Neuer Tarifabschluss

Erstellt: Dienstag, 06. Februar 2018

(proh). Die (ganztägigen) Warnstreiks haben den notwendigen Druck erzeugt und den Weg für einen Tarifabschluss freigemacht. Nach über 13 stündiger Verhandlung gibt es seit Montagnacht ein Ergebnis für die KollegInnen der Metall- und Elektroindustrie. Die IG Metall hat den Tarifabschluss für die 900.000 Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg als zukunftsweisend bezeichnet. "Der Tarifabschluss ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen, selbstbestimmten Arbeitswelt", sagte Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall. 

Die IG Metall hat sich für diese Tarifrunde zentrale Ziele gesetzt: einen fairen Anteil der Beschäftigten am wirtschaftlichen Erfolg der Branche, mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für alle und Entlastung bei Schichtarbeit.

"Diese Ziele haben wir erreicht", sagte Hofmann. "Die IG Metall hat in dieser Tarifrunde gezeigt, was sich erreichen lässt, wenn man sich ein klares Ziel setzt und es strategisch und mit langem Atem umsetzt. Und wir haben in dieser Auseinandersetzung bewiesen, dass wir weiterhin eine große, solidarische Kraft entfalten können, um die Zukunft der Arbeit zu gestalten."

Neben der Einmalzahlung und einer Entgelterhöhung von 4,3 % (ab dem 01.04.2018) gibt es ab 2019 ein jährliches tarifliches Zusatzgeld und jährlich 400 EUR (tarifdynamisch). Zudem können die Beschäftigten ab 2019 ihre Arbeitszeit für mindestens 6 und maximal 24 Monate auf bis zu 28 Wochenstunden absenken. Nach Ablauf des vereinbarten Zeitraums können sich die Beschäftigten erneut entscheiden.

Für Pflege, Kinderbetreuung oder Schicht gibt es bei verkürzter Vollzeit einen Zuschuss in Zeit durch den Arbeitgeber. Im Gegenzug zur Möglichkeit, kürzer zu arbeiten, können die Arbeitgeber auch mehr Arbeitsverträge bis zu 40 Wochenstunden abschließen (bei entsprechender Anpassung des Entgeltes und nach vorheriger Zustimmung der Beschäftigten!).

Roman Zitzelsberger, Verhandlungsführer und IG Metall-Bezirksleiter, sagte nach dem Abschluss: "Wir haben um jedes Detail hart gerungen, in den für uns entscheidenden Fragen aber ein ordentliches Ergebnis erzielt und mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit für die Beschäftigten durchgesetzt. Zudem ist es uns gelungen, gegen den Widerstand der Arbeitgeber Verbesserungen für Beschäftigte mit Kindern, zu pflegenden Angehörigen und in restriktiven Arbeitszeitmodellen wie Schichtarbeit zu erreichen. Für alle drei Forderungselemente gibt es somit belastbare Ergebnisse."

Auch mit der Entgelterhöhung zeigte sich Zitzelsberger zufrieden: "Die ausgezeichnete wirtschaftliche Lage hat bei den Beschäftigten hohe Erwartungen geweckt. Eine Erhöhung der Einkommen über 4,3 Prozent, 400 Euro Festbetrag und das tarifliche Zusatzgeld bescheren den Belegschaften real mehr Geld im Portemonnaie, beteiligen sie angemessen an den Gewinnen der Unternehmen und stärken den privaten Konsum." 

Der Tarifabschluss im Detail:  

Entgelt:

*100 EUR Einmalzahlung für Januar bis März 2018, Azubis erhalten 70 EUR

*Erhöhung der Entgelte um 4,3 % ab dem 01.04.2018

*Ab Juli 2019: 400 EUR Einmalzahlung jedes Jahr (ab 2020 tarifdynamisch), Azubis erhalten 200 EUR

*Ab Juli 2019: jedes Jahr tarifliches Zusatzgeld in Höhe von 27,5% eines Monatsentgeltes für alle Beschäftigten  

Verkürzte Vollzeit für bis zu 10% der Belegschaft:

*Ab 2019: Ab 2 Jahre Betriebszugehörigkeit: Möglichkeit, die Arbeitszeit auf bis zu 28 h / Woche für mindestens 6 und maximal 24 Monate abzusenken

*Wiederholung ist möglich.  

