Rheintalbahn wieder ab 02.09.17

Erstellt: Freitag, 22. September 2017

Rastatt | Stuttgart (proh). Die Sperrung der Rheintalbahnstrecke hat gravierende Auswirkungen auf den Schienengüterverkehr in ganz Deutschland. Der volkswirtschaftliche Schaden und die Belastungen für Pendler sind enorm. Darum ist das oberste Ziel, die Strecke so schnell wie möglich wieder befahrbar zu machen. Der Bund muss aber auch die richtigen Konsequenzen aus der Haverie ziehen und massiv in die Schieneninfrastruktur investieren. Die Verbände der Güterbahnen schlagen Alarm: es sei von Milliardenschäden und befürchteten Insolvenzen die Rede.

Am 12. August war es im Bereich Rastatt infolge von Vortriebsarbeiten im Rastatter Tunnel zu einem Einbruch von Wasser und Erde in die im Bau befindliche Tunnelröhre gekommen. Oberbau und Gleise der darüber führenden Rheintalbahn senkten sich in dem Bereich ab. Zwischen Rastatt und Baden-Baden besteht seitdem eine Sperrung der wichtigen Magistrale für den Personen- und Güterverkehr. Auf der Baustelle an der Rheintalbahn in Rastatt gehen die Reparaturarbeiten weiter planmäßig voran.

Auf den beiden massiven Betonplatten, die über der östlichen und der geplanten westlichen Tunnelröhre für zusätzliche Stabilität sorgen, wurde bereits Grundschotter aufgetragen. Heute werden die letzten Gleisjoche, das sind vormontierte Einheiten aus Schienen und Schwellen, eingebaut.

Damit liegen erstmals wieder durchgehend Gleise in dem Bereich. In den kommenden Tagen wird Schotter zwischen die Schwellen geschüttet und gestopft. Anschließend werden die Montageschienen gegen neue, bis zu 60 Meter lange Schienen getauscht. Die nächsten Arbeitsgänge: die Schienen werden verschweißt, das Gleis danach mit zwei Stopfgängen gerichtet und stabilisiert. Im nächsten Schritt errichten die Bauleute die neuen Oberleitungsmasten und montieren die Oberleitung. Für die Sicherheit des Schienenverkehrs beim Weiterbau des Tunnels Rastatt sorgt der Einbau von Gleis-Monitoring-Systemen.

Bereits am vergangenen Wochenende konnten die Betonagearbeiten an den Platten, auf denen jetzt die neuen die Gleise der Rheintalbahn liegen, abgeschlossen werden. Für die Betonplatten wurden rund 540 Tonnen Bewehrungsstahl und 3'000 Kubikmeter Beton verbaut.

Unterdessen haben die DB und die Arge Tunnel Rastatt Vereinbarungen abgeschlossen, um langwierige Gerichtsprozesse zur Klärung der Ursachen des Schadens und der damit verbundenen Verantwortlichkeiten zu vermeiden. Ein gemeinsames Team aus technischen und juristischen Gutachtern soll innerhalb der kommenden sechs Monate zu einem Ergebnis kommen und einen Schlichtungsvorschlag unterbreiten. Sollte es hier zu keiner Einigung kommen, schließt sich ein Schiedsgerichtsverfahren an.

Ab 2. Oktober rollt der Zugverkehr wieder durchgehend

Nach Abschluss der Arbeiten an der Rheintalbahn steht die Strecke ab 2. Oktober für den Zugverkehr wieder durchgehend zur Verfügung. Die Fernzüge fahren ab Montag, 2. Oktober wieder fahrplanmäßig. Bei einzelnen Zügen kann es anfangs noch zu Abweichungen kommen.

Die Regionalzüge der Schwarzwaldbahn verkehren ab 2. Oktober fahrplanmäßig.

Die Albtal-Verkehrsgesellschaft (AVG) wird den kompletten Betrieb mit den Stadtbahnen ab 4. Oktober aufnehmen und informiert über Details gesondert.

Bis einschließlich Freitag, 6. Oktober, können Kunden mit Nahverkehrs-Fahrscheinen die Fernzüge zwischen Karlsruhe und Offenburg noch ohne Aufpreis benutzen.

Bis zur Wiederinbetriebnahme der Strecke bleibt die Organisation von Umleitungsverkehren für den Güterverkehr eine große Aufgabe. Hier sorgt die vorgezogene Wiederinbetriebnahme der Gäubahn nach bereits beschleunigten Bauarbeiten am 7. September für etwas Entspannung, was der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sehr begrüßte, da auch bekanntgegeben wurde, dass eine direkte Anbindung der Gäubahn über die Panoramabahn an den Stuttgarter Hauptbahnhof ins Auge gefasst wurde*.

