Tausende LehrerInnen arbeitslos

Erstellt: Dienstag, 10. Juli 2018

(Hero). Mit Beginn der Sommerferien sind wieder Tausende Lehrerinnen und Lehrer arbeitslos. Laut einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter den Kultusministerien der Länder sind vor allem Vertretungslehrkräfte im Angestelltenverhältnis betroffen. Die Länder sparen dadurch Millionen ein. Die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Marlis Tepe, kritisierte den Kurs der Länder. Vor allem zeige sich, "dass die südwestlichen Bundesländer wieder in den Sommerferien nicht zahlen, in jedem Fall nicht Baden-Württemberg, auch Rheinland-Pfalz nicht".

In Baden-Württemberg endet der Arbeitsvertrag für 3'300 Lehrkräfte nach Angaben des Kultusministeriums spätestens mit Beginn der Sommerferien am 26. Juli. Eine Beschäftigung und Bezahlung dieser Vertretungslehrkräfte auch in den Ferien würde das Land 12,5 Millionen Euro kosten. Bundesweit meldeten sich einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit zufolge in den Sommerferien 2017 rund 4'900 Lehrkräfte arbeitslos - die meisten davon aus Baden-Württemberg mit rund 1'680. Die tatsächliche Zahl der betroffenen Lehrer dürfte aber höher liegen. Nicht alle meldeten sich arbeitslos, erläuterte die GEW-Vorsitzende Tepe.

Ein Sprecher des Kultusministeriums in Baden-Württemberg betonte dagegen laut dpa-Bericht, dass die befristete Beschäftigung im Südwesten mit drei Prozent aller Lehrkräfte die Ausnahme sei. Es handele sich um Vertretungslehrer, die bei längeren Krankheiten oder Ausfällen durch Mutterschutz und Elternzeit einsprängen. Die meisten Kultusministerien äußerten sich ähnlich. Wie viele Lehrer dieses Jahr genau betroffen sind, war vielerorts noch nicht klar. "Das Schlimme ist", beklagt Marlis Tepe, "dass es wirklich dann für die Kollegen und Kolleginnen im Einzelfall eine totale Unsicherheit ist."

Die Praxis der zeitweisen Entlassung mache den Lehrerberuf nicht gerade attraktiv - und das trotz der großen Zahl an Pensionierungen und den dadurch resultierenden Ersatzbedarf. Im vergangenen Jahr waren von den rund 5'100 zu besetzenden Lehrerstellen über 4'300 Stellen Ersatzbedarf, vor allem durch Pensionierungen. Der Ersatzbedarf wird sich voraussichtlich noch die kommenden beiden Jahre auf ähnlich hohem Niveau bewegen.

Einstellungsmöglichkeiten ergeben sich aus dem Mehrbedarf an Stellen zur Realisierung der Erhöhung der Stundentafel, zum Ausbau der Ganztagesschulen und wegen anderer bildungspolitischer Maßnahmen. Auch aufgrund der Verlängerung der Studienzeit im Lehramt Grundschule und damit des Ausfalls fast eines kompletten Bewerberjahrgangs hat sich gerade bei den Grundschulen ein Bewerbermangel entwickelt, der sich auch in den kommenden beiden Jahren noch auswirken wird. 

Der Lehrkräftebedarf an den Grundschulen bleibt weiterhin groß. 1'600 Stellen an den Grundschulen werden im neuen Schuljahr 2018/2019 frei.

Dieser Stellenanzahl stehen 1'100 Bewerberinnen und Bewerber mit einer Lehrbefähigung für die Grundschule gegenüber.

Bis 2025 werden bundesweit etwa 35'000 Lehrkräfte an Grundschulen fehlen.

