Unterrichtsausfälle an Schulen

Erstellt: Mittwoch, 05. September 2018

(joER). Um auf Unterrichtsausfälle an den Schulen in Baden-Württemberg passgenauer reagieren zu können, hat das Kultusministerium vom 11. bis 15. Juni zum ersten Mal eine Vollerhebung des Unterrichtsausfalls an allen öffentlichen Schulen durchgeführt. Der Rücklauf der Auswertung von den rund 4'500 Schulen lag bei 100 Prozent. Die Ergebnisse dieser Erhebung liegen nun vor. "Mit der Vollerhebung gewinnen wir zusätzliches Steuerungswissen, mit dem wir gezielt, d.h. orientiert an den konkreten Bedürfnissen vor Ort auf Probleme in der Unterrichtsversorgung reagieren können", so Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann.

Bisher gab es lediglich eine jährliche Stichprobenuntersuchung im November an rund 15 Prozent der öffentlichen Schulen im Land, die repräsentativen Charakter hat. "Die bisherige Praxis der Stichprobe war für uns unbefriedigend, da wir hieraus nur Hinweise bezogen auf die Situation im Land insgesamt bekommen haben. Mit der Vollerhebung erhalten wir im Querschnitt einen Einblick in die spezifische Situation vor Ort. Es war mir schon länger ein wichtiges Anliegen, hier zu einer transparenteren Datenbasis zu kommen, um passgenauer reagieren zu können", so Eisenmann.

Über alle Schularten hinweg belief sich der Unterrichtsausfall der Vollerhebung auf 4,1 Prozent aller Stunden des Pflichtunterrichts - dabei ist der Anteil der Unterrichtsstunden, die vertreten wurden, nicht eingerechnet. Den geringsten Unterrichtsausfall gab es bei den Grundschulen (1,2 Prozent), den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) mit Förderschwerpunkt Lernen (2,5 Prozent) und den Gemeinschaftsschulen (2,8 Prozent).

Die allgemein bildenden Gymnasien (6,6 Prozent) sowie die beruflichen Schulen (6,0 Prozent) verzeichneten in der Vollerhebung die höchsten Ausfälle, sie liegen vor den Realschulen (4,3 Prozent). Die Abwesenheitsquote der für den Unterricht vorgesehenen Lehrkräfte (Unterrichtsausfall inklusive den durch einen anderen Lehrer vertretenen Unterricht) betrug über alle Schularten hinweg 10,4 Prozent. In insgesamt 6,3 Prozent aller Fälle konnte der ausgefallene Unterricht damit vertreten werden.

Der Unterrichtausfall der Vollerhebung vom Juni liegt um 0,5 Prozentpunkte über den Ergebnissen der Novemberstichprobe. Es ist davon auszugehen, dass diese Abweichung unter anderem auf vermehrte außerschulischen Aktivitäten im Juni sowie auf die geringere Verfügbarkeit von Vertretungslehrkräften zu diesem späteren Zeitpunkt im Schuljahr zurückzuführen ist.

Die Vollerhebung hat auch nach den Gründen für die Abwesenheiten der Lehrkräfte gefragt. Diese waren Krankheit (33,2 Prozent), außerunterrichtliche Veranstaltungen (21,6 Prozent), Lehrerfortbildung (12,2 Prozent) und Mutterschutz bzw. Elternzeit (11,6 Prozent). Vertretungen wurden vor allem durch zusätzlich einbezogene Vertretungslehrkräfte (23,2 Prozent) geleistet. Aber auch Gruppen- und Klassenzusammenlegungen (19,9 Prozent) sowie Mehrarbeit (18,8 Prozent) waren Mittel, um Unterricht für die Schülerinnen und Schüler gewährleisten zu können.

Der SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei sprach von einem Skandal, der auf eine Streichung von über 1000 Lehrerstellen im vergangenen Jahr zurückzuführen sei. Grün-Schwarz habe die schlechtere Unterrichtsversorgung sehenden Auges in Kauf genommen. Stundenpläne seien zum Teil schon am Anfang des Schuljahres abgespeckt und Klassen zusammengelegt worden. 

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte einen deutlichen Ausbau der Krankheitsreserve von derzeit 1'666 Stellen. Denn diesen stünden 5'000 bis 6'000 Lehrer gegenüber, die wegen Mutterschutz, Elternzeit oder Krankheiten langfristig ausfallen. 

Eisenmann: "Ich danke denjenigen Lehrinnen und Lehrern ausdrücklich, die oft kurzfristig im Vertretungsfall einspringen. Der Vertretungsunterricht ist ein wichtiges Mittel, um Unterrichtsausfall zu vermeiden. Doch Vertretungsunterricht ist nicht gleich Vertretungsunterricht. Hier gibt es ohne Frage Unterschiede. Klar ist auch, dass hier die Qualität nicht immer mit dem Regelunterricht gleichzusetzen ist." Bei der nächsten Vollerhebung beabsichtigt Eisenmann, die breite Palette des Vertretungsunterrichts näher unter die Lupe zu nehmen, um diesen Bereich genauer analysieren zu können.