"Und das Land bewegt sich doch", kommentiert Dahlbender die bekannt gewordenen Pläne. Die Umsetzung einer alten Forderung des BUND rückt damit in greifbare Nähe. Damit können bessere Angebote im S-Bahn- und Nahverkehr geschaffen werden und im Falle von Betriebsstörungen stehen leistungsfähige alternative Streckenführungen zur Verfügung."

Mittlerweile sind rund 70 zusätzliche Lokführer im Güterverkehr im Einsatz - vor allem für die Routen über Frankreich und Süddeutschland Richtung Italien. Lokführer kommen auch von Nachbarbahnen aus dem Ausland. Die Herausforderung: Diese Lokführer müssen nicht nur über die nötigen Kenntnisse der Fahrzeuge und Strecken verfügen, sondern auch Sprachkenntnisse haben.

"Die Havarie des Rastatter Tunnels verdeutlicht, wie anfällig die Schieneninfrastruktur in Deutschland und Baden-Württemberg ist. Durch die mehrwöchige Sperrung einer der europäischen Hauptschlagadern des Schienengüterverkehrs entsteht ein immenser volkswirtschaftlicher Schaden", stellte Ministerpräsident Winfried Kretschmann fest. Das Rastatter-Tunneldesaster habe gezeigt, dass  die Eisenbahn-Infrastruktur an empfindlichen Stellen leistungsfähige Alternativrouten anbieten muss, stimmt Dr. Brigitte Dahlbender, Landesvorsitzende des BUND in Baden-Württemberg, zu. 

"Nun gilt es zuallererst, die Strecke so schnell wie möglich wieder sicher befahrbar zu machen." Denn im Personenverkehr müssten die Reisenden durch den Schienenersatzverkehr zwischen Rastatt und Baden-Baden eine mindestens einstündige Verlängerung der Reisezeit in Kauf nehmen. "Dies ist insbesondere für Berufspendler eine starke Belastung. Noch viel härter trifft die Sperrung den Güterverkehr", so Kretschmann.

Die Verbände der Güterbahnen schlagen Alarm: es sei von Milliardenschäden und befürchteten Insolvenzen die Rede. Konsequent ausbauen, modernisieren und elektrifizieren  Verkehrsminister Winfried Hermann erklärte: "Wir müssen aus der Rastatt-Havarie lernen. Die fälschlicherweise vom Bund als Nebenstrecken eingestuften Strecken müssen nun ausgebaut, modernisiert und elektrifiziert, Engpässe beseitigt und Lücken geschlossen werden - allen voran die Gäubahn als Verbindung zwischen Stuttgart und Zürich sowie die Südbahn zwischen Ulm und Friedrichshafen.

Die Schieneninfrastruktur ist in den vergangenen Jahrzehnten im Vergleich zur Straße stiefmütterlich behandelt worden." Minister Hermann hatte zuvor im Ministerrat einen mündlichen Bericht zum aktuellen Stand nach der Tunnelhavarie gegeben. Der Verkehrsminister unterstrich: "Unsere Anmeldungen zum Bundesverkehrswegeplan haben sich im Nachhinein als weitsichtig erwiesen. Die vom Land vorgeschlagenen Projekte sind verkehrlich notwendig. Sie würden auch zu einer Redundanz im Schienennetz beitragen, die die Folgen einer Streckensperrung wie derzeit auf der Rheintalbahn abmildern würde."

Notwendig sei ein Umsteuern in der Verkehrspolitik auf Bundesebene und die Entwicklung eines umfassenden Konzeptes für den Schienenverkehr mit dem Ziel, diesen umwelt- und klimafreundlichen Verkehrsträger zu stärken und die Straßen zu entlasten. Zu der Beseitigung von Engpässen gehöre unter anderem auch der Bau der Großen Wendlinger Kurve, für die sich inzwischen eine breite politische Unterstützung im Land abzeichnet.

Insgesamt beliefen sich die Anmeldungen des Landes auf rund elf Milliarden Euro. Davon entfallen jedoch bereits zehn Milliarden Euro auf Projekte, die bereits im vorangegangenen Bundesverkehrswegeplan enthalten waren. Neu angemeldet hat das Land Projekte im Umfang von einer Milliarde Euro, davon Maßnahmen zur Beseitigung von Engpässen im Güterverkehr (Murrbahn und Brenzbahn) im Umfang von circa 280 Millionen Euro.

