Vor Grippe wird gewarnt

Erstellt: Mittwoch, 12. September 2018

(Hero). Die Influenzasaison 2017/2018 hat nach der Erkenntnis des Robert-Koch-Instituts bundesweit zu einer hohen Anzahl an Todesfällen geführt, auch die Zahl der Krankheitsfälle in den Betrieben und Arztpraxen war erheblich erhöht. Daher appelliert Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha an die Bürgerinnen und Bürger, sich rechtzeitig impfen zu lassen: "Ich rufe die Bevölkerung auf, sich rechtzeitig vor der nächsten Influenzawelle über eine mögliche Schutzimpfung zu informieren. Krankenkassen übernehmen den Vierfachimpfstoff komplett."

Die Grippewelle im Winter 2017/18 ist außergewöhnlich schwer gewesen. Das zeigt der neue Influenza-Saisonbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) des Robert Koch-Instituts mit seinen umfangreichen Auswertungen. So gab es zum Beispiel geschätzte neun Millionen influenzabedingte Arztbesuche, zwei Millionen mehr als in den starken Grippesaisons 2012/13 und 2014/15. Besonders ältere Menschen können schwer an der Grippe erkranken oder sogar versterben.

"Die Schutzmöglichkeiten müssen besser genutzt werden", betont RKI-Präsident Lothar H. Wieler. Die Impfung ist trotz der von Saison zu Saison unterschiedlichen Wirksamkeit die wichtigste Schutzmaßnahme. Außerdem werden vor allem gründliches Händewaschen mit Seife und Abstandhalten zu Erkrankten empfohlen, um das Erkrankungsrisiko zu verringern.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung für alle Personen über 60, für chronisch Kranke aller Altersstufen, für Schwangere und für Medizin- und Pflegepersonal. "Mit keiner anderen Impfung lassen sich hierzulande mehr Leben retten", unterstreicht Wieler. Erst im Juli hatten RKI-Wissenschaftler über die viel zu niedrigen Impfquoten in Krankenhäusern berichtet.

Demnach waren in der Grippesaison 2016/2017 in der Ärzteschaft 61,4 % geimpft, beim Pflegepersonal 32,5 % und bei therapeutischen Berufen 34,2 %, in der Bevölkerung waren gerade einmal 34,8 % der Personen über 60 Jahre geimpft. "Nachdem wir uns im Frühjahr gemeinsam mit den gesetzlichen Krankenkassen darauf einigen konnten, dass die Kosten des Vierfachimpfstoffs für alle Bürgerinnen und Bürger übernommen werden, hoffen wir darauf, dass dieses Angebot nun auch rege genutzt wird", sagte Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha anlässlich der Veröffentlichung des neuen Influenza-Saisonberichts des Robert Koch-Instituts.

Das RKI erhebt Daten mit mehreren Systemen, um die Influenza-Aktivität umfassend bewerten zu können. In der AGI wird die Krankheitslast mit dem Praxisindex gemessen, für den rund 550 Arztpraxen bundesweit ehrenamtlich die Zahl ihrer Patienten mit akuten Atemwegserkrankungen melden. Der Praxisindex war in der Grippewelle 2017/18 so hoch wie in keiner der früheren Saisons, seit das RKI 2001 die wissenschaftliche Federführung der AGI und 2009 die vollständige Durchführung übernommen hat. Besonders betroffen waren die Altersgruppen ab 35 Jahren.

Auf Intensivstationen übertraf die Zahl der Patienten mit schweren akuten respiratorischen Erkrankungen die drei Vorsaisons deutlich. Die Schwere der Grippesaison zeigt sich auch in der Auswertung der "Übersterblichkeit" im Zeitraum der Grippewelle, die für Berlin bereits vorliegt. Die im Bericht gezeigten Daten für Berlin übertreffen mit geschätzten 1.100 zusätzlichen Todesfällen die bereits hohen Schätzwerte für 2016/17.

