Sommerferien ohne allseitige Jubelarien?

Erstellt: Mittwoch, 25. Juli 2018

(Hero). Am morgigen Donnerstag fangen für mehr als 1,5 Millionen Schüler in Baden-Württemberg die Sommerferien an. Auch für rund 144'500 Lehrer im Land beginnt mit dem Ende des Schuljahres die unterrichtsfreie Zeit. Heute ist der letzte Schultag des Schuljahres 2017/18. Am 26. Juli beginnen an allen öffentlichen und privaten Schulen in Baden-Württemberg für über 1,5 Millionen Schülerinnen und Schüler die Sommerferien. Mit dem Ende des Schuljahres starten auch rund 144'500 Lehrerinnen und Lehrer in die unterrichtsfreie Zeit.

Die Schultasche könne zunächst getrost in der Ecke verschwinden, denn "durchatmen und abschalten ist wichtig, um im neuen Schuljahr wieder mit frischer Energie durchstarten zu können“, betont Kultusministerin Susanne Eisenmann. Gleichzeitig sei es zentral, vorbereitet ins neue Schuljahr zu starten. „Es ist die Mischung, auf die es ankommt: Wer erholt ist, ist motiviert und kann Lernstoff gezielt wiederholen und üben“, so die Ministerin. Wie eine effektive Vorbereitung aussehen kann, zeigen die Sommerschulen des Landes Baden-Württemberg.

Die Kultusministerin dankt den Lehrkräften für ihren Einsatz. „Alle, die am Schulleben beteiligt sind, haben im vergangenen Schuljahr wieder intensiv und erfolgreich gearbeitet. Ich wünsche allen Schülern und Lehrkräften, dass sie diese wohlverdiente, freie Zeit mit ihren Familien und Freunden genießen können.“ Zumindest für viele Lehrkräfte klingt das wie blanker Hohn.

Mit Beginn der Sommerferien sind wieder Tausende Lehrerinnen und Lehrer arbeitslos. Laut einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter den Kultusministerien der Länder sind vor allem Vertretungslehrkräfte im Angestelltenverhältnis betroffen. Die Länder sparen dadurch Millionen ein. Die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Marlis Tepe, kritisierte den Kurs der Länder. Vor allem zeige sich, "dass die südwestlichen Bundesländer wieder in den Sommerferien nicht zahlen, in jedem Fall nicht Baden-Württemberg, auch Rheinland-Pfalz nicht".

In Baden-Württemberg endet der Arbeitsvertrag für 3'300 Lehrkräfte nach Angaben des Kultusministeriums spätestens mit Beginn der Sommerferien am 26. Juli. Eine Beschäftigung und Bezahlung dieser Vertretungslehrkräfte auch in den Ferien würde das Land 12,5 Millionen Euro kosten. Bundesweit meldeten sich einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit zufolge in den Sommerferien 2017 rund 4'900 Lehrkräfte arbeitslos - die meisten davon aus Baden-Württemberg mit rund 1'680. Die tatsächliche Zahl der betroffenen Lehrer dürfte aber höher liegen. Nicht alle meldeten sich arbeitslos, erläuterte die GEW-Vorsitzende Tepe.

Ein Sprecher des Kultusministeriums in Baden-Württemberg betonte dagegen laut dpa-Bericht, dass die befristete Beschäftigung im Südwesten mit drei Prozent aller Lehrkräfte die Ausnahme sei. Es handele sich um Vertretungslehrer, die bei längeren Krankheiten oder Ausfällen durch Mutterschutz und Elternzeit einsprängen. Die meisten Kultusministerien äußerten sich ähnlich. Wie viele Lehrer dieses Jahr genau betroffen sind, war vielerorts noch nicht klar. "Das Schlimme ist", beklagt Marlis Tepe, "dass es wirklich dann für die Kollegen und Kolleginnen im Einzelfall eine totale Unsicherheit ist."

Die Praxis der zeitweisen Entlassung mache den Lehrerberuf nicht gerade attraktiv - und das trotz der großen Zahl an Pensionierungen und den dadurch resultierenden Ersatzbedarf. Im vergangenen Jahr waren von den rund 5'100 zu besetzenden Lehrerstellen über 4'300 Stellen Ersatzbedarf, vor allem durch Pensionierungen. Der Ersatzbedarf wird sich voraussichtlich noch die kommenden beiden Jahre auf ähnlich hohem Niveau bewegen.

