Ernährungsreport 2019

Erstellt: Donnerstag, 10. Januar 2019

(Hero). Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat neue Erkenntnisse zu den Essgewohnheiten der Deutschen vorgestellt. In dem jährlich erscheinenden Ernährungsreport geht es darum, was die Bevölkerung kocht und isst und welche Rolle Kalorien, Gesundheit und Lebensmittelpreise spielen. Dem Report zufolge sinkt der Fleischkonsum seit 2017 stetig. 40 Prozent der Deutschen kochen jeden Tag, weitere 37 Prozent stellen sich mehrmals pro Woche an den Herd. Nur jeder Zehnte kocht nie. Dabei mögen die meisten Deutschen nach wie vor traditionelle Küche und das Bewusstsein für die Vorzüge einer vegetarischen Ernährung scheint bei den Verbrauchern gegeben zu sein.

Den Ergebnissen der Studie zufolge essen knapp drei Viertel der Befragten jeden Tag Obst und Gemüse. Im Osten sollen es mehr Obstesser sein als im Westen. 64 Prozent der befragten Menschen essen Milchprodukte. 28 Prozent gaben an, Fleisch und Wurst zu essen. Hier sind es vor allem Männer, die Fleisch konsumieren. Vor zwei Jahren gaben noch 34 Prozent an, regelmäßig Wurst und Fleisch zu essen. Braten oder Schnitzel werden weiter am häufigsten als Lieblingsessen genannt.

Süßes oder herzhaftes wird von 23 Prozent der Befragten täglich gegessen. Ganz unten auf der Liste steht der Fisch: Nur zwei Prozent gaben an, diesen regelmäßig zu essen. Für den Ernährungsreport 'Deutschland, wie es isst' wurden im Oktober und November 1'000 Bürgerinnen und Bürger ab 14 nach ihren Ess- und Einkaufsgewohnheiten befragt. Der Report beruht auf Zahlen des Meinungsforschungsinstitutes Forsa. Auftraggeber ist das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Ess- und Einkaufsgewohnheiten  

An erster Stelle steht für die Befragten der Geschmack (99 Prozent) als auch die Gesundheit (91 Prozent). Knapp die Hälfte der Befragten legt Wert darauf, dass Essen einfach zubereitet wird. Ein Drittel bevorzugt eine besonders kalorienarme Ernährung. Wenn man nach den Antworten der Forsa-Umfrage geht, müssten die Deutschen also sehr gesund leben: 50 Prozent achten nach eigenen Angaben beim Einkaufen auf das Bio-Siegel. Dagegen spricht die Realität, dass fast die Hälfte der Frauen, sechs von zehn Männern und jedes siebte Kind in Deutschland übergewichtig sind. Der Bio-Anteil bei den Lebensmittel-Ausgaben lag 2017 unter 6 Prozent.

Der Preis der Lebensmittel spielt für 32 Prozent eine Rolle. Bei einkommensschwachen Familien liegt der Wert in diesem Bereich allerdings höher.  Insgesamt wünschen sich die Menschen einen abwechslungsreich gedeckten Tisch. "Gerade bei der Ernährung, in der es so sehr um persönliche Geschmäcker und Vorlieben geht, ist es mir wichtig, eine gute Datengrundlage zu haben", begründet Klöckner die Umfrage. 

Zudem scheint den Verbrauchern Tierwohl wichtig zu sein. Weit mehr als zwei Drittel der Befragten gaben an, bis zu fünf Euro mehr für Fleisch zahlen zu wollen, das besonders tierfreundlichen produziert wurde. Ein knappes Drittel (29 Prozent) ist grundsätzlich offen für alternative Fleischarten als Beitrag zur Ernährungssicherheit – wie etwa aus Insekten hergestellte Lebensmittel oder Laborfleisch.

Manfred Güllner, Chef des Forsa-Instituts, das die repräsentative Umfrage leitete, gibt aber zu bedenken, dass zwischen Wille und Tat oft eine beträchtliche Kluft liegt: "Wir wissen, dass das gesagt wird, aber nicht getan wird." Salat predigen, Braten essen - nur ein Prozent leben vegan: die Deutschen lügen sich selbst an. Hier stellt sich die Frage, wozu dieser Report eigentlich gut sein soll.

Kochgewohnheiten

Die meisten Deutschen nutzen wenigstens ein paarmal in der Woche ihre Küche. Zehn Prozent der Befragten gaben allerdings an nie zu kochen. Gegessen wird aber nicht nur zu Hause, sondern auch gerne außwärts.  Knapp drei Viertel der Befragten (73 Prozent) gehen mindestens einmal pro Monat in ein Restaurant oder eine Gaststätte. Männer häufiger als Frauen, das gilt übrigens auch für die Kantine. Knapp jeder Fünfte (19 Prozent) nimmt sogar mindestens einmal pro Woche am Restauranttisch Platz.

Sehr unregelmäßig sieht es mit dem Essverhalten der Bundesernährungsministerin Julia Klöckner aus: "Wenn ich daheim bin, beziehe ich sowohl Fleisch als auch Gemüse vom Markt", erklärt die rheinland-pfälzische Politikerin bei der Präsentation des jährlichen Bundesernährungsreports. "Aber wenn ich in Berlin bin, sehe ich einfach nur zu, dass ich irgendetwas kriege."

Lebensmittelverschwendung

"Wir sollten die Lebensmittelverschwendung in Deutschland dringend angehen", findet Julia Klöckner. Und in der Tat wirft jeder Bundesbürger im Jahr durchschnittlich 55 Kilogramm Essen weg. Am häufigsten wandern Obst und frisches Gemüse in die Tonne, auch Selbstgekochtes und Backwaren landen häufig in der Tonne, obwohl sie nach Angabe der Befragten sogar noch genießbar gewesen wären.

