Bahnhof entdecken ...

Erstellt: Mittwoch, 30. August 2017

Rastatt (proh). Seit dem 12. August ist Rastatt europaweit mit schlechten Nachrichten rund um die Tunnel-Havarie in aller Munde. Und bei jenen, die einen erzwungenen Zwischenstopp am nicht barrierefreien, völlig verwahrlosten Bahnhof einlegen müssen, verstärkt sich ein negativer Eindruck, den die Bahn hier hinterläßt - und leider auch von der Barockstadt. Das kann so nicht stehen bleiben, sagte sich das Stadtmarketing, schließlich habe Rastatt viel mehr zu bieten als den maroden Bahnhof. Flugs wurde ein Großflächenplakat mit dem Hinweis 'Entdecken Sie die schönen Seiten der Barockstadt Rastatt' aufgestellt.

Tagelang hatten die Sprecher der Bahn verharmlosend "von technischer Störung" gesprochen, inzwischen reden sie von "Havarie", Fachleute von einer Katastrophe. Der Vorfall ist mittlerweile nicht nur bundesweit ein Thema und immer mehr rückt auch der Rastatter Bahnhof in den Fokus, denn jeder, der dort landet, nachdem er aufgrund der Gleisabsenkung Rastatt als Umsteige nutzen muss, erkennt, dass er an einem der heruntergekommensten Bahnhöfe des Landes gestrandet ist. 

Die Deutsche Bahn (DB) arbeitet nach eigenen Aussagen mit Hochdruck am Qualitätsprogramm 'Zukunft Bahn' für mehr Qualität und Kundenorientierung. Davon ist im Rastatter Bahnhof nichts zu bemerken. Von dem Standard, den die Bahn immer wieder vollmundig für sich in Anspruch nimmt, kann hier keine Rede sein: Bahneigene Toiletten? Fehlanzeige! Service? Gleich Null! Barrierefreiheit? Nicht vorhanden! Bereits der Ausstieg aus den ICEs erweist sich für mobilitätseingeschränkte Bahnkunden als schwierig.

Und dann: steile Treppen müssen von Rollstühlen und Kinderwagen überwunden, Koffer und Taschen von den Fahrgästen über die Stufen gewuchtet werden. Die Bahnsteige sind verwahrlost und zu niedrig, keine Aufzüge, keine Gepäckbänder, Durchsagen funktionieren nur sporadisch, von den Wänden blättert die Farbe, in der Ferne rosten Eisenbahnwaggons - und das bei einem Bahnhof, den schon im täglichen Regionalverkehr normalerweise bis zu 7'000 Fahrgäste frequentieren. 

Um den Blick der Zugreisenden weg vom Bahnhof auf die schönen Seiten der Barockstadt zu lenken, ließ Marketingchef Raphael Knoth am Bahnhofsvorplatz ein Großflächenplakat aufstellen - 'Entdecken Sie die schönen Seiten der Barockstadt Rastatt' steht da geschrieben. "Mit dem Plakat und einem leichten Augenzwinkern wollen wir all denen vermitteln, die täglich einen erzwungenen Zwischenstopp am Bahnhof einlegen müssen: Kommt uns doch mal wieder und dann richtig besuchen. Es ist schön in Rastatt!"

Doch der Imageschaden, nicht nur für die Barockstadt, dürfte gewaltig sein - für die Deutsche Bahn, als Betreiber des Bahnhofs, ist er immens. Vertreter der Bahn räumen die Probleme am Rastatter Bahnhof zwar ein, signalisieren Gesprächsbereitschaft, doch der längst überfällige barrierefreie Umbau wird wohl dennoch nach dieser Misere auf sich warten lassen - die Bahn will die Kosten des in ihrer Zuständigkeit befindlichen Geländes nicht übernehmen: "Ein barrierefreier Ausbau ist mittelfristig nicht mehr vorgesehen."

"Hier komm ich bestimmt nicht mehr her", so klingt die Mehrheit der entnervten Fernreisenden - und das "leichte Augenzwinkern" wird nach und nach für die Betroffenen zu einem nervösen Augenzucken. Eine hastig aufgebaute Plakatwand hilft da wenig. Einige Stadträte freunden sich inzwischen mit der Idee an, vor dem Bahnhof zusätzlich Schilder anzubringen mit dem Hinweis: "Achtung! Sie betreten jetzt das Gelände der Deutschen Bahn, für dessen Zustand die Stadt Rastatt nicht verantwortlich ist." 

Am Mittwoch, 30. August, traf sich Rastatts Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch mit Sven Hantel, DB-Konzernbevollmächtigter Baden-Württemberg, und forderte von der Deutschen Bahn ein schnelles Handeln. "Die derzeitige Situation mit täglich vielen tausend Zugreisenden am Bahnhof macht überdeutlich, dass nicht länger mit einem barrierefreien Umbau des Bahnhofs gewartet werden kann", so der OB.

Kurzfristig müsse jetzt für die Reisenden zumindest eine Zwischenlösung für eine barrierearme Erreichbarkeit der Züge gefunden werden, etwa durch Rampen am Gleis 1. Hantel sagte zu, dies zu prüfen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass Gleis 1, das ohne Treppensteigen erreichbar wäre, lediglich von Güterzügen genutzt wird. Von Kundenfreundlichkeit gegenüber Bahnreisenden ist in Rastatt nichts zu bemerken. 

OB Pütsch weist zudem darauf hin, dass dringend zusätzliche Toiletten am Bahnhof nötig sind. Die von der DB aufgestellten Dixi-Klos seien für Reisende eine Zumutung und die Kapazität der städtischen Toilettenanlage reiche bei dem Ansturm an Reisenden bei weitem nicht aus. Auch fehlten dringend Bänke für die Bahnkunden. Hantel zeigte wie schon so oft Verständnis für alle genannten Probleme und versprach nicht zum ersten mal, sich um zügige Lösungen zu kümmern.

Der Fahrgastverband 'Pro Bahn' wertet die Sperrung der Rheintalstrecke als Katastrophe für Bahnreisende. "Jetzt erwarten wir von der Bahn, dass sie den Ersatzverkehr so gut wie möglich organisiert und mit geschickten Fahrplänen Personen und Güter vernünftig transportiert", so der Ehrenvorsitzende des Fahrgastverbandes 'Pro Bahn' und stellvertretender Vorsitzender der 'Allianz pro Schiene', Karl-Peter Naumann. Als geplanter Termin für die Wiederinbetriebnahme der Rheintalbahn wird von Seiten der DB der 7. Oktober 2017 genannt.

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(Quelle: StVwRA/HIN)