Frauenarbeit unterbezahlt?

Erstellt: Dienstag, 13. März 2018

(joER). Bis zum 18. März arbeiten Frauen umsonst. Erst dann haben sie statistisch die geschlechtsspezifische Lohnlücke für das laufende Jahr abgearbeitet. Anlässlich des "Equal Pay Day" präsentieren das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen (UDE) und das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung am 16. März an der UDE neue Forschungsergebnisse zur geschlechterbezogenen Lohnlücke. "Wir können erstmals statistisch nachweisen, dass weibliche Erwerbsarbeit systematisch abgewertet wird", erklärt IAQ-Forscherin Sarah Lillemeier.

Möglich wird das durch den "Comparable Worth-Index" (kurz: CW-Index) den die Forscherinnen am IAQ und WSI in Anlehnung an ein geschlechtsneutrales Arbeitsbewertungsverfahren ("Paarvergleich" aus dem eg-check) entwickelt haben. Der CW-Index ist ein statistisches Messinstrument und erfasst zur Arbeitsbewertung nicht nur Wissen und Können, sondern berücksichtigt auch Faktoren wie Verantwortung für Andere oder psycho-soziale und physische Arbeitsanforderungen und -belastungen. Er basiert auf den Angaben von 17.799 Erwerbstätigen (BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung).

Ein zentraler Befund: In Berufen, in denen viele Frauen arbeiten, wird meist schlechter gezahlt als in „männerdominierten“ Berufen – auch wenn die Arbeitsanforderungen gleichwertig sind. Und höhere Anforderungen und Belastungen gehen in „Männerberufen“ mit stärkeren Lohnzuwächsen einher als in „Frauenberufen“.  

Die Ursachen der Verdienstlücke sind vielfältig und wurden stellenweise statistisch noch nicht ausreichend untersucht. Um die Bewertungen und Bezahlungen weiblicher Erwerbsarbeit statistisch kritisch zu hinterfragen, haben die Forscherinnen von IAQ und WSI in Anlehnung an ein geschlechtsneutrales Arbeitsbewertungsverfahren (Paarvergleich aus dem eg-check) den „Comparable Worth-Index“ (CW) entwickelt, der bei der Arbeitsbewertung nicht nur Wissen und Können erfasst, sondern z.B. auch Verantwortung für Andere oder psycho-soziale und physische Arbeitsanforderungen berücksichtigt.

Die Analysen zeigen, dass insgesamt die Anforderungen und Belastungen in „Frauenberufen“ geringer entlohnt werden als in „Männerberufen“ und auch die Arbeitsleistung von Frauen im Allgemeinen geringer honoriert wird als die von Männern. „Hier können wir erstmals statistisch nachweisen, dass weibliche Erwerbsarbeit von systematischen Abwertungen betroffen ist, d.h. gemessen an ihren Anforderungen und Belastungen vergleichsweise geringer entlohnt wird als männliche Erwerbsarbeit“, stellt die IAQ-Forscherin Sarah Lillemeier fest.

„Die Leistungen von Frauen und Männern sowie in „Frauen“- und „Männerberufen“ werden am Arbeitsmarkt nicht gleichermaßen honoriert“, kritisieren die Forscherinnen und weisen darauf hin, dass dieses Ergebnis nur schwer zu vereinbaren ist mit dem gesellschaftlich vorherrschenden Legitimationsprinzip der Leistungsgerechtigkeit.

Dabei bestätigt sich die These der bestehenden Abwertung weiblicher Erwerbarbeit („Devaluationshypothese“) auch unter Berücksichtigung weiterer verdienstrelevanter Faktoren, wie beispielsweise der Arbeitszeit, der Berufserfahrung, der Tarifbindung und der Branchenzugehörigkeit der Beschäftigten. Unter Kontrolle dieser Faktoren führt die Zunahme der beruflichen Anforderungen und Belastungen (der CW-Index steigt um eine Einheit) zu je einem Verdienstzuwachs von mehr als 6 Prozent bei den Männern und weniger als 5 Prozent bei den Frauen (siehe auch die Abbildung im Anhang der pdf-Version dieser PM; Link unten).

Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass die Lohnlücke in Deutschland gemessen am Durchschnittsbruttostundenlohn 21 Prozent (2016) betrug. Nach wie vor belegt Deutschland mit diesem Ergebnis einen der Spitzenpositionen im europäischen Vergleich. Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit klingt zwar einleuchtend, ist aber in der Bundesrepublik noch lange keine Realität:

Frauen arbeiten in schlechter bezahlten Berufen und Branchen und auf niedrigeren Stufen der Karriereleiter als Männer.

Frauen unterbrechen oder verkürzen wegen Kinderbetreuung und Pflege ihre Erwerbstätigkeit häufiger und länger als Männer.

Arbeitsanforderungen in so genannten typischen Frauenberufen, z. B. Erziehung und Pflege von Menschen, werden schlechter bewertet als Anforderungen in so genannten typischen Männerberufen, die z. B. mit Technik oder viel Geld zu tun haben. Das schlägt sich in der Eingruppierung nieder.

Sogar bei gleicher Ausbildung, gleichem Alter, gleichem Beruf und gleichem Betrieb erhalten Frauen etwa 12 Prozent weniger Entgelt.

Das Geschlecht sorgt noch heute auf die Gehalts-/Lohnzahlung aus. Die Lohnlücke hat sich in den letzten Jahren kaum geändert. Die Zahlen wirken wie in Stein gemeißelt. Fakt ist, dass hierfür bestehende Rollenbilder und die Aufgabenverteilung in den Familien ursächlich sind. Umgerechnet ergeben sich 77 Tage (21 Prozent von 365 Tagen) und so ist das Datum des nächsten "Equal Pay Day" (EPD) am 18. März 2018.

