Nichts geht mehr

Erstellt: Montag, 05. Februar 2018

LKR Rastatt | Bruchsal | Karlsruhe (proh). "Nichts geht mehr - alle Räder und Bänder stehen still!" Ab fünf Uhr morgens zeigten die MetallerInnen ihren "starken Arm" und legten die Produktion in ihren Arbeitsstätten lahm: Alle Tore zu den Daimler-Werken in Rastatt und im Murgtal waren mit Streikposten besetzt oder gleich mit Ketten verschlossen. Not- und Sicherheitsdienste und die Beschäftigten von Zuliefererfirmen, die sich nicht am Streik beteiligen konnten, wurden auf das Betriebsgelände gelassen. Lediglich 50 Streikbrecher zählten die Streikposten im Laufe dieses ersten ganztägigen Warnstreiks in der Geschichte der IG Metall.

Mehr als 200 MetallerInnen aus den Betrieben der Region engagierten sich bereits im Vorfeld dieses ganztägigen Warnstreiks bei ermüdenden "Tag- und Nachtschichten" und verteilten Flugblätter, mobilisierten ihre KollegInnen für notwendige Abstimmungen in den Betrieben und organisierten die umfangreichen strukturellen Maßnahmen.

Am Freitag "um Fünfe in der Früh" waren dann die Streikposten, Streikhelfer und viele Warnstreikende hellwach auf ihrem Posten vor den Toren der Betriebe. Inhaltsbild  Rund um die Uhr war die Stimmung glänzend. Mit Musik, Transparenten, Fahnen und viel guter Laune vor den Eingängen zeigten die Warnstreikenden den Arbeitgebern, dass sie von deren Verweigerungshaltung, Sturheit und Uneinsichtigkeit die "Nase gestrichen voll" haben.  

Dabei ließ man es sich durchaus "gut gehen". Auf den mitgebrachten Grillgeräten ging die Glut den ganzen Tag über nicht aus - es wurden Hunderte Würste und Steaks in Brötchen gelegt, vor Ort gekochte Suppen aus großen Töpfen ausgeteilt und tausende Tassen Kaffee, Tee oder Softdrinks ausgeschenkt. "Besondere Vorkommnisse" wurden nicht gemeldet - oder doch: Eine KollegIn hatte sich am Finger geschnitten und musste mit einem mittelgroßen Pflaster aus dem Verbandkasten "verarztet" werden.

Am frühen Abend veranstaltete die IG Metall Gaggenau vor Tor 1 des Mercedes Benz Werkes in Gaggenau eine zweistündige Warnstreik-Party , bei der die Stimmung zu Klängen des Mississippi Blues Bunch-Trios zu einem vorläufigen Höhepunkt auflief. Ein Großteil der Streikposten und viele Warnstreikende waren - teils mit Kind und Kegel - gekommen, um sich selbst und ihren gelungenen Warnstreiktag (der ja noch nicht beendet war) zu "feiern".

Irene Schulz, Mitglied des Vorstandes der IG Metall, berichtete von der aktuellen Situation rund um die ganztägigen Warnstreiks in der Bundesrepublik. Und Claudia Peter, 1. Bevollmächtigte der IG Metall Gaggenau brachte es "auf den Punkt": "Ihr seid fantastisch. Euer Einsatz und Eure Solidarität hat uns heute ein großes Stück weiter gebracht. Wenn sich die Arbeitgeber nach so einer Aktion noch immer nicht einsichtig zeigen wollen, dann wurde heute klar gestellt: Ihr seid bereit, Eure Forderungen mit weiteren Eskalationen durchzusetzen. Das ist wahre gewerkschaftliche Stärke!" 

Pünktlich zum Beginn der Frühschicht legten auch die Arbeiterinnen und Arbeiter bei John Deere in Bruchsal die Arbeit nieder. Nichts ging mehr an diesem Tag. Auch aus den betrieben aus dem Bereich der Geschäftsstelle kamen Delegationen die den Streikenden ihre Solidarität ausdrückten. Desgleichen die Beschäftigten der Firma IAVF Antriebstechnik GmbH: bei einer Kundgebung der IG Metall Karlsruhe forderten die Beschäftigten der Firma ihren Arbeitgeber auf an den Verhandlungstisch mit der IG Metall zu kommen.

"Im Herbst letzten Jahres wurde die Geschäftsführung zu Verhandlungen aufgefordert. Als Antwort gab es nur Ausreden, falsche Versprechungen und Häme für die Beschäftigten.", so Sven Gerriets, Gewerkschaftssekretär der IG Metall. "Wer sich nicht von selbst bewegt, muss halt geschoben werden.", ergänzt Friedrich Seegmüller, Vertrauensmann der IG Metall und Stellv. Betriebsratsvorsitzender im Unternehmen.

