Arbeitskosten zu niedrig

Erstellt: Dienstag, 10. Juli 2018

(joER). Ökonomen, internationale Organisationen wie die OECD und ausländische Politiker kritisieren die weiterhin sehr großen Überschüsse in der deutschen Leistungsbilanz. Die Arbeits- und Lohnstückkosten sind wichtige, wenn auch längst nicht die wichtigsten Faktoren, die das Verhältnis von Aus- und Einfuhren und das Wachstum von Exporten und Binnennachfrage beeinflussen. Durch eine stärkere Lohnentwicklung hat die Entwicklung der Arbeitskosten in Deutschland in den letzten Jahren angezogen. Allerdings sind damit die Effekte einer langen Schwächephase in den 2000er Jahren längst noch nicht ausgeglichen.

Im gesamten Zeitraum von 2001 bis Ende 2017 verzeichnete die Bundesrepublik den drittgeringsten Anstieg bei den Arbeitskosten in der EU. Zu diesen Ergebnissen kommt der neue Arbeits- und Lohnstückkostenreport, den das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung heute auf einer Pressekonferenz in Berlin vorstellt. Die Studie zeigt auch, dass die deutschen Lohnnebenkosten im europäischen Vergleich leicht unterdurchschnittlich sind.

Trotz des wirtschaftlichen Booms und geringer Arbeitslosigkeit rangiert Deutschland bei den Arbeitskosten für die private Wirtschaft weiterhin im oberen Mittelfeld Westeuropas und rückt nur langsam vor: Ende 2017 lag die Bundesrepublik mit Arbeitskosten von 34,60 Euro pro Stunde an sechster Stelle unter den EU-Ländern, fast gleichauf mit Österreich (34,50 Euro). Im Jahr zuvor war die Bundesrepublik auf Position sieben. Insgesamt blieb das Ranking der Länder stabil, lediglich Finnland, das 2016 noch knapp vor Deutschland rangierte, fiel als einziges Euro-Land mit sinkenden Arbeitskosten deutlich zurück.

Mit nominal 2,8 Prozent lag der Zuwachs der deutschen Arbeitskosten 2017 zwar erneut über dem Durchschnitt der EU (2,5 Prozent) und des Euroraums (2,0 Prozent). Trotzdem war der Anstieg im Gesamtzeitraum seit 2001 in Deutschland mit 2,1 Prozent im Jahresmittel der drittniedrigste nach den Euro-Krisenländern Griechenland und Portugal (siehe auch die Tabellen in der pdf-Version dieser PM; Link unten).

Ähnlich sieht es bei der für die internationale Wettbewerbsfähigkeit wichtigeren Lohnstückkostenentwicklung aus. Dementsprechend sind die Ungleichgewichte bei der Entwicklung von Binnennachfrage und Exporten längst noch nicht ausgeglichen: Während die Inlandsnachfrage in Deutschland seit der Jahrtausendwende real um 15 Prozent zugelegt hat, expandierten die Ausfuhren um fast 120 Prozent.

"Die Erfahrungen der vergangenen Jahre sind eindeutig: Deutschland geht es wirtschaftlich besser, seitdem die Fixierung auf möglichst niedrige Arbeits- und Lohnstückkosten etwas nachgelassen hat", sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. "Die deutschen Unternehmen sind international sehr wettbewerbsfähig, aber das waren sie auch vor zehn bis 15 Jahren, als sich Wachstum und Beschäftigung weitaus schwächer entwickelten als heute. Jetzt wächst die deutsche Wirtschaft solide, und das nicht trotz, sondern wegen der etwas stärkeren Zunahme bei den Löhnen.

In einem schwierigen weltwirtschaftlichen Umfeld, in Zeiten von Trump und Brexit, sind wir stabil aufgestellt, weil privater und öffentlicher Konsum und Investitionen als Säulen der Konjunktur wirken. Das verdeutlichen drei Zahlen aus unserer neuen Analyse: Von 2000 bis 2008, als die Reallöhne und die Lohnstückkosten stagnierten, nahm die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um rund 130'000 Personen ab, während gleichzeitig die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten um rund 650 000 Personen zulegte.

