Schloss ohne Baden-Fahne

Erstellt: Dienstag, 03. Juli 2018

Karlsruhe (proh). Die Baden-Flagge wird vorerst nicht mehr den Karlsruher Schlossturm zieren. Grund ist eine Anordnung des Staatsministeriums, da 1952 das Bundesland Baden Teil des Landes Baden-Württemberg wurde, womit die badische Fahne ihren offiziellen Charakter verlor. Dennoch wehte bisher die badische Flagge in gelb - rot - gelb über der Badischen Residenz - dem Karlsruher Schloss. Jetzt darf die Baden-Flagge nicht mehr gehisst werden, wie eine Sprecherin des Landesmuseums offiziell mitteilt. Den Grund lieferte der Schlamassel um eine rote Fahne, die auf eine Ausstellung hinweisen sollte.

Auslöser für das Aus der badischen Flagge war eine unvermutete Beschwerde im Juni: Eine rote Fahne war auf dem Schlossturm in Karlsruhe gehisst worden, um auf die Ausstellung "Revolution! Für Anfänger*innen" des Landesmuseums hinzuweisen. Genau vor einhundert Jahren, während der Revolution im November 1918, war auf dem Karlsruher Schlossturm schon einmal eine rote Fahne gehisst worden.

Hundert Jahre, nachdem die Novemberrevolutionäre auf dem Dach des Karlsruher Schlosses eine rote Fahne hissten und die großherzogliche Familie fluchtartig ihre Residenz verlassen musste, kehrt die Revolution nun dorthin zurück. Rund zwei Monate wehte die rote Fahne über dem Karlsruhe Schloss, bis das Landesmuseum die Kunstaktion beendete. Nach der Beschwerde eines "besorgten Bürgers" - wohlgemerkt nicht 1918 sondern 2018 - musste die rote Fahne entfernt werden, da das Museum ein Landesgebäude sei und auf denen dürften nur Landes-, Bundes- oder die Europafahne hängen.

Demgemäß kann also auch die Baden-Fahne nicht mehr gehisst werden, die jahrelang über dem Schloss wehte, ohne dass sich jemand daran gestört hätte. Der Karlsruher Bundestagsabgeordnete Axel E. Fischer: "Als ich davon erfuhr, dass die badische Flagge nicht mehr über dem Karlsruher Residenzschloss wehen darf, hat es mir fast die Socken ausgezogen. Ich möchte, dass die badische Flagge weiterhin als Symbol unserer badischen Kultur und Heimatverbundenheit auf dem Schloss in Karlsruhe weht."

Über der Badischen Residenz - dem Karlsruher Schloss - wehte bisher traditionell 'Gelb - Rot - Gelb'. Laut einer  Verwaltungsvorschrift des Staatsministeriums ist das jedoch nicht zulässig. Bislang wurde die badische Flagge zwar geduldet, aber nun muss sich der "Schlossherr" Eckart Köhne, Direktor des Badischen Landesmuseums, fügen. "Wir richten uns ab jetzt halt nach der offiziellen Flaggenverordnung für Dienstgebäude des Landes", gibt Katrin Lorbeer, Sprecherin des Landesmuseums, bekannt.

"Seit Jahren weht die badische Fahne über dem Karlsruher Schloss und das ist damit nicht nur Gewohnheit, sondern selbstverständlicher Ausdruck unserer heimatlichen Identität - und daran ist Baden-Württemberg nicht zugrunde gegangen, ja nicht einmal auch nur im Ansatz in Frage gestellt worden", äußert sich der Karlsruher Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup. "Erst das Hissen der roten Fahne war dann offensichtlich zu viel und jetzt soll diese Verordnung exekutiert werden, welch kleinlicher Akt mangelnder Souveränität."

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die südliche Hälfte von Baden Teil der Französische Besatzungszone und 1949 als Bundesland Baden Teil der Bundesrepublik Deutschland. Südbaden legte die gelb-rot-gelbe Farben für seine Flagge fest. Die badischen Landesfarben sind seitdem in vielen badischen Vereinen zu finden und demonstrieren damit ihre regionale Verbundenheit. Auf Events sieht man oft ein Fahnenmeer aus gelb-rot und dazu das Badnerlied, die "inoffizielle Landeshymne Badens". 