Voraussetzungen für Zuschuss bei kurzer Vollzeit für Pflege, Kinderbetreuung oder Schicht:

*Umwandlungsmöglichkeit des tariflichen Zusatzgeldes i.H.v. 27,5 % in freie Tage (entspricht 6 Tage) + 2 Tage "Zuschuss" durch den Arbeitgeber = insgesamt 8 Tage

*für Pflege/Kind: Betriebszugehörigkeit mindestens 2 Jahre. Pro pflegebedürftigem Angehörigen (mind. Pflegestufe 1) / pro Kind (bis zur Vollendung des 8. Lebensjahres) Freistellung für höchstens zwei Jahre

*für Schichtbeschäftigte in 3-Schicht/Dauernachtschicht: Betriebszugehörigkeit mindestens 5 und Schicht mindestens 3 Jahre

*für Schichtbeschäftigte in Wechselschicht: Betriebszugehörigkeit mindestens 15 Jahre (davon 10 Jahre in Schicht) è ab 2020: 7 Jahre Betriebszugehörigkeit und 5 Jahre Schicht  

Auszubildende

*Vor der Abschlussprüfung erhalten Auszubildende zukünftig zwei freie Tage zur Vorbereitung.  

Sonstiges

*Der Tarifvertrag läuft bis zum 31. März 2020

*Der Arbeitgeber kann zukünftig mehr Arbeitsverträge mit 40 Wochenstunden abschließen. Der Betriebsrat erhält ab einer gewissen Quote ein Widerspruchsrecht.

*Es wurde zudem ein Tarifvertrag zum mobilen Arbeiten mit einem einheitlichen Rahmen für Betriebsvereinbarungen vereinbart. 

arbeitszeit

"Die Beschäftigten erhalten eine deutliche Erhöhung ihrer Realeinkommen. Damit trägt dieses Ergebnis der hervorragenden wirtschaftlichen Situation der Branche Rechnung und hat zugleich gesamtwirtschaftlich eine positive Wirkung: Die deutliche Steigerung der Einkommen stärkt die Binnennachfrage und leistet einen Beitrag dazu, die Konjunktur weiter zu stabilisieren", sagte der IG Metall-Vorsitzende.    

"Gleichzeitig markiert dieser Tarifabschluss eine Umkehr bei der Arbeitszeit. Viel zu lange war Flexibilität ein Privileg der Arbeitgeber. Jetzt haben die Beschäftigten erstmals verbindliche Ansprüche, sich für eine kürzere Arbeitszeit zu entscheiden - für sich selbst, für ihre Gesundheit, für ihre Familien", sagte Hofmann. Mit dem Tarifabschluss gibt es einen flächendeckenden, verbindlichen Anspruch auf Unterstützung in Lebensphasen, die schwer mit der Erwerbsarbeit zu vereinbaren sind und bei besonderer gesundheitlicher Belastung durch Schichtarbeit.

"Das ist ein Novum. Die Tarifparteien übernehmen so gemeinsam Verantwortung dafür, dass Erwerbsverläufe gut gelingen und Fachkräfte in allen Bereichen der Industrie ihr Leben selbstbestimmter und gesünder meistern können." Der Tarifabschluss zeigt zudem, dass es den Tarifparteien gelingt, innovative und passgenaue Lösungen zu entwickeln. "Tarifverträge sind das geeignete Instrument, um Arbeitsbedingungen im Interesse der Beschäftigten und der Unternehmen attraktiv zu gestalten."

siehe auch: Nichts geht mehr

(Quelle: IGM.gag)