar, dass wir eine Null-Toleranz-Politik brauchen", betonte die Ministerin. Vor allem junge Athletinnen und Athleten müssten darauf vertrauen können, dass sie in Training und Wettkampf vor allen Formen sexueller Gewalt sicher sind. Als eine Konsequenz aus den Ergebnissen der Studie setzte Baden-Württembergs Sportministerin einen eindeutigen Beschluss in der Sportministerkonferenz durch, wonach der Deutsche Olympische Sportbund aufgefordert wird, bei der beabsichtigten Erarbeitung eines bundesweiten Qualitätsrahmens für die Eliteschulen des Sports die Prävention von und Intervention bei sexualisierter Gewalt zu berücksichtigen.

Zuversichtlich stimmt die Ministerin, dass "auf allen Ebenen des organisierten Sports die Einsicht wächst, dass Präventions- und Interventionskonzepte zum Pflichtprogramm gehören und nicht Bestandteil der Kür sind." Eisenmann verwies wiederum auf die Ergebnisse der Studie "Safe Sport". Danach verfügen 80 Prozent der Spitzenverbände mittlerweile über eine Ansprechperson für die Prävention sexualisierter Gewalt, 40 Prozent bescheinigen sich selbst fundierte Kenntnisse zum Thema und etwa der gleiche Anteil gibt an, über Verfahrenspläne zum Umgang mit Vorfällen und Verdachtsmomenten zu verfügen. An der Spitze des organisierten Sports habe es in den vergangenen Jahren somit Fortschritte gegeben, so Eisenmann.

Auf dieser Grundlage müsse weitergearbeitet werden. Zudem sei es jetzt an der Zeit, die Vereine in der Präventionsarbeit zu unterstützen. An der Basis sei der Nachholbedarf laut Studie am größten. Danach hat etwa jeder zehnte Verein eine spezifische Ansprechperson benannt und führt regelmäßige Schulungen zum Thema durch. Ministerin Eisenmann forderte daher die Spitzenverbände insbesondere auf, noch stärker auf bewusstseinsbildende Maßnahmen zu setzen und das Fortbildungsangebot für Vereine weiter auszubauen.

Ziel des mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekts "Safe Sport" war es, sowohl die Häufigkeiten und Formen sexualisierter Gewalt im Leistungssport als auch den Stand der Prävention und Intervention zu untersuchen. An der Online-Befragung hatten sich 1.800 Bundes- und Landeskaderathletinnen und -athleten beteiligt. Einbezogen wurden dabei sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt, grenzverletzendes Verhalten (zum Beispiel Exhibitionismus) und sexualisierte Gewalt ohne Körperkontakt (zum Beispiel verbale sexuelle Belästigung).  

Häufigkeit und Formen sexualisierter Gewalt            

Unabhängig von der Schwere der Gewalterfahrung haben rund 37 Prozent aller Kadersportlerinnen und Kadersportler, die an der Studie teilgenommen haben, schon einmal eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport erfahren (48 Prozent der Athletinnen und 23 Prozent der Athleten);

Werden die Befunde nach der Schwere der Gewalterfahrungen differenziert, haben drei Prozent der teilnehmenden Sportlerinnen und Sportler sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt, 18 Prozent sexuelle Grenzverletzungen und 16 Prozent sexualisierte Gewalt ohne Körperkontakt erfahren;

Insgesamt haben rund elf Prozent der befragten Sportlerinnen und Sportler schwere und/oder länger andauernde sexualisierte Gewalt im Sport erlebt;            Die Mehrheit der betroffenen Athletinnen und Athleten (rund 70 Prozent) ist bei der ersten Erfahrung sexualisierter Gewalt im Sport unter 18 Jahre alt.

Stand der Präventions- und Interventionsmaßnahmen            

Die Hälfte der Spitzenverbände hat die Thematik noch nicht in Qualifizierungsmaßnahmen verankert;

Je 39 Prozent der Spitzenverbände und Sportinternate und 23 Prozent der Olympiastützpunkte gaben an, über fundierte Kenntnisse zum Thema zu verfügen;

80 Prozent der Spitzenverbände, rund die Hälfte der Internate und knapp ein Viertel der Olympiastützpunkte haben Ansprechpersonen für die Prävention sexualisierter Gewalt benannt;

Rund 40 Prozent der Spitzenverbände, 44 Prozent der Sportinternate und 15 Prozent der Olympiastützpunkte verfügen über einen Verfahrensplan zum Umgang mit Vorfällen oder Verdachtsmomenten;

Rund die Hälfte der befragten Vereine gab an, dass das Thema relevant für Sportvereine sei;

Über ein Drittel der Vereine setzt sich nach eigenen Angaben aktiv gegen sexualisierte Gewalt ein;

Regelmäßige Schulungen zur Thematik werden in neun Prozent der Vereine durchgeführt und jeder zehnte Verein hat eine spezifische Ansprechpartnerin bzw. einen spezifischen Ansprechpartner für die Prävention sexualisierter Gewalt oder für den Kinderschutz benannt.

