Wolfangriff auf Schafherde

Erstellt: Mittwoch, 09. Mai 2018

© pierre roh | Hardt IN(poli). Der Staatssekretär im Umweltministerium, Andre Baumann, hat sich vor Ort ein Bild von den Schäden gemacht, die in der Nacht vom 29. auf den 30. April 2018 der mutmaßliche Angriff eines Wolfs auf eine Schafherde in der Nähe von Bad Wildbad angerichtet hat (wir berichteten). Dabei sind 32 Tiere der Herde gerissen worden, weitere 12 mussten danach wegen ihrer Verletzungen getötet werden oder sind in Panik in der Enz ertrunken. Baumann sicherte dem Schäfer umgehende Hilfe zu: "Der Schaden ist immens."

Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes, berichtet von einem "Bild des Grauens!" Auch Staatssekretär Baumann zeigte sich erschüttert, und er sei sich bewußt, "dass so ein Angriff die Existenz eines Betriebs gefährden kann. Die Schäferei in Baden-Württemberg steht ohnehin schon mit dem Rücken zur Wand. Wölfe sind dafür nicht die Ursache, aber sie können das Problem, wie hier zu sehen, verschärfen. Wenn ein Wolf dafür verantwortlich ist, werden wir den Schäfereibetrieb umgehend entschädigen."

Eine Voruntersuchung der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) kommt nach einer Gen-Analyse zu dem Schluss, dass für den Angriff ein Wolf verantwortlich sei. Demnach ist die Attacke auf die Schafherde vom selben Tier verübt worden, das bereits mehrmals in der Region nachgewiesen werden konnte. Umweltminister Franz Untersteller geht davon aus, dass der Wolf im Nordschwarzwald sesshaft wird. 

Bei dem Wolf handelt es sich um ein männliches Einzeltier, das aus Norddeutschland nach Baden-Württemberg gekommen ist und unter dem Kürzel GW 852m geführt wird. Erstmals wurde er im Nordschwarzwald Ende November 2017 nachgewiesen. "Nachdem dieser Wolf jetzt über fast ein halbes Jahr die Region offenbar nicht verlassen hat, müssen wir davon ausgehen, dass er hier sesshaft geworden ist", sagte Umweltminister Franz Untersteller. 

Angesichts vermehrter Nachweise von Wölfen in Baden-Württemberg in den letzten Monaten hat Staatssekretär Baumann die große Bedeutung der Weidewirtschaft für den Natur- und Landschaftsschutz betont: "Seit Jahrhunderten fördern Nutztierhalterinnen und Nutztierhalter mit ihren Schafen, Ziegen oder Rindern artenreiche und wunderschöne Landschaften. Gerade mit der Weidetierhaltung können wir typische Kulturlandschaften unserer Heimat erhalten. Wir werden also die Voraussetzungen für ein gutes Nebeneinander der Weidetierhaltung und des geschützten Wolfes schaffen."

Baumann verwies auf die oftmals bereits angespannte ökonomische Situation der weidetierhaltenden Betriebe im Land: "Ich kann die Sorgen der Weidetierhalter gut verstehen. Durch die Rückkehr der Wölfe darf sich die finanzielle Lage vieler Betriebe nicht noch weiter verschlechtern." Deshalb sei eine bessere finanzielle Ausstattung der Weidewirtschaft mit Landwirtschaftsmitteln wichtig, genauso wie ein möglichst effektives Wolfsmanagement, betonte der Staatssekretär des für den Natur- und Artenschutz im Land zuständigen Umweltministeriums.

"Beim Wolfsmanagement sind wir zwar schon gut aufgestellt. Da sich in den nächsten Jahren Wölfe oder auch Wolfsrudel dauerhaft im Land niederlassen könnten, müssen und werden wir das Thema aber auch künftig intensiv bearbeiten", sagte Andre Baumann. Schon jetzt erhielten Halterinnen und Halter von Nutztieren eine unbürokratische Entschädigung für den Fall, dass ihre Tiere von einem Wolf gerissen wurden.

"Außerdem setzen wir uns dafür ein, den Fördersatz in der Landschaftspflegerichtlinie für präventive Herdenschutzmaßnahmen wie Elektrozäune von derzeit bis zu 90 Prozent auf bis zu 100 Prozent zu erhöhen", so der Staatssekretär. "Daneben werden wir voraussichtlich noch dieses Frühjahr ein neues gemeinsames Herdenschutzprojekt mit den betroffenen Verbänden starten, dabei wollen wir auch die möglichen Vorsorgemaßnahmen in den besonders herausfordernden Steillagen weiterentwickeln."

