30 Jahre Welt-Aids-Tag

Erstellt: Donnerstag, 29. November 2018

(joER). Seit nunmehr 30 Jahren wird am 1. Dezember an die Menschen erinnert, die an den Folgen von AIDS gestorben sind, und denjenigen die Hand gereicht, die mit HIV/AIDS leben. Seit 1988 dient der Welt-AIDS-Tag dazu, Solidarität mit erkrankten Menschen zu üben und gegen Diskriminierung zu wirken. Denn trotz der jahrzehntelangen Aufklärungsarbeit kursieren noch immer Vorstellungen von der Krankheit, die den vielfältigen Leben mit ihr nicht gerecht werden, noch immer finden die Geschichten vieler Personen mit HIV/AIDS, etwa von Sexarbeiterinnen- und -arbeitern, Trans-Personen und Inhaftierten, kein Gehör.

Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Eine frühzeitige Diagnose kann bei einer HIV-Infektion eine deutlich höhere Lebenserwartung bedeuten. In den Checkpoints der Aidshilfen oder in den Gesundheitsämtern können anonyme Tests für HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten durchgeführt werden. Im Zweifel gilt: lieber testen lassen.

In Deutschland leben über 90.000 Menschen mit HIV. Dank Medikamenten haben die meisten von ihnen eine fast normale Lebenserwartung. Sie können in jedem Beruf arbeiten und ihre Freizeit gestalten wie andere auch. Wird HIV rechtzeitig festgestellt und behandelt, ist eine AIDS-Erkrankung vermeidbar.  

Die diesjährige Kampagne will Solidarität mit Menschen mit HIV und AIDS fördern und Diskriminierung entgegenwirken. Der Welt-AIDS-Tag erinnert an die Menschen, die an den Folgen der Infektion verstorben sind. Und er ruft dazu auf, weltweit Zugang für alle zu Prävention und Versorgung zu schaffen. Denn noch immer hat mehr als ein Drittel der weltweit ca. 36,7 Millionen Menschen mit HIV (Stand 2016) keinen Zugang mit lebensrettenden Medikamenten, darunter viele für Kinder. 

Eine HIV-Erkrankung ist nach wie vor nicht heilbar – wenn eine Infektion aber früh diagnostiziert und behandelt wird, haben Betroffene heute eine annähernd normale Lebenserwartung. „Das ist zum einen für die Betroffenen eine beruhigende Nachricht, zum anderen kann es anderen Menschen die Sorge vor der Durchführung eines Tests nehmen. Deshalb gilt: im Zweifel lieber testen lassen – zum Beispiel in den Checkpoints der Aidshilfen oder in den Gesundheitsämtern“, sagte Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha im Vorfeld des Welt-Aids-Tags, der am Samstag (1. Dezember) weltweit begangen wird.

Bei früher Diagnose und frühem Behandlungsbeginn könne man gut und lange mit HIV leben. „Unter wirksamer Therapie ist das Virus auch beim Sex ohne Kondom nicht übertragbar. Menschen mit HIV können jeden Beruf ausüben und gesunde Kinder zur Welt bringen. Oft haben sie weder durch die Infektion noch durch die medikamentöse Therapie Einschränkungen - wohl aber durch das Stigma, das an HIV haftet“, so Maike Biewen, Geschäftsführerin der AIDS-Hilfe Baden-Württemberg.

Für Baden-Württemberg geht das Robert Koch-Institut für das Jahr 2017 von etwa 250 neuen HIV-Infektionen aus, wobei etwa drei Viertel auf Männer entfallen, im Jahr 2016 waren es noch etwa 270 Neuinfektionen. Die Zahl der Menschen, die Ende 2017 mit HIV/AIDS in Baden-Württemberg lebten, soll bei etwa 10.300 liegen, wobei etwa 75 Prozent männlich sind. Im Jahr 2016 lag die Zahl noch bei etwa 11.100 Menschen.

86.100 HIV-Positive Menschen leben nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Deutschland. Die Zahl der Neuinfektionen ist in 2017 deutlich gesunken und wird für das Jahr 2017 auf 2.700 geschätzt – ein Rückgang gegenüber 2016, wo es nach aktualisierter Schätzung 2.900 Neuinfektionen gab. Dabei liegt der Anteil der Männer, die Sex mit Männern haben und die sich neu infiziert haben, im Jahr 2017 bei nur noch 1.700 Menschen.

HIV-Diagnosen werden oft erst Jahre nach der Infektion gestellt. „Dies ist auch im Hinblick auf eine potenzielle Ansteckung anderer Menschen sowie das Wohl der Betroffenen viel zu lang“, so Minister Lucha. Hintergründe für späte oder hinausgeschobene Tests seien beispielsweise fehlende Information sowie Verdrängung und Angst vor Stigmatisierung.

