Kommt die Weihnachtsfrau?

Erstellt: Mittwoch, 06. Dezember 2017

(pierre roh). Sie trägt keinen weißen Bart, aber eine rote Zipfelmütze und einen roten Mantel – wer könnte das wohl sein? Der Weihnachtsmann steckt im Zwiespalt: Einerseits soll er noch den traditionellen starken Mahner spielen, andererseits auch den verständnisvollen Zuhörer. Einige fordern inzwischen ein neues Gleichstellungsdenken, das auf die Belange von Mädchen und Jungen gleichermaßen eingeht. Die Antwort "Weihnachtsfrau" liegt ganz im emanzipatorischen Trend.

Wie eine kleine Umfrage unter Kindern und Jugendlichen zeigt, denkt der Nachwuchs bei der Nikolausbeschreibung nicht etwa an den historischen Sankt Nikolaus, sondern an einen freundlichen Menschen, der an Heiligabend die Geschenke unter den Christbaum legt - noch vorrangig ein sympathischer älterer Herr - doch in der Jugend gärt es: Ein elfjähriges Mädchen sitzt vor einer Staffelei und behübscht geduldig ein Präsent nach dem anderen mit einem Bändchen samt Masche. Inmitten der Packetflut steht eine Frau in dunkelrotem, tailliertem Kleid mit weissem Pelzbesatz an Säumen und Kragen. "Eine Weihnachtsfrau", erklärt das Mädchen selbstbewusst.

"Ich weiß, dass es den Weihnachtsmann gibt, denn ich sehe ihn immer im Fernsehen", argumentiert andererseits der sechsjährige Elias: "Als Kind wurde mir von meinen Eltern vermittelt: Wenn die Kinder lieb sind, kommt der Weihnachtsmann. Mir ist der Unterschied zwischen Weihnachtsmann und Nikolaus schon bewusst, aber die Geschichte vom Nikolaus ist mir nicht so präsent".

Kein Wunder: Ob in Fernsehspots, an Hausfassaden, auf Weihnachtskarten oder auf Coca-Cola-Flaschen – der Weihnachtsmann als Nikolaus-Doppelgänger ist auch nach dem 6. Dezember überall so präsent, dass kaum noch jemand zwischen den Figuren differenzieren kann. Der Weihnachtsmann sei ein fetter Trinker und ein unverfrorener Kapitalist, empörte sich etwa der australische Mediziner Nathan Grill in einem Ärzteblatt. Ein Blogger konterte: "Ein Mann der zu viel Sherry trinkt, in Häuser einbricht, den reichsten Kindern die dicksten Geschenke bringt, für deren Herstellung er Zwerge ausbeutet - es gibt doch gar kein besseres Vorbild. So ist doch das Leben!"

Diese Entwicklung bereitet nicht nur der katholischen Kirche Sorgen. Bereits 2005 hat das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken die Aktion "Weihnachtsmann Freie Zone" gestartet, nicht um die Weihnachtsfrau, sondern um den heiligen Nikolaus als Freund der Kinder und Helfer von Menschen in der Not stärker in das Bewusstsein der Bevölkerung rücken.

Prominente Befürworter wie ZDF-Moderator Peter Hahne, für den der Weihnachtsmann nichts weiter als ein "Packesel der Konsumgesellschaft" ist, unterstützen die Initiative. Geworben wird mit Aufklebern, Postkarten und Plakaten, die einen Weihnachtsmann zeigen, der von einem dicken Balken überdeckt wird. Sogar Bastelbögen sind im Umlauf, mit denen im Handumdrehen aus den geläufigen Weihnachtsmännern aus Schokolade Schoko-Nikoläuse gebastelt werden.

"Vielen Jugendlichen sind Nikolaus und Christkind kein Begriff mehr", haben Umfragen gezeigt. "Wir sind der Meinung, dass es sich lohnt, den heiligen Nikolaus wieder stärker in Erinnerung zu rufen. In vielen Geschichten wird er als gütiger, hilfsbereiter und mutiger Mann beschrieben, der für seine christlichen Wertvorstellungen eingetreten ist. Der heilige Nikolaus ist jemand, den man sich zum Vorbild nehmen kann", so die einhellige Meinung der christlichen Kirchen.