Das Nationale Referenzzentrum für Influenza am RKI untersucht Proben von Patienten mit Grippesymptomen und charakterisiert die zirkulierenden Viren. Von Beginn an dominierten Influenza B-Viren. Sie gehörten fast ausschließlich zur Yamagata-Linie und nicht zur Victoria-Linie, die die Weltgesundheitsorganisation als B-Komponente für den weltweit gebräuchlichsten Dreifachimpfstoff empfohlen hatte (neben den zwei Komponenten für die Influenza A-Subtypen H1N1 und H3N2).

Die STIKO-Empfehlung für Vierfachimpfstoffe war im Januar 2018 veröffentlicht worden. Da die Produktion von Grippe-Impfstoffen mehrere Monate in Anspruch nimmt, können die Hersteller diese Empfehlung für die kommende Saison erstmals berücksichtigen. Vierfachimpfstoffe enthalten Vertreter beider B-Linien. Allerdings ist die Influenzaimpfung auch bei guter Übereinstimmung der zirkulierenden Viren nicht so gut wirksam wie andere Impfungen. Aufgrund der Häufigkeit der Influenza können mit der Impfung dennoch sehr viele Erkrankungen, schwere Verläufe und Todesfälle verhindert werden.

Aktion gegen die wachsende Skepsis vor Impfungen

Ein breites Bündnis aus 20 Ländern, darunter 17 EU-Mitgliedsstaaten, der EU-Kommission und weiteren internationalen Organisationen wie WHO und OECD, sowie Vertretern von Universitäten und der Zivilgesellschaft kommen zusammen, um über eine wirksame und langfristige Zusammenarbeit gegen Krankheiten zu beraten, die durch Impfungen vermieden werden können. Die Koordination liegt bei Frankreich. Insgesamt 3,5 Mio. Euro aus einem Gesamtbudget von 5,8 Mio. Euro für die kommenden drei Jahre kommen aus dem EU-Haushalt.

Vytenis Andriukaitis, EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, begrüßte die gemeinsame Initiative: „Im April habe ich eine Initiative vorgestellt, um die Impfquote zu erhöhen und sicherzustellen, dass alle EU-Bürger Zugang zu relevanten Informationen über Impfungen haben, unter anderem durch die Einrichtung eines europäischen Informationsportals über Impfstoffe, ihren Nutzen und ihre Sicherheit. Die Impfung ist ein Akt der Solidarität, und wir brauchen einen konzertierten und strategischen Ansatz zur Bekämpfung der Impfstoffresistenz und zur Verbesserung der Impfquoten in der EU und den Nachbarländern. Infektionskrankheiten machen nicht an den Grenzen halt! Heute freue ich mich besonders, den Start dieser gemeinsamen europäischen Aktion ankündigen zu können. Sie wird dazu beitragen, Leben in Europa zu retten, insbesondere in den am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen wie Kindern."

Insgesamt sind 21 EU-Staaten in der gemeinsamen Initiative vertreten, von denen 17 am heutigen ersten Treffen teilnehmen. Zwar fällt die Impfpolitik in die Zuständigkeit der EU-Länder, doch die Europäische Kommission unterstützt sie bei der Koordinierung ihrer Strategien und Programme. Grundlegendes Ziel der heute startenden Aktion ist es, die Impfdichte in der EU zu erhöhen. Die Zusammenarbeit der nationalen Beratungsgruppen für Impfungen (NITAG) soll besser werden und so das Vertrauen und die Transparenz des Entscheidungsprozesses bei der Einführung neuer Impfstoffe wachsen. Konkret sind unter anderem folgende Maßnahmen geplant:

Stärkung der Koordinierung von Schutzimpfungs-Informationssystemen (IIS) für eine bessere Überwachung und einen umfassenderen Impfschutz

Prüfung der Durchführbarkeit einer europaweiten MMR-Durchimpfungsrate unter Verwendung von Daten aus den Informationssystemen, um Impflücken zu ermitteln

