Blut-Tests wegen PFC

Erstellt: Dienstag, 06. März 2018

Rastatt | Baden-Baden (proh). Bereits beim ersten Bekanntwerden von PFC-Belastungen auf Böden und im Grundwasser im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden, hatte das Landratsamt Karlsruhe im Sommer 2014 an mehreren Stellen im Landkreis Boden- und Trinkwasserproben nehmen und analysieren lassen.  Als Grund der Verunreinigung in Rastatt und Baden-Baden wurde vermutet, dass ein Unternehmen, das auch eine Niederlassung im Landkreis Karlsruhe hat, in Komposte Schlämme aus der Papierindustrie eingearbeitet hatte.

Vermutlich waren diese Schlämme mit perflourierten Chemikalien (PFC) verunreinigt und wurden in den Jahren 2000 bis 2008 als Dünger in den Verkehr gebracht.  Die Ergebnisse der Untersuchungen damals waren, dass keine bzw. geringste Belastungen festgestellt wurden, weshalb auch nach Abstimmung mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe weitere konkrete Maßnahmen nicht notwendig waren. Auch Untersuchungen verdächtiger Stellen aufgrund konkreter Hinweise und Umweltmeldungen in den Jahren 2015 und 2016 ergaben keine bzw. nur geringfügige Befunde. Verunreinigungen des Trinkwassers konnten nicht nachgewiesen werden.

Im Zuge des Gerichtsverfahrens gegen den Unternehmer traten nun neue Anhaltspunkte auf, die das Landratsamt Karlsruhe veranlasst haben, im Lieferkreis der hier ansässigen Niederlassung weitere Boden- und Grundwasserproben sowie erneute Trinkwasseranalysen durchzuführen. Auf 16 landwirtschaftlichen Flächen im nordwestlichen Teil des Landkreises Karlsruhe wurden Proben des Oberbodens entnommen. Die Analysen dieser Proben lagen in sieben Fällen über dem gesetzlichen Warnschwellenwert und geben damit Anlass, weitergehende Untersuchungen vorzunehmen.

Die fünf betroffenen Landwirte wurden informiert. Die Felder werden in ein Vorerntemonitoring aufgenommen, das dafür sorgt, dass Pflanzen rechtzeitig vor der Ernte untersucht werden. Vorsorglich nimmt das Landratsamt Karlsruhe auch nochmals amtliche Trinkwasserproben in diesem Bereich. Mit den Ergebnissen dieser Untersuchungen ist Mitte März zu rechnen.  

Eine Möglichkeit die Verluste teilweise aufzufangen nannte Untersteller nun PFC-belastete Ackerflächen im Raum Rastatt und Baden-Baden für die Errichtung von PV-Anlagen. Das Umweltministerium habe von der Clearingstelle EEG prüfen lassen, ob solche Flächen in Betracht kommen können. Die Clearingstelle sei dabei zu einem grundsätzlich positiven Ergebnis gekommen. "Ich hoffe, dass es gelingt, dort neue Anlagen zu genehmigen. Aber ich sage auch: Vor einer Genehmigung stehen hohe Hürden." 

Bei den per- und polyfluorierten Chemikalien PFC handelt es sich um künstlich hergestellte Stoffe, die seit den 1970iger Jahren wegen ihrer wasser-, schmutz- und fettabweisenden Eigenschaften in vielen Verbraucherprodukten verwendet werden wie z.B. in Outdoor- und Arbeitskleidung, im Heimtextilbereich aber auch bei der Herstellung von Verpackungen wie z. B. Pappkartons, Feuerlöschschäume, Wachse oder Schmiermittel. Für perfluorierte Verbindungen sind keine biologischen Abbauvorgänge bekannt, weshalb eine zunehmende Verbreitung dieser Verbindungen in der Umwelt zu verzeichnen ist.

Vergangene Woche haben die Blut-Tests im Raum Rastatt und Baden-Baden angefangen. Die Bewohner werden auf PFC-Belastungen untersucht. Damit will man klären, ob sich der Giftstoff auf Ackerböden und Grundwasser auch im Menschen nachweisen lässt und ob es sich auf die Gesundheit auswirkt. Vor allem im Raum Rastatt und Baden-Baden sind viele Flächen mit der Chemikalie belastet, diese steht im Verdacht, Krebs zu verursachen. Das Gesundheitsamt in Rastatt führt deshalb nun die Blut-Tests durch, bereits 30 Personen haben eine Probe abgegeben.