Auch die 7. Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz beschäftigte setzte sich mit Fragen sexuellen Missbrauchs auseinander. Unter dem Thema ",Irritierte Systeme‘ – Die Auswirkungen (des Verdachts) von sexuellem Missbrauch auf die betroffenen ‚Systeme‘ und Möglichkeiten einer qualifizierten Hilfestellung" waren auf Einladung von Bischof Dr. Stephan Ackermann, Beauftragter für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich und für Fragen des Kinder- und Jugendschutzes, rund 90 Generalvikare, Personalverantwortliche sowie die Missbrauchs- und Präventionsbeauftragten der deutschen Bistümer und Ordensgemeinschaften in Köln zusammengekommen.

"Wir dürfen nicht nachlassen in unserem Bemühen, die Aufmerksamkeit für das Thema wachzuhalten, insbesondere vor dem Hintergrund von Personalwechseln in den Bistümern. Auch neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – Bischöfe eingeschlossen – müssen sich ihrer Verantwortung für dieses Thema bewusst sein und weiterhin engagiert daran arbeiten, Kirche zu einem sicheren Raum für Kinder und Jugendliche zu machen", sagte Bischof Ackermann.

Der emeritierte Sozialpsychologe Prof. Dr. Heiner Keupp, Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, stellte die Frage nach der Tiefenwirkung von Präventionsinitiativen. "Schaffen diese Maßnahmen eine neue Kultur der Achtsamkeit, sind sie gelebte Wirklichkeit, die den Alltag in der Einrichtung bestimmen oder haben sie vor allem oder nur eine plakative Bedeutung nach außen?" Gleichzeitig betonte Prof. Keupp: "Institutionen müssen sich ihrer Geschichte stellen und dafür Verantwortung übernehmen."

Der Psychologe und Psychiater Prof. Dr. Frank Löhrer hob hervor, dass Intaktheit oder Irritation von Systemen in der Psychologie keine Gegensätze darstellten. "Eine gelingende Kommunikation ist in vielen Fällen ein geeignetes Mittel, um Irritationen erst gar nicht aufkommen zu lassen", so Prof. Löhrer, der als Missbrauchsbeauftragter mehrerer Ordensgemeinschaften über jahrelange Erfahrungen im Bereich sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Umfeld und der damit einhergehenden Irritation von Systemen verfügt.

Die während der Fachtagung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus den Diözesen vorgestellten Praxisbeispiele veranschaulichten die Problematik der tief- und weitgreifenden Erschütterung von Systemen durch den Verdacht eines sexuellen Missbrauchs. Dabei kamen auch Hilfestellungen und Möglichkeiten des Umgangs mit und der Überwindung von Irritationen zur Sprache. Die Teilnehmer waren sich dabei einig, dass ein partizipativ erarbeitetes Konzept Irritationen von Systemen positiv bewältigen kann, insbesondere dann, wenn es bereits in ein institutionelles Schutzkonzept eingebettet ist.

Pater Prof. Dr. Hans Zollner SJ, Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, nahm die Kirche als traumatisierende und traumatisierte Institution in den Blick: "Sexueller Missbrauch im kirchlichen Raum sollte nicht zu einer Selbststilisierung als Opferinstitution führen. Die Auseinandersetzung mit einem institutionellen Trauma erfordert eine nachhaltige Aufarbeitung."

Der Missbrauchsskandal treffe die Kirche im Kern ihres Selbstbildes und ihrer Glaubwürdigkeit. "Manche meinen, es werde schon irgendwann vorübergehen. Es geht aber darum, das Wurzelgeflecht aufzudecken, in dem Missbrauch entstehen und vertuscht werden konnte. Sexuelle Gewalt und andere Arten von Missbrauch sind systemisch gesehen Symptome für tiefliegende Missstände", so Pater Zollner. Er fügte hinzu: "Die entscheidende Frage lautet: Wer und was will die Kirche sein? Geht es ihr um sich und ihre Sicherheiten, oder geht ihr im Angesicht des Leids von Menschen das Herz auf?"

Zum Abschluss der Tagung zeigte sich Bischof Ackermann beeindruckt von den erarbeiteten Lösungsansätzen. Er bat die Anwesenden sich weiterhin mit Engagement für die Prävention gegen sexuelle Gewalt einzusetzen. Außerdem äußerte sich Bischof Ackermann dankbar für die Arbeit des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) und der unabhängigen Aufarbeitungskommission.

Er plädierte mit Blick auf die anstehenden Koalitionsverhandlungen in Berlin dafür, beides weiterzuführen: "Es sei unverzichtbar auf nationaler Ebene dauerhaft eine unabhängige Stelle im Kampf gegen sexuelle Gewalt zu haben. Denn diese trägt dazu bei, die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema fortzuführen und die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen im Bemühen um Aufarbeitung und Prävention in die Pflicht zu nehmen."

siehe auch ⇒ Pfoten weg!

(Quelle: KM-KV.bw/DBK/HIN/PICcaritas)