Bewertung der europäischen Erinnerungs- und Rückrufsysteme

Durchsetzung der Verwaltung von Angebot und Lagerhaltung durch Harmonisierung und Bestandsaufnahme

Entwicklung von Verfahren und Methoden zur Bestimmung des Bedarfs und der Beschaffung von Impfstoffen

Analyse und Evaluierung von Finanzierungsmechanismen für nachhaltige Beschaffung und Lagerung

Entwicklung eines Plans zur Vorhersage von Änderungen bei den Impfempfehlungen und der Nachfrage

Entwicklung eines Konzepts für ein Datenlager für den EU-weiten Austausch von Impfstoffen

Einrichtung einer Kooperationsplattform zwecks Bestimmung von Schwerpunkten für Forschung und Entwicklung

Bestandsaufnahme der bestehenden Instrumente für die Bestimmungen von Schwerpunkten wie WHO R&D Blueprint, CEPI, UK Vaccine Network, EC/IMI, BARDA, Global Health Innovative Technology Fund

Ermittlung von Mechanismen zur Verbesserung der Finanzierung und der Zusammenarbeit in der Forschung in der gesamten Wertschöpfungskette

Erstellung eines systematischen Überblicks und einer systematischen Analyse der derzeitigen Impfskepsis sowie der Aktivitäten und bewährten Verfahren dagegen

Schaffung nachhaltiger Mechanismen zur Analyse der Forschungsarbeiten zu Hindernissen/förderlichen Aspekten für eine hohe/niedrige Durchimpfungsrate, empfehlenswerten Verfahren und gewonnenen Erkenntnisse

Bereitstellung und Analyse von Daten in Echtzeit aus sozialen Medien und dem Internet, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in Impfungen zu beobachten

Weltweit gibt das schwindende Vertrauen der Öffentlichkeit in Impfungen Anlass zur Besorgnis und stellt eine große Herausforderung für Fachleute im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens dar. Impfskepsis bezieht sich auf die zögerliche Akzeptanz oder die Ablehnung von Impfstoffen, obwohl ein Impfservice angeboten wird. Impfskepsis führt derzeit zu vermeidbaren Masernepidemien. Es könnte sogar Kinderlähmung (Polio) wieder ausbrechen, eine Krankheit, die in EU eigentlich schon als ausgerottet galt.

Gemeinschaftsschutz

Wer sich impfen lässt, schützt nicht nur sich selbst - schließlich kann man eine Infektion, die man sich selbst gar nicht erst zuzieht, auch nicht auf andere übertragen. Oft sind es Säuglinge, die auf diesen Gemeinschaftsschutz angewiesen sind, bevor sie selbst geimpft werden können. Aber auch Erwachsene profitieren von dem Effekt, der auch als Herdenimmunität bezeichnet wird. Über die wechselseitigen Schutzbeziehungen, die Impfungen mit sich bringen. Mit den Impfempfehlungen, die die Ständige Impfkommission des Robert Koch-Instituts für Deutschland formuliert, werden eine ganze Reihe unterschiedlicher Ziele verfolgt.

"Neben dem Individualschutz vor Infektionskrankheiten und deren möglichen Folgen spielen auch gesellschaftlich relevante Ziele wie die Unterbrechung von Infektionsketten oder die Ausrottung von Erregern eine Rolle", sagt Professor Dr. med. Markus Knuf, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden und Kongress-Präsident von Seiten der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI). Auch der Aufbau einer Herdenimmunität falle in diese zweite Kategorie - denn nur durch sie können Menschen, die selbst nicht geimpft werden können, vor den betreffenden Infektionen und möglichen Komplikationen geschützt werden.  

Auch wenn Säuglinge und Kleinkinder diesen Schutz besonders benötigen, tragen sie umgekehrt wesentlich zur Herdenimmunität bei, wie Knuf am Beispiel der Pneumokokken und der von ihnen hervorgerufenen Erkrankungen zeigt: Weil das Erkrankungsrisiko bei Kindern unter fünf Jahren besonders groß ist, sieht der Impfkalender bereits im Säuglings- und Kleinkindalter eine Impfung gegen häufige Pneumokokken-Varianten vor.

