Viele Vereine vor dem Aus

Veröffentlicht: Donnerstag, 06. September 2018 Drucken E-Mail

(joER). Eine neue Sonderauswertung des ZiviZ-Survey 2017 - der einzig repräsentativen Befragung zivilgesellschaftlicher Organisationen in Deutschland - zeigt, dass sich zwischen 2006 und 2016 in ländlichen Regionen über 15.500 Vereine aufgelöst haben, jeder Neunte. Vereine in Dörfern, Gemeinden und Kleinstädten haben demnach zunehmend Schwierigkeiten, Engagierte zu gewinnen und zu binden. Die Digitalisierung kann helfen, die Probleme zu überwinden. Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitales im Bundeskanzleramt, übernimmt die Schirmherrschaft der Initiative.

Ob große Meisterschaften, Spiele in den Bundesligen oder die regionalen und lokalen Veranstaltungen wie Sportfeste, Vereinspräsentationen oder Volksläufe, - Sport gehört zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten in Baden-Württemberg. Vor allem die "kleinen" Wettkämpfe und Begegnungen, die rund ums Jahr in den unteren Spielklassen sowie den Juniorinnen- und Juniorenligen stattfinden, unterstreichen die große Bedeutung für den Breitensport.

Der Sport markiert eine wichtige sozialisierende Funktion innerhalb der Gesellschaft. Das Vereinsleben hat dabei eine zentrale Ausgleichsfunktion und fördert mit seiner Struktur des Zusammenlebens eine Gemeinschaft. Auch hier zeigt sich die Vielfältigkeit des Sportangebots: Nicht alle, die sich sportlich betätigen, suchen den offiziellen Wettkampf als Herausforderung. Vielen genügt ein mehr oder weniger regelmäßiges Training allein oder in der Gruppe, um die eigene Fitness zu erhalten.

Zum Stichtag 01.01.2018 zählt der Landessportverband Baden-Württemberg (LSV) 3'760'912 Mitglieder, die in 11'356 Vereinen organisiert sind. Dies entspricht einem Mitgliederzuwachs von 0,62% im Vergleich zum Vorjahr und bestätigt den Trend des letzten Jahres: Sportvereine sind auch weiterhin ein fester Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens. Jeder Dritte Baden-Württemberger ist Mitglied in einem Sportverein.  

Einem Zuwachs in den Altersgruppen der 0–6-Jährigen um ca. 2,5 % und der 27–40-Jährigen (+ 3,3 %) im Vergleich zum Vorjahr steht ein Rückgang bei den Jugendlichen (15-18 Jahre) um -2,13% entgegen. Dieser ist jedoch vermutlich auf den allgemeinen demografischen Wandel zurückzuführen und spiegelt in diesem Sinne die Altersstruktur unserer Gesellschaft wider.

Die am stärksten vertretene Altersgruppe sind die 41-60-Jährigen. Auch dies scheint der demografischen Struktur Baden-Württembergs zu entsprechen, belegt gleichzeitig jedoch den Trend, dass die Gesellschaft auch im Alter immer fitter bleiben möchte und ein wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens ist.  

Im Gegensatz zu der Anzahl an Mitgliedern in baden-württembergischen Sportvereinen ist jedoch die Anzahl der Vereine selbst im Vergleich zum Vorjahr um 16 gesunken. Gerade im ländlichen Bereich fusionieren Vereine oder schließen sich zu Spielgemeinschaften zusammen, um auf diese Weise ihre Stärken zu bündeln und ihren Mitgliedern ein breites Angebot bieten zu können. 

Das Vereinsleben im ländlichen Raum aufrecht zu erhalten, wird durch den demografischen Wandel erschwert: Die Bevölkerung altert und Menschen wandern ab. Hinzu kommen Nachwuchsprobleme: "Gerade jüngere Menschen verbinden mit ehrenamtlichen Positionen nicht länger hohes Prestige, binden sich auch nicht mehr lebenslang an einzelne Organisationen", sagt Holger Krimmer, Geschäftsführer der ZiviZ im Stifterverband.

So verzeichnet mittlerweile nahezu jeder vierte Verein in ländlichen Regionen erhebliche Rückgänge bei den Engagierten-Zahlen (22 Prozent), weil Engagierte fehlen oder Vereine ihre Ehrenamtlichen nicht langfristig binden können. In den Städten fällt diese Zahl mit rund 14 Prozent weitaus geringer aus. Diese Entwicklung gefährde den gesellschaftlichen Zusammenhalt in dünn besiedelten Landkreisen.

"Schon heute können Kommunen und Staat vielerorts nicht mehr dieselben Leistungen der Daseinsvorsorge wie in der Stadt bieten und sind auf das Engagement der Bürgerinnen und Bürger angewiesen", sagt Holger Krimmer. "Damit droht immer mehr Menschen, von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben abgeschnitten zu werden."

Die Studie "Vereinssterben in ländlichen Regionen - Digitalisierung als Chance" macht deutlich, dass die verstärkte Nutzung digitaler Technologien dem Vereinssterben auf dem Land entgegenwirken kann: Cloud-Lösungen und Video-Konferenzen beispielsweise ersparen lange Wege zur Vereinsarbeit. Optimierte Arbeitsprozesse durch moderne Kommunikationswege können es erleichtern, neue Engagierte zu gewinnen. Hier seien vor allem die Kommunen, Bund und Länder, aber auch Unternehmen gefordert.

"Digitaler Fortschritt erleichtert es Ehrenamtlichen, sich zu engagieren und Mitstreiter zu gewinnen. Es ist wichtig, dass Vereine die Chancen digitaler Technologien für gute Zwecke nutzen können - gerade auch um junge Menschen besser zu erreichen", erklärt Dorothee Bär, Staatsministerin im Bundeskanzleramt und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung.

Als Schirmherrin begleitet sie fortan die Förderinitiative "digital.engagiert" von Stifterverband und Amazon, in deren Kontext die aktuelle Studie veröffentlicht wurde. Ralf Kleber, Country Manager Amazon.de und Mitinitiator der Initiative, betont: "Digitalisierung soll nicht nur Unternehmen zu Gute kommen. Wir wollen, dass auch die Zivilgesellschaft davon profitiert. Dafür öffnen wir unsere Türen und stehen mit Technologie-Expertise sowie finanzieller Unterstützung bereit."

Auftraggeber der Studie "Vereinssterben in ländlichen Regionen - Digitalisierung als Chance" ist die Förderinitiative "digital.engagiert" von Amazon und Stifterverband, die Vereine und gemeinnützige Organisationen bei ihren Projektideen zur Digitalisierung der Zivilgesellschaft unterstützt.

Im Jahr 2016 waren in baden-württembergischen Sportvereinen nach Angaben des Landessportverbands über 3,9 Mill. Menschen organisiert. Die höchsten Mitgliederzahlen hatten hierbei die Sportfachverbände Turnen, Fußball und Tennis. Ein großes Plus der Mitgliedszahlen verzeichnete der Fachverband Bergsport/Klettern, wo knapp 9' 000 neue Mitglieder registriert wurden.

Turnen war unter den Sportlerinnen und Fußball unter den Sportlern die beliebteste Sportart. Knapp ein Viertel der Vereinsmitglieder war jünger als 15 Jahre. Der Seniorensport behielt seine Bedeutung: 19 % der Mitglieder waren über 60 Jahre alt, fast 16' 000 Mitglieder mehr als 2015 gab es allein in dieser Altersgruppe.

(Quelle: SVB.bw/HIN)