Negative Berichterstattung

Erstellt: Donnerstag, 05. Juli 2018

(joER). Wenn Zeitungen, Hörfunk- und TV-Sender verstärkt negativ über die wirtschaftliche Lage berichten, sinkt die Risikobereitschaft der Menschen. Zeichnen die Medien hingegen ein positives Bild, sind sie eher bereit, Wagnisse einzugehen. Das belegt eine kürzlich erschienene Studie auf Basis der Daten der für Deutschland repräsentativen Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) am DIW Berlin. Die Studie wurde in der renommierten Fachzeitschrift "Journal of Economic Behavior and Organization" veröffentlicht.

"Die Bereitschaft Risiken einzugehen hängt in allen Bevölkerungsgruppen unter anderem davon ab, wie vielen Risiken sich die Menschen in ihrem Leben bereits ausgesetzt fühlen. Diese Risikowahrnehmung ist auch durch die Medien geprägt", sagt die Ökonomin Maria Zumbühl von der Universität Bern in der Schweiz, eine der Autorinnen der Studie.

Um herauszufinden, wie genau sich das in den Medien vermittelte Bild der wirtschaftlichen Lage auf die Risikobereitschaft auswirkt, hatten Maria Zumbühl und Franziska Tausch von der University of Sydney in Australien die Angaben von mehr als 30.000 SOEP-Befragten ausgewertet, die zwischen 2004 und 2012 immer wieder befragt wurden. Diese schätzten unter anderem auf einer Skala von 0 bis 10 ein, für wie risikobereit sie sich hielten.

Darüber hinaus gaben sie auf einer 3-stufigen Skala an, wie stark sie sich um ihre eigene wirtschaftliche Situation, die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes und um die generelle wirtschaftliche Entwicklung sorgten. Außerdem analysierten die Wissenschaftlerinnen im gleichen Zeitraum die Daten des Medienforschungsinstituts Media Tenor, das laufend die Berichterstattung in den Leitmedien – dazu zählen u.a., die ARD Tagesschau, RTL Aktuell, ZDF heute und die Bild-Zeitung – zur wirtschaftlichen Situation in Deutschland erfasst und in positive oder negative Berichte unterteilt.

Die Analyse der SOEP-Daten zeigte: Je mehr negative Meldungen es gab, desto eher sorgten sich die Befragten um ihre wirtschaftliche Situation, ihren Arbeitsplatz und die generelle wirtschaftliche Entwicklung. Gleichzeitig verringerte sich ihre Bereitschaft, Risiken einzugehen. Umgekehrt galt: Je mehr gute Nachrichten veröffentlicht wurden, desto geringer waren die Sorgen der Befragten und desto eher waren sie auch bereit, Risiken einzugehen. Dieser Zusammenhang bestand unabhängig von ihrem Alter, ihrem Geschlecht oder ihrer Bildung.

Auffallend an der Analyse der SOEP-Daten war, dass die positiven Meldungen nur vorübergehend die Risikobereitschaft der Befragten steigerten. "Wenn die Berichterstattung wenige Tage vor der Befragung positiv war, waren auch die Befragten risikofreudiger", sagt Maria Zumbühl. Je weiter die positive Berichterstattung jedoch zum Zeitpunkt der Befragung zurück lag, desto mehr ging auch die Risikofreude zurück. "Im Laufe der Zeit sehen die Menschen die positiven Meldung wieder verstärkt in einem größeren Gesamtzusammenhang, den sie als negativ bewerten", erklärt Maria Zumbühl.

Als Beispiel nennt sie Berichte über neue Maßnahmen zur Sicherung von Arbeitsplätzen: Zunächst würden solche Nachrichten die Sorgen der Menschen verringern und ihre Risikofreude steigern. Im Laufe der Zeit würden die Menschen jedoch wieder verstärkt das hinter der Maßnahme liegende Problem – eine Krise auf dem Arbeitsmarkt – wahrnehmen und seien entsprechend weniger risikobereit.

DAS SOZIO-OEKONOMISCHE PANEL (SOEP)

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Das SOEP im DIW Berlin wird als Teil der Forschungsinfrastruktur in Deutschland unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und den Ländern gefördert.

Für das SOEP werden seit 1984 jedes Jahr vom Umfrageinstitut Kantar Public (zuvor TNS Infratest Sozialforschung) in mehreren tausend Haushalten statistische Daten erhoben. Zurzeit sind es etwa 30.000 Personen in etwa 15.000 Haushalten. Die Daten des SOEP geben unter anderem Auskunft über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung, Gesundheit und Lebenszufriedenheit.

Weil jedes Jahr dieselben Personen befragt werden, können nicht nur langfristige gesellschaftliche Trends, sondern auch die gruppenspezifische Entwicklung von Lebensläufen besonders gut analysiert werden.

DIE STUDIE: Tausch, Franziska, Zumbuehl, Maria. 2018. Stability of Risk Attitudes and Media Coverage of Economic News. Journal of Economic Behavior & Organization 150, 295-310.