In der Folgeperiode mit wieder steigenden Reallöhnen stieg die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung dann aber rasant um 4,5 Millionen Personen, während die ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigung wieder deutlich zurückging." Das zeige, dass es in einer großen Volkswirtschaft aussichtslos sei, einseitig auf Erfolge im Außenhandel zu setzen, weil durch die entsprechend schwächere Binnennachfrage unter dem Strich Wachstum und Beschäftigung verloren gehen.

Auch bei den Lohnstückkosten weist Deutschland für den Zeitraum von 2000 bis Ende 2017 weiterhin eine moderate Tendenz auf. Trotz einer ebenfalls stärkeren Steigerung in den vergangenen Jahren, die die Experten des IMK als "Schritt zur Normalisierung" bezeichnen, sind die deutschen Lohnstückkosten seit Beginn der Währungsunion deutlich schwächer gestiegen als in fast allen anderen Mitgliedsstaaten des Euroraums – und schwächer, als mit dem Inflationsziel der EZB vereinbar ist.

Die deutsche Lohnstückkostenentwicklung lag zuletzt laut IMK immer noch um kumuliert knapp 8 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt des Euroraums. Das langjährige extrem schwache Wachstum der deutschen Lohnstückkosten trug zu den ausgeprägten wirtschaftlichen Ungleichgewichten im Euroraum bei, schreiben die Studienautoren Dr. Alexander Herzog-Stein, Dr. Ulrike Stein, Dr. Rudolf Zwiener und Nora Albu.

Eine langfristig "stabilitätskonforme" Wachstumsrate der Lohnstückkosten liegt nach Analyse des IMK bei knapp zwei Prozent pro Jahr – der EZB-Zielinflationsrate. Dieser Wert sei im Jahr 2017 in Deutschland mit 1,8 Prozent zwar fast erreicht worden, während die Rate im Euroraum bei extrem niedrigen 0,8 Prozent lag. Im längerfristigen Durchschnitt seit 2000 nahmen die deutschen Lohnstückkosten aber nur um 1,1 Prozent im Jahr zu.

Um Deutschland und den EU-Staaten ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu ermöglichen, empfehlen die Ökonomen eine makroökonomisch ausgerichtete Lohnpolitik, die sich an der Summe aus EZB-Zielinflation und dem längerfristigen Trend des Produktivitätszuwachses orientiert. Andere europäische Länder – beispielhaft wird Österreich angeführt – zeigten jedenfalls, dass diese Strategie aufgehe.

Hier habe sich die Wirtschaftspolitik in den frühen und mittleren 2000er Jahren nicht "einseitig auf die Senkung der Arbeitskosten" konzentriert und damals eine deutlich bessere wirtschaftliche Entwicklung als in der Bundesrepublik erzielt.  Zu den Arbeitskosten zählen neben dem Bruttolohn die Arbeitgeberanteile an den Sozialbeiträgen, Aufwendungen für Aus- und Weiterbildung sowie als Arbeitskosten geltende Steuern. Das IMK nutzt für seine Studie die neuesten verfügbaren Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat.

2017 mussten deutsche Arbeitgeber in der Privatwirtschaft (Industrie und privater Dienstleistungsbereich) 34,60 Euro pro geleistete Arbeitsstunde aufwenden (siehe auch Tabelle 1 in der pdf-Version; Link unten). Höher liegen die Arbeitskosten in fünf Ländern: In Dänemark, Belgien, Schweden, Luxemburg und Frankreich müssen zwischen 43,60 und 36,60 Euro pro Stunde ausgegeben werden.

Fast gleichauf mit den deutschen sind die Arbeitskosten in Österreich (34,50 Euro), die Niederlande (33,90 Euro) folgen mit geringem Abstand. Im wirtschaftlich kriselnden Finnland, das 2016 noch an sechster Stelle in der EU lag, gingen die Arbeitskosten um 0,8 Prozent zurück, weshalb es 2017 mit 33,40 Euro auf Position neun rangiert. Der Durchschnitt des Euroraums liegt bei 30,40 Euro.

Etwas darunter folgen Irland, das 2017 Arbeitskosten von 29,80 Euro auswies, und Italien (27,30 Euro). Die Arbeitskosten in Großbritannien (25,20 Euro) sind in Euro gerechnet kräftig zurückgegangen. Das beruht aber auf dem drastischen Wertverfall des Pfunds. In einheimischer Währung stiegen sie um 2,8 Prozent und damit so stark wie in Deutschland.

