Emissionen dringend senken

Erstellt: Dienstag, 03. April 2018

(Hero). In Deutschland wurden 2017 insgesamt 904,7 Millionen Tonnen Treibhausgase freigesetzt - 4,7 Millionen Tonnen weniger als 2016. Das zeigt die erste Prognose-Berechnung des Umweltbundesamtes (UBA). Während die Emissionen im Energiebereich deutlich zurückgingen, stiegen sie im Verkehrssektor sowie in der Industrie an. Daher sind zusätzliche Maßnahmen nötig, um Deutschland wieder auf Kurs in Richtung der Klimaziele zu bringen. Gegenüber 1990 hat Deutschland seine Emissionen bis zum Jahr 2017 um 27,7 Prozent gesenkt. Das für 2020 vereinbarte Klimaziel von 40 Prozent soll so schnell wie möglich erreicht werden. 

Bundesumweltministerin Svenja Schulze: "Die Klimabilanz 2017 zeigt ein gemischtes Bild. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien haben wir bereits viel erreicht. Hier werden wir mit neuen Sonderausschreibungen weitere große Schritte machen. Im Verkehrsbereich geht die Entwicklung leider immer noch in die falsche Richtung. Für Klimaschutz und saubere Luft brauchen wir eine grundlegende Verkehrswende.

Das muss ein Schwerpunkt in dieser Legislaturperiode werden. Wir werden in diesem Jahr erstmals ein Klimaschutzgesetz vorbereiten und 2019 verabschieden. Damit werden wir sicherstellen, dass wir das 2030-Ziel zuverlässig und verbindlich erreichen."

Den deutlichsten Rückgang gab es in der Energiewirtschaft: Hier gingen die Emissionen im Vergleich zum Vorjahr um 13,7 Millionen Tonnen zurück (minus 4,1 Prozent). Zentraler Grund dafür ist, dass infolge der hohen Windkrafteinspeisung weniger Steinkohle verstromt wurde. Zudem wurden im Laufe des Jahres 2017 Steinkohlekraftwerke mit einer Kapazität von insgesamt mehr als 3 Gigawatt stillgelegt beziehunngsweise in die Netzreserve überführt. Im vierten Quartal gingen noch zwei weitere Braunkohlekraftwerke in die Sicherheitsbereitschaft.

Im Verkehrssektor stiegen die Emissionen 2017 um 3,8 Millionen Tonnen auf 170,6 Millionen Tonnen (plus 2,3 Prozent) an. Ein Grund dafür ist, dass nach Daten des Kraftfahrtbundesamtes der Pkw-Bestand im Jahr 2017 um rund 1,5 Prozent anstieg. Mehr Autos auf der Straße lassen höhere Fahrleistungen und damit höhere Treibhausgasemissionen erwarten.

Auch bei Lkw und Sattelzugmaschinen sind die Bestände 2017 deutlich gewachsen (+4,1 Prozent beziehungsweise +4,4 Prozent). In Kombination mit der guten Konjunktur führte das zu mehr Gütertransporten auf der Straße. Dagegen trägt der schrumpfende Anteil von Diesel-Pkw und der wachsende Anteil von Benzin-Pkw bei den Neuzulassungen kaum zum Anstieg der Emissionen bei. Zusammen mit dem Trend zu stärker motorisierten Pkw verursacht dies nur ein Plus von maximal 0,2 Millionen Tonnen im Jahr 2017.

UBA-Präsidentin Maria Krautzberger: "Es ist falsch, dass wir nur mit dem Diesel unsere Klimaziele erreichen können. Wir brauchen generell weniger und viel sparsamere Fahrzeuge, egal mit was diese angetrieben werden. Die derzeit von der EU-Kommission vorgeschlagenen CO2-Flottenzielwerte für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge für 2025 und 2030 sind nicht ausreichend. Hier müssen wir schnell nachsteuern, sonst werden wir die für 2030 gesteckten Klimaziele im Verkehr nicht erreichen."

In der Industrie stiegen die Emissionen aufgrund der guten Konjunktur um 2,5 Prozent auf 192,9 Millionen Tonnen. Davon entfallen 1,6 Prozent auf den Anstieg der Prozessemissionen und 3 Prozent auf energetische Emissionen im verarbeitenden Gewerbe. Für Raffinerien, Stahlindustrie sowie die mineralische Industrie geht die Prognose von einer gestiegenen Produktion aus. Die Produktionsentwicklung in der chemischen Industrie führte insgesamt ebenfalls zu einer leichten Emissionszunahme.

Während in der Landwirtschaft die Treibhausgas-Emissionen nahezu stagnierten, gingen sie im Abfallsektor um 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Dieser anhaltende Rückgang geht maßgeblich auf die Entwicklung im Bereich der Abfalldeponierung zurück. Seit 2005 dürfen in Deutschland keine biologisch abbaubaren Abfälle mehr deponiert werden - das macht sich neben Abfalltrennung und Recycling bei den Emissionen positiv bemerkbar.

Umweltbundesamt

Die Ergebnisse sind erste Detailschätzungen, also eine Prognose und keine finalen Zahlen. Sie leiten sich aus einem System von Modellrechnungen und Trendfortschreibungen der im Januar 2017 veröffentlichten detaillierten Treibhausgasemissionsberechnungen des Jahres 2016 ab. Zudem wurden erste für das Jahr 2017 veröffentlichte Überblicksangaben der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, amtliche Monatsstatistiken zum Energieverbrauch, Produktionsdaten von Industrieverbänden sowie zusätzliche Informationen (zum Beispiel Gradtagzahlen) verwendet. Durch diesen Berechnungsansatz ist die Genauigkeit der Schätzung generell geringer als die der Detailberechnungen.