Einstellungsmöglichkeiten ergeben sich aus dem Mehrbedarf an Stellen zur Realisierung der Erhöhung der Stundentafel, zum Ausbau der Ganztagesschulen und wegen anderer bildungspolitischer Maßnahmen. Auch aufgrund der Verlängerung der Studienzeit im Lehramt Grundschule und damit des Ausfalls fast eines kompletten Bewerberjahrgangs hat sich gerade bei den Grundschulen ein Bewerbermangel entwickelt, der sich auch in den kommenden beiden Jahren noch auswirken wird. 

Der Lehrkräftebedarf an den Grundschulen bleibt weiterhin groß. 1'600 Stellen an den Grundschulen werden im neuen Schuljahr 2018/2019 frei.

Dieser Stellenanzahl stehen 1'100 Bewerberinnen und Bewerber mit einer Lehrbefähigung für die Grundschule gegenüber.

Bis 2025 werden bundesweit etwa 35'000 Lehrkräfte an Grundschulen fehlen.

"Wir brauchen 8'000 zusätzliche Stellen an Grundschulen bis 2030", erklärt der baden-württembergische GEW-Landesgeschäftsführer Matthias Schneider. Die Zahl basiere auf einer Studie, die die GEW vergangenes Jahr vorstellte. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg erneuert deswegen seine Forderung nach kurzfristig sinnvollen Maßnahmen. "Gegenwärtig besteht die Herausforderung darin, unter den Bedingungen eines Bewerbermangels einerseits und neuer bildungspolitischer Herausforderungen andererseits eine stabile Unterrichtsversorgung zu gewährleisten", so Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann.

Die vom VBE geforderte Erhöhung der Studierendenzahl sei zwar ein Schritt in die richtige Richtung, so der Landesvorsitzende Gerhard Brand, reiche aber nicht aus. "Wir müssen dafür sorgen, dass die Studierenden auch im Lehramt ankommen", erklärt Brand. Wenn von 8'000 Studierenden nur 7'000 als Lehrerinnen und Lehrer in den Schulbetrieb kämen, bedeute dies, dass Studierende und Referendare besser begleitet und unterstützt werden müssen.  

"Motivationslücken während des Studiums und insbesondere des Referendariats müssen wir auffangen. Sonst gehen uns viele Lehrerinnen und Lehrer verloren", weiß der VBE-Landesvorsitzende. "Außerdem ist es unabdingbar, dass wir die Lehrkräfte, die wir haben, auch alle einstellen. Das heißt: Das Kultusministerium muss alle Lehrerinnen und Lehrer, die sich durch eine Lehramtsausbildung qualifiziert haben, rechtzeitig einstellen, damit diese nicht abwandern", so der Landesvorsitzende weiter.

Um den Lehrermangel an Grundschulen langfristig in den Griff zu bekommen, sind nach Ansicht des VBE aber weitere Maßnahmen notwendig. Diese schließen insbesondere auch eine Besoldungserhöhung für Grundschullehrkräfte nach A13 ein. "Man muss sich nicht wundern, wenn die Schulart mit dem höchsten Deputat und der geringsten Bezahlung am stärksten unter dem Lehrermangel leidet", gibt der Landesvorsitzende eine Erklärung für den laut der Kultusministerin extremen Bewerbermangel an Grundschulen.

Regional gibt es signifikante Unterschiede. In seinem Gutachten weist der Landesrechnungshof darauf hin, dass der Regierungsbezirk Karlsruhe im baden-württembergischen Vergleich gut versorgt ist. "Die Lehrerinnen und Lehrer, die im Regierungsbezirk Karlsruhe über den Pflichtbereich hinaus vorhanden sind, stellen ein Plus für die Unterrichtsqualität dar", so der VBE-Landesvorsitzende Brand, und gibt bei den Zahlen des Landesrechnungshofs zum Versorgungsgrad zu Bedenken, dass auch die Regierungsbezirke mit einem relativ guten Versorgungsgrad Mangelbereiche nicht voll abdecken können.

Dummer Südwesten? Schlaue Strategie? ...  oder war es andersherum?

"Angesicht der Zahlen zu denken, diese Regierungsbezirke würden sich im Paradies befinden, ist falsch. Sie sind lediglich ein bisschen weniger in der Hölle", erläutert der Landesvorsitzende, und schiebt die Forderung nach, dass diese Stellen erhalten bleiben müssen: "Eine Umverteilung darf es nicht geben. Stattdessen sind die anderen beiden Landesbezirke entsprechend dem Niveau von Karlsruhe und Tübingen zu versorgen, um die Unterrichtsqualität dort zu erhöhen."

