Grundschulen unter Druck

Erstellt: Dienstag, 03. April 2018

(Hero). Grundschulen stehen unter Druck: Nationale und internationale Vergleiche haben jüngst gezeigt: Das Leistungsniveau stagniert und Kinder aus benachteiligten Familien verlieren den Anschluss. Gleichzeitig steigen die Schülerzahlen, werden die Klassen heterogener und viele erfahrene Lehrkräfte gehen in den Ruhestand. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass bereits bis 2025 ca. 35'000 Lehrkräfte in Grundschulen fehlen.  Nur mit kurzfristigen, qualitätsbewussten Maßnahmen kann ein Lehrermangel abgewendet werden.

An den Grundschulen wird sich in den kommenden Jahren die bereits heute spürbare Personalnot weiter zuspitzen. An den Universitäten werden gerade genug Lehrkräfte ausgebildet, um jene zu ersetzen, die alters- oder gesundheitsbedingt aus dem Schuldienst ausscheiden. Der aktuell starke Anstieg der Schülerzahlen erfordert aber zusätzliches Personal, vor allem im Zeitraum von 2021 bis 2025.

Auch beim Ausbau der Ganztagsschulen und der Weiterentwicklung der individuellen Förderung werden zusätzliche Lehrkräfte gebraucht. Aufgrund der langen Dauer der Lehrerausbildung reicht eine Aufstockung der Ausbildungskapazitäten nicht. Zusätzlich müssen kurzfristigere und flexible Lösungen gegen den Lehrermangel umgesetzt werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn für die Bertelsmann Stiftung.

Insgesamt müssen bis einschließlich 2025 knapp 105'000 Grundschullehrer neu eingestellt werden. Davon entfallen etwa 60'000 auf den Ersatz ausscheidender Lehrkräfte. 26'000 Lehrer werden außerdem benötigt, um die Unterrichtsversorgung bei steigenden Schülerzahlen zu gewährleisten. Für den Ausbau von Ganztagsschulen werden weitere 19'000 Lehrer benötigt. Allerdings stehen im gleichen Zeitraum nur 70'000 regulär ausgebildete Absolventen für das Lehramt an Grundschulen zur Verfügung. Damit fehlen den Grundschulen mindestens 35'000 regulär ausgebildete Lehrkräfte: Erst ab 2026 zeichnet sich Entspannung ab.

"Gute Schule ist guter Unterricht und der wird durch gute Lehrer gemacht. Angesichts des bundesweiten Lehrermangels sollten sich die Länder die Lehrer nicht länger gegenseitig abwerben. Die Verantwortlichen sollten gemeinsame Lösungen suchen, um den Bedarf zu decken – und zwar ohne die Qualität einreißen zu lassen", so Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.  Mit Blick auf den aktuell politisch diskutierten Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz an Grundschulen, mahnt Dräger: "Der Rechtsanspruch ist pädagogisch sinnvoll und von den Eltern gewollt. Er darf nicht an fehlenden Lehrerinnen und Lehrern scheitern".

Während der Anstieg der Schülerzahlen an den weiterführenden Schulen erst gegen Mitte des nächsten Jahrzehnts ankommen wird, spüren die Grundschulen schon heute den Schülerboom. Mit Blick auf den kurzfristigen Bedarf sollten die Länder deshalb vor allem Anreize dafür setzen, dass erfahrene Lehrkräfte mehr unterrichten – insbesondere Teilzeitkräfte und angehende Pensionäre.

Fast vierzig Prozent aller Grundschullehrkräfte – überwiegend sind es Frauen – arbeiten in Teilzeit. Voraussetzung für eine Deputatsaufstockung von Teilzeitkräften sind u. a. verlässliche Betreuungsmöglichkeiten der Kinder von Lehrkräften. Zudem sollten sie von nicht unterrichtsbezogenen Aufgaben durch andere pädagogische Mitarbeiter in den Schulen entlastet werden. Potenzial gibt es auch bei Lehrkräften an der Schwelle zum Ruhestand. Durch bessere Möglichkeiten des Hinzuverdienstes könnten befristet zusätzlich erfahrene Lehrkräfte für den Unterricht gewonnen werden.

Allerdings basieren die möglichen Maßnahmen mit Blick auf Teilzeitkräfte und Pensionäre auf Freiwilligkeit, so dass ihr Effekt nicht genau zu prognostizieren ist. Um dem sich verschärfenden Lehrermangel zu begegnen, braucht es deshalb zusätzlich Maßnahmen: Seiteneinsteiger müssen für den Einsatz an Grundschulen gewonnen werden.

Schon heute unterrichten in der Primarstufe, dort wo der Lehrermangel groß ist, Fachkräfte ohne Studium des Grundschullehramts. Angesichts der besonderen pädagogischen Herausforderungen bedarf es der sorgfältigen Auswahl, Qualifizierung und Begleitung von Seiteneinsteigern. "Flexible Zugangswege zum Lehrerberuf und pädagogische Qualität dürfen nicht im Widerspruch stehen. Wir brauchen einheitliche Standards für die Qualifizierung von Seiteneinsteigern. Dazu gehört auch genügend Zeit für berufsbegleitendes Lernen und für das Mentoring durch erfahrene Kollegen", sagt Dräger.