Schätzungsweise rund 1.000 Menschen leben in Baden-Württemberg, die nichts von Ihrer HIV-Infektion wissen. Deutschlandweit sind es sogar 11.400 Menschen ohne Diagnose. „Nur wer seinen HIV-Status kennt, kann sich und andere schützen“, so Lucha weiter. Unter dem Label „Checkpoint“ bieten die Aidshilfen in Baden-Württemberg anonyme Tests, nicht nur auf HIV, sondern auch auf andere sexuell übertragbare Infektionen an. Die Tests finden niedrigschwellig unter hohen hygienischen Bedingungen, immer in Anwesenheit von Ärztinnen und Ärzten statt.

Für den HIV-Test genügt in der Regel ein kleiner Piks in den Finger zur Blutentnahme. Im Dezember und Januar werben die baden-württembergischen Aidshilfen mit kostenlosen Testangeboten dafür, sich testen zu lassen. Die BARMER unterstützt dieses Projekt. Neben den Testmöglichkeiten in Arztpraxen, Checkpoints oder Gesundheitsämtern, ist seit Oktober der HIV-Selbsttest in Deutschland frei verkäuflich. Erhältlich ist dieser, neben dem Onlinehandel, in Apotheken, teilnehmenden Aidshilfen und vorrausichtlich bald auch in Drogeriemärkten.

„Wir befürworten die freie Verfügbarkeit des Selbsttests mit der Hoffnung auch diejenigen zu erreichen, denen der Gang zu einem unserer Checkpoints aus Scham unangenehm oder einfach zu weit ist. Bevor sich jemand gar nicht testen lässt, ist der Selbsttest eine gute Alternative und ermöglicht vielen Menschen eine frühe Diagnose, die entsprechende Behandlung und verhindert eine weitere Übertragung.“, so Maike Biewen.

Der Verzicht auf Kondome erhöhe insbesondere bei Menschen mit häufig wechselnden Partnern, deren HIV-Status nicht bekannt ist, die Wahrscheinlichkeit, sich mit HIV zu infizieren erheblich. Für diesen Personenkreis ist eine medikamentöse HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) besonders wichtig. Nach einem Gesetzentwurf des Bundesministeriums für Gesundheit soll für eine noch zu definierende Gruppe von Personen mit substanziellem Infektionsrisiko ein Anspruch auf HIV PrEP als Kassenleistung festgeschrieben werden. Es wird erwartet, dass dadurch der Rückgang der HIV-Neuinfektionen weiter beschleunigt werden kann.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den nationalen Gesundheitspolitiken Deutschlands, Großbritanniens, der Türkei und Polens, deren Verwobenheit und europäische Dimensionen werden am europäischen Forschungsverbund „Disentangling European HIV/AIDS Policies: Activism, Citizenship & Health” (EUROPACH) untersucht. Während in Westeuropa das politische Programm UNAIDS – das gemeinsame Programm der Vereinten Nationen zur Reduzierung von HIV /Aids – auch dazu beiträgt, dass die Zahl der Neuinfektionen abnimmt, steigen in einigen osteuropäischen und zentralasiatischen Ländern die Zahl der Neuinfektionen.

Entsprechend unterscheiden sich auch die lokalen Strategien im Umgang mit HIV/AIDS. EUROPACH interessiert besonders, wie Praktiken der Vergangenheit in aktivistische und politische Strategien eingebunden werden, um die Zukunft zu denken. Beteiligt am Projekt sind neben der HU die Jagiellonen Universität in Krakau, die Universität Basel und die Goldsmiths University of London.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysieren Dokumente und Zeugnisse von HIV/AIDS-Politiken und erforschen politische Praktiken, mit denen der Diskriminierung von erkrankten Menschen begegnet wurde. Sie führen Interviews mit Aktivistinnen und Aktivisten sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen durch, um mehr über die diversen Lebensrealitäten, Überlebensstrategien und Aktivitäten zum Aufbau von (Selbst-)Hilfe-Netzwerken zu erfahren.

Die Interviews werden Teil eines digitalen Oral History-Archives sein, das an der HU angesiedelt sein wird. EUROPACH wird durch das Programm „Humanitites in the European Research Area“ gefördert. Es arbeitet eng zusammen mit dem Projekt ‚„Keine Rechenschaft für Leidenschaft!" Aids-Krise und politische Mobilisierung in den 1980er und frühen 1990er Jahren in Deutschland‘, das ebenfalls am Institut für Europäische Ethnologie der HU forscht.

siehe auch ⇒ 

Welt-AIDS-Tag 2017

Mit Aids kann man leben

Info-Blatt

(Quelle: SM.bw/HIN)