Pilotstrecke für Hybrid-Oberleitungs-Lkw

Erstellt: Donnerstag, 12. April 2018

Kuppenheim | Gernsbach-Obertsrot (proh). Auf der B 462 eine Pilotstrecke zur Erforschung der Oberleitungstechnologie im Straßengüterverkehr errichtet. Auf der insgesamt 18 Kilometer langen Pilotstrecke sollen zwei Teilbereiche mit einer Gesamtlänge von etwa 6 Kilometern mit Oberleitungen ausgestattet werden. Während der dreijährigen Betriebsphase, die voraussichtlich im Jahr 2020 beginnt, sollen die Zuverlässigkeit der Technologie sowie verkehrs- und energietechnische Aspekte untersucht werden. Dabei werden mehrere Hybrid-Oberleitungs-Lkw auf der Pilotstrecke eingesetzt.

Das Pilotprojekt eWayBW mit elektrisch betriebenen Hybrid-Oberleitungs-Lkw nimmt zunehmend Fahrt auf. Am 11. September 2017 hat Landesverkehrsminister Winfried Hermann von der damaligen Bundesumweltministerin Barbara Hendricks den Förderbescheid des Bundes in Höhe von 16,8 Millionen Euro für das Pilotprojekt eWayBW überreicht bekommen. Bei einer großen Informationsveranstaltung in Kuppenheim hat Verkehrsminister Winfried Hermann mit Vertretern des Bundes die Öffentlichkeit gestern über das Projekt informiert.

Verkehrsminister Winfried Hermann hat gemeinsam mit Vertretern des Bundes in einer groß angelegten Informationsveranstaltung die Öffentlichkeit über das Pilotprojekt eWayBW informiert. Insbesondere, welche Rolle elektrisch betriebene Hybrid-Oberleitungs-Lkw in der Zukunft spielen können, wie der aktuelle Projektstand ist und wie es konkret weitergeht.

"Das breite Interesse und die Bereitschaft zur Mitwirkung an unserem Pilotversuch zeigen eine Aufbruchsstimmung, die wir nun gerne nutzen möchten, den Straßengüterverkehr umweltverträglicher zu machen. Ich bin mir sicher, dass dieses für das Land einmalige und herausragende Projekt eWayBW hierzu einen wertvollen Beitrag leisten wird", sagte Verkehrsminister Hermann bei der Informationsveranstaltung im badischen Kuppenheim (Landkreis Rastatt).

Im Rahmen von eWayBW soll im Murgtal zwischen Gernsbach-Obertsrot und Kuppenheim bis Ende 2019 eine Teststrecke für elektrisch betriebene Hybrid-Oberleitungs-Lkw entstehen. Hierzu wird die B 462 in zwei Elektrifizierungsabschnitten auf einer Länge von insgesamt rund 6 Kilometern in jede Fahrtrichtung mit Oberleitungen, wie man sie aus dem Bahnbereich kennt, ausgestattet.

In diesen Elektrifizierungsbereichen beziehen die Hybrid-Oberleitungs-Lkw ihren Traktionsstrom aus der Oberleitung und laden parallel noch ihre Batterie auf, die dann außerhalb der Elektrifizierungsbereiche den weiteren Antrieb sicherstellt. Die Speditionen Fahrner Logistics und Huettemann Logistics, werden die Hybrid-Oberleitungs-Lkw ab 2020 in ihrem Unternehmen innerhalb realer Logistikprozesse einsetzen.

Die Daimler AG hat zwischenzeitlich entschieden, sich am Pilotprojekt eWayBW ebenfalls zu beteiligen. So wird Daimler bis zum Jahr 2020 eine rein batteriebetriebene Sattelzugmaschine mit einer Reichweite von bis zu 200 Kilometer entwickeln, die dann innerhalb des Pilotprojekts eWayBW parallel zu den Hybrid-Oberleitungs-Lkw die gleichen logistischen Aufgaben erfüllen wird.

Somit ergibt sich die einmalige Chance, zwei unterschiedliche Antriebskonzepte unter gleichen Einsatzbedingungen im Realbetrieb zu testen und direkt miteinander zu vergleichen. "Wir haben immer betont, dass der pilothafte Einsatz der Hybrid-Oberleitungs-Lkw im Rahmen von eWayBW ergebnisoffen erforscht werden und hierdurch keine Vorfestlegung erfolgen soll. Der direkte Systemvergleich bringt uns nun zwei Schritte auf einmal nach vorne", betonte Minister Hermann.

