Warnstreiks in der Region

Erstellt: Donnerstag, 11. Januar 2018

Gaggenau | Rastatt (pr). Gewerkschaft sieht Streik unumgänglich: Um ein Zeichen in der Tarifauseinandersetzung der Metall- und Elektroindustrie zu setzen, hat die IG Metall Gaggenau heute zu sogenannten "Frühschlussaktionen" aufgerufen. Die Beschäftigten der beiden Mercedes-Benz-Werke (Gaggenau, Rastatt), Siemens sowie der Automobilzulieferer Grupo Antolin (beide Betriebe in Rastatt) machen hierbei den Anfang. Die Mitarbeiter werden im Laufe des Tages zur vorzeitigen Beendigung der jeweiligen Schicht gebeten – etwa zwei Stunden früher als üblich.

Um vier Uhr strömte die Nachtschicht der Mercedes Benz Standorte Gaggenau und Rastatt sowie Antolin aus den Toren - sie war dem Warnstreikaufruf der IG Metall gefolgt. Zwei Stunden früher verließen die Beschäftigten die Werkhallen. Ihnen folgten in großer Zahl die Beschäftigten der Frühschicht, sowie alle mit normaler Arbeits- oder Gleitzeit.  

Bei Siemens in Rastatt verließen rund 450 Beschäftigte mittags den Betrieb.  Die Betriebsratsvorsitzende Alexandra Schlager:"In der Produktion läuft bis zum Beginn der Spätschicht nichts mehr. Und viele Kolleginnen und Kollegen aus den indirekten Bereichen und den Büros haben sich ebenfalls beteiligt." Und so sieht es bei Mercedes in Rastatt aus: "Die Stimmung bei unseren Beschäftigten ist sehr gut. Sie fühlen sich durch das magere Angebot von 2% mehr Entgelt und der Blockadehaltung beim Thema Arbeitszeit provoziert", so Ulli Zinnert, Betriebsratsvorsitzender bei Mercedes Benz in Rastatt.  

Uwe Krause, Vertrauenskörperleiter und stellvertretender Betriebsratsvorsitzender stimmt dem zu: "Wer sich bei den sehr guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Metall- und Elektroindustrie derart geizig verhält und die Beschäftigten beim Thema individuelle Reduzierung der Arbeitszeit mit Zuschuss für Kindererziehung, Pflege und bei besonderen Belastungen derart verhöhnt, dass die Arbeitgeber für das Nichtstun kein Geld bezahlen, braucht sich über die Reaktion unserer Mannschaft nicht zu wundern."  

Für den Vorsitzenden der Vertrauensleute vom Benz Gaggenau, Roman Geßner, steht fest: "Wir wollen ein vernünftiges Ergebnis in Sachen Geld und Arbeitszeit. So lange es dazu kein tragbares Ergebnis gibt, werden wir es die Arbeitgeber im Betrieb spüren lassen. Unsere Leute sind weiter bereit, für die Forderung der IG Metall die Arbeit niederzulegen und hierfür auch finanzielle Opfer zu bringen".  

Er bereitet zwischenzeitlich die nächsten Aktivitäten vor. Er und seine Kolleginnen und Kollegen sind schon gespannt, ob bei den heutigen Verhandlungen Bewegung zu sehen ist. Natürlich ist allen Warnstreikenden klar, dass es einen Kompromiss geben muss. "Der muss dann aber stimmen! In dieser wirtschaftlichen Situation können wir nicht mit Krümeln zufrieden sein."  Die Spätschicht in den beiden Daimler-Betrieben ist zu weiteren Warnstreiks aufgerufen. 

Weitere Warnstreiks in der Region sind, laut Aussage der Gewerkschaft, in der kommenden Woche in zusätzlichen Betrieben geplant. "Die ersten Verhandlungen und die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass wir mit bloßen Argumenten am Verhandlungstisch leider nicht weiterkommen. Bislang scheint es, als hätte die Arbeitgeberseite keine Notwendigkeit erkannt, mit der IG Metall über eine Arbeitszeitforderung ernsthaft zu reden", so Claudia Peter, 1. Bevollmächtigte der IG Metall Gaggenau.

Die IG Metall fordert in der Metall- und Elektro Tarifrunde 2018 eine Entgelterhöhung von sechs Prozent für zwölf Monate sowie einen individuellen Anspruch auf Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden für maximal zwei Jahre. Danach soll die Rückkehr zur 35-Stunden-Woche oder eine erneute Verkürzung möglich sein. Die Arbeitgeber haben bisher 200 Euro Einmalzahlung und eine Entgelterhöhung um zwei Prozent mit einer Gesamtlaufzeit von 15 Monaten angeboten.

"Angesichts der guten Konjunkturentwicklung und der relativ niedrigen Arbeitslosigkeit deuten die Zeichen der bereits begonnenen Tarifrunde 2018 eindeutig auf eine expansivere Lohnpolitik", vermutet der Tarifexperte des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), Prof. Dr. Thorsten Schulten. "Dies wird auch durch die aufgestellten Tarifforderungen der Gewerkschaften unterstrichen, die mit zumeist 6 Prozent Lohnerhöhung sowie weiteren Komponenten zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen deutlich oberhalb der Vorjahre liegen."

Die Tariflöhne und -gehälter haben im Jahr 2017 nominal im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt um 2,4 Prozent zugelegt. Nach Abzug des Verbraucherpreisanstiegs von 1,8 Prozent ergibt sich daraus ein realer Zuwachs der Tarifvergütungen um 0,6 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt die Bilanz der Tarifpolitik des Jahres 2017, die das Tarifarchiv des WSI der Hans-Böckler-Stiftung heute vorlegte. 

Die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit in Deutschland ist zu einem zunehmenden Problem geworden. Die Einkommen sind heute ungleicher verteilt als vor zwei bis drei Jahrzehnten, die Vermögen sind stärker konzentriert als in fast allen anderen Euro-Ländern. Die soziale Mobilität ist nach Studien der Hans-Böckler-Stiftung und anderer Forscher relativ gering: Reiche bleiben meist reich, Arme arm, der soziale Status der Kinder hängt stark vom Elternhaus ab. 

(Quelle: IGM.bw/HIN)