Um in der Praxis schnell handlungsfähig zu sein, zum Beispiel beim Auftauchen verhaltensauffälliger und potenziell gefährlicher Wölfe, hat das Umweltministerium Baden-Württemberg gemeinsam mit Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland ein länderübergreifendes Konzept zum Umgang mit Wölfen entwickelt, so Baumann weiter.

"Das hierbei vereinbarte Monitoring wird es uns ermöglichen, Wölfe in Zukunft effektiver zu beobachten und zu überwachen. Dies ist wichtig, damit wir die Halterinnen und Halter von Weidetieren rechtzeitig informieren und diese die ihnen möglichen Schutzmaßnahmen ergreifen können." Auch die geplanten Experten-Teams, die einen Wolf im Bedarfsfall länderübergreifend verfolgen, fangen und notfalls auch töten könnten, leisteten einen Beitrag zum Schutz der Weidewirtschaft.

Nach der Wolf-Attacke sieht Bundesagrarministerin Julia Klöckner natürlich Handlungsbedarf. "Wir müssen die Entwicklung der Wolfspopulation in Deutschland genauer beobachten." Und wo der gewünschte Erhaltungszustand des Wolfes erreicht sei, solle entsprechend reagiert werden, fordert die Ministerin. Maßnahmen gegen die ungehinderte Ausbreitung hatten CDU, CSU und SPD auch in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben.

"Im Umgang mit dem Wolf hat die Sicherheit der Menschen oberste Priorität", wurde dort festgeschrieben. Die EU-Kommission soll aufgefordert werden, "den Schutzstatus des Wolfs abhängig von seinem Erhaltungszustand zu überprüfen, um die notwendige Bestandsreduktion herbeiführen zu können". Zudem will der Bund mit Ländern und Wissenschaft Kriterien entwickeln zur "letalen Entnahme", wie das Abschießen umschrieben wird.

Auch Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) fordert eine Regulierung des Wolfsbestandes, also "das bejagen oder Fallen stellen". Nabu-Landeschef Johannes Enssle kontert: "Wenn es darum geht, streng geschützte Tiere tot zu schießen, ist Landwirtschaftsminister Peter Hauk leider ganz vorne mit dabei. Wenn es aber darum geht, nachhaltige Lösungen zu finden, hört man nichts von ihm." 

Eine Ausnahme von den strengen Schutzvorgaben des Bundesnaturschutzgesetzes zuzulassen und den Wolf im Nordschwarzwald zu töten, sei aber auch nach dem tragischen Vorfall in Bad Wildbad keine Alternative, betonte Minister Untersteller. "Erst wenn es einem Wolf gelänge, wiederholt ausreichend gesicherte Herden anzugreifen, oder wenn er für Menschen gefährlich zu werden droht, könnte die Ausnahmeregel vom Tötungsverbot im Bundesnaturschutzgesetz greifen."

Das Land werde die Nutztierhalterinnen und Nutztierhalter massiv unterstützen, damit sie mit der neuen und schwierigen Situation eines sesshaften Wolfs fertig werden, kündigte der Minister an. Am wichtigsten sei, dass die Region zugleich auch zum Fördergebiet für Herdenschutzmaßnahmen werde. "Das heißt, dass die vorgeschriebenen Elektrozäune, das nötige Weidezaungerät, sowie Litzen und Erdungsstäbe zum größten Teil erstattungsfähig sind. 90 Prozent der Kosten übernimmt das Land." 

Baumann betont, dass der jetzige Angriff im Landkreis Calw auch nicht verhindert worden wäre, wenn der Wolf unter dem so genannten Jagdrecht stünde. "Dem Wolf ist es herzlich egal, welches Recht für ihn gilt. Entscheidend ist, dass wir einen Weg gestalten, der beides zulässt, Wolf und Nutztierhaltung. Wir brauchen in Baden-Württemberg eine zukunftsfähige Schäferei und extensive Weidetierhaltung. Sonst können wir viele tausend Hektar Wacholderheiden und beweidete Kulturlandschaften nicht erhalten. Darum lassen wir die Schäferinnen und Schäfer nicht alleine." 

Helmut Riegger, Landrat im Kreis Calw, geht inzwischen der Frage nach, wie Betriebe unterstützt werden können, um deren wirtschaftliche Existenz zu sichern: "Wir müssen unseren Schäfern eine vernünftige Perspektive bieten." Enssle fordert, sich um offene Fragen beim Herdenschutz zu kümmern. So müsse die Haltung von Schutzhunden erleichtert werden. "Konkreter Handlungsbedarf - im Sinne von Sofortmaßnahmen - ergeben sich durch die neuen Risse nicht." Zu diesem Schluss kommt Heineken, denn ein Schaf zu reißen sei schließlich kein ungewöhnliches Verhalten für einen Wolf. "Erst bei einem verhaltensauffälligen Wolf muss man darüber nachdenken, ihn zu entnehmen."