Der Systemvergleich wird wissenschaftlich begleitet durch das Konsortium Forschung eWayBW, das aus dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung Fraunhofer ISI, der PTV Transport Consult GmbH, dem FZI Forschungszentrum Informatik und dem Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie besteht. Die Kosten für die Einbindung der Daimler AG teilen sich der Automobilhersteller sowie das Land Baden-Württemberg.

Die Entwurfsplanung soll nun zügig vorangebracht werden, so dass das Vergabeverfahren für die Bauleistung der beiden zu elektrifizierenden Bereiche in der zweiten Jahreshälfte 2018 durchgeführt werden kann. Die bauliche Umsetzung sowie die Inbetriebnahme der Anlage ist für das Jahr 2019 vorgesehen. Im Anschluss daran folgt über drei Jahre hinweg der Realbetrieb. Nach derzeitigem Stand wird die Anlage nach Abschluss des Pilotversuchs wieder rückgebaut.

Auf der Pilotstrecke zwischen Gernsbach-Obertsrot und Kuppenheim (Landkreis Rastatt) werden jährlich über 500'000 Tonnen Papier und Pappe im 24 Stunden/7 Tage-Betrieb von drei Papierherstellern in Obertsrot in ein Logistikzentrum nach Kuppenheim verbracht. Damit ergibt sich pro Kalendertag die hohe Anzahl von durchschnittlich 64 Umläufen. In Summe werden die Oberleitungs-Lkw damit pro Jahr über 250'000 Kilometer im Bereich der Oberleitungen zurücklegen.

Schiene darf im Wettbewerb mit der Straße nicht benachteiligt werden

Die Schiene darf im Wettbewerb mit der Straße aus Sicht von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) nicht ins Hintertreffen geraten. Deshalb will er deutlich mehr Bahnstrecken mit Oberleitungen ausstatten lassen: "Wir glauben, wenn der Verkehr auf der Straße elektrifiziert wird, kann der Schienenverkehr nicht weiter dieseln."

Der Grünen-Politiker stellte ein Konzept vor, mit dem der bisherige Anteil von 60 Prozent elektrifizierter Strecke in drei Stufen bis 2030 auf 100 Prozent erhöht werden kann. So kämen die Dieselloks im Südwesten peu à peu aufs Abstellgleis. Bei einer Gesamtlänge des Netzes von 4'100 Kilometern betrage die Lücke noch beachtliche 1'600 Kilometer.

Für die Finanzierung ist laut Hermann hauptsächlich der Bund zuständig, für die Realisierung die Deutsche Bahn. Dabei hofft Hermann aus einen Sondertopf des Bundes. Er wolle diesen sehr schnell anzapfen und treibe deshalb die Planungen voran. "Nun setzen wir auf konkrete Aktionen aus Berlin." Anfang Mai will Hermann die Perspektiven mit Bürgermeistern, Landräten und Abgeordneten erörtern.

Die Kosten für das Anbringen der Fahrdrähte liegen nach grober Schätzung bei eingleisigen Strecken bei einer Million Euro pro Kilometer und bei zwei Gleisen bei 1,5 Millionen Euro pro Kilometer. Zur ersten Stufe gehören Projekte in Planung oder Bau auf 514 Kilometern Strecke. In einem zweiten Schritt sind vordringliche Projekte im Gesamtumfang von 200 Kilometern - insbesondere Lückenschlüsse - vorgesehen. Sie sollen bis 2025 angegangen oder bereits verwirklicht sein.

Langfristige Vorhaben im Volumen von 687 Kilometern werden in einer dritten Kategorie ins Auge gefasst. Hier kommen auch Lösungen mit Fahrzeugen in Betracht, die mit eigenem Antrieb wie Batterien oder Brennstoffzelle fahren. Allerdings seien solche Fahrzeuge auf dem Markt noch gar nicht in großer Stückzahl erhältlich.

Der grüne Verkehrsexperte Daniel Renkonen nannte als Vorteile der Elektrifizierung: leistungsstärkere Züge, bessere Beschleunigung, emissionsarmer Antrieb und ein - im Vergleich auch zu Batterie und Brennstoffzelle - verschwindend geringer Energieverlust bei der Übertragung durch Oberleitungen. "Außerdem wird das Netz so widerstandsfähiger, wenn geplante oder ungeplante Streckensperrungen vorliegen und Züge umgeleitet werden müssen."  

Die bisherige Verteilung der Strecken mit Oberleitungen ist regional sehr unterschiedlich. Der Ballungsraum Karlsruhe ist z.B. gut versorgt. Der Südosten ist hingegen kaum elektrifiziert. 

siehe auch: Oberleitungs-Lkw

(Quelle: VM.bw/HIN)