Die Werbefigur des Weihnachtsmannes jedoch steht für den übermäßigen Konsum in der Weihnachtszeit: Die Menschen hasten von einer Weihnachtsfeier zur nächsten, kaufen zu viele Geschenke und wissen eigentlich gar nicht mehr, warum wir Weihnachten feiern. Um diesem Trend entgegenzuwirken, hat sich die katholische Kirche zur Beteiligung an der Aktion entschlossen die ‚weihnachtsmannfreie Zone' auszufen und informiert über den heiligen Nikolaus. Die Adventszeit sollte eine Zeit der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest und der Besinnung auf die wesentlichen Dinge – nämlich Jesu Geburt – sein. Die evangelische Kirche hat bislang keine Anti-Weihnachtsmann-Initiative ins Leben gerufen.

"Wenn einem an einem Adventssamstag in der Fußgängerzone gleich fünf Weihnachtsmänner mit Glöckchen und Rauschebart über den Weg laufen, wird man der Aktion schon etwas abgewinnen können. Andererseits muss sich die katholische Kirche nicht vor einer Überfremdung der christlichen Tradition fürchten", sagt Roger Töpelmann, Sprecher der Evangelischen Kirche Wiesbaden. "Mit dem amerikanischen ‚Santa Claus' wirbt das Christentum weltweit für seine Botschaft, in den asiatischen Ländern ebenso wie in den muslimischen. Das ist doch nicht schlecht."

Dennoch ist auch der evangelischen Kirche bewusst, dass man der "Weihnachtsmannisierung" entgegentreten muss. "In den evangelischen Kirchen finden sich heute häufiger Krippen als früher. Da wird das Christkind, das Martin Luther um 1535 für die Kinder zum Gabenbringer machte, ganz anschaulich." Und in den evangelischen Kindergärten, sagt Töpelmann, legen die Erzieherinnen großen Wert auf die Weihnachtsgeschichte.

Aber eigentlich ist das doch alles irgendwie egal, ist man sich der Bedeutung dieser Festtage bewusst - doch da hapert es aber gewaltig bei vielen Jugendlichen. Dass man sich so vehement wieder einmal an Äußerlichkeiten reibt, ohne die inhaltiche Komponente mehr herauszuarbeiten, verblüfft. Andere Länder sehen das alles nicht so verkrampft. So heisst der Weihnachtsmann in Finnland "Joulupukki". In Norwegen kommt der Julenisse – der Weihnachtskobold. "Sinterklaas" und sein Helfer "Zwarte Piet" (Schwarzer Peter) verteilen in Belgien und den Niederlanden Geschenke.

Das "Ježíšek" (Jesuskind) bringt in Tschechien die Geschenke, während in Russland der "Ded Moros" (Väterchen Frost) mit seiner Enkelin "Snegurotschka" die Päckchen verteilt. In einigen Teilen Italiens werden die Geschenke durch "Gesù bambino", das Christkind, an Heiligabend gebracht, in anderen erst durch eine alte Witwe, die "Befana", am Dreikönigstag, dem 6. Januar. In Amerika kommt "Santa Claus" mit seinem Schlitten, der von seinen Rentieren Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Donder, Blitzen, Cupid, Comet und Rudolph gezogen wird. Auch in England kommt "Santa Claus" oder "Father Christmas" nachts auf einem von Rentieren gezogenen Schlitten und quält sich mit den Gaben den Schornstein hinunter.

In China sind nur zwei Prozent Christen, daher ist Weihnachten kein gesetzlicher Feiertag. Weihnachten wird dennoch gefeiert. Der Weihnachtsmann wird "Dun Che Lao Ren" genannt und steckt die Geschenke in die von Kindern aufgehängten Strümpfe. "Immer recht locker bleiben", sagt sich da die Weihnachtsfrau und freut sich schon jetzt unbändig auf Weihnachten.

(Quelle: ekATH/HIN)