Für das Jahr 2017 ist die Schätzung mit höheren Unsicherheiten versehen als in den Vorjahren. Die im Jahr 2016 erfolgten Kraftwerksummeldungen zwischen dem Energie- und Industriebereich konnten in der aktuellen Berichterstattung aufgrund der vorläufigen Daten noch nicht adäquat berücksichtigt werden. Deshalb wurde die Emission für die Industriefeuerungen im Jahr 2017 etwas höher angesetzt. Infolge der Witterung ist eigentlich von einer leichten Emissionsminderung bei den Haushalten auszugehen. Aufgrund der dort mitberücksichtigten statistischen Differenzen beim Erdgas ist diese Entwicklung jedoch nicht sichtbar.

Erste verifizierte Emissionsdaten für die emissionshandelspflichtigen Anlagen der Energiewirtschaft und Industrie werden wie immer jährlich am 1. April bekanntgegeben. Im Jahr 2016 waren fast 51 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen in Deutschland dem Emissionshandelssektor zuzurechnen. Die Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHst) im UBA veröffentlicht jährlich im Mai einen detaillierten Bericht zu diesen Daten. Die vollständigen offiziellen Inventardaten zu den Treibhausgasemissionen in Deutschland für das Jahr 2017 veröffentlicht das Umweltbundesamt zum 15. Januar 2019 mit der Übermittlung an die Europäische Kommission.

Aber die von der Bundesregierung im Bundesverkehrswegeplan vorgesehenen Investitionen reichen dabei nicht aus. So das Ergebnis einer vom Verkehrsministerium Baden-Württemberg in Auftrag gegebenen Studie. "Der Verkehrssektor liefert noch keine Beiträge zum Klimaschutz - das muss sich dringend ändern", forderte Landesverkehrsminister Winfried Hermann bei einer Tagung in der baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin.

Der Verkehr muss seinen Anteil zum Klimaschutz leisten

"Alle Analysen zeigen, dass der Verkehr nicht aufgrund von Technologien klimafreundlich wird, sondern nur durch eine Strategie aus Anreizen, Kommunikation und Steuerungsinstrumenten", so der Minister. Der Einladung zur Veranstaltung "Verkehrswende 2030 - Wege für Klimaschutz und die Mobilität für morgen" folgten am Montag über 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Landesvertretung. Veranstalter waren das Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg und die Agora Verkehrswende.

Mehrere Szenarien, die im Auftrag des Landesverkehrsministeriums und der Agora Verkehrswende entwickelt wurden, waren Ausgangspunkt der Diskussion um Entwicklungspfade, die es ermöglichen, die anspruchsvollen Ziele des Klimaschutzabkommens von Paris zu erreichen, zu denen sich auch Deutschland verpflichtet hat. Die Kernbotschaft lautet nach den Worten von Verkehrsminister Hermann: "Die Klimaziele sind noch erreichbar. Sie erfordern jedoch weit mehr Investitionen in die Schieneninfrastruktur als im Bundesverkehrswegeplan 2030 der Bundesregierung vorgesehen und eine Verdopplung des Öffentlichen Verkehrs vor allem in den Städten."

Die Bundesregierung hatte 2016 in ihrem "Klimaschutzplan 2050" erstmals ein Sektorziel für die CO2-Reduktion von 40 bis 42 Prozent bis zum Jahr 2030 gegenüber dem Jahr 1990 vorgegeben, aber bis heute noch keine Maßnahmen benannt oder umgesetzt. Hermann: "Die gute Nachricht ist: Unsere Mobilitätsbedürfnisse könnten weiter auf hohem Niveau befriedigt werden, nur auf andere umweltfreundliche Weise.

Die Szenarien zeigen auch, dass ÖPNV-Angebotsverbesserungen allein nicht zu weniger Kfz-Benutzung führen." Es brauche eine intelligente Mischung aus neuen attraktiven Angeboten und Restriktionen sowie auch preislicher Steuerungsinstrumente. "Wir müssen die Rahmenbedingungen zugunsten nachhaltiger Mobilität verbessern. Und wir müssen endlich mit der Umsetzung anfangen!", so Hermann.  

Ähnlich sieht es Christian Hochfeld, Direktor der Agora Verkehrswende: "Die zentrale politische Diskussion muss sich jetzt um die Ausgestaltung der nationalen Maßnahmen drehen. Hier empfehlen wir die wirkmächtigen Maßnahmen im Bereich Nutzerkosten und Verlagerung anzugehen. Darüber hinaus müssen wir Maßnahmen identifizieren, die eine zentrale Schlüsselrolle im Bereich der Städte spielen, für die Lebensqualität wichtig sind und Vorbedingung sind für Verkehrsverlagerung."  

Volker Waßmuth, Bereichsleiter Verkehrsplanung und Verkehrstechnik - ‎PTV Transport Consult GmbH gehört zum Gutachterkonsortium der Studie 'Verkehrsinfrastruktur 2030: Ein Klimaschutzszenario für Baden-Württemberg': "Es gibt zum Erreichen der Klimaschutzziele nicht 'die' eine Maßnahme: Viele Puzzlesteine sind erforderlich für das Gesamtbild und nur Anreize reichen nicht aus: ‚push’ und ‚pull’ müssen sein. Auch erhebliche Investitionen sind notwendig: Die Schiene muss deutlich gestärkt werden. Es braucht eine breite Beteiligung aller - das Umdenken muss auf allen Ebenen einsetzen." 

siehe auch:

Broschüre "Verkehrsinfrastruktur 2030: Ein Klimaschutzszenario für Baden-Württemberg"

(Quelle: UBA/HIN)