Staatssekretär Andre Baumann: "Wir arbeiten mit dem Landesschafzuchtverband und dem Naturschutzbund zusammen und haben ein weiteres Herdenschutzprojekt am Start, das vom Umweltministerium finanziert wird. Dabei suchen wir gemeinsam nach Herdenschutzmaßnahmen, die in Baden-Württemberg praktikabel umsetzbar sind, das ist auch die Forderung der Schafzüchter im Land."

In einem Gespräch haben Vertreterinnen und Vertreter des Landeschafzuchtverbandes Baden-Württemberg e.V. (LSV) und des baden-württembergischen Umweltministeriums heute 03.05. über die Anforderungen an einen effektiven und praktikablen Herdenschutz gesprochen. Umweltministerium und Schafzuchtverband einigten sich dabei auf die formalen Anforderungen für die Einzäunung von Schafweiden in Wolfsgebieten:

In Gebieten, die künftig als Wolfsterritorium definiert werden,

weil ein Wolf oder mehrere Wölfe dort heimisch geworden sind,

muss der elektrische Zaun um eine Herde mindestens 90 Zentimeter hoch sein

und der Zaun muss die gesamte Weide ohne Schlupflöcher umfassen.

"Mit dieser Mindesthöhe liegen wir an der unteren Grenze der bundesweit geltenden Empfehlungen", erklärt Baumann. "Ich hoffe, dass wir mit dieser Minimalanforderung den Schäferinnen und Schäfern die Sorge vor komplizierten und teuren Pflichtmaßnahmen zum Herdenschutz wenigstens teilweise nehmen können, zumal die Anschaffungskosten für die Zäune bis zu 90 Prozent bezuschusst werden können."

LSV-Geschäftsführerin Anette Wohlfarth begrüßte die gefundene Regelung, damit werde Herdenschutz in Baden-Württemberg einfacher beziehungsweise überhaupt erst machbar: "Steillagen und steiniger Untergrund machen es vielen Schäferinnen und Schäfern im Land nahezu unmöglich, einen stabilen Zaun in einer Höhe von 120 Zentimetern aufzustellen. Ein korrekter Herdenschutz ist aber in Wolfsgebieten vorgeschrieben und Voraussetzung für Entschädigungszahlungen bei Rissen durch einen Wolf."

Zwar seien damit noch nicht alle Fragen der Schäferei zum künftigen Herdenschutz beantwortet, sagte Wohlfarth weiter. Beispielsweise der Schutz von Offenställen und die Einzäunung in unwegsamem Ufergelände müssten noch diskutiert werden. "Aber der Anfang ist gemacht, wir sind auf einem guten Weg", so Wohlfarth.

Staatssekretär Baumann sagte zu, die Interessen der Schäferei nicht aus den Augen zu verlieren, er wisse, dass viele Betriebe am Rande der Existenz wirtschaften und keine großen zusätzlichen Belastungen mehr tragen könnten. Die Rückkehr der Wölfe und die damit verbundenen Schutzmaßnahmen dürften nicht die Existenz der Betriebe gefährden.

Er wisse auch, versicherte Baumann, dass Schäferinnen und Schäfer mit ihren Tieren eine unverzichtbare Arbeit in der Landschaftspflege leisten: "Wir brauchen die Schäferei, um unsere Kulturlandschaften zu erhalten. Wegen dieser großen Bedeutung für den Naturschutz ist es unsere originäre Aufgabe als Naturschutzverwaltung, die Schäfereibetriebe im Land zu unterstützen, damit sie Ihre wichtige Aufgabe auch in Zukunft erfüllen können." 

Einig waren sich Baumann und Wohlfarth darin, dass die Förderung von Schutzzäunen sowie die Entschädigung von Schäfereibetrieben nach Wolfsattacken schnell und unbürokratisch abgewickelt werden müssten. "Das Verständnis des Ministeriums hinsichtlich Anforderungen an den Herdenschutz und dessen Umsetzbarkeit ist sehr gut", sagte LSV-Geschäftsführerin Anette Wohlfarth nach dem heutigen Gespräch.

Doch unabhängig vom Wolf sind Nutztierhalter gut beraten, einen effektiven Herdenschutz zu gewährleisten. Nur so können sie das Haftungsrisiko vermeiden, falls die Tiere ausbrechen und Schaden entsteht. Dazu braucht es keinen Wolf - es gibt genügend unvernünftige Hundehalter.