Die zu untersuchenden Personen werden per Zufallsprinzip aus drei Gruppen ausgewählt. Die erste Gruppe kommt aus Gemeinden, in denen bis 2014 das Trinkwasser mit dem Giftstoff belastet wurde, die Zweite kommt aus Regionen, in denen PFC im Boden und im Grundwasser nachgewiesen wurde, die dritte Gruppe aus Gegenden ohne PFC-Belastung.

Parallel dazu verläuft der Endspurt beim Umbau des Wasserwerks Rauental der star.Energiewerke wie geplant: Fast 20 Kubikmeter Aktivkohle - das entspricht circa 2'000 Zehn-Liter-Eimern - sind in die vier neuen Filteranlagen eingefüllt worden. Ihre Aufgabe ist es, von nun an perfluorierte Chemikalien (PFC) aus dem Rastatter Brunnenwasser zu entfernen, das seit über fünf Jahren Grundwasser und Böden der Region belastet. Tobias Meisch, stellvertretender Projektleiter und Wassermeister der star.Energiewerke für den Umbau des Wasserwerks Rauental, informiert.

"Wie geplant starten wir ab sofort mit dem Probebetrieb. Damit stellen wir sicher, dass bis zur geplanten offiziellen Inbetriebnahme Anfang Juni auch wirklich alles reibungslos funktioniert. Das Ganze ist technisch recht komplex." Ergänzend fügt er hinzu: "Für die Handhabung der PFC-Filter ist spezielles Know-how gefragt."

Insgesamt sechs Mann kümmern sich um die Wasserwerke der star.Energiewerke; neben Rauental gehört auch die technische Betriebsführung des Wasserwerk Förch, im Auftrag des Wasserversorgungsverbandes Vorderes Murgtal, dazu." Künftig werden in der Rauentaler Anlage im 24-Stunden-Betrieb pro Filter circa 1,5 Millionen Liter Trinkwasser aufbereitet und von PFC-Verunreinigungen befreit.

In den Umbau des Wasserwerks haben die star.Energiewerke als verantwortlicher Wasserversorger für die Stadt Rastatt bis dato über 3,7 Millionen Euro investiert. Bei Aktivkohle handelt es sich um einen feinkörnigen Kohlenstoff; dieser ist in hohem Maß porös und verfügt deshalb über eine sehr große Oberfläche. Das schwarze Pulver ist daher aufnahmefähig wie ein Schwamm.

"Die größte Stärke von Aktivkohle besteht in der sogenannten Adsorption", erklärt Tobias Meisch. "Das heißt, die Kohlenstoffpartikel können Stoffe wie beispielsweise PFC an sich binden." Nach etwa sechs Monaten Betriebszeit muss die Aktivkohle im Wasserwerk Rauental ausgetauscht werden; so lange dauert es, bis die Filterwirkung nachlässt. "Aktivkohle kann man mehrmals regenerieren; sie ist thermisch reaktivierbar", weiß Tobias Meisch. "Angelagerte Stoffe werden bei diesem Prozess verbrannt. Mitverbrannte Kohle wird bei Bedarf durch Frischkohle ergänzt."

Nach vorsichtigen Schätzungen liegen die Betriebskosten der neuen Anlage bei rund 250.000 Euro jährlich. Sanierungsaufgabe  Olaf Kaspryk, Geschäftsführer der star.Energiewerke, ist froh, dass mit der bevorstehenden Inbetriebnahme des neuen Rauentaler Wasserwerks ein weiterer großer Schritt für eine langfristig sichere Trinkwasserversorgung in Rastatt getan ist. "Endlich ist die volle Redundanz der Wasserversorgung der Stadt wieder hergestellt."

Neben der Versorgungssicherheit auf hohem Niveau übernehmen die star.Energiewerke mit dem umgebauten und durch Aktivkohlefilter erweiterten Wasserwerk auch die Sanierung des Grundwassers. Nach dem Verständnis von Olaf Kaspryk wäre die Sanierung eines solchen großen Grundwasserkörpers eigentlich die Aufgabe des Landes.

"Bis jedoch politische und juristische Konsequenzen aus dem Umweltskandal gezogen sind, können wir als Wasserversorger nicht warten. Es geht um das Lebensmittel Nummer eins. Da ist schnelles Handeln gefragt. Ich bin im Auftrag der Stadt für eine Versorgung mit ausreichend gesundem Trinkwasser der Bürgerinnen und Bürger Rastatts verantwortlich. Und dieser Aufgabe werde ich gerecht." Seit Entdecken des Umweltskandals ist bereits ein ganzes Bündel an Maßnahmen umgesetzt worden, um die Wasserversorgung zu sichern.

 

(Quelle: SEW.ra/HIN)