Jahrmarkt im Umbruch

Erstellt: Donnerstag, 13. September 2018

Gaggenau (joER). Das zeigt sich auch bei der traditionsreichen Gaggenauer Herbstmesse, die als Jahr- und Viehmarkt vor mehr als 120 Jahren ihre Wurzeln hat. Die Zeiten in denen Frauen dort ihre Küchenschürze für den Alltag und ihren Faltenrock für den Sonntag oder Wachstuchdecken erwarben, sind längst vorbei. Socken und Mützen, die früher fast ausschließlich auf dem Krämermarkt gekauft wurden, gibt es heutzutage als Aktionsware selbst im Discounter. Auch Edith Grimm, die seit nahezu vier Jahren in als Marktmeisterin tätig ist, kann sich an die Bedeutung der Herbstmesse zu ihrer Kindheit erinnern.

"Das war ein wichtiger Traditionstermin, auf dem man das ganze Jahr über hingefiebert hat. Zumeist war der Herbstmessen-Sonntag auch verbunden mit dem Einkauf von beispielsweise Schuhe für den Winter". Heutzutage ist die Herbstmesse zwar immer noch ein großer Magnet im Gaggenauer Veranstaltungskalender, der zahlreiche Besucher aus der ganzen Region anlockt, aber es hat sich eine Verschiebung ergeben.

Der heutige Marktbesucher will vor allem Spaß haben, Unterhaltung geboten bekommen, mit Freunden Essen und Trinken. Der Bummel über den Krämermarkt gehört dazu - dient aber längst nicht mehr dazu, wichtige Utensilien für Zuhause zu erwerben, konstatiert Edith Grimm. Die Folge: Die Zahl der Krämer geht seit Jahren kontinuierlich zurück.

"Das liegt zum einen daran, dass es für die Krämer immer schwieriger wird, Nachfolger für ihre Stände zu bekommen und natürlich vor allem am deutlich zurückgehenden Umsatz", erklärt Edith Grimm. Ein Blick in die Statik unterstreicht ihre Aussagen. Noch im Jahr 2008 hatte die Stadt Mühe, unter den zahlreichen Bewerbern für Krämerstände eine Auswahl zu treffen und musste alljährlich viele Absagen erteilen.

500 bis 600 Bewerbungen waren in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends noch die Regel. Rund 170 bis 180 Stände wurden letztendlich aufgeschlagen und sorgten für einen facettenreichen und abwechslungsreichen Markt. In diesem Jahr gingen bei Edith Grimm gerade einmal noch 140 Bewerbungen ein. Das Ordnungsamt musste deshalb die Reißleine ziehen und ein neues Konzept entwickeln.

"Es ist uns alles andere als leicht gefallen, den Markt nun kleiner zu konzipieren", betont Grimm. Denn auch sie hing an dem beliebten Rundkurs von der Eckener-Straße, Jahnstraße über die Konrad-Adenauer-Straße zur Amalienbergstraße. "Das war ein schöner durchgehender Rundlauf, den wir eigentlich nicht aufgeben wollten."

Doch angesichts klaffender Lücken zwischen den Ständen, musste sich die Marktmeisterin den Tatsachen stellen und eine neue Lösung erarbeiten. Das heißt, dass in diesem Jahr erstmals in der Amalienbergstraße keine Händler aufschlagen werden. Die dortigen Händler werden die Lücken im übrigen Marktbereich besetzen. "Natürlich hätten wir diese Lücken auch mit Kleiderhändlern besetzen können", erklärt Grimm.

Aber "es geht nicht nur um die Quantität, sondern auch um die Qualität". Und so erwartet die Besucher nun ein zwar etwas kleinerer Markt mit rund 100 Ständen aber dafür auch ein "feiner Markt" mit klassischer Krämer-Bestückung. Mehr als die Hälfte der Markthändler sind treue Stammbeschicker, die schon seit Jahrzehnten nach kommen.

"Diese Händler wollen wir unbedingt halten und unterstützen", verweist Grimm auch den wohl größten Konkurrenten, den Internethandel. "Wer achtsam durch den Markt geht, wird schnell merken, dass die Atmosphäre, die er auf dem Krämermarkt geboten bekommt, beim Onlinekauf nicht gegeben ist. Ebenso nicht die persönliche Beratung und auch nicht die Witzeleien der Marktbeschicker, die gerade doch einen echten Jahrmarkt ausmachen. Und auch das Sortiment ist weiterhin typisch Gaggenauer Herbstmesse."

(Quelle: StVwGAG/HIN)