Auch die Hohenlohebahn und die Frankenbahn wurden zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit ebenso im Güterverkehr angemeldet. Die jetzt für eine Umleitung des Güterverkehrs genutzte Strecke Horb - Tübingen hatte das Land ebenfalls für die Elektrifizierung angemeldet. "Leider haben wir damit beim Bund keinen Erfolg gehabt", sagte Hermann, und "jetzt ist die Zeit für ein Umdenken gekommen. Ich erwarte von der neuen Bundesregierung, dass sie sich mit den Folgen von Rastatt auseinandersetzt und ein zusätzliches Infrastrukturprogramm für den Schienenausbau auflegt".

Aus Sicht der DB ist es erfreulich, dass die vereinbarte Kooperation zwischen den großen europäischen Bahnen Früchte trägt. DB-Vorstandsvorsitzender Dr. Richard Lutz: "Meine Kollegen und ich stehen in regelmäßigem Kontakt mit den Eisenbahnern in der Schweiz, in Österreich und in Frankreich. Die Zusammenarbeit funktioniert, und dafür sind wir dankbar."

Der Verkehr auf der Rheintalbahn rollt am 2. Oktober wieder über die komplette Strecke. Der Deutschen Bahn (DB) und den Baufirmen ist es gelungen, den logistischen Einsatz von Personal und Maschinen nochmals zu optimieren und dadurch die Arbeiten früher als geplant abzuschließen. "In dieser schwierigen Lage zählt jeder Tag für unsere Kunden im Güter- und Personenverkehr. Daher ist es hilfreich, dass wir früher fertig werden", sagte DB-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla.

[* Ein vom Verband Region Stuttgart zusammen mit dem Verkehrsministerium in Abstimmung mit der Landeshauptstadt in Auftrag gegebenes Gutachten untersucht gegenwärtig die mittel- und langfristigen Nutzungsmöglichkeiten der Panoramabahn in Stuttgart. Darin sollen unter anderem mögliche Anbindungen der Panoramabahn in Richtung Feuerbach, Bad Cannstatt und den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof untersucht und gegenübergestellt werden.

Aufgezeigt werden erforderliche Maßnahmen für die Infrastruktur sowie mögliche Fahrplankonzepte für Eisenbahnverkehre. Eine Einschleifung in einen oberirdischen Kopfbahnhof ist nicht Gegenstand der Untersuchung. Mit den Ergebnissen der Untersuchung ist noch dieses Jahr zu rechnen. Das Verkehrsministerium und der Verband Region Stuttgart tragen jeweils 50 Prozent der Kosten in Höhe von rund 100'000 Euro. Die Ergebnisse sind Grundlage, um unter Beteiligung der Landeshauptstadt Stuttgart ein Konzept über eine mögliche weitere Nutzung der Panoramabahn zu entwickeln.

"Mit einer neuen gutachterlichen Untersuchung zur direkten Anbindung der Gäubahn über die Panoramabahn an den Stuttgarter Hauptbahnhof ziehen die Landesregierung und die Region Stuttgart die richtigen Konsequenzen aus den zahlreichen Mängeln der Stuttgart 21-Planung. Die Umsetzung einer alten Forderung des BUND rückt damit in greifbare Nähe. Damit können bessere Angebote im S-Bahn- und Nahverkehr geschaffen werden und im Falle von Betriebsstörungen stehen leistungsfähige alternative Streckenführungen zur Verfügung", kommentiert Dr. Brigitte Dahlbender, Landesvorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Baden-Württemberg die heute bekannt gewordenen Pläne zu einer neuen Studie zur Anbindung der Gäubahn. Es habe lange gedauert, bis die Verantwortlichen reagieren und endlich auch eine Forderung des Faktenchecks zu S21 umsetzen.

Nach Ansicht des BUND muss die Studie aber noch einen Schritt weiter gehen. "Untersucht werden muss nicht nur, wie die Gäubahn an den Tiefbahnhof angebunden werden kann, sondern auch, ob Teile des oberirdischen Hauptbahnhofes erhalten und für den Nahverkehr genutzt werden können und müssen. Die Eisenbahn-Infrastruktur an empfindlichen Stellen muss leistungsfähige Alternativrouten anbieten – und der neue Stuttgarter Tiefbahnhof ist zweifelsohne einer der empfindlichsten Knotenpunkte im südwestdeutschen Schienennetz", so Dahlbender.]

siehe auch:

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(Quelle: VM.bw/HIN)