Holocaust-Gedenktag

Erstellt: Freitag, 25. Januar 2019

(joER). Vor dem Internationalen Holocaust-Gedenktag am kommenden Sonntag hat Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, zum Kampf gegen den Antisemitismus aufgerufen und sich voller Sorge über die Ängste der heute in Europa lebenden Juden gezeigt; und auch Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall mahnt: "Um Demokratie, Würde des Menschen und Rechtsstaatlichkeit zu sichern, müssen wir uns mit der Vergangenheit und unserer besonderen Verantwortung auseinandersetzen."

In der Vergangenheit gab es immer wieder Entwicklungen, welche den Lauf der Geschichte geprägt oder verändert haben. Bestimmte Tage stehen symbolisch für Entwicklungen, welche sich wochen-, monate- oder sogar jahrelang hinzogen.

"Zur schmerzlichen Wahrheit der Geschichte gehört, dass die Morde und Deportationen, die Brandschatzungen und Zerstörungen flächendeckend in ganz Deutschland und also auch quer durch unser heutiges Bundesland stattgefunden haben. Das waren keine einzelnen, isolierten Gewaltakte. Das war Terror und Gewalt, angeordnet von höchsten, staatlichen Stellen und durchgeführt mithilfe des Staatsapparates einschließlich von Polizei, von Feuerwehren, von Verwaltungen", erklärte der stellvertretende Ministerpräsident Thomas Strobl. 

"Die Lehre aus den schrecklichen Verbrechen muss sein, Aufklärung und Zivilcourage im täglichen Leben immer wieder neu zu verankern und zu vertiefen", fordern die Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck, und der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte im Deutschlandfunk: "Wir müssen natürlich Formen des Erinnerns finden, die die Menschen heute ansprechen. Auch die, die jetzt vor einigen Jahren erst zu uns gekommen sind, entweder als Migranten oder sogar als Flüchtlinge."

Der 27. Januar, der Tag der Befreiung von Auschwitz (27.1.1945), steht für die Schrecken des Holocausts während der NSDAP-Diktatur und gilt als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Der 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamierte Holocaust-Gedenktag soll auf die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 aufmerksam machen. Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, gibt sich mit ihren 86 Jahren unverdrossen kämpferisch: "Wehret den Anfängen!" Sie vermisse einen "Aufschrei der gesellschaftlichen und politischen Institutionen" gegen einen wachsenden Antisemitismus. 

Die Vereinten Nationen hatten den Tag 2005 als "Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust" ausgerufen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat anlässlich des Gedenktags dazu aufgerufen, null Toleranz gegenüber Antisemitismus und Hass zu zeigen: "Dieser Tag lässt uns daran erinnern, was Rassenwahn, Hass und Menschenfeindlichkeit anrichten können ... das ist leider in unserer heutigen Zeit wieder von großer Dringlichkeit." Es sei wichtig, auch mehr als 70 Jahre danach an den Holocaust zu erinnern, "da der Nationalsozialismus Teil unserer Geschichte ist". Deutschland müsse aktiv darauf hinwirken, "dass sich so etwas niemals wiederholt".

Der Präsident der Europäischen Kommission erläutert:

"Am 27. Januar gedenken wir der sechs Millionen jüdischer Frauen, Männer und Kinder sowie aller anderen Opfer, die während der Schoah ermordet wurden. Vor 74 Jahren befreiten die Alliierten das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo sie unsägliche Grausamkeiten entdeckten. Die blinde Mordmaschinerie war aus dem Hass auf die "Anderen" gebaut worden.

Ich bin am heutigen Tag voller Sorge. Nie hätte ich gedacht, dass ich es noch erleben würde, wie Juden in Europa Angst bekommen, ihren Glauben auszuüben. Es erfüllt mich mit Trauer, dass fast 40 Prozent von ihnen darüber nachdenken, Europa zu verlassen. In Europa ist Holocaustleugnung salonfähig. Während jeder dritte Europäer nach eigenen Angaben "nur ein bisschen" über den Holocaust weiß, hat einer von zwanzig nie etwas davon gehört.  Nichtwissen ist gefährlich. Das Leben geht weiter, die Erinnerung verblasst, und jetzt erst recht ist es unsere moralische Pflicht, die Erinnerung am Leben zu erhalten. Wir können das Geschehene nicht rückgängig machen, aber wir können dafür sorgen, dass so unsäglicher Schrecken künftigen Generationen erspart bleibt.