Der Equal Pay Day markiert symbolisch den geschlechtsspezifischen Entgeltunterschied, der  laut Statistischem Bundesamt aktuell in Deutschland 21 Prozent beträgt. Umgerechnet  ergeben sich daraus 77 Tage (21 Prozent von 365 Tagen), die Frauen zum Jahresanfan g  unentgeltlich arbeiten müssen.  

Der Equal Pay Day wurde 2008 auf Initiative des Business and Professional Women (BPW)  Germany e.V. erstmals in Deutschland durchgeführt und wird vom Bundesministerium für  Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Entstanden ist der Tag für gleiche  Bezahlung in den USA. Die amerikanischen Business and Professional Women schufen 1988  mit der Red Purse Campaign ein Sinnbild für die roten Zahlen in den Geldbörsen der Frauen.  

Diesen Gedanken griff der BPW Germany auf, sodass die roten Taschen bundesweit zum Symbol des Equal Pay Day wurden. Inzwischen gibt es den Equal Pay Day weltweit, allein in 32 europäischen Ländern.

Bewertung und Bezahlung per Tarifvertrag schützt  

Grundsätzlich klafft eine Verdienstlücke innerhalb der einzelnen Anforderungs- und Belastungsgruppen; und zwar je mehr das berufliche Anforderungsniveau steigt. "Wer tariflich entlohnt wird, ist meist besser dran. Denn dann fallen die Verdienstunterschiede zwischen Frauen und Männern bei gleichen oder gleichwertigen beruflichen Anforderungen und Belastungen deutlich geringer aus", stellt Dr. Christina Klenner vom WSI fest.

Ganz kluge Köpfe relativieren diese Zahlen gerne: die unterschiedliche Bezahlung läge an der falschen Berufswahl von Frauen, die sich überproportional für schlecht bezahlte soziale und Dienstleistungsberufe entschieden. Außerdem sei ja ihr Anteil an Teilzeitarbeit und damit am "Teilzeitlohn" viel höher als bei Männern, zudem seien sie häufiger Minijobberinnen und Geringverdienerinnen – ziehe man all diese Gründe ab, so sei die Lohnlücke ja viel geringer: statt über 20 Prozent eher unter zehn Prozent.

Die Forscherinnen kritisieren, dass vor allem in weiblich dominierten Bereichen die Verdienste geringer sind – etwa in Erziehung und Pflege –, obwohl hier die beruflichen Anforderungen und Belastungen vergleichsweise hoch sind: Legt man den "CW-Index" als Maßstab an, haben die Beschäftigten in der größtenteils von Frauen ausgeübten Altenpflege ähnlich hohe Anforderungen und Belastungen zu bewältigen wie die in den männlich dominierten IT- und Technikberufen.

Allerdings bekommen die Beschäftigten in der Altenpflege durchschnittlich nur 14,42 Euro pro Arbeitsstunde und die Beschäftigten im Technik- und IT-Bereich zwischen 25,72 Euro und 27,92 Euro. "Hier gibt es einen ganz zentralen politischen Handlungsbedarf, damit die hoch relevanten personennahen Dienstleistungen aufgewertet werden", fordert IAQ-Direktorin Prof. Dr. Ute Klammer.

Soziale Berufe aufwerten!

Warum eigentlich werden soziale Berufe, die eher von Frauen ausgeübt werden, so schlecht bezahlt? Und das, obwohl sie doch eine hohe gesellschaftliche Wertschätzung genießen und darüber hinaus unverzichtbar sind? Hier denken wir an Erzieherinnen, Altenpflegerinnen, Krankenschwestern, Grundschullehrerinnen etc.

Eine Aufwertung eben dieser Berufsgruppen ist dringend erforderlich.

Aufwertung von Sozial- und Erziehungsberufen im Fokus hatte. Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, warum die Arbeit an und mit Menschen so viel weniger wert sein soll als die Arbeit an und mit Maschinen.

Da müssen wohl auch tradierte Rollenbilder bemüht werden, damit deutlich wird, dass sogenannte "frauentypische haushaltsnahe Tätigkeiten" dahinterstecken. Was Frau zu Hause umsonst macht, kann doch als Erwerbsarbeit nicht so teuer sein ...?! Hier ist ganz klar Umdenken angesagt!

Thema Teilzeitarbeit

Ja, es sind ganz überwiegend Frauen, die Teilzeitarbeit leisten. Woran das liegt? Vielleicht an der noch immer nicht partnerschaftlichen Aufteilung der Familien- und Hausarbeit? An den noch immer nicht ausreichenden Kinderbetreuungsangeboten? An den mangelnden Angeboten für Berufsrückkehrerinnen nach der Familienphase? Oder auch an den Bedürfnissen von und Verantwortlichkeiten für pflegebedürftige Angehörige? Nichts davon ist auszuschließen.

Und wenn in einer Partnerschaft "verhandelt" wird, wer mehr Zeit für die Familie bereitstellt und wer dafür mehr zum Familieneinkommen beiträgt, dann ist die Entscheidung in den meisten Fällen vorprogrammiert, denn solange Frauen auch bei gleicher Arbeit weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, solange werden sie es sein müssen, die ihre Arbeitszeit reduzieren, da andernfalls das Geld fehlt. Und so beißt sich die Katze in den Schwanz.

(Quelle: WSI/HIN)