Insgesamt war die Sommerarbeitslosigkeit nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 2017 geringer als in den drei Jahren zuvor. Ungeachtet dieses Rückgangs bekräftigte Tepe mit Blick auf den aktuellen Lehrkräftemangel: "Das macht unseren Beruf nicht attraktiv." Auch Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst stehen ihr zufolge in einigen Bundesländern in den Sommerferien zu Tausenden ohne Gehalt da. Sie haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, weil sie als Beamte auf Widerruf während des Vorbereitungsdienstes nicht in der Arbeitslosenversicherung versichert sind.

Dass ein derartiges Verhalten nicht ohne Folgen bleibt, ist nicht unerwartet: die Motivation der Pädagogen wird durch eine permanente Existenzangst durchaus beeinträchtig. Die Abitur-Noten in Baden-Württemberg haben sich in den letzten Jahren verschlechtert. Der Anteil der Schüler mit der Bestnote 1,0 sank laut Kultusministerkonferenz zwischen 2006 und 2016 von 1,79 Prozent auf 1,4 Prozent. Auch die Durchschnittsnote verschlechterte sich von 2,38 auf 2,43. 

Aber Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) wertete die Zahlen nicht als Zeichen, dass die Schüler andernorts höhere Leistungen erbringen. "Dass die Schüler in Berlin und Brandenburg in den letzten Jahren aber auf einmal alle schlauer geworden sind, wage ich sehr zu bezweifeln." Das Abitur müsse vergleichbarer werden. "Und zwar über die bereits angestoßenen Maßnahmen wie dem gemeinsamen Abitur-Aufgabenpool hinaus." Sie strebe an, mit einem Länderstaatsvertrag mehr Verbindlichkeit zu erreichen.  

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rät zu Gelassenheit. "Eine Zehntel-Note kann mal entscheidend sein, aber es haben auch andere Faktoren eine große Bedeutung für die Zulassung in einem Studiengang", sagte Sprecher Matthias Schneider. Hochschulen müssten einen Mix an Zulassungs-Kriterien anwenden und täten das bereits, darunter auch Team-, Präsentations- und Kommunikationsfähigkeit.  

Wichtig sei auch der Weg zum Abitur - im Südwesten müssten Mathe, Deutsch und eine Fremdsprache bis zum Abitur genommen werden. In anderen Ländern habe man mehr Wahlfreiheit, die sich in besseren Noten widerspiegeln könne.  Der Landesschülerbeirat will die relativ schlechteren Abitur-Noten nicht künstlich verbessern. "Solche Eingriffe wären der falsche Weg", sagte der Vorsitzende des Landesschülerbeirats, Leandro Karst, in Pforzheim.

Er lehnte damit die Möglichkeit ab, dass Lehrer im Rahmen ihres Ermessensspielraums Noten nach oben drücken.  Die Abituraufgaben aus dem bundesweiten Pool zeigen Karst zufolge in die richtige Richtung, aber es gebe noch immer deutliche Unterschiede. Das zeige das Englischabitur, das Schüler aus Baden-Württemberg als zu schwer kritisiert hatten. Die Prüflinge in Mecklenburg-Vorpommern hatten zwar dieselbe Aufgabe gehabt.

Allerdings war im Norden die Zeit großzügiger bemessen und der Einsatz von Wörterbüchern erlaubt.  Der Chef des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, warnte, dass der Trend baden-württembergischen Abiturienten schaden könne. "Baden-Württemberg mag Vorbild sein, die Noteninflation könnte jedoch Nachteile für Abiturienten haben", sagte er. Bei Studiengängen mit Zulassungsbeschränkungen könnten Absolventen aus dem Südwesten den Kürzeren ziehen.

Rund 1'300 Schülerinnen und Schüler besuchen in diesem Jahr eine der 47 Sommerschulen in Baden-Württemberg, um sich für das neue Schuljahr vorzubereiten. Die Sommerschulen öffnen meist in den letzten beiden Wochen der Sommerferien. Erstmals sind auch acht Grundschulen und sechs berufliche Gymnasien dabei. Ministerin Susanne Eisenmann wird am Dienstag, 4. September, die Sommerschule in Baden-Baden besuchen.

Der Unterricht im neuen Schuljahr 2018/19 beginnt am Montag, den 10. September 2018.  

siehe auch: Arbeitsmarkt kompakt 12 | 2017 - Lehrerarbeitslosigkeit in den Sommerferien 

Streikverbot für Beamtete

(Quelle: KM-KV.bw/GEW/HIN)