Wir werden Antisemitismus in den verschiedenen Äußerungsformen von der Hetze im Alltag und im Internet bis hin zu den tätlichen Ausschreitungen nie wieder hinnehmen. Die Europäische Kommission arbeitet mit allen Mitgliedstaaten eng zusammen, um dieser Bedrohung entgegenzutreten und die Sicherheit der jüdischen Gemeinden in Europa zu gewährleisten.  Unsere Union ist aus der Asche der Schoah erstanden. Sich daran zu erinnern und Antisemitismus in jeder Form zu bekämpfen, ist eine Pflicht gegenüber der jüdischen Gemeinschaft und nicht wegzudenken aus dem Schutz unserer gemeinsamen europäischen Werte."

"In allen Formen des Rassismus werden Menschen bedrohliche Eigenschaften zugeschrieben. Zum Beispiel wird sogenannten 'Zigeunern' vorgeworfen, sie könnten nicht sesshaft sein und wären kriminell, oder Menschen mit dunkler Hautfarbe, sie wären faul und unbeherrscht", erklärt Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus. "In Krisenzeiten oder bei Einführung neuer Medien, wie nun dem Internet, können diese Verschwörungsmythen wieder aufbrechen und gefährlich werden, derzeit leider auch in Baden-Württemberg."

"Der Antisemitismus regt sich auch heute wieder und kehrt insbesondere über die digitalen Medien in das öffentliche Leben zurück. Die neuen, medialen Möglichkeiten werden von Extremisten, Terroristen und Populisten gezielt genutzt, um ihren Hass zu verbreiten. So ist heute gerade das Internet ein Ort, an dem Antisemitismus stattfindet. Digitale Angriffe können dabei aber schnell in Übergriffe im realen Leben übergehen", warnt der stellvertretende Ministerpräsident und Minister für Inneres, Digitalisierung und Migration Thomas Strobl. "Immer wieder sind wir als Demokratinnen und Demokraten daher aufgefordert, uns dem Antisemitismus rechtzeitig entgegen zu stellen und ich kann Ihnen versichern, wir werden dies heute und immer wieder tun."

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat anlässlich des Holocaust-Gedenktages zu einer lebendigen Erinnerungskultur aufgerufen: "Wir dürfen nicht vergessen, was damals in unserem Land Menschen anderen Menschen angetan haben." Dies sei umso dringlicher, als derzeit kaum eine Woche ohne Meldungen über antisemitische Vorfälle vergehe, so Bedford-Strohm, Ratsvorsitzende der EKD - Aufgabe sei es, die Erinnerung an das Geschehene wachzuhalten.

Beate Rudolf, Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte: "Abwertungen und Ausgrenzungen von Menschen und Gruppen müssen wir schon in den Anfängen entschieden entgegentreten. Aufrufe zu Hass und Gewalt müssen wir ächten. Dies gilt besonders für die politisch Verantwortlichen, aber auch für uns alle. Mitmenschlichkeit, Solidarität und Zusammenhalt in der Bevölkerung sind zentrale Fundamente einer starken Demokratie und müssen jeden Tag gelebt und eingefordert werden."

Ministerpräsident Winfried Kretschmann erklärte, dass der Kampf gegen den Antisemitismus keine Folge eines schlechten Gewissens sei, sondern ein Gebot der Verantwortung für unsere Demokratie: "Jede Form des Antisemitismus ist menschenverachtend. Dabei ist es egal, ob er von rechts, links oder der Mitte, von Christen, Atheisten oder Muslimen, von Alteingesessenen oder Zugewanderten kommt." Ihm gegenüber dürfe es keine Toleranz geben. "Die Normen und Werte unserer Verfassung gelten für uns alle – und zwar ohne Wenn und Aber!" 

Veranstaltungen anlässlich des Gedenktages in der Hardt IN-Region:

Der Film 'Schindlers Liste' wird in mehreren Kinos der Region gezeigt: unter anderem im Universum-Kino in Karlsruhe (10:30 Uhr), im Kino am Kaiserhof in Baden-Baden (11:30 Uhr) und im Cineplex in Bruchsal (16:30 Uhr). Der oscar-prämierte Film von Steven Spielberg kommt anlässlich seines 25-jährigen Jubiläums für einen Tag wieder in die Kinos.

Die Stadt Karlsruhe lädt am Sonntagnachmittag zu einer Gedenkveranstaltung ins Neue Ständehaus ein. Nach einer Begrüßung durch Oberbürgermeister Frank Mentrup, spricht der Mannheimer Historiker Wilhelm Kreutz über zwei junge Menschen, die sich in Mannheim kannten und in Auschwitz wieder trafen. Die Veranstaltung beginnt um 16 Uhr.

