Klimaschutz-Index 2018

Erstellt: Montag, 20. November 2017

(Hero). Schweden, Litauen und Marokko sind beim Klimaschutz weltweit spitze und weit vor Deutschland. Das geht aus einem Ländervergleich der Organisation Germanwatch hervor, der heute in Bonn vorgestellt wurde. Der Klimaschutz-Index ist ein Instrument, das mehr Transparenz in die internationale Klimapolitik bringen soll. Ziel ist es einerseits, den politischen und zivilgesellschaftlichen Druck auf diejenigen Länder zu erhöhen, die keine ehrgeizigen Maßnahmen zum Klimaschutz ergriffen haben, und andererseits Länder mit vorbildlichen Politikmaßnahmen herauszustellen.

Die EU landet beim Klimaschutz-Index 2018 auf Platz 21. Sie wurde zum ersten Mal im KSI bewertet und ist die einzige supranationale Einheit, bei der dies überhaupt der Fall ist. Innerhalb der EU gehen die Bewertungen der einzelnen 28 Mitgliedsstaaten aber stark auseinander. Die EU ist als Staatengemeinschaft für etwa 8% der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Ihr Emissionshandelssystem ist der momentan größte Markt für CO2-Handel, der Preis für eine Tonne des Treibhausgases allerdings ist viel zu gering, um in dem Maße zu der Reduktion von Emissionen beitragen zu können, das nötig wäre, um die Union auf einen deutlich unter 2 °C liegenden Pfad zu bringen. Im KSI schneidet die EU in den Kategorien Treibhausgasemissionen, Erneuerbare Energien und Energieverbrauch mäßig ab.

EU-Experten betonen die konstruktive Rolle der Union in der internationalen Klimadiplomatie, kritisieren jedoch zugleich das langsame Voranschreiten beim Verabschieden neuer und ambitionierterer Politiken und Ziele. Uneinigkeiten über die Zukunft des Europäischen Projekts führten dazu, dass sich die Staaten zumeist nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigten, bemängeln die Experten.

Dies führe - um eines der symptomatischsten Beispiele zu nennen - u.a. zu einem Verfehlen dringend benötigter grundlegender Reformen des Emissionshandels. Sie betrachten die aktuellen Diskussionen über Politiken für saubere Energien und darüber, wie das EU-Budget diese unterstützen kann, als ideale Gelegenheiten, um ehrgeizigeres Handeln im Klimaschutz zu erreichen.

Deutschland belegt in der diesjährigen Ausgabe des KSI Rang 22. Als weltweit größter Braunkohleverbraucher weist Deutschland noch immer relativ hohe Treibhausgas-Emissionen auf, wobei sich die Entwicklung in diesem Bereich in den letzten Jahren kaum verbessert hat. Deshalb wird es in dieser Kategorie als schlecht eingestuft.

Die Abhängigkeit von Kohle ist nach wie vor ein wesentlicher Verzögerungsfaktor bei der Annäherung an einen Emissionspfad, der die Erderwärmung auf deutlich unter 2 °C begrenzt. Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer von Germanwatch: "Der weltweite Abschied von der Kohle hat begonnen und Deutschland droht den Anschluss zu verpassen. Es ist sehr gut, dass eine immer größere Gruppe von Ländern Pläne zum geordneten Kohleausstieg präsentiert. Wenn Deutschland im internationalen Klimaschutz eine Führungsrolle spielen will, muss die nächste Bundesregierung jetzt auch einen klaren Plan für einen sozialverträglichen Ausstieg aus der Kohle vorlegen, der zur Umsetzung der Klimaziele passt."  

Klimaszenarien zeigen, dass eine weitere Nutzung der Kohle zur Stromerzeugung und die Erreichung der Pariser Klimaziele nicht miteinander vereinbar sind. Bals: "Die Regierung Trump koordiniert den Abwehrkampf gegen den internationalen Kohleausstieg. Deutschland muss jetzt zeigen, dass es auf einem anderen Pfad ist." Der Energieverbrauch pro Kopf ist höher als im EU-Durchschnitt, hat sich jedoch in den letzten Jahren nur geringfügig verbessert.

