Gegen den Landestrend

Erstellt: Mittwoch, 30. Januar 2019

Rastatt (proh). Der in der vergangenen Woche veröffentlichte ⇒ Vierte  Bildungsbericht  'Bildung in Baden -Württemberg 2018' weist auf erschreckende Defizite hin, die Kinder bei der Einschulungsuntersuchung, circa eineinhalb Jahre vor der Einschulung, haben. So zeige jedes vierte Kindergartenkind mangelhafte Deutschkenntnisse und verfüge nicht über eine ausreichende Schulfähigkeit. Mit einem "Pakt für gute Bildung und Betreuung" bekennen sich das Land und die Kommunen zur immensen Bedeutung der Bildung und Betreuung in der frühen Kindheit.

Mehr Qualität in der frühkindlichen Bildung, mehr Fachkräfte und eine intensivere Förderung aller Kinder. Diese Ziele haben das Kultusministerium und die kommunalen Spitzenverbände im "Pakt für gute Bildung und Betreuung" vereinbart.

Mit dem Pakt bekennen sich Land und Kommunen zur immensen Bedeutung der Bildung und Betreuung in der frühen Kindheit. Die Qualität frühkindlicher Bildung ist der erste entscheidende Baustein in der Bildungsbiografie von Kindern. Von dieser Qualität hängen sowohl individuelle Bildungs- als auch ökonomische Wachstumschancen ab, sie ist somit in mehrfacher Hinsicht eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Der Pakt umfasst eine Ausbildungsoffensive für Fachkräfte, ein neues Konzept für eine verlässliche sprachliche und elementare Förderung, eine stärkere Unterstützung der Inklusion, eine Weiterentwicklung der Kooperation Kindertageseinrichtung - Grundschule, eine finanzielle und qualitative Stärkung der Kindertagespflege, die Errichtung einer eigenen Einrichtung für die frühkindliche Bildung, das "Forum frühkindliche Bildung", sowie eine Evaluation des Orientierungsplans.

Das Land investiert dafür ab dem Jahr 2019 schrittweise bis zum Endausbau im Jahr 2024 rund 80 Millionen Euro jährlich. Über diese Maßnahmen hinaus beabsichtigt das Land, in die Förderung der Leitungszeit in Kindertageseinrichtungen einzusteigen. Dieser Einstieg soll über Bundesmittel des Gesetzes zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Teilhabe in der Kindertagesbetreuung (Gute-Kita-Gesetz) finanziert werden.

Dr. Peter Kurz, Präsident des Städtetags Baden-Württemberg:

"Mit dem Pakt für gute Bildung und Betreuung schaffen das Land und die Kommunen eine hervorragende Grundlage, um die grundsätzlich bereits gute Qualität im Land weiter zu steigern. Bildung und ein Mehr an Bildungsgerechtigkeit bestimmen über die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Die Kindertageseinrichtungen und die Kindertagespflege leisten dazu einen wesentlichen Beitrag. Aus diesem Grund gilt es, auch in Zukunft einen besonderen Fokus auf die Einrichtungen der frühkindlichen Bildung zu legen. Das Erlernen von Sprache ist dabei ein entscheidender Schlüssel zur Integration und zum Bildungserfolg. Es ist daher sehr erfreulich, dass der Pakt für gute Bildung und Betreuung unter anderem Bausteine der sprachlichen Förderung beinhaltet."

Roger Kehle, Präsident des Gemeindetags Baden-Württemberg:

"Der Ausbau der Kinderbetreuung war die finanziell größte Herausforderung der Städte und Gemeinden in den letzten Jahren. Bis heute haben wir hier viel erreicht. Angesichts der wieder stark gestiegenen Geburtenzahlen werden wir diesen Ausbau massiv fortsetzen. Bei diesem Kraftakt wollen wir zugleich die Qualität der frühkindlichen Bildung und Betreuung in Baden-Württemberg Schritt für Schritt weiterentwickeln.