Die Stadt Rastatt hängt am Sonntag die Flaggen auf Halbmast an allen öffentlichen Gebäuden.

Die Fußball-Bundesliga gedenkt ebenfalls der Opfer der Gräueltaten der NS-Zeit. Zum 15. Mal findet am Wochenende die von der Initiative "Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball" getragene Aktion statt, an der sich in ganz Deutschland Klubs und Fans beteiligen. Es gehe darum, ein Zeichen zu setzen gegen "den alltäglichen und aktuellen Rassismus", Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. 

2019 ist der Gedenktag in Baden-Württemberg erstmals den Menschen gewidmet, die wegen ihrer gleichgeschlechtlichen Liebe und Sexualität im Dritten Reich ausgegrenzt und verfolgt wurden. "Wenn heute wieder Ideologien der Ungleichwertigkeit in Länderparlamente einziehen und die Grenze des Sagbaren auch im Bundestag nach rechts verschoben wird, müssen wir mutig und deutlich widersprechen und diese Ideologien demaskieren", erklärte der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD). Daher sei es wichtig und notwendig, dass auch der Deutsche Bundestag 2021 der Würdigung der homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus Raum gebe und ihrer gedenke. 

Vor dem Holocaust versteckt 

Am Donnerstag, 31. Januar 2019 gedenkt der Deutsche Bundestag in diesem Jahr der Opfer des Nationalsozialismus. Die internationale Jugendbegegnung des Bundestags beschäftigt sich in diesem Jahr mit dem Thema "Versteckte Kinder" u.a. am Beispiel der Biographie von Prof. Dr. Saul Friedländer, dem diesjährigen Redner bei der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag.  

Die Gedenkstunde im Plenarsaal beginnt um 9 Uhr. Nach den begrüßenden Worten von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble wird Prof. Dr. Saul Friedländer die Hauptrede der Gedenkstunde halten. Der international renommierte Historiker hat hauptsächlich die Geschichte des Nationalsozialismus, insbesondere das Schicksal der europäischen Jüdinnen und Juden erforscht.

Friedländer wurde 1932 als Sohn einer jüdischen Familie in Prag geboren. Infolge der deutschen Besetzung emigrierte die Familie nach Frankreich. Während der Junge im Versteck überlebte, wurden seine Eltern verhaftet und in Auschwitz ermordet. Nach dem Ende des Krieges wanderte Friedländer nach Israel aus. Er lehrte an der Hebräischen Universität in Jerusalem, an der Universität Tel Aviv und an der University of California, Los Angeles. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. dem Pulitzer-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Zu der Gedenkstunde im Plenarsaal kommen neben den Bundestagsabgeordneten auch Repräsentanten der Verfassungsorgane sowie junge Menschen aus Deutschland und seinen Nachbarländern, u.a. Frankreich und Polen, die an der jährlichen Jugendbegegnung des Bundestages zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus teilnehmen. In diesem Jahr beschäftigen sich die jungen Teilnehmer intensiv mit dem Schicksal Kindern und Jugendlichen, die während der NS-Zeit versteckt wurden, um sie vor der Deportation und Ermordung zu retten.

An der Jugendbegegnung nehmen wieder 80 Jugendliche teil, die sich in Deutschland und seinen Nachbarländern, vor allem Polen und Frankreich, mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzen oder sich gegen Antisemitismus und Rassismus engagieren. Sie werden Schicksale von Kindern und Jugendlichen erforschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus versteckt wurden, damit sie vor Deportation und Ermordung gerettet werden.

Im Anschluss an die Gedenkstunde wird Bundestagspräsident Schäuble eine Ausstellung des United States Holocaust Memorial Museum mit dem Titel "Einige waren Nachbarn" eröffnen (Paul-Löbe-Haus, Halle, 10:30 Uhr).

Die Ausstellung setzt sich mit der Frage auseinander, wie die einzelnen Menschen während der Shoah auf die Bedrohung ihrer jüdischen Kollegen, Klassenkameraden, Nachbarn und Freunde reagierten und welche Beweggründe und welcher Druck diese Verhaltensweisen beeinflussten.

Der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, äußerte Sorgen, dass "das gesellschaftliche Klima mit nicht nur antisemitischem Hass" vergiftet werde, da an die Stelle von Empathie und Toleranz Abgrenzung, Neid und aggressiver Hass trete.

Die Gedenkstunde wird live im Internet unter www.bundestag.de sowie auf mobilen Endgeräten übertragen. Am Folgetag ist sie unter www.bundestag/mediathek abrufbar.

(Quelle: IM.bw/HIN)