"Genau diese Varianten treten seitdem auch bei Senioren deutlich seltener auf", sagt Knuf. Auch diese Gruppe sei durch Pneumokokken-Infektionen und deren Komplikationen besonders gefährdet.  Ob der Aufbau einer Herdenimmunität als Argument ausreicht, um auch die jährliche Grippeimpfung für alle Kinder zu empfehlen, ist unter Experten umstritten. Bisher sieht das RKI die Impfung nur für Kinder vor, die selbst ein erhöhtes Risiko für Komplikationen haben.

Für Markus Knuf gibt es dennoch gute Gründe, auch gesunde Kinder gegen die Influenza zu impfen. "Zwar verläuft die Grippe bei ihnen meist unkompliziert, doch kommt es auch hier immer wieder zu schweren Verläufen", erklärt er. Zudem seien Kinder der Dreh- und Angelpunkt der Influenza in der Gesellschaft. Kinder im Vorschulalter scheiden über einen langen Zeitraum hinweg eine große Anzahl von Viren aus, haben eine hohe Kontaktrate und wissen noch nichts von Hygiene.

Viele Erwachsene stecken sich daher gerade bei Kleinkindern mit der Grippe an.  Meist sind es jedoch die Jüngsten, die den Herdenschutz benötigen. Als Beispiel dafür, wie geimpfte Erwachsene zum Schutz von Säuglingen beitragen, nennt Knuf die Impfung gegen Keuchhusten (Pertussis). Diese für Säuglinge gefährliche Krankheit wird meist über Jugendliche oder Erwachsene übertragen, bei denen der Impfschutz bereits nachlässt.

"Es ist daher sinnvoll, den Schutz gegen Pertussis im Jugend- oder Erwachsenenalter aufzufrischen", sagt der DGPI-Experte. Auch die sogenannte maternale Immunisierung, also die Impfung einer werdenden Mutter im letzten Schwangerschaftsdrittel, kann ein Konzept sein, das Neugeborene zu schützen.

Schutzimpfung für alle Bürgerinnen und Bürger empfohlen

Zum Schutz vor einer stark ausgeprägten Influenzawelle sei es erforderlich, dass sich viele Menschen impfen ließen. In Baden-Württemberg sei die Influenzaimpfung nicht nur für Risikogruppen wie ältere Menschen und Personen mit Grunderkrankungen empfohlen, sondern für alle Bürgerinnen und Bürger. Dabei habe medizinisches und pflegerisches Personal zum Schutz der von ihnen betreuten Patienten eine besondere Verantwortung, so Lucha weiter.

Der Minister wies darauf hin, dass nach einer Änderung der Schutzimpfungsrichtlinie der Ständigen Impfkommission der Vierfachimpfstoff nun bundesweit empfohlen werde. Dennoch biete die Influenzaimpfung keine vollständige Sicherheit, nicht an Grippe zu erkranken. Sie könne jedoch schwere Verläufe und Todesfälle verhindern.

"In jedem Fall ist es für jeden Einzelnen von Nutzen, sich gegen Influenza zu schützen. Gleichzeitig trägt er so dazu bei, dass Menschen, bei denen eine Schutzimpfung nicht möglich ist oder nur geringe Wirkung entfaltet, vor einer schweren Erkrankung, die unter Umständen tödlich verläuft, geschützt werden," so Lucha abschließend.

In der vergangenen Grippesaison 2017/2018 sind in Baden-Württemberg knapp 36'000 Influenza-Fälle gemeldet worden. Ein Jahr zuvor gab es lediglich 15'000 gemeldete Fälle.

Weitere Informationen:

rki.de/influenza

rki.de/influenza-impfung

(Quelle: RKI/SM.bw/HIN)