Barrierefrei in Bahnhöfen

Erstellt: Montag, 20. November 2017

(Hero). Die Steige für den Fernverkehr - also für Züge wie den InterCity-Express, InterCity oder EuroCity - sind 76 Zentimeter hoch. Regionalbahnsteige in Baden-Württemberg und vielen anderen Bundesländern dagegen haben in der Regel eine Höhe von 55 Zentimetern. Für Menschen mit einem Handicap ist es schwierig in einen Zug einzusteigen, wenn Gleise zu hoch oder zu niedrig sind. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat einen Lösungsvorschlag.

Die Verkehrsministerkonferenz fordert ein auf Barrierefreiheit ausgerichtetes Konzept für Bahnsteighöhen. Problematisch ist es, wenn ein Fernzug ein Regionalgleis ansteuert. Dann können Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Menschen nur schwer zusteigen, da der Einstieg vom Gleis aus zu hoch ist. 

Der Bund hat nun zugesagt, sich mit der Deutschen Bahn und den Ländern zusammenzusetzen, um ein abgestimmtes Konzept für die Höhe der Bahnsteige zu erarbeiten. Im Bahnverkehr muss aus Sicht der Landesverkehrsminister weitreichende Barrierefreiheit hergestellt werden.

Die Verkehrsministerkonferenz (VMK) forderte am Freitag in Wolfsburg einstimmig den Bund auf, mit der DB und den Ländern ein gemeinsam abgestimmtes Bahnsteighöhenkonzept zu entwickeln. Dabei müsse ein möglichst hoher Grad an Barrierefreiheit für die Fahrgäste erreicht werden.

In den vergangenen Monaten hatte es ein heftiges Ringen zwischen den Ländern und dem Bund über Pläne der Deutschen Bahn gegeben, die auf eine einheitliche Bahnsteighöhe von 76 cm (über Schienenoberkante) abzielen, die im Fernverkehr üblich ist. In Baden-Württemberg wie auch in vielen anderen Ländern haben die meisten Bahnsteige für den regionalen Schienenverkehr jedoch eine Höhe von 55 cm.

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann: "Barrierefreiheit ist ein sehr wichtiger Faktor, um den Öffentlichen Personennahverkehr und insbesondere die Bahn für die Fahrgäste attraktiver zu machen. Außerdem sieht auch die UN-Behindertenrechtskonvention vollständige Barrierefreiheit vom Jahr 2022 an vor. Deshalb bin ich sehr froh, dass der Bund nun zugesagt hat, sich mit der Deutschen Bahn und den Ländern zusammenzusetzen, um ein abgestimmtes Konzept für die Höhe der Bahnsteige zu erarbeiten."

Bei der Frage nach den richtigen Bahnsteighöhen an Stationen in Baden-Württemberg wird es pragmatische Lösungen geben. Das ist das Ergebnis eines Telefonats vom 17.11.2017 von Ministerialdirektor Dr. Uwe Lahl mit dem zuständigen Unterabteilungsleiter beim Bundesverkehrsministerium. Danach gibt es von Seiten des Bundes keine strikte Vorgabe, dass alle Bahnsteige im Land auf 76 cm angehoben werden müssen. Vielmehr ist es gemeinsames Ziel aller Beteiligten, also von Bund, Land und Deutscher Bahn, möglichst viele Bahnsteige barrierefrei nutzen zu können.

Lahl hat mit dem Bund vereinbart, dass auf Linien, bei denen durchgängig Bahnsteige mit einer Höhe von 55 cm sinnvoll sind, Ausbauten in dieser Höhe weiterhin erfolgen können. Einigkeit besteht darin, dass angesichts der langfristig wirkenden Investitionen in Bahnsteigerhöhungen ein zukunftsfähiges Konzept für den Ausbau gefunden werden muss.

Hierzu wird sich der Bund mit den Ländern zu Beginn des neuen Jahres zusammensetzen. Beide Seiten waren sich einig darin, dass sogenannte Hybrid-Bahnsteige, an denen sowohl Züge die für 55 cm, als auch solche die für 76 cm ausgerichtet sind, barrierefrei halten können, in der Übergangszeit eine gute Konzeption seien.

"Baden-Württemberg unterstützt langfristige Festlegungen, damit alle Investitionen in Bahnsteigerhöhungen auch in der Zukunft noch sinnvoll sind. Wichtig ist aber, dass wir zügig mit begonnenen und anstehenden Projekten fortfahren können und dass auch in Übergangszeiträumen weitestgehend Barrierefreiheit für die Fahrgäste erreicht wird", gibt Lahl die Zielrichtung vor.

Minister Hermann fügt hinzu: "Wir haben deutlich gemacht, dass sich die umfangreichen Investitionen der vergangenen Jahre in die Schieneninfrastruktur und in den Ausbau des regionalen Bahnverkehrs nicht im Nachhinein durch eine von oben durchgesetzte Änderung der Bahnsteighöhen als vergeblich herausstellen dürfen. In Bahnhöfen, wo die für den Fernverkehr passende Höhe benötigt wird, wäre es auch möglich Hybrid-Bahnsteige einzurichten, die zur Hälfte 76 cm und zur anderen Hälfte 55 cm hoch sind."

Die Ent­scheidung des Bundes und der DB, zukünftig nur noch 76cm Bahnsteige bauen zu wollen, erfordere eine Anpassung der Bahnsteig­höhen-Konzeption des Landes, erklärte Gerd Hickmann vom Verkehrs­ministerium Baden-Württemberg. Allerdings seien in den letzten 20 Jahren viele Strecken und Züge auf 55cm ausgebaut worden - auch die Nachbarländer Schweiz und Frankreich hätten 55cm als Regelhöhe. Somit bestünde die Aufgabe , linienweise einheitliche Bahnsteighöhen – auch in den Knotenbahnhöfen – sicherzustellen, bei der die starre Festlegung des Bundes auf nur noch 76cm eher hinderlich sei.

"Wir haben nun für Baden-Württemberg grünes Licht, um die laufenden Projekte gemeinsam mit der Deutschen Bahn Station & Service im Land sinnvoll weiterzuführen", gibt sich Ministerialdirektor Lahl zuversichtlich, denn der Bund habe schließlich zugesagt, "direkte Absprachen zwischen dem Land und der DB zu unterstützen, damit für möglichst viele Fahrgäste schnell Barrierefreiheit erreicht werden kann".

Wie sich das auf den Ausbau des Rastatter Bahnhofs auswirken wird, ist bisher nicht bekannt. In Baden-Baden und Karlsruhe ist Barrierefreiheit (zum Beispiel) bisher nicht durchgängig gewährleistet. Der Fahrgastbeirates Baden-Württemberg fordert alle Beteiligten auf, rasch zu einem abgestimmten Bahnsteig­höhenkonzept zwischen Bund und Land zu kommen.  

siehe auch ⇒ Rastatter Bahnhof wird modernisiert

(Quelle: VM.bw/HIN)