Eine andere Zahl zeigt, dass das allgemeine Misstrauen gegenüber großen Institutionen auch die Lebensmittelindustrie betrifft. 27 Prozent der Befragten vertrauen ihren Lebensmitteln nicht, vor einem Jahr war der Wert noch fünf Prozent besser. "Manchen Versprechungen der Industrie glauben die Verbraucher einfach nicht mehr", sagte Klöckner dazu.

Das liegt nicht ohne Grund am politischen Handeln. Fragen, die es erforderlich machen würden, die Lebensmittelindustrie in die Pflicht zu nehmen, wurden gleich gar nicht gestellt. So ist explizit nicht gefragt worden, ob sich Verbraucher eine deutlichere Kennzeichnung wünschen, die Auskunft geben könnten, wie gesund ein Produkt ist. Klöckner stellt sich bislang gegen solche Pläne, Verbraucherschützer fordern eine Lebensmittelampel seit langem. 

Kritiker bezeichnen nicht nur deshalb den Ernährungsreport "Deutschland, wie es isst" daher als "Blender" oder auch "Scheinpolitik" - also unnötige Steuerverschwendung - und fordern stattdessen "eine verständliche Lebensmittelampel für Zucker, Fett & Co., ein Verbot für die Vermarktung ungesunder Lebensmittel an Kinder und eine Limo-Steuer, damit Hersteller einen Anreiz haben, weniger Zucker in ihre Getränke zu mischen". Was in anderen Ländern Europas möglich ist, scheint laut deutscher Politik unvorstellbar - "Industrie first".

Report ohne Konsequenzen

"Dass wir alle gerne theoretisch einen Plan machen können, was gesund ist, aber am Ende wird alles nichts bringen, wenn es nicht schmeckt." Deswegen werde nicht von heute auf morgen vorgeschrieben, den Zucker etwa um die Hälfte zu reduzieren. Produkte würden dann zum Ladenhüter. Kritiker warfen Klöckner am Mittwoch vor, auf PR zu setzen, statt sich für eine bessere Lebensmittelproduktion einzusetzen. "Die Menschen erwarten wirksame Maßnahmen für eine bessere Tierhaltung oder zur Förderung eines gesunden Lebensmittelangebots, aber gewiss keine Scheinpolitik", sagte Martin Rücker von der Verbraucherorganisation Foodwatch.

Bei der Vorstellung des Berichts sind auch Details des staatlichen Tierwohllabels bekannt geworden. Schweine sollen zum Beispiel bis zu 100 Prozent mehr Platz bekommen. Außerdem gibt es neue Vorgaben zu Tiertransporten und umstrittenen Praktiken wie der betäubungslosen Kastration - natürlich ist auch hier die Teilnahme freiwillig.

Rücker bemängelte, dass Klöckner auch bei den Fertigprodukten und beim geplanten staatlichen Tierwohl-Kabel auf Freiwilligkeit setze.  Ex-Agrarministerin Renate Künast (Grüne) nannte den Report eine "Mogelpackung": "Sieht schön aus, ist aber nichts Wegweisendes drin." Klöckner sei "nicht viel mehr als eine Ankündigungsministerin" und richte sich zu sehr nach den Wünschen der Industrie.

Kritik von Martin Rücker, Geschäftsführer der Verbraucherorganisation foodwatch:  

"Wir sollten die Arbeit des Ernährungsministeriums nicht an der Qualität seiner PR-Aktivitäten messen, sondern an seinem verbraucherschutzpolitischen Handeln. Die Menschen erwarten wirksame Maßnahmen für eine bessere Tierhaltung oder zur Förderung eines gesunden Lebensmittelangebots, aber gewiss keine Scheinpolitik. Frau Klöckner offenbart ein fragwürdiges Verständnis von ihrem Amt als Bundesernährungsministerin. Sie verteidigt wirtschaftliche Interessen gegen Anliegen des Verbraucherschutzes, wenn sie allein auf freiwillige Maßnahmen setzt.

Ein freiwilliges Tierwohl-Label wird am katastrophalen Gesundheitszustand zahlreicher Nutztiere kaum etwas ändern. Eine freiwillige Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie, den Zucker zu reduzieren, ist zum Scheitern verurteilt.   Wir brauchen eine verständliche Lebensmittelampel für Zucker, Fett & Co., ein Verbot für die Vermarktung ungesunder Lebensmittel an Kinder und eine 'Limo-Steuer', damit Hersteller einen Anreiz haben, weniger Zucker in ihre Getränke zu mischen. Bereits vergangenes Jahr haben mehr als 2'000 Ärztinnen und Ärzte in Deutschland Frau Klöckner zum Handeln aufgefordert - aber die Ministerin stellt sich taub.

Andere Länder machen längst Ernst im Kampf gegen Fettleibigkeit und führen Ampelkennzeichnungen ein, beschränken die Werbung an Kinder oder besteuern überzuckerte Limonaden. Deutschland hinkt im Kampf gegen Fehlernährung und die massiven Folgeerkrankungen der internationalen Entwicklung meilenweit hinterher - und Frau Klöckner trägt dafür Verantwortung. Es reicht eben nicht, die Hersteller freundlich zu bitten, etwas weniger Zucker in ihre Produkte zu kippen - denn das sind nun einmal die Produkte, die sich am profitabelsten verkaufen lassen."

siehe auch:

  1. Lebenshaltungskosten steigen
  2. Vergangenes Jahr forderten 2'000 Ärztinnen und Ärzten, Krankenkassen und Fachgesellschaften die Bundesregierung zum Handeln auf
  3. BUNDESERNÄHRUNGSBERICHT 2019

 

(Quelle: BMEL/HIN)