"Wir brauchen 8'000 zusätzliche Stellen an Grundschulen bis 2030", erklärt der baden-württembergische GEW-Landesgeschäftsführer Matthias Schneider. Die Zahl basiere auf einer Studie, die die GEW vergangenes Jahr vorstellte. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg erneuert deswegen seine Forderung nach kurzfristig sinnvollen Maßnahmen. "Gegenwärtig besteht die Herausforderung darin, unter den Bedingungen eines Bewerbermangels einerseits und neuer bildungspolitischer Herausforderungen andererseits eine stabile Unterrichtsversorgung zu gewährleisten", so Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann.

Die vom VBE geforderte Erhöhung der Studierendenzahl sei zwar ein Schritt in die richtige Richtung, so der Landesvorsitzende Gerhard Brand, reiche aber nicht aus. "Wir müssen dafür sorgen, dass die Studierenden auch im Lehramt ankommen", erklärt Brand. Wenn von 8'000 Studierenden nur 7'000 als Lehrerinnen und Lehrer in den Schulbetrieb kämen, bedeute dies, dass Studierende und Referendare besser begleitet und unterstützt werden müssen.  

"Motivationslücken während des Studiums und insbesondere des Referendariats müssen wir auffangen. Sonst gehen uns viele Lehrerinnen und Lehrer verloren", weiß der VBE-Landesvorsitzende. "Außerdem ist es unabdingbar, dass wir die Lehrkräfte, die wir haben, auch alle einstellen. Das heißt: Das Kultusministerium muss alle Lehrerinnen und Lehrer, die sich durch eine Lehramtsausbildung qualifiziert haben, rechtzeitig einstellen, damit diese nicht abwandern", so der Landesvorsitzende weiter.

Um den Lehrermangel an Grundschulen langfristig in den Griff zu bekommen, sind nach Ansicht des VBE aber weitere Maßnahmen notwendig. Diese schließen insbesondere auch eine Besoldungserhöhung für Grundschullehrkräfte nach A13 ein. "Man muss sich nicht wundern, wenn die Schulart mit dem höchsten Deputat und der geringsten Bezahlung am stärksten unter dem Lehrermangel leidet", gibt der Landesvorsitzende eine Erklärung für den laut der Kultusministerin extremen Bewerbermangel an Grundschulen.

Regional gibt es signifikante Unterschiede. In seinem Gutachten weist der Landesrechnungshof darauf hin, dass der Regierungsbezirk Karlsruhe im baden-württembergischen Vergleich gut versorgt ist. "Die Lehrerinnen und Lehrer, die im Regierungsbezirk Karlsruhe über den Pflichtbereich hinaus vorhanden sind, stellen ein Plus für die Unterrichtsqualität dar", so der VBE-Landesvorsitzende Brand, und gibt bei den Zahlen des Landesrechnungshofs zum Versorgungsgrad zu Bedenken, dass auch die Regierungsbezirke mit einem relativ guten Versorgungsgrad Mangelbereiche nicht voll abdecken können.

"Angesicht der Zahlen zu denken, diese Regierungsbezirke würden sich im Paradies befinden, ist falsch. Sie sind lediglich ein bisschen weniger in der Hölle", erläutert der Landesvorsitzende, und schiebt die Forderung nach, dass diese Stellen erhalten bleiben müssen: "Eine Umverteilung darf es nicht geben. Stattdessen sind die anderen beiden Landesbezirke entsprechend dem Niveau von Karlsruhe und Tübingen zu versorgen, um die Unterrichtsqualität dort zu erhöhen."

Insgesamt war die Sommerarbeitslosigkeit nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 2017 geringer als in den drei Jahren zuvor. Ungeachtet dieses Rückgangs bekräftigte Tepe mit Blick auf den aktuellen Lehrkräftemangel: "Das macht unseren Beruf nicht attraktiv." Auch Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst stehen ihr zufolge in einigen Bundesländern in den Sommerferien zu Tausenden ohne Gehalt da. Sie haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, weil sie als Beamte auf Widerruf während des Vorbereitungsdienstes nicht in der Arbeitslosenversicherung versichert sind.

♦ siehe auch: Arbeitsmarkt kompakt 12 | 2017 - Lehrerarbeitslosigkeit in den Sommerferien

(Quelle: GEW/HIN)