In den übrigen südeuropäischen EU-Staaten betragen die Arbeitskosten zwischen 20,80 Euro (Spanien) und 13,20 Euro (Malta). Die "alten" EU-Länder Griechenland und Portugal liegen mittlerweile deutlich hinter dem EU-Beitrittsland Slowenien mit 16,90 Euro. In Estland, der Tschechischen Republik, der Slowakei, Kroatien, Polen, Ungarn, Lettland und Litauen betragen die Stundenwerte zwischen 12,20 und 8,20 Euro. In den meisten dieser Länder waren die Steigerungsraten mit gut sechs bis 11 Prozent im vergangenen Jahr überdurchschnittlich. Schlusslichter sind Rumänien und Bulgarien mit Arbeitskosten von 6,10 bzw. 4,90 Euro pro Stunde, allerdings bei Zuwächsen von rund 12 Prozent.

Im Verarbeitenden Gewerbe betrugen 2017 die Arbeitskosten in Deutschland 40,20 Euro pro Arbeitsstunde. Im EU-Vergleich steht die Bundesrepublik damit wie in den Vorjahren an vierter Stelle als Teil einer größeren Gruppe von Industrieländern, die deutlich über dem Euroraum-Durchschnitt von 33,10 Euro liegen. Dazu zählen auch Dänemark mit industriellen Arbeitskosten von 44,10 Euro, Belgien (43,90 Euro), Schweden (41,40 Euro) sowie Frankreich (38,10 Euro), Österreich (36,60 Euro) Finnland (36,20 Euro) und die Niederlande (35,10 Euro im Jahr 2016; neuere Daten liegen nicht vor).

Dabei ist nicht berücksichtigt, dass das Verarbeitende Gewerbe in der Bundesrepublik stärker als in jedem anderen EU-Land von günstigeren Vorleistungen aus dem Dienstleistungsbereich profitiert (siehe folgenden Abschnitt). 2017 stiegen die industriellen Arbeitskosten in Deutschland um 2,6 Prozent. Im Durchschnitt der EU waren es 2,4 und im Euroraum 1,9 Prozent.

Im privaten Dienstleistungssektor lagen die deutschen Arbeitskosten 2017 mit 31,50 Euro weiterhin an neunter Stelle nach den nordischen EU-Staaten, den Benelux-Ländern, Frankreich und Österreich. Den höchsten Wert wies Dänemark mit 43,80 Euro aus, der Durchschnitt im Euroraum beträgt 29,30 Euro, in der gesamten EU 26,60 Euro. 2017 stiegen die Arbeitskosten im deutschen Dienstleistungssektor um 2,7 Prozent.

Damit lag der Zuwachs etwas über dem Durchschnitt in der EU (2,5 Prozent) und etwas deutlicher über dem im Euroraum (2,0 Prozent). Differenziert nach Branchen, zeigt sich insbesondere bei den Dienstleistungen in Deutschland eine große Bandbreite bei den Arbeitskosten. Sie reicht nach der IMK-Analyse von 18 Euro in Gastgewebe und Gastronomie bis 54,60 Euro bei den Finanzdienstleistungen.

In Deutschland ist der Abstand der Arbeitskosten zwischen Verarbeitendem Gewerbe und Dienstleistungssektor weiterhin größer als in jedem anderen EU-Land, so das IMK. Er betrug Ende 2017 mehr als 21 Prozent. Vom vergleichsweise niedrigen Arbeitskostenniveau in den deutschen Dienstleistungsbranchen profitiert auch die Industrie, die dort Vorleistungen nachfragt.

Dadurch entsteht nach Berechnungen des IMK eine Kosteneinsparung für die Industrie von rund 11 Prozent oder mehr als 4,00 Euro pro Stunde. Während der Dienstleistungssektor die Industrie hierzulande deutlich entlaste, sei es insbesondere in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern umgekehrt, so die Forscher.