Damit Baden-Württemberg bei der Betreuungsqualität an der Spitze bleibt, haben wir mit der Kultusministerin den 'Pakt für gute Bildung und Betreuung' geschlossen. Ein Kernelement dieses Paktes ist die Ausbildungsoffensive für mehr Erzieherinnen und Erzieher. Dazu werden die Ausbildungskapazitäten an den Fachschulen ausgebaut und die Träger mithilfe einer Ausbildungspauschale gezielt unterstützt. Denn nur mit gut qualifiziertem Personal können wir die hervorragende Betreuungsqualität in Baden-Württemberg sichern und die dringend erforderlichen zusätzlichen Plätze ausbauen."

Joachim Walter, Präsident des Landkreistags Baden-Württemberg:

"Den Einstieg des Landes in die Finanzierung der Kindertagespflege begrüße ich sehr. Die Kindertagespflege ist ein wichtiger Baustein frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung. Um sie zu stärken, haben wir den Landkreisen empfohlen, bereits im Vorgriff auf den über den Pakt gewährleisteten Landesanteil die Stundensätze für Tagespflegepersonen mit Beginn dieses Jahres um einen Euro zu erhöhen. Positiv hervorheben will ich auch, dass mit dem Pakt die Inklusion in der Kindertagesbetreuung zusätzlich unterstützt und so die Chancengleichheit gefördert wird."

Die einzelnen Maßnahmen des Pakts im Überblick

Ausbildungsoffensive für Fachkräfte: 

Mit einer Ausbildungsoffensive unterstützt das Land die Träger von Kindertageseinrichtungen, zusätzliche Ausbildungsplätze für die praxisintegrierte Erzieherinnen- und Erzieherausbildung (PiA) zu schaffen, um den steigenden Personalbedarf in den Kitas erfüllen zu können. Das Land wird ab dem 01.09.2019 für einen befristeten Zeitraum eine Ausbildungspauschale in Höhe von 100 Euro pro Ausbildungsplatz und Monat zahlen, wenn in der jeweiligen Gemeinde von allen Trägern gemeinsam mindestens 25 Prozent mehr PiA-Auszubildende als im Vorjahr 2018 ausgebildet werden.

Werden 50 Prozent mehr Auszubildende eingestellt, beträgt die Pauschale 200 Euro pro Person. Darüber hinaus wird das Land die Anzahl der Klassen an den Fachschulen für Sozialpädagogik erhöhen, um der steigenden Zahl an Auszubildenden eine schulische Ausbildung zu ermöglichen.

Verlässliche sprachliche und elementare Förderung: 

Das neue Konzept baut auf den bewährten Elementen des Programms "Spatz" (Sprachförderung in allen Tageseinrichtungen für Kinder mit Zusatzbedarf) und dem Programm "Schulreifes Kind" auf und umfasst zusätzlich die Entwicklungsbereiche der mathematischen Vorläuferfähigkeiten, der Motorik sowie der sozial-emotionalen Verhaltensweisen.

Neues und zentrales Element ist außerdem ein ab dem Kindergartenjahr 2019/20 durch die Kitas verbindlich den Eltern anzubietendes Entwicklungsgespräch im Anschluss an die Einschulungsuntersuchung. In diesem Gespräch beraten Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, die Schule und bei Bedarf Vertreter des Gesundheitsamts gemeinsam über Fördermaßnahmen und treffen eine auf die individuellen Bedürfnisse des Kinds zugeschnittene Entscheidung bezüglich der Förderung. Zusätzlich investiert das Land in die Qualifizierung von Sprachförderkräften, die Anfang 2019 startet.

Stärkere Unterstützung der Inklusion:

Mobile Fachdienste und Qualitätsbegleiter werden pädagogische Fachkräfte der Kitas und Tagespflegepersonen bei der Inklusion von Kindern mit (drohender) Behinderung unterstützen. Der Einstieg beginnt mit einer Modellphase in insgesamt acht Stadt- oder Landkreisen (ab dem 01.09.2019 in zwei Kreisen, ab dem Jahr 2020 aufwachsend in weiteren sechs Kreisen), die auf vier Jahre angelegt ist und evaluiert wird. Es ist vorgesehen, dieses Unterstützungssystem nach Ablauf der Modellphase im September 2023 in allen Stadt- und Landkreisen einzurichten, sofern die Ergebnisse der Evaluation dies bestätigen.

