Sexualisierte Gewalt

Erstellt: Montag, 31. Dezember 2018

LKR Rastatt (proh). In den letzten Jahren wird sexualisierte Gewalt gegen Frauen in einer immer breiter werdenden Öffentlichkeit thematisiert und diskutiert. Sie existiert in fast allen Lebensbereichen von Frauen und ist wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft. Sexualisierte Gewalt geschieht immer unter Ausnutzung von Abhängigkeits- und Machtverhältnissen. Diesen sind besonders auch Frauen mit Behinderung in unserer Gesellschaft ausgesetzt. Laut einer Studie erlebt jede zweite bis dritte behinderte Frau sexualisierte Gewalt.

Viele Frauen kennen solche Situationen: Anmache auf der Straße, verbale sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Telefonterror, sexualisierte Atmosphäre durch den Vater oder durch andere Personen, sexualisierte Übergriffe durch Ärzte, Lehrer oder Therapeuten, Vergewaltigung.  In der Prävalenzstudie (Schröttle 2004) geben 58% der insgesamt 10.264 befragten Frauen an, schon einmal sexuelle Belästigung erlebt zu haben.

Sexuelle Gewalt haben 13% der befragten Frauen erlebt. In den meisten Fällen ist den Frauen der Täter bekannt.  Jeder sexualisierte Übergriff, unabhängig vom Ausmaß der ausgeübten körperlichen Gewalt, ist für die Betroffene äußerst demütigend und verletzt ihr Selbstbild und Selbstwertgefühl. Am massivsten werden bei einer Vergewaltigung die psychischen und  körperlichen Grenzen durchbrochen. Frauen fühlen sich häufig mitverantwortlich und glauben, eine Situation falsch eingeschätzt oder Vorsichtsmaßregeln außer Acht gelassen zu haben. 

Auf Initiative der Behindertenbeauftragten des Landkreises, Petra Mumbach, beschäftigten sich Fachkräfte der Lebenshilfen Baden-Baden Bühl/Achern und Rastatt-Murgtal im Rahmen des vom Land und in Kooperation mit der Frauenberatungsstelle "fetz" (Stuttgart) geförderten Projekts "Gewaltfrei Leben und Arbeiten" (GELA) bei einer Fortbildung im Landratsamt mit der Problematik.

"Für die Präventionsarbeit und notwendige Hilfen ist die Sensibilisierung und Verzahnung vor Ort sehr wichtig", betonte die Behindertenbeauftragte. Denn Frauen mit Handicap finden bisher nur selten den Weg in eine geeignete Fachberatungsstelle. Hinzu kommt, dass bei sexualisierter Gewalt drei von vier Tätern aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis des Opfers stammen. Weil sie sich kennen, fällt es den Betroffenen schwer darüber zu sprechen. Die traumatischen Erfahrungen haben zum Teil lebenslange Folgen.

Petra Mumbach und die Sozialpädagogin Sandra Zeller vom Verein "Frauen helfen Frauen und Mädchen" warben dafür, die Prävention zu stärken und Frauen mit geistiger Behinderung oder Lernbehinderung mehr als bisher, Zugang zu diesem Thema zu ermöglichen, beispielsweise durch Informationen in leichter Sprache. Der Rastatter Verein berät und unterstützt sowohl betroffene Frauen als auch Netzwerkpartner. Zeller verdeutlichte, wieso es auch in den Werkstätten und Wohnheimen der Behindertenhilfe in unserer Region wichtig ist, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.

Im Teilnehmerkreis bestand Einigkeit darin, dass es einer fortlaufenden Sexualpädagogik und regelmäßiger Selbstbehauptungstrainings bei den Frauen mit Lernbehinderung bedarf, um sie zu stärken. Sie sollen wissen, dass ihr "Nein!" gegenüber einem anderen Menschen auch "Nein" bedeutet, wenn es um die Wahrung ihrer eigenen Wünsche und die Unversehrtheit ihres Körpers geht.

Die Lebenshilfe-Fachkräfte wurden bei der Fortbildung sensibilisiert und in ihrer Wahrnehmung geschult, wie sie Hinweise und Signale besser deuten und angemessen handeln können. Sie erhielten wichtige Informationen, wie sie betroffenen Frauen in den Einrichtungen erste Hilfen zukommen lassen können, wie etwa die Einrichtung eines Schutzraumes oder das Hinzuziehen externer Hilfen. Auch wurde darauf verwiesen, dass jede Frau mit Behinderung eine Notfallnummer griffbereit haben sollte.

Service: Hilfesuchende Frauen können sich an den Verein "Frauen helfen Frauen und Mädchen" (Telefon 07222-37722) oder an das bundesweite Beratungstelefon (08000 116 016) wenden. Hier gibt es Beratung in Deutscher Gebärdensprache, sowie in 17 weiteren Sprachen.

siehe auch: Frei leben ohne Gewalt

(Quelle: Lara/HIN)