Erstmals hat das IMK auch untersucht, wie groß der Anteil der Lohnnebenkosten an den Arbeitskosten ist. In Deutschland betrug die Quote 2017 22,6 Prozent. Das ist weniger als im Durchschnitt von EU (24 Prozent) und Euroraum (25,9 Prozent). Seit 2008 hat sich der Anteil der Lohnnebenkosten an den Arbeitskosten in Deutschland gesamtwirtschaftlich nur leicht um 0,6 Prozentpunkte erhöht. Dazu beigetragen könnten u.a. die DAX-Vorstandsgehälter haben.

DAX-Vorstandsgehälter steigen wieder stärker

Die Gehälter der DAX-Vorstände sind 2017 um 4,5 Prozent gewachsen, stärker als in den drei Jahren zuvor. Die Boni folgen damit den noch deutlicheren Steigerungen der Unternehmensgewinne und der Kursentwicklung des DAX. Allerdings erhielten die Vorstände auch höhere Grundgehälter, die nicht an Leistungen gebunden sind. Dies zeigt die jährliche Studie der Technischen Universität München (TUM) und der DSW (Deutsche Schutzvereinigung Wertpapierbesitz), die heute in Frankfurt vorgestellt wurde.

Die Vorstände der im Deutschen Aktienindex (DAX) gelisteten Unternehmen verdienten 2017 durchschnittlich 3,558 Millionen Euro, das sind 4,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit fällt ihre Gehaltssteigerung deutlich höher aus als in den vergangenen drei Jahren. Im Schnitt der letzten zehn Jahre liegt der Verdienstzuwachs auf den Führungsetagen aber weiterhin unter zwei Prozent.

Die Bruttolöhne in Deutschland stiegen 2017 um 2,5 Prozent. Deshalb verdienten die Vorstände im Schnitt das 52-Fache ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im vergangenen Jahr lag dieser Unterschied noch beim Faktor 50.

"Diese Entwicklung hat uns nicht überrascht, da nicht nur die Gewinne der Unternehmen massiv um etwa ein Viertel gewachsen sind, sondern auch der DAX um elf Prozent zugelegt hat", sagt Studienleiter Prof. Gunther Friedl vom Lehrstuhl für Controlling der TUM. Entsprechend stiegen sowohl die Boni, die überwiegend von der Jahresbilanz der Unternehmen abhängen (sogenannte variable Barvergütungen; plus 2,9 %), als auch die Vergütungen, die sich nach dem Aktienkurs richten (plus 5,6 %).

Dass die Bezahlung der Spitzenmanagerinnen und -manager inzwischen zu mehr als zwei Dritteln an diese beiden Leistungskriterien geknüpft sind, zeigen auch die Schwankungen bei einzelnen Unternehmen. Beispielsweise verdienten die Vorstände von Deutscher Börse, Munich Re und Bayer 2017 über zehn Prozent weniger als im Vorjahr, die Vorstände der Lufthansa dagegen 42,5 Prozent mehr. "Aus Sicht der Aktionäre ist vor allem entscheidend, ob die Vorstandsvergütung sich an der Leistung des jeweiligen Vorstands orientiert, also dem Prinzip ‚Pay for Performance‘ folgt", sagt DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler.

Allerdings erhöhten die Unternehmen auch die leistungsunabhängigen Grundgehälter ihrer Vorstände um durchschnittlich 5,7 Prozent. "Dafür haben wir keinen nachvollziehbaren Grund finden können. Die Unternehmen sollten die Kopplung der Vorstandsvergütung an die Leistung nicht wieder zurückfahren, sondern eher weiter ausbauen, wenn sie die gesellschaftliche Akzeptanz nicht verlieren wollen", betont Friedl. "Unter dem Strich jedoch spiegelt die Gehaltsentwicklung der vergangenen Jahre den Erfolg der DAX-Unternehmen wider."

Erstmals untersuchte die Studie die Gehaltsunterschiede nach Geschlecht und Nationalität. Frauen im Vorstand verdienten mit durchschnittlich 3 Millionen Euro deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen mit 3,7 Millionen. Selbst wenn man die Gehälter der Vorstandsvorsitzenden herausrechnet – es gibt nach wie vor keine Frau an der Spitze –, haben Männer mit 3,3 Millionen Euro einen Vorsprung. Eine Differenz zeigt die Studie auch zwischen deutschen (3,4 Millionen Euro) und nicht-deutschen (4 Millionen Euro) Vorständen.

(Quelle: boek/CCC.m/HIN)