Die Studienautoren machen deutlich, dass der Lehrermangel regional unterschiedlich ausfällt und die weitere Entwicklung von Unsicherheiten geprägt bleiben wird. Deshalb, so Dräger, müsse der lokale Bedarf in regelmäßigen Abständen aktualisiert und prognostiziert werden. Die aktuelle Veröffentlichung ist gegenüber dem im Sommer 2017 vorgelegten Heftchen "Demographische Rendite adé" seriöser und zurückhaltender. In der damaligen Publikation hat die Stiftung veraltete Zahlen aufbereitet und daraus entsprechend ungesicherte Rückschlüsse gezogen.

Anita Klahn: Wir brauchen pädagogische Vollprofis an den Grundschulen

Die bildungspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, Anita Klahn: "Schon vor Veröffentlichung der Bertelsmann-Studie war klar, dass an den Grundschulen ein erheblicher Personalmangel besteht, der sich wohl noch vergrößern wird. Die FPD trat deshalb schon im letzten Wahlkampf entschieden für eine Erhöhung der Planstellen ein. Es ist sehr erfreulich, dass uns die Koalitionspartner nun bei der Umsetzung dieses Vorhabens unter-stützen.

Im diesjährigen Haushalt sind 40 zusätzliche Grundschullehrerstellen vorgesehen. Im nächsten Jahr kommt noch einmal dieselbe Zahl hinzu. Allerdings ist es nur ein erster Schritt, diese Stellen in den Haushalt einzustellen. Wir müssen vor allem die Attraktivität des Grundschullehrerberufs steigern. Mangelnde öffentliche Anerkennung und eine geringere Bezahlung als die mancher Berufskollegen sind zwei wesentliche Gründe, warum sich nicht so viele Studienanfänger für das Grundschullehramt entscheiden. Diese geringere Wertschätzung ist absurd, wenn man bedenkt, dass in der Grundschule das Fundament für eine erfolgreiche Bildungsbiographie gelegt wird.

Aufgrund dieser großen Bedeutung der Grundschulausbildung hat sich die Jamaika-Koalition dazu bekannt, die Besoldung auf das A13-Niveau anheben zu wollen. Ob die Einstellung von Seiteneinsteigern eine wirkliche Lösung zur Behebung des Lehrermangels ist, so wie es die Studie vorschlägt, ist zweifelhaft. Denn gerade in der Grundschule braucht es pädagogische Vollprofis."

"Die Abordnungen von Gymnasiallehrkräften an Grundschulen in Niedersachsen sorgen vor Ort für viel Unruhe und machen den Lehrkräftemangel schon heute deutlich spürbar. Offensichtlich greift der 17-Punkte-Plan der Landesregierung nicht. Das Prinzip des Wegschauens hat die Probleme an den Schulen in den letzten Jahren verschärft. Die Landesregierung muss sich fragen, warum die Lehrerbedarfserhebung nicht funktioniert. Kein Unternehmen der Welt könnte sich eine solche Fehlplanung leisten. Wir werden hierzu eine Unterrichtung beantragen."

"Auch der Zwischenbericht der Arbeitszeitkommission zeigt die hohe Belastung der Grundschullehrkräfte auf – bei gleichzeitig schlechterer Bezahlung als die Kolleginnen und Kollegen anderer Schulformen. Wir brauchen endlich A13 auch für Grundschullehrkräfte. Auch muss die Arbeitsbelastung dringend in den Blick genommen werden, um den Beruf attraktiver zu machen."

Für die Studie "Lehrkräfte dringend gesucht - Bedarf und Angebot für die Primarstufe" haben Klaus Klemm und Dirk Zorn den Bedarf an neu einzustellenden Grundschullehrkräften bis zum Jahr 2030 abgeschätzt und mit der zu erwartenden Zahl regulärer Absolventen der lehrerbildenden Hochschulen abgeglichen. Grundlagen ihrer Berechnung für die Primarstufe bilden dabei neben der von den beiden Autoren im Juli 2017 vorgelegten Vorausschätzung zur Entwicklung der Schülerzahlen auch die im Oktober 2017 veröffentlichte Kalkulation zum qualitätsvollen weiteren Ausbau der Ganztagsschule.

Außerdem berücksichtigen sie den Ersatzbedarf durch aus dem Schuldienst ausscheidende Lehrkräfte. Die in der Studie enthaltenen Empfehlungen zu kurzfristig wirksamen Maßnahmen gegen den prognostizierten Lehrermangel wurden vorab in zahlreichen Gesprächen mit Verbändevertretern und Experten ergänzt und plausibilisiert.

(Quelle: Bertelsmann/HIN)