Ziel müsse es sein, dem Ausfall von Unterricht wirksam vorzubeugen. "Zu einem nicht geringen Teil sind es planbare Faktoren, die zu Unterrichtsausfall führen und nicht unbedingt Erkrankungen unserer Lehrkräfte. Deshalb ist es die Aufgabe der Schulverwaltung, aber auch der Schulen, weiter intensiv an passgenauen Vertretungskonzepten zu arbeiten", so Eisenmann.

Die Schulen sehen dagegen das Ministerium in der Pflicht. Ralf Scholl, Vorsitzender des Philologenverbands, nannte das Ergebnis für die Gymnasien "alarmierend". Das Kultusministerium müsse "schnell wirksame Maßnahmen ergreifen". Er fordert, mehr Lehrer einzustellen, und die Lehrerversorgung stufenweise auf 110 Prozent an jeder Schule zu erhöhen. Auch Gerhard Brand vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) sieht das als langfristiges Ziel.

"Tausende Gymnasiallehrkräfte stehen auf der Straße, während die Landesregierung tatenlos zusieht, wie die Kinder und Jugendlichen wegen fehlender Vertretungen nach Hause geschickt werden", moniert die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz. Derzeit sind 1'666 Stellen in der Lehrerreserve, sie sollte um jährlich 200 Stellen aufgestockt werden, fordert Moritz. 

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verlangt, dass die Lehrerreserve für Vertretungen schnell ausgebaut wird und begrüßt, dass es Vollerhebungen zum Unterrichtsausfall künftig mehrmals im Jahr geben soll. Dabei wird das Kultusministerium perspektivisch vom Institut für Bildungsanalysen unterstützt werden, das zum Januar 2019 gegründet wird.

Viel versprochen, wenig gehalten?

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) zeigt sich in der Bildungspolitik enttäuscht von der Landesregierung. Vor dem Hintergrund des schlechteren Abschneidens baden-württembergischer Schüler in bundesweiten Vergleichsstudien hatte Grün-Schwarz Reformen angekündigt. Die Umsetzung lasse aber bislang auf sich warten, meinte GEW-Landeschefin Doro Moritz am Mittwoch. Die Probleme seien nicht gelöst worden.

"Bei näherer Betrachtung zerplatzen die Hoffnungen auf Verbesserungen wie eine Seifenblase." Insbesondere gegen den Lehrermangel und den Unterrichtsausfall tue die Regierung zu wenig.  Moritz erinnerte daran, dass allein an den rund 2'400 Grundschulen etwa 500 Stellen unbesetzt geblieben seien. Insgesamt sind nach den Zahlen der GEW vom Juli rund 1'500 Stellen an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen noch frei gewesen, weil keine Lehrer für die Stellen gewonnen werden konnten.

"Das ist ein beträchtlicher Mangel", sagte Moritz. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will an diesem Donnerstag ihre Zahlen dazu bekanntgeben, wie viele der etwa 5'500 zu besetzenden Stellen in den Schulen wirklich offen bleiben. An diesem Montag beginnt für rund 1,5 Millionen Kinder das neue Schuljahr.

Eisenmann hatte steigende Schülerzahlen und eine Pensionierungswelle als Gründe für die Probleme genannt, auf die zu spät reagiert worden sei. SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei warf Grün-Schwarz vor, im vergangenen Jahr 1'000 Lehrerstellen gestrichen zu haben. Das müsse rückgängig gemacht werden. Die SPD hatte von 2011 bis 2016 selbst das Kultusressort in der damaligen grün-roten Landesregierung inne.  

Ministerin Eisenmann beklagte zuletzt ein gewisses "geografisches Beharrungsvermögen" von Junglehrern. Insbesondere seien Stellen für ländliche Grundschulen schwer zu besetzen. Eisenmann versucht etwa, den Mangel dadurch zu entschärfen, dass ausgebildete Gymnasiallehrer befristet und nach einer Zusatzqualifikation an Grundschulen aushelfen - mit mäßigem Erfolg. Neben den Grundschulen sind es vor allem die beruflichen Schulen, die mit wenig Lehrern klarkommen müssen.

Hingegen gibt es für die Stellen an Gymnasien weitaus mehr Bewerber als freie Stellen - insbesondere für Fächer wie Deutsch.  Nach Einschätzung von Moritz führt der Lehrermangel etwa an den Grundschulen dazu, dass Klassen mit mehr als 28 Schülern gebildet werden. Die GEW fordert unter anderem mehr Vertretungslehrer, die kurzfristig bei Ausfällen einspringen können, und mehr Studienplätze für künftige Lehrer.

"Es wird nichts getan, um auch in 10 bis 15 Jahren eine gute Unterrichtsversorgung sicherzustellen." Moritz beklagte, es fehle beispielsweise nicht nur das seit langem angekündigte Konzept zur Stärkung von Schulleitungen. Auch über den angekündigten Umbau der Schulverwaltung wisse man noch nicht viel. Anfang 2019 sollen das Institut für Bildungsanalysen und das Institut für Schulentwicklung und Lehrerbildung ihre Arbeit aufnehmen.

siehe auch: 

Sommerferien ohne allseitige Jubelarien?

Ergebnisse der Erhebung auf Ebene der Regierungspräsidien und Staatlichen Schulämter sowie eine Übersicht des Unterrichtsausfalls, der Abwesenheit der Lehrkräfte und dem vertretenen Unterricht

(Quelle: KM-KV.bw/GEW/HIN)