Darüber hinaus erhöht das Land ab dem Jahr 2019 seine Zuweisungen an die Kommunen zur Unterstützung der Inklusion von Kindern mit (drohender) Behinderung in der Kindertagesbetreuung. Gleichzeitig erhalten die Träger von Kindertageseinrichtungen für jedes betreute Kind mit (drohender) Behinderung und einem besonderen Unterstützungsbedarf zur Teilhabe an frühkindlicher Bildung in der Kita einen zusätzlichen Zuschuss. Der Gesetzentwurf mit den hierzu notwendigen Änderungen des Kindertagesbetreuungsgesetzes und auch des Finanzausgleichsgesetzes wurde bereits in den Landtag eingebracht.

Weiterentwicklung der Kooperation Kindertageseinrichtung - Grundschule:

Das Land erhöht ab 2019 die Zuweisungen an die Gemeinden um zusätzliche Landesmittel für die Intensivierung der Kooperation zwischen der Kindertageseinrichtung und der Grundschule. Jede Kindertageseinrichtung erhält einen Rechtsanspruch auf zusätzliche Mittel in Höhe von mindestens 1.000 Euro pro Jahr für die Kooperation zwischen der Kindertageseinrichtung und der Grundschule ab 1. Oktober 2019. Das Land fördert darüber hinaus die Zusammenarbeit zwischen der Kita und der Grundschule bereits seit dem Schuljahr 2012/13, indem jede Grundschule dafür eine Lehrerwochenstunde erhält.

Stärkung der Kindertagespflege:

Das Land beteiligt sich an den Ausgaben der Kommunen für die laufende Geldleistung an Tagespflegepersonen für die Betreuung von Kindern ab drei Jahren in Höhe von 50 Cent pro Kind und Stunde. Landkreistag, Städtetag und der Kommunalverband für Jugend und Soziales werden deshalb den Stundensatz für Tagespflegepersonen bei der Betreuung von Kindern ab drei Jahren um einen Euro auf 5,50 Euro pro Kind in ihren gemeinsamen Empfehlungen anpassen. Außerdem werden die Qualifikationsanforderungen an Tagespflegepersonen erhöht und es muss ein Nachweis der sprachlichen Kompetenzen der Tagespflegepersonen erfolgen, sofern kein deutscher Schulabschluss vorliegt.

Forum Frühkindliche Bildung:

Das Kultusministerium wird im Jahr 2020 das "Forum Frühkindliche Bildung" als zentrale Einrichtung des Landes für die frühkindliche Bildung, Erziehung und Betreuung errichten. Das Forum verfolgt als Ziele die Weiterentwicklung der pädagogischen Arbeit in Kitas und in der Kindertagespflege, die individuelle Förderung aller Kinder, die Unterstützung der Kitas und der Kindertagespflege in ihrer Arbeit und die praxisorientierte Forschung in der Frühpädagogik.

Evaluation des Orientierungsplans:

Das Land stellt 200.000 Euro bereit, um zu überprüfen, inwieweit die Ziele und die einzelnen Handlungsfelder umgesetzt werden und inwieweit der Orientierungsplan an die aktuellen Herausforderungen angepasst werden muss. Die Evaluation soll im Jahr 2019 vorbereitet und ab dem Jahr 2020 durch das Forum Frühkindliche Bildung begleitet werden.  

Ein Fokus des Bildungsberichts liegt auf den Ergebnissen von Erhebungen des kindlichen Entwicklungsstands und auf Kompetenzmessungen. Die Unterstützung und Vernetzung aller Personen und Institutionen, die im Bereich der frühkindlichen Bildung angesiedelt sind, gehört zu den Aufgaben der Überregionalen Arbeitsstelle Frühkindliche Bildung Baden-Württemberg, einer Einrichtung des Kultusministeriums Baden-Württemberg mit Sitz am Regierungspräsidium Stuttgart. Ihre Arbeitsthemen beziehen sich auf den Orientierungsplan, die zusätzliche Sprachförderung in allen Tageseinrichtungen, die Kooperation Kindergarten – (Grund-)Schule, das Bildungshaus für 3- bis 10-Jährige und die Einschulungsuntersuchung. Die Überregionale Arbeitsstelle koordiniert auch die Regionalen Arbeitsstellen Frühkindliche Bildung an den 21 Staatlichen Schulämtern.