Die Wachstumsraten der Erneuerbaren Energien in Deutschland werden immerhin als sehr gut bewertet, doch im Hinblick auf das Ziel für 2030 sehen die nationalen Experten noch Verbesserungspotenzial. Deutschland hat innerhalb der internationalen Klimaverhandlungen und während des G20-Gipfels eine zunehmend wichtige Rolle übernommen, wofür das Land eine gute Bewertung erhält. Im Inland kritisieren Experten ihre letzte (und immer noch amtierende) Regierung wegen unzureichender Maßnahmen bei der Umsetzung der in Paris gemachten Versprechen in nationales Recht (schlechtes Rating).

Nach einer Phase des starken Wachstums der weltweiten Treibhausgasemissionen bis vor wenigen Jahren zeichnet sich nun ein stark verlangsamter Wachstumstrend ab. Die Energiesysteme scheinen weltweit weniger CO2-lastig zu werden. Der heute bei der Weltklimakonferenz in Bonn vorgestellte Klimaschutz-Index (KSI) 2018 zeigt weltweit positive Entwicklungen bei Erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und in manchen Ländern auch bei den Emissionen.

Allerdings wird klar sichtbar, dass die Ziele der Länder und die Umsetzung derselben insgesamt noch zu schwach sind um den Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Jan Burck von Germanwatch, Co-Autor des KSI, dazu: "Wir sehen eine starke Zustimmung zu den allgemeinen Zielen des Paris-Abkommens auf internationaler Ebene. Die Staaten müssen nun schnell Maßnahmen ergreifen und ihren Versprechungen auch Taten folgen lassen. In einigen Sektoren, zum Beispiel Verkehr und Energie, passiert häufig noch viel zu wenig."

Zu Deutschland ergänzt Burck: "Gerade in Deutschland gab es in den vergangenen Jahren insbesondere in den Bereichen Verkehr und bei der Kohleverstromung viel zu wenig Fortschritt. Deshalb landet Deutschland auch nur auf einem enttäuschenden 22. Rang."

Positive Trends sind weltweit bei den Erneuerbaren Energien zu beobachten. "Die Daten zeigen ermutigendes Wachstum und deutlich niedrigere Preise bei Wind- und Sonnenenergie", so Prof. Niklas Höhne vom NewClimate Institute, Co-Autor des KSI. "Dies erklärt die Stabilisierung der Emissionsentwicklung in den letzten Jahren. Allerdings ist dieser Trend noch viel zu langsam, um innerhalb weniger Jahrzehnte die globale Energieversorgung auf Erneuerbare Energien umzustellen. Insbesondere der weltweite Anstieg bei Erdgas und Erdöl konterkariert die Reduzierung beim Kohleverbrauch", ergänzt Höhne.

Österreich ist mit der Bewertung "schlecht" bedacht worden. Germanwatch evaluiert mit diesem Index die notwendigen politischen Maßnahmen, die die Länder in Sachen Klimaschutz umsetzen. "Österreich ist noch immer nicht vom Reden zum Handeln gekommen", bemerkt Stefan Moidl, Geschäftsführer der IG Windkraft und fordert die künftige Regierung auf, sich beim Ausbau der erneuerbaren Energien wieder an der internationalen Spitze zu orientierten.

Heute wurde bei der Klimakonferenz in Bonn der Klimaschutz-Index von Germanwatch präsentiert. Unter den ersten fünfzehn Ländern kommen mit Marroko und Indien nur zwei nicht-europäische Länder vor. Österreich sucht man unter diesen Ländern vergeblich. Mit dem 35. Platz kann sich Österreich gerade noch vor Thailand und Indonesien platzieren.