Grundlage für die Regelung, wer wann was und wie zu beflaggen hat, bildet eine Verwaltungsvorschrift vom Staatsministerium Baden-Württemberg "zur Beflaggung von Dienstgebäuden", die am 26. Oktober 2011 letztmalig geändert wurde und die auf einem Erlass der Bundesregierung basiert. Natürlich kann aber der Ministerpräsident eines jeden Bundeslandes aus besonderen Anlässen zusätzliche Beflaggungen anordnen, wenn er das für nötig hält. Bei lokalen Ereignissen kann das auch der Landrat oder ein Oberbürgermeister bestimmen.

Baden hat nach seiner Fusion mit Württemberg vor 60 Jahren weder seinen bis heute sprichwörtlichen badischen Liberalismus noch seine regionale Identität abgelegt. Es geht um unterschiedliche Mentalitäten, um gewachsene Verbandskultur oder um besondere Problemlagen, die Badische Verbände dann nicht mehr ausreichend berücksichtigt sähen.

Das badische Regionalgefühl wird in den letzten Jahren sogar stärker - und der "Flaggendisput" dürfte das sogar noch beflügeln. Viele badische Organisationen haben den Druck gespürt, endlich zur Einheit zu finden - mit mäßigem Erfolg. Man erkennt am Widerstand von badischen Verbänden und Organisationen, die an der alten Gliederung festhalten, statt einen großen Landesverband zu bilden, dass sie den Verlust ihrer Identität fürchten. 

So setzt sich die Landesvereinigung Baden in Europa e.V. für die Wahrung Badischer Identität und für eine dezentrale Politik in Baden-Württemberg ein, wehrt sich demgemäß vor allem gegen einen "Stuttgarter Zentralismus". Zu diesem Zweck führt sie Veranstaltungen durch, führt Gespräche mit Politikern und Institutionen.

Als Identitätsverlust wird von vielen Badenern der Verlust des "Gewohnheitsrechts" der badischen Fahne über dem ehemaligen Residenzschloss der Markgrafen und Großherzöge von Baden empfunden. In einem Schreiben an das zuständige Staatsministerium protestieren inzwischen auch Nicht-Karlsruher, so etwa drei Landtagsabgeordnete der CDU - Tobias Wald (Wahlkreis Baden-Baden), Uli Hockenberger (Bruchsal) und Albrecht Schütte (Sinsheim): "Wir wollen, dass die badische Flagge wieder auf dem Schloss in Karlsruhe weht. Die Menschen zeigen so ihre Verbundenheit mit dem badischen Landesteil."

"Der Badener ist stolz auf seine Fahne", erzählt Museumssprecherin Lorbeer, sie sei im Gegenteil von Besuchern immer sehr positiv wahrgenommen worden. "Die Badische Fahne ruht nun im Depot - zusammen mit der roten Fahne." Ursprünglich hätte die rote Fahne noch bis November gehißt bleiben sollen, um an die November-Revolution 1918 und die badische Revolution 1848 zu erinnern.

Unterdessen scheint man in der baden-württembergischen Landesregierung ganz offensichtlich die eigene Unsensibilität zu begreifen und bietet einen Kompromiss an: Man könne ja die badische Fahne auf den Masten vor dem Schloss aufziehen. Die Hoffnung, den Nationalstolz der aufgebrachten Badner damit befrieden zu können, dürfte sich zerschlagen.

Dieser Vorschlag ist lediglich ein weiterer Affront, der die Gemüter nicht beruhigen wird, zumal der stellvertretende Sprecher der Landesregierung in Stuttgart, Arne Braun, Baden mit einem Automobilhersteller gleichsetzt: "Wieso sollte es da eine Ausnahmegenehmigung geben? Dann kommt jede Kommune, jeder Automobilhersteller und will seine eigene Flagge hissen. Es gibt keinen Grund für eine Ausnahmegenehmigung - es gibt kein Baden und kein Württemberg - es gibt nur Baden-Württemberg." Ausnahmen seien nicht gewünscht.

"Ich freue mich über jede Initiative, diese Verordnung zu verändern, würde mich noch mehr über einen wieder etwas entspannteren Umgang mit der badischen Fahne freuen, so wie sie jahrelang geduldet, toleriert oder schlichtweg übersehen wurde", fährt OB Mentrup fort. "Gleiches gilt natürlich auch für die württembergische Fahne im dortigen Landesteil."

