Glaube im Medienzeitalter

Erstellt: Dienstag, 31. Juli 2018 Veröffentlicht: Dienstag, 31. Juli 2018

(joER). Jugendliche sind heute ganz selbstverständlich von Technik aller Art umgeben. Der Umgang mit Smartphones, YouTube und Apps prägt ihren Alltag. Religionsunterricht, will er an der Lebenswelt junger Menschen orientiert sein, muss hierauf reagieren, ist der Würzburger Religionspädagoge Jens Palkowitsch-Kühl überzeugt. Wie das konkret geschehen kann, zeigt das Projekt „ReLab digital“, das am Lehrstuhl für Evangelische Theologie II der JMU etabliert ist. Seit einem Jahr entwickeln Religionspädagogen aus ganz Deutschland digitale Werkzeuge zu verschiedenen Themen des Religionsunterrichts.

„Als wir anfingen, stellten wir fest, dass es für unser Fach noch fast gar nichts gibt“, so Palkowitsch-Kühl. Nicht einmal E-Books sind vorhanden. Im Grunde eine unhaltbare Situation im Medienzeitalter.

Das fand nicht nur das Team um Lehrstuhlinhaberin Ilona Nord. Das Projekt, das zum Ziel hat, den Religionsunterricht attraktiver zu machen und Schüler zugleich digital zu bilden, gewann viele Unterstützer. Dazu gehören die Evangelische Kirche in Bayern (ELKB) sowie die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Auch die Würzburger Professional School of Education (PSE) investiert in das zukunftsweisende Projekt.

„Sexualität und Intimität“, „Pluralität“, „Glaube wird sichtbar“ und „Abschied nehmen“ heißen die vier Themenfelder, für die digitale Werkzeuge entwickelt wurden. „Im ersten Themenfeld geht es zum Beispiel um Transsexualität, Sexting und sexualisierte Gewalt“, erläutert Palkowitsch-Kühl. Mittels interaktiver Medien erfahren Mittel- und Realschüler zum einen etwas darüber, warum die sexuelle Orientierung eines Menschen niemals ein Diskriminierungsgrund sein darf. Gleichzeitig wird ihnen vermittelt, warum es nicht ratsam ist, intime Selbstaufnahmen via Smartphone und Internet zu verbreiten.

Haben neue Medien Mehrwert

Neue Medien, sagt Jens Palkowitsch-Kühl, bieten eine hervorragende Möglichkeit, Fremdes hautnah kennen zu lernen. Innerhalb des Projekts leitete der Religionspädagoge die Arbeitsgruppe zum Themenfeld „Glaube wird sichtbar“. Das interreligiöse Team, in das auch eine katholische sowie eine muslimische Kollegin integriert waren, entwickelte eine Unterrichtseinheit, bei der Schüler 360 Grad-Spaziergänge durch verschiedene Gotteshäuser unternehmen. „Auf diese Weise kann man, ohne dorthin zu reisen, eine Moschee in Istanbul kennen lernen“, so der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl von Ilona Nord.

Braucht es so etwas unbedingt? Für Palkowitsch-Kühl stellt sich die Frage nach dem „Mehrwert“ der Neuen Medien nicht. Sie sind da. Und deshalb müssen sie einbezogen werden. Was nicht heißt, dass sie andere Methoden und Instrumente komplett ersetzen.

Das Buch, allen voran die Bibel, wird weiter ihren Platz im Religionsunterricht haben. Das „analoge“ Rollenspiel hat ebenso wie das Kamishibai-Theater oder der Stuhlkreis seine Daseinsberechtigung. Digitale Lehr- und Lernszenarien gesellen sich im Medienzeitalter selbstverständlich hinzu. Wobei das „Digitale“ nicht darauf beschränkt werden darf, Schüler zu animieren, im Internet nach einem Begriff zu suchen. Genauso wichtig ist es dem Experten für Neue Medien zufolge, sie zu befähigen, selbst produktiv zu werden.

Vor wenigen Tagen besuchte Palkowitsch-Kühl Realschüler in Neunburg vorm Wald im oberpfälzischen Kreis Schwandorf, um mit den Jugendlichen einen virtuellen Rundgang durch die katholische Wallfahrtskirche „St. Maria Dolorosa“ zu kreieren. 21 Schüler der fünften bis siebten Klasse nahmen daran teil. Sechs Unterrichtsstunden standen während eines Schulprojekttags zur Verfügung.

Zuerst ließ Palkowitsch-Kühl die Schüler im Internet nach Informationen über die Kirche suchen. Wie er feststellte, benötigten die Jugendlichen schon hier Unterstützung. Sie fanden zwar eine Infoseite: „Dort stießen sie jedoch auf Fremdwörter wie ‚Filialkirche’, die sie nicht verstanden.“ Auf die Idee, die blau unterlegten Begriffe anzuklicken und sich weiter zu informieren, seien sie nicht gekommen.

Als alle Infos zusammengetragen waren, begab sich die Gruppe zur Kirche. Ein Teil der Schüler fertigte 360 Grad-Panoramaaufnahmen im Inneren an. Andere nahmen vor der Kirche Infos auf Mikrofon auf. Zurück im Computerraum, wurde alles zu einem virtuellen Rundgang zusammengefasst. Exkursionsteilnehmer können nun auf einzelne Kirchendetails klicken, etwa auf den Altarraum, und hören dazu von den Schülern gesprochene Infotexte.

Ab Herbst sollen die Materialien in Mittel- und Realschulen erprobt werden. Danach will das Team um Ilona Nord und Jens Palkowitsch-Kühl an einer Aus- und Fortbildung für Religionslehrer stricken. Nach wie vor mangele es an medienpädagogischer Kompetenz, sagt der Religionspädagoge: „Was wir entwickelt haben, ist für viele Religionslehrer Neuland“.

Die Tools, die im Projekt „ReLab digital“ erarbeitet wurden, werden im Magazin „Impulse“ des Religionspädagogischen Instituts der Evangelischen Kirchen in Kurhessen-Waldeck und Hessen und Nassau veröffentlicht. Außerdem sollen sie spätestens ab 1. September online abrufbar sein. Der Link zur Online-Veröffentlichung wird auf der Webseite des Lehrstuhls veröffentlicht.

(Quelle: UNI.wueb/HIN)