Hebammen stärken

Erstellt: Freitag, 22. Juni 2018

Rastatt (pr). Zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten steigt in Deutschland die Geburtenrate – doch viele Hebammen geben auf. Ständig steigende Versicherungsbeiträge machen den freiberuflichen Hebammen das Leben schwer. Darunter leiden nicht nur sie, sondern auch die angehenden Mütter. Bärbl Mielich steht Hebammen, aber auch betroffenen Familien Rede und Antwort. Einstimmig haben die Mitglieder der Gleichstellungs- und Frauenministerkonferenz in Bremerhaven einem Vorstoß aus Baden-Württemberg zugestimmt, wonach es in ganz Deutschland gleich gute Rahmenbedingungen für die Geburtshilfe geben soll.

Die Akademisierung des Hebammenberufs ist durch den akuten Hebammenmangel und die Probleme in der gesundheitlichen Versorgung von Schwangeren, Gebärenden und jungen Müttern mit ihren Neugeborenen zunehmend in den Fokus der Gesundheitspolitik geraten. Sie wurde als politisches Ziel der Bundesregierung in den Koalitionsvertrag aufgenommen. Mit der Akademisierung sind die Professionalisierung der Hebammenarbeit und die Frage der beruflichen Selbstverwaltung über die Einrichtung von Hebammenkammern verbunden.

In immer mehr Bundesländern, so auch in Baden-Württemberg, gibt es inzwischen Runde Tische zum Thema Geburtshilfe, die sich mit der Versorgungslage in den Ländern beschäftigen. Die Ministerkonferenz appellierte an das Bundesgesundheitsministerium, entsprechend tätig zu werden und allgemeinen Mangeltendenzen sowie regional drohenden Versorgungsengpässen frühzeitig entgegen zu wirken.

"Die Geburt eines Kindes ist kein medizinisches Ereignis am Ende einer Schwangerschaft, sondern eine prägende Lebenserfahrung für die werdenden Eltern und das Neugeborene", so Staatssekretärin Bärbl Mielich. "Hebammen haben eine wichtige gesundheitsfördernde und gesellschaftlich relevante Aufgabe, da sie individuell und vertrauensvoll werdende Mütter und Paare auf die neuen Anforderungen vorbereiten und präventiv mögliche Störungen der Familiendynamik verhindern helfen."

Sehr erfreut darüber, dass Rastatt ein eigenes Geburtshaus hat, zeigte sich Bärbl Mielich, Staatssekretärin im Ministerium für Soziales und Integration bei ihrem Besuch in Rastatt. Immerhin ist die Einrichtung im Zentrum Rastatts eines von unter zehn Geburtshäusern in ganz Baden-Württemberg. Es sei nicht nur die geringe Bezahlung oder die viel diskutierte Haftpflichtversicherung, die dafür sorgten, dass es immer weniger Geburtshäuser gebe, erkärte Sabine Klarck, Gründerin und Inhaberin des Rastatter Geburtshauses.

Die Überbelastung der Hebammen in der Klinik durch Personalmangel, extreme   Anhäufung von Überstunden nehme zu, viele Hebammen würden "berufsmüde", die "Rettung" in die Freiberuflichkeit sei wegen der immer noch nicht zufriedenstellenden Vergütung für viele nicht attraktiv. Gleichzeitig sei die Wertschätzung des Hebammenberufes deutlich gesunken; die Zeitspanne, in der die Familien eine Hebamme zur Unterstützung in Anspruch nähmen, sei geringer geworden. Auch die Bezahlung, was beispielsweise Hausbesuche angehe, sei zu niedrig.

Dass viele Hebammen ihren Beruf nur vier bis fünf Jahre ausübten, sei "eine volkswirtschaftliche Katastrophe", so Bärbl Mielich. Auf ihre Initiative geht die Gründung des Runden Tischs Geburtshilfe in Baden-Württemberg zurück, den es seit Januar 2017 gibt. Auf Bundesebene sei eine finanzielle Angleichung von natürlicher Geburt und Kaiserschnitt in der Vergütungssystematik ein wichtiger Punkt, um die Anzahl der Kaiserschnitte zu reduzieren, die aus wirtschaftlichen Gründen vorgenommen werden, so Mielich.

Was geschehen muss, um Hebammen im Beruf zu halten, dazu äußerten sich am Abend bei einem eigenen Themenstammtisch, zu dem der Landtagsabgeordnete Thomas Hentschel eingeladen hatte, in Rastatt mehrere Hebammen: Die Bezahlung sei zwar schon besser geworden, aber der Beruf müsse aufgewertet werden und in den Kliniken auf Augenhöhe gearbeitet werden.

Was gerade junge Hebammen dagegen nicht mehr akzeptierten, seien Überstunden ohne finanziellen oder Freizeitausgleich. Die Aufwertung des Berufs, versicherte Bärbl Mielich, geschehe jetzt durch eine Umstellung des Ausbildungsberufs auf eine hochschulische Ausbildung. Sie setze auf die Kultur der gegenseitigen Anerkennung und des Respekts bei der Arbeit. Kliniken, die so arbeiteten, hätten auch kein Problem, Hebammen zu finden.

Sabine Klarcks Geburtshaus, in dem fünf Hebammen freiberuflich arbeiten, findet seit 25 Jahren regen Zuspruch bei werdenden Müttern. In Kürze wird es in die Herrenstraße umziehen und seinen Blick auf das Storchennest an der Kapellenstraße verlieren. Stattdessen wünschen sich die Geburtshaus-Hebammen aber von der Stadt etwas anderes, verrieten sie ihren Besuchern: einen Storchenparkplatz vor dem Haus - für Mütter, deren Nachwuchs es sehr eilig hat. 

Eine gute Versorgung von Frauen vor, während und nach der Geburt sei dauerhaft und unabhängig vom Wohnort zu gewährleisten. Entsprechende Handlungsbedarfe müssten bundesweit analysiert und benannt werden. "Veränderungen unter anderem im Hebammenvergütungsbereich und die Konzentration der Geburtshilfen führen im Ergebnis dazu, dass Hebammen beziehungsweise Entbindungspfleger den Beruf nicht lebenslang ausüben."

Bei zunehmendem Fachkräftemangel sei es wichtig, die Attraktivität des Berufes sowohl über verbesserte Rahmenbedingungen als auch über die Vergütung dauerhaft zu gewährleisten.  Das Thema "Bessere Rahmenbedingungen für die Geburtshilfe" soll in Kürze auch auf der Gesundheitsministerkonferenz der Länder behandelt werden. 

 

(Quelle: SM.bw/G.ra/HIN)