"Die sehr allgemein und kurz gehaltene Beflaggungsvorschrift ist unseres Erachtens nicht für diesen Fall gedacht", gibt KULT-Fraktionsvorsitzender Erik Wohlfeil in einem Schreiben an Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu bedenken. "Und selbst wenn, gibt es immer noch Interpretationsspielraum. Der zugehörige Bundeserlass enthält Sonderregelungen, die das Land hier anwenden könnte." Dann wäre es möglich die badische oder sogar die rote Fahne legal vom Schlossturm wehen.

Das Staatsministerium muss im August ohnehin die derzeit geltende Beflaggungsvorschrift die die Vor-Vorgänger-Regierung 2011 erneuern. Dann könne sie die Unzulänglichkeiten der bisherigen Vorschrift korrigieren, meint hingegen Wohlfeil. Wenn der Ministerpräsident wolle, könne also das Landesmuseum spätestens ab 23. August die bisherige Beflaggungspraxis rechtssicher fortführen. Aber darauf sollte man sich keine große Hoffnungen machen: "Die wird dann einfach verlängert", ist von der Landesregierung lapidar zu vernehmen.

Ob aber alle Karlsruher Geduld bis zu einer Antwort aus Stuttgart haben, ist unklar. Überlegungen zu einer Flaggen-Demonstration auf dem Schlossplatz und zu einer Petition an die Landesregierung sind bekannt. Fast revolutionäre KULT-Forderung daher: Europafahne hissen, bis eine für Badener befriedigende Entscheidung getroffen werden konnte. In der heutigen Zeit seien Zeichen "pro Europa" dringend notwendig. 

In diesem Zusammenhang weisen Abgeordnete darauf hin, dass die sogenannte "Regenbogenfahne" im Jahr 2013 auf dem Neuen Schloss in Stuttgart gehisst wurde. Anlass waren die Christopher-Street-Days. Damals hatte die Landesregierung argumentiert, es handele sich um ein Signal für Toleranz und Vielfältigkeit. Diese Vielfältigkeit sollte für die badische und die württembergische Landesflagge ebenfalls Bedeutung erlangen, zumal es hier um eine gewachsene kulturelle Identität geht.

"Das Land Baden-Württemberg ist für uns alle und auch außerhalb des Landes so selbstverständlich geworden, dass eine badische Fahne über dem Karlsruher Schloss diese Zugehörigkeit nicht gefährdet, sondern eher verstärkt", erklärt  Mentrup, und Natalia März vom Badischen Landesmuseums sieht in dieser sehr emotional geführten Debatte einen durchaus positiven Effekt, zeige sich doch, dass die Badener sich für ihre Geschichte interessieren. 

◊   NACHTRAG vom ⇒ 10. Juli 2018  

◊   An jedem ersten Donnerstag eines Monats ab 19:30 Uhr Baden-Stammtisch im Badisch Brauhaus, Stephanienstraße 38-40. 

      Derzeitiger Vorsitzender des Landesvereinigung Baden in Europa e.V. ist Professor Robert Mürb, Stellvertreter seit Oktober 2009

      Harald Denecken. Vorsitzender des Kuratoriums  ist der Karlsruher Kaufmann Karl Leis, Beisitzer Michael Obert. Die Vereinigung

      hat ihren Sitz in 76199 Karlsruhe, Andersenstr. 7, Telefon 0721 / 570 45 671, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

◊   Sonderausstellung, "Revolution! Für Anfänger" bis 11.11.2018, Schloss Karlsruhe, Di–Do 10–17 Uhr, Fr–So, Feiertage 10–18 Uhr

      Nicht nur die revolutionären Ereignisse der Jahre 1918/19 werden in der Ausstellung wieder lebendig, sondern auch zahlreiche andere:

     Von 1848/49 bis zur Wende in der ehemaligen DDR, von der Französischen Revolution bis zum Arabischen Frühling erleben die Besucher,

     was zu Revolutionen führt, wie sie ausbrechen, wer sie trägt und wovon Erfolg oder Scheitern der revolutionären Bemühungen abhängen können.

 

(Quelle: StVwKA/LV.ka|IM.bw|HIN)