"Die Länder müssen beweisen, dass sie nun die notwendigen politischen Maßnahmen umsetzen, um ihre nationalen Emissionsminderungsziele zu erreichen und gleichzeitig die Ambition bei der Anpassung ihrer Ziele erhöhen, um die Grenzwerte von deutlich unter 2°C, wenn nicht sogar 1,5 °C einhalten zu können", ist im Bericht zu lesen. "Österreich hat hier sehr viel nachzuholen", bemerkt Moidl und fordert beim Ausbau der erneuerbaren Energien endlich wieder zu substantiellen Ausbauzahlen zu kommen.

Rückgang beim Windkraftausbau

Der Windkraftausbau geht seit Jahren zurück. 2014 wurde noch 402 MW Windkraftleistung errichtet. Heuer werden es mit 196 MW nicht einmal halb so viel sein. "Die Energiewende braucht klare Vorgaben und ambitionierte Ziele, die dann rasch umgesetzt werden", fordert Moidl abschließend.

KSI 2018: Hauptergebnisse | Die ersten drei Plätz bleiben frei.

Kein Land unternimmt bislang genug um die Temperatur global deutlich unter zwei Grad zu halten. "Insgesamt ist der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei den mittel- und langfristigen Klimaschutzzielen der untersuchten Länder immer noch zu groß. Bei den Treibhausgasemissionen sehen wir beispielsweise relativ starke Ziele in Indien oder Norwegen, bezüglich Erneuerbare Energien sind die Ziele in Schweden, Norwegen und Neuseeland besser als in anderen Ländern. In Bezug auf den Energieverbrauch zeigt jedoch kein Land ein besonders gutes 2030-Ziel. Saudi-Arabien und die USA sind Staaten, die Ihre Ziele in allen Bereichen drastisch anheben müssen, um auch nur in die Nähe ihrer Paris-Versprechen zu kommen", erklärt Höhne.

Die erneut mäßige Platzierung Deutschlands im Mittelfeld (22.) hätte mit Blick auf die internationale Klimapolitik der Bundesregierung deutlich besser ausfallen können. "Deutschlands mittel- und langfristigen Ziele - verankert im Klimaschutzplan 2050 - sind vergleichsweise stark", kommentiert Jan Burck. "Die CO2-Emissionen in Deutschland zeigen aber bislang ein anderes Bild und wurden seit 2009 nicht mehr gesenkt.

Und das, obwohl Maßnahmen für den Umweltschutz nicht nur den Umweltzustand verbessern, sie sind auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Wie das Statistische Bundesamt anlässlich der derzeit stattfindenden Weltklimakonferenz in Bonn mitteilt, stellt in Deutschland der Klimaschutz die wichtigste wirtschaftliche Säule der Umweltschutzwirtschaft dar.

So erwirtschafteten im Jahr2015 die Betriebe des Produzierenden Gewerbes und des Dienstleistungssektors in Deutschland 37,9 Milliarden Euro mit Waren, Bau- und Dienstleistungen für den Klimaschutz. Das entsprach 57,4 % des Gesamtumsatzes mit Umweltschutzgütern. Zu den Klimaschutzgütern zählen Güter und Leistungen, die der Verringerung oder Vermeidung von Treibhausgasemissionen, zur Nutzung erneuerbarer Energien oder zur Steigerung der Energieeffizienz und Energieeinsparung dienen.  

Rund die Hälfte der Umsätze mit Klimaschutzprodukten (19,8 Milliarden Euro beziehungsweise 52,2 %) wurden mit Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz erzielt, wozu unter anderem die energieeffiziente Antriebs- und Steuerungstechnik (8,6 Milliarden Euro) sowie die Wärmedämmung von Gebäuden (4,1 Milliarden Euro) zählt. Auf die Herstellung von Gütern zur Nutzung erneuerbarer Energien entfielen 16,5 Milliarden Euro beziehungsweise 43,6 % des Gesamtumsatzes der Klimaschutzbranche.

