Rad-Rennbahn in der Fächerstadt

Erstellt: Donnerstag, 20. Dezember 2018

Karlsruhe (proh). Das Drais-Jubiläumsjahr hat vielfältige Veranstaltungen und Projekte zum Thema Fahrradgeschichte in ganz Deutschland gebracht. Seit dem Sommer 2017 erinnern Informationstafeln im Stadtgarten am Lauterberg dauerhaft an die alte Karlsruher Radfahrbahn, deren Geschichte eng mit dem Höhepunkt der Drais-Verehrung im Jahr 1893 verbunden ist. Der Drais-Kenner Martin Hauge fasst die Ergebnisse zusammen: „Von 1890 bis 1896 bestand unweit südlich des Stadtzentrums eine veritable 400 Meter lange Radfahrbahn, die eine Breite von 7,35 m aufwies.“

Auf vier Bild- und Texttafeln werden nun BesucherInnen des Stadtgartens neben der Entstehung des Lauterbergs als Trinkwasserbehälter auch über seine technischen Probleme nach dem Bau informiert. Weitere Themen sind die Erfindung des Zweirades durch Karl Drais und die aufkommende Verehrung seiner Person. Und letztlich wird Wissenswertes über die Einweihung der Rennbahn, ihre Blütezeit und ihren Niedergang geboten. „Die große Verbreitung, deren sich der Sport des Radfahrens auch in unserer Stadt seit geraumer Zeit erfreut […] hatte schon im Mai 1889 den Bürgerausschuss veranlasst, auf Antrag des Stadtrats die Mittel zur Erstellung einer Radfahrbahn in der Höhe von 16 000 M[ark] zu bewilligen“, so aufgezeichnet in der Stadtchronik.

Die Bahn wurde bereits am 1. Juli 1890 zur Benutzung freigegeben. „Am 21. September fand ihre feierliche Eröffnung durch ein von dem neu entstandenen ‘Verein zur Abhaltung von Rad-Wettfahren in Karlsruhe‘ veranstaltetes großes Radfahrerfest statt. Dasselbe bestand aus einem Gartenfest am Vorabend, einem Radwettfahren am Nachmittag des genannten Tages und einem an die Preisverteilung sich anschließenden Bankett in der Festhalle." Mit der Einrichtung dieser Bahn glaubte Karlsruhe der Galopprennbahn – dem „Turf“ in der Gemeinde Iffezheim bei Baden-Baden – etwas Gleichwertiges entgegensetzen zu können. So stand es jedenfalls 1893 in der Zeitschrift DAS STAHLRAD.

Allein das Schwarzwaldhaus (siehe am linken Rand der oberen Abbildung) kann dem Betrachter einiges erzählen. Es könnte irgendwo im Wald stehen, beherbergte aber hier, einen Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, die Wohnung des (Renn-)Bahnwärters (auch Aufseher genannt), die Kasse zur Entrichtung der Nutzungsgebühren sowie den Fahrrad- und Bekleidungsverleih.

Der ordnungsgemäße Ablauf des normalen Fahr- und Trainingsbetriebes war vom Aufseher zu gewährleisten. Sogar auf züchtige, sittliche Radkleidung hatte er zu achten: Fleischfarbene, enganliegende Trikots waren nicht erlaubt und mussten gegen Passendes beim Aufseher kostenpflichtig eingetauscht werden. Für den geregelten Betrieb der Bahn gab es ab 1890 eine Benutzungsordnung.

Bei Rennen hatte der Mann eine weitere, verantwortungsvolle Aufgabe: Er war der Schiedsrichter und versah diesen Dienst von einer Art Ausguck am westlichen Fuß des Lauterberges. Dort postierte er sich in zweieinhalb Meter Höhe auf einer Natursteinmauer über der noch heute vorhandenen, zweiflügligen hölzernen Tür - also über dem Eingang zur sogenannten „Brunnenstube“. Während des Rennbetriebes waren hier Getränke und Verpflegung für die RadsportlerInnen bereitgestellt.

In der Mitte der Bahn befand sich der ovale „Rennbahnsee“, der später, nach dem Rückbau der Fahrbahn, „Schwanensee“ genannt wurde. Trotz optimaler technischer Gegebenheiten bestand die Rennbahn nur sieben Jahre. Finanziell nicht einträglich genug, wurde sie bereits 1896 aufgegeben und abgerissen. Auch blieb die bei Rennen für den Großherzog reservierte Loge stets leer. „Dabei wird die bei den Monarchisten unvergessene, klare politische Überzeugung des „Vaters des Radfahrsports“ (sprich Drais) durchaus eine Rolle gespielt haben“, sagt Hauge.

Die Geschichte der Rennbahn ist aber auch auf andere Weise untrennbar mit Karl Drais (1785-1851) verbunden, dessen geniale Erfindung am 12. Juni 2017 zweihundert Jahre alt wurde. Mehrere Ereignisse bzw. Entwicklungen kamen in den 1890er Jahren zusammen: Einmal die rasant wachsende Begeisterung für das Radfahren, dann die Tatsache, dass sich die in Vereinen organisierenden Freundinnen und Freunde des Radfahrsportes an den Erfinder des Urfahrrades zu erinnern begannen und ein Zufall.

Der alte Karlsruher Friedhof, auf dem Drais seit 1851 lag, war schon längere Zeit überbelegt und sollte geschlossen werden. Mit dem Vollzug dieses Vorhabens wäre das Drais’sche Grab über kurz oder lang eingeebnet worden. Von offizieller Seite bestand kein Interesse, irgendetwas für den in monarchistischen Kreisen schon lange vor seinem Tod verhassten Demokraten Drais zu tun.

Glücklicherweise trat nun damals der Draisverehrer und ehrenamtliche Karlsruher Stadtarchivar Dr. Thomas Cathiau (1832-1921) auf den Plan. Er schlug in ganz Deutschland sozusagen Alarm und fand in Carl Hindenburg (1820-1899), dem ersten Präsidenten des Deutschen Radfahrer-Bundes, den entscheidenden Unterstützer.

Diese beiden Männer, selbstverständlich gestützt auf die Mitglieder der Radfahrerverbände in Karlsruhe und im ganzen Deutschen Reich, ermöglichten durch ihre Spendensammlungen, Aktionen und Gedenkveranstaltungen dann die Umbettung der sterblichen Überreste, die Wiederbestattung, die Schaffung des Grabmals (1891) und des Denkmals (1893) sowie z. B. die Gedenktafel am Sterbehaus. Dadurch entrissen sie Karl Drais dem drohenden Vergessen, denn von offizieller Seite war seinerzeit aus dem genannten Grund nichts zu erwarten. „Bis in die Gegenwart wurde nach meiner Kenntnis im öffentlichen Raum der Karlsruher Innenstadt noch niemals irgendetwas Nachhaltiges von offizieller Seite für eine Würdigung von Karl Drais getan“, bedauert Hauge.

(Quelle: ADFC/HIN)