Gewerkschaftssekretär Frederic Striegler berichtete vom kürzlich erzielten Tariferfolg von Seifert Logistik in Malsch. Dort schaffte es die Gewerkschaft (IGM) im Spätjahr 2017 einen Tarifvertrag durchzusetzen. Diesen Erfolg haben sich die Beschäftigten bei Seifert, gemeinsam mit der IG Metall, erkämpft. "Erfolgreich waren wir weil wir nicht nachgelassen haben, auch bei Gegenwind. Weil wir immer unser Ziel im Auge hatten und so lange weitergemacht haben, bis unser Ziel erreicht hatten.", machte Striegler den Beschäftigten Mut.

Arbeiter der Hersteller von Drehleitern für Feuerwehrautos hat ebenfalls die Arbeit niedergelegt. Wer als Arbeitgeber den Arbeitskräftemangel der Zukunft entgegentreten möchte, muss bessere Arbeitsbedingungen für seine Beschäftigten anbieten können. Die Forderung der IG Metall dient demnach auch knallhart den wirtschaftlichen Interessen eines jeden Arbeitgebers.

"Vor diesem Hintergrund ist es für meine Kollegen im Betrieb um-so unverständlicher das der Arbeitgeberverband eine solche Blockadehaltung an den Tag legt. Dieses Unverständnis wurde heute artikuliert.", so Matthias Hochmut, Vertrauensmann der IG Metall und Betriebsratsvorsitzender von Rosenbauer Karlsruhe.

"In allen Betrieben, welche wir zum ganztägigen Warnstreik aufgerufen hatten, gab es eine sehr gute Beteiligung. Nun hoffen wir auf ein Ergebnis das der Leistung und der Lebenssituation der Beschäftigten gerecht wird. Klar ist, dass jede weitere Aktion der IG Metall wird die Erwartungshaltung der Mitglieder auf ein noch besseres Tarifergebnis steigern. Uns ist das bewusst, hoffentlich auch dem, Arbeitgeberverband.", so Günter Schmidtke, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Karlsruhe.

Verhandlungen werden fortgesetzt

Nach mehreren Tagen mit Warnstreiks rund um die Uhr kommt nun Bewegung in den festgefahrenen Tarifkonflikt der Metall- und Elektroindustrie. Heute steht eine neue Verhandlungsrunde im Südwesten an, wie die IG Metall am späten Sonntagabend mitteilte. Vertreter von Gewerkschaft und Arbeitgebern wollen sich um 11 Uhr in der Stuttgarter Liederhalle zu Gesprächen treffen. Vor Beginn der möglicherweise entscheidenden Runde wollen sich beide Seiten öffentlich äußern.

Die Metaller in Baden-Württemberg haben schon oft eine Tarifeinigung geschafft, die dann als "Pilotabschluss" von allen anderen Bezirken übernommen wurde. Damit würde in Stuttgart faktisch für alle 3,9 Millionen Beschäftigten der deutschen Schlüsselindustrie verhandelt. In dem Land selbst geht es um mehr als 900'000 Metaller. Zuletzt hatten die Tarifparteien Ende Januar in Stuttgart einen Anlauf zur Einigung unternommen, die Gespräche dann aber ohne Ergebnis abgebrochen.

Für den Abbruch hatten sich die beiden Parteien gegenseitig verantwortlich gemacht. Die Arbeitgeberseite hatte nach eigenen Angaben ein Entgeltangebot im Volumen von 6,8 Prozent bei einer Laufzeit von 27 Monaten angeboten. IG-Metall-Chef Hofmann hatte bemängelt, dass davon nur ein kleiner Teil dauerhaft in die Lohntabellen einfließen sollte und so nicht einmal die Inflation ausgleiche.

Bestimmte Gruppen wie Schichtarbeiter, pflegende Angehörige oder Eltern junger Kinder sollten einen Teil-Ausgleich für entgangenen Lohn erhalten, was die Arbeitgeber bislang strikt abgelehnt haben. Kompromisse müssen auch noch beim Arbeitsvolumen gefunden werden, das nach Maßgabe der Arbeitgeber in der aktuellen Hochkonjunktur trotz möglicher Arbeitszeitverkürzungen nicht schrumpfen soll.

Die ursprüngliche Sechs-Prozent-Forderung der IG Metall ist inzwischen überholt: die Gewerkschaft hat mit 27 Monaten eine außergewöhnlich lange Laufzeit angeboten, in der die Löhne in zwei Stufen erhöht werden sollen. Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, gilt als lösungsorientiert, der auch bereit sei, der IG Metall "etwas zuzumuten".

Für 2018 nannte Zitzelsberger als letztes Wort 4,5 Prozent. Bei den Arbeitgebern hieß es, 80 Prozent der Firmen würden einen Arbeitskampf in Kauf nehmen, sollte die Gewerkschaft da nicht nachgeben. Verhandlungsspielraum könnte durch Einmalzahlungen entstehen, die nicht dauerhaft die Kosten erhöhen.

 

siehe auch: Streiks gehen weiter

(Quelle: IGM.gag/HIN)