Von hoher Relevanz sind hierbei die Umsätze aus der Herstellung und Installation von Windkraftanlagen (10,0 Milliarden Euro) und mit Leistungen im Bereich Solarenergie (3,8 Milliarden Euro). Prozessintegrierte Maßnahmen zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen erzielten Umsätze in Höhe von 0,6 Milliarden Euro. 

Die noch amtierende Bundesregierung hat es dessen ungeachtet verpasst, ernsthafte Maßnahmen zur Umsetzung der Klimaziele zu ergreifen. Es unumgänglich, dass im kommenden Koalitionsvertrag die notwendigen Maßnahmen für schnell wirksamen Klimaschutz durch einen Kohleausstiegsplan und eine echte Verkehrswende verankert werden. Nur dann schafft es Deutschland vom Ankündigungs- und Braunkohle-Weltmeister zum echten Klimaschutz-Champion."

Mit relativ guten Entwicklungen im Ausbau Erneuerbarer Energien und bei Pro-Kopf-Emissionen landet Schweden auf Platz vier im diesjährigen Ranking hinter den frei gebliebenen Top 3. In Kombination mit einem vergleichbar niedrigen Emissionsniveau sorgt eine starke Entwicklung Erneuerbarer auch bei Litauen für eine gute Positionierung (Rang fünf).

Marokko (Platz sechs) profitiert neben seinem Ausbau Erneuerbarer Energien vor allem von guten Politik-Bewertungen seiner nationalen Klima- und Energieexperten und wird gefolgt von Norwegen auf Platz sieben. Mit noch immer vergleichsweise niedrigen Werten bei Emissionen und Primärenergienutzung (jeweils pro Kopf) liegt Indien auf Rang 14.

China dagegen belegt mit relativ hohem Emissionsniveau und wachsendem Primärenergieverbrauch nur Platz 41 im Index. Eine bessere Positionierung in den nächsten Jahren ist jedoch  zu erwarten,  da chinesische Experten ihr Land für die Implementierung wichtiger Maßnahmen zur Abschaltung von Kohlekraftwerks-Kapazitäten sowie die Förderung Erneuerbarer Energien und Elektromobilität loben.

Wegen ihrer Ankündigung aus dem Pariser Klimaabkommen auszutreten und der Abkehr von einigen zentralen Klimagesetzgebungen der Vorgängerregierung landen die USA unter den am schlechtesten abschneidenden Ländern im Index (56.). Neben einer sehr schlechten Bewertung im Bereich der Klimapolitik sind das momentane Emissionsniveau und der Primärenergieverbrauch entschieden zu hoch für einen deutlich unter 2°C liegenden Pfad. Die letzten drei Plätze gehen an Korea (Rang 58), den Iran (Rang 59) und Saudi-Arabien (Rang 60), die alle keine Fortschritte bei der Reduktion von Treibhausgasemissionen und ihrem Primärenergieverbrauch verzeichnen können.  

Zum Klimaschutz-Index von Germanwatch und NewClimate Institute

Der Index knüpft an den globalen Klimaschutz-Index von Germanwatch an, ein seit 2006 jährlich erstelltes Ranking der knapp 60 größten Emittenten weltweit. Zudem wurde die Methodik angepasst. Zwar betrachtet der Index wie bisher vier Bereiche: Emissionen (40%), Energieverbrauch (20%), Erneuerbare Energien (20%) und Klimapolitik (20%, bewertet von Experten/innen aus dem jeweiligen Land).

Dank der neuen Methodik wird nun auch die Frage beantwortet, inwieweit das jeweilige Land in den Bereichen Emissionen, Erneuerbare Energien und Energieverbrauch adäquat handelt, um die Pariser Klimaziele erreichen zu können.

(Quelle: KSI/HIN)