NABU begrüßt Gesprächsergebnisse zu Wolf und Herdenschutz

Der NABU-Landesvorsitzende Johannes Enssle wertet die Ergebnisse des heutigen Gesprächs zwischen Umweltministerium und Landesschafzuchtverband (LSV) als wichtigen Schritt: "Es braucht praktikable und pragmatische Lösungen beim Herdenschutz und beim Wolfsmanagement. Nur dann kann es eine zukunftsfähige Koexistenz von Weidetierhaltung und Wölfen in Baden-Württemberg geben", begründet Enssle seine Einschätzung.  

Es sei gut, dass sich Ministerium und LSV bei den Elektrozäunen zum Schutz von Schafen und anderen Nutztieren vor Wolfsangriffen auf eine Mindestzaunhöhe von 90 Zentimetern verständigt hätten und nicht auf höhere Zäune. "Bei Bedarf ist es immer noch möglich, mit einem Flatterband auf 120 Zentimeter aufzustocken. Wichtig ist, dass die Zäune nach unten hin dicht sind", so Enssle.

"Wenn einzelne Wölfe lernen, diese Schutzzäune zu überwinden, sollten die Regelungen zur Entnahme dieser Wölfe nach Naturschutzrecht greifen. Dies kann im Einzelfall auch den Abschuss der Wölfe bedeuten", führt der NABU-Landeschef aus. Bei der Umsetzung der Herdenschutzmaßnahmen müssten die Tierhalterinnen und -halter vom Land finanziell unterstützt werden.

Auch die Haltung von Herdenschutzhunden sollte gefördert werden. "Allerdings darf die Haltung von Herdenschutzhunden für die Weidetierhalter nicht zur Pflicht gemacht werden, denn nicht jeder Betrieb kann den damit verbundenen Aufwand leisten", so Enssle.

Ausgebildete Hirtenhunde im Herdenschutz, kurz Herdenschutzhunde, mögen auch Weidetiere als wären sie ihre engsten Verwandten. Diese Hunde leben vom ersten Atemzug an im Stall mit Schafen, Ziegen und anderen Weidtieren. Das prägt die Hunde fürs Leben. Noch bevor die Welpen sehen können, riechen sie ihre Mutter und die Tiere, die sie später wie ihre eigene Familie beschützen werden.  

Erkunden die kleinen Hunde die Umgebung rund um die Wurfbox, treffen sie Lämmer, Schafe oder wer auch immer dort im Stall lebt. Sie spielen unter Schafen und Ziegen, werden von den Tieren mal geknufft und mal gestupst. Die Welpen lernen, dass all diese Tiere zum Rudel gehören. Und das bewachen sie ihr Leben lang.  Darüber hinaus sehen sie die Weide als ihr Territorium an, in dem sie keine anderen "Caniden" wie Hunde oder Wölfe dulden. Damit sind Hunde für den Herdenschutz weitaus effizienter als andere Tiere wie etwa Esel. 

Leben Hunde unter den Schafen, stellen sie für Wölfe eine extrem schwere Beute dar, die sie lieber umgehen. Das berichten Schäfer in den Wolfsregionen der italienischen Abruzzen, den französischen Pyrenäen und im spanischen Nordwesten. Und die Erfahrung machen auch jene Schäfer in Deutschland, die Herdenschutzhunde zwischen ihren Tieren halten.  

Ein Wolf vermeidet grundsätzlich einen Kampf um Beute. Er könnte sich verletzen, was ihn wiederum für spätere Beutezüge schwächt. Als Jäger, dessen Streifzüge täglich 40 Kilometer betragen, ist die körperliche Unversehrtheit das höchste Gut. Ein Grund, warum Wölfe gegenüber Beute stets vorsichtig taktieren. Ihr Revier markieren Wölfe ebenso wie Hunde mit Urin und Kot. Wölfe verstehen also die Botschaft, die Herdenschutzhunde aus der Schafherde senden: Hier leben wir!  

Wölfe sind vorsichtige Tiere. Sie beobachten ihre Beute, bevor sie angreifen. Wölfe erkennen, welche Tiere jung, alt oder krank sind und damit überhaupt als Beute erreichbar sind. Die Herdenschutzhunde sind mindestens so groß wie die Wölfe. Die Hunde bedeuten also eine echte Gefahr für Wölfe. Die Schafe oder Ziegen in der Herde sind deswegen nicht mehr so interessant für sie.

♦ siehe auch ⇒ 

Wolfsmanagement

Mit Wölfen leben

 (Quelle: UM.bw/NABU/H I N)