Positiv gegen den Landestrend: Rastatter Kinder sind gut auf die Grundschule vorbereitet

Wie in anderen Gemeinden besuchen auch in Rastatt immer mehr Kinder bereits vor ihrem dritten Geburtstag eine Kindertageseinrichtung und eine wachsende Zahl von Kindern ist deutlich länger als nur vormittags in einer Einrichtung. Für die Kindertagesbetreuung bedeutet das zunächst, dass größere Betreuungskapazitäten bereitgehalten werden müssen. Da viele Kinder heute deutlich mehr Zeit in Kindertageseinrichtungen verbringen, steigen darüber hinaus auch die Anforderungen an die Betreuungsqualität.

Die alarmierende Situation im Land trifft glücklicherweise auf Rastatt nicht zu, betont Jörg Böhmer, städtischer Kundenbereichsleiter Kindertagesbetreuung, Verantwortlicher für vier Kitas in städtischer Trägerschaft und Koordinator von Förderprogrammen für alle 24 Kinderbetreuungseinrichtungen in Rastatt. "Rastatts Werte in Sachen Sprachkompetenz der Vorschulkinder sind deutlich besser als im Landesdurchschnitt. Wir können mit Stolz sagen: Die Rastatter Kinder sind gut auf die Grundschule vorbereitet." 

Zum Fazit des Kultusministeriums aus dem Bildungsbericht, die Sprachförderung in den Kitas müsse ausgeweitet werden, sagt der Kundenbereichsleiter: "Das ist bei uns längst Realität." Bereits seit vielen Jahren engagiert sich Rastatt für eine intensive frühkindliche Bildung und Betreuung. Eine große Herausforderung, denn der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund ist in Rastatt besonders hoch und entsprechend auch der Förderbedarf.

"Die Qualität frühkindlicher Förderung liegt mir sehr am Herzen", beteuert Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann. "Mit dem Pakt investieren wir in die Bildungschancen der Kinder und damit in die wichtigste Zukunftsaufgabe unseres Landes. Mir ist wichtig, die pädagogischen Fachkräfte in den Kitas und Tagespflegepersonen bei dieser wichtigen Arbeit besser zu unterstützen. Sie tragen dazu bei, allen Kindern, unabhängig von ihrem familiären Kontext, gute Startchancen zu ermöglichen. Denn eine frühe und intensive Förderung ist die Grundlage für ein späteres erfolgreiches Lernen in der Schule."

Mit gezielten Förderprogrammen, wie dem BiRKE-Projekt (Bildung in Rastatter Kindertageseinrichtungen), und gut ausgebildetem Fachpersonal setzt die Barockstadt insbesondere darauf, die Sprachkenntnisse in der Kindergartenzeit zu verbessern. Nicht nur die städtischen Kitas setzen die Förderprogramme um, auch die kirchlichen und freien Kindertageseinrichtungen.

Ein erfolgreicher Ansatz, wie der Kundenbereichsleiter berichtet. Wenn die dreijährigen Kinder in die Rastatter Kitas kommen, haben sie durchschnittlich eine altersgemäße Sprachkompetenz von 45 Prozent. Ein Jahr später, dank der gezielten städtischen Sprachförderung, beträgt der Wert bereits 60 Prozent. Und ein Jahr vor der Einschulung, mit fünf Jahren, haben 82 Prozent der Rastatter Kita-Kinder bereits Sprachkenntnisse, wie sie dem Alter entsprechen.

Bei der Einschulung liegt der Wert dann nochmals höher.   Wie erfasst Rastatt die Werte und ordnet die Schulfähigkeit ein? Einerseits durch kontinuierliche Begleitung und Dokumentation. Vor Ende der Kindergartenzeit füllen dann die Erzieherinnen und die Kooperationslehrerinnen den sogenannten Rastatter Bogen aus - eine Orientierungshilfe zur Einschätzung der Schulfähigkeit. Anschließend formulieren sie eine Empfehlung zur Aufnahme in die Grundschule. 

(Quelle: StVwRA/KM.bw/HIN)