PFC: Einblicke und Ausblicke

Erstellt: Mittwoch, 21. November 2018

(proh). Seitdem 2013 erstmalig per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) in der Trinkwasserversorgung der Stadt Rastatt nachgewiesen wurden, beschäftigen sich verschiedene Stellen der Verwaltung intensiv mit der PFC-Problematik und erarbeiten individuelle und allgemeine Lösungsmöglichkeiten zum Umgang mit dieser.  Unter dem Titel "PFC-Problematik: Zwischenbilanz und Ausblick - Eine Bürgerinformation" hat das Regierungspräsidium Karlsruhe nun die bisherigen Erkenntnisse und Maßnahmen sowie noch geplante Maßnahmen und Projekte zur Bewältigung der PFC-Problematik in Mittel- und Nordbaden zusammengefasst.

Leberschädigend, fortpflanzungsschädigend und potenziell krebserzeugend - per- und polyfluorierte Chemikalien, oder abgekürzt PFCs, sind giftig. Trotzdem bleiben sie für viele Branchen unersetzlich - sei es bei der Herstellung von atmungsaktiver Kleidung, "to go"-Kaffeebechern oder Feuerlösch-Schaum - und finden so ihren Weg immer wieder ins Oberflächen- oder Grundwasser. Hauptvertreter der PFCs sind poly- und perfluorierte Alkansäuren, deren hohe Stabilität dazu führt, dass sie extrem persistent in der Umwelt und als nicht bioabbaubar gelten.

Das Umweltamt im Landratsamt Rastatt hat, wie in den Vorjahren, auch 2018 ein umfangreiches Oberflächengewässer-Monitoring durchgeführt. Der Umfang wurde dieses Jahr ausgeweitet. In Zusammenarbeit mit dem Umweltamt der Stadt Baden-Baden und dem Gesundheitsamt wurden kreisübergreifend insgesamt 75 Messstellen in Fließgewässern, 29 Seen und 10 Kläranlagenabflüsse auf PFC untersucht. Zusätzlich wurde durch die LUBW auch eine Abflussmessung an ausgewählten Standorten durchgeführt, sodass erstmals auch PFC-Frachten ermittelt werden konnten. 

Da normierte Grenzwerte für Oberflächengewässer bisher nicht existieren, wurden die Gewässer zum einen nach den sogenannten PNEC-Werten zum Schutz der aquatischen Lebensgemeinschaft bewertet, zum anderen wurden die Geringfügigkeitsschwellenwerte (GFS) für Grund- und Trinkwasser zur Orientierung herangezogen. Bei einer Bewertung als Grund- und Trinkwasser zeigt sich bei zehn Messstellen in Fließgewässern und vier Messstellen in Seen eine Überschreitung der GFS-Werte. Der Trend der letzten Jahre wird damit grundlegend bestätigt.

Seit Bekanntwerden der Verunreinigungen von Böden und Grundwasser im Raum Rastatt und Baden-Baden mit PFC im Jahr 2013 haben die Umweltverwaltungen des Landkreises Rastatt und der Stadt Baden-Baden umfangreiche Untersuchungen an mittlerweile über 1.750 Hektar an landwirtschaftlichen Böden durchgeführt. Da sich die PFC über die Böden ins Grundwasser und darüber auch in die Oberflächengewässer verlagern, werden zusätzlich zu den Bodenuntersuchungen auch 860 Grundwassermessstellen und 160 Oberflächengewässermessstellen regelmäßig kontrolliert.

Das Geld für aufwändigen Untersuchungen versuchte der Landkreis Rastatt verwaltungsgerichtlich einzutreiben - und zwar einem örtlichen Kompost-Hersteller, den der Kreis für den Verursacher hält. Doch die strafrechtlichen Ermittlungen stellte die Staatsanwaltschaft Karlsruhe Anfang 2017 ein - wegen Verjährung. 

Gemeinsam mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe und der Stadt Baden-Baden veranstaltete die Landkreisverwaltung am Mittwoch, 21. November 2018, eine weitere Bürgerinformation zur mittelbadischen Belastung von Boden und Wasser mit per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC). Die Veranstaltung fand im Landratsamt Rastatt reges Interesse - über 400 Menschen waren gekommen. 

"Die Sache ist hochkomplex, eine Sanierung ist nicht möglich, der Schwerpunkt liegt auf dem Schutz der Bevölkerung und der Lebensmittelsicherheit", so Susanne Diebold vom Regierungspräsidium Karlsruhe, die die kurzfristig verhinderte Regierungspräsidentin Nicolette Kressl vertrat. "Seit 2014 beschäftigt uns die PFC-Problematik. Aber wir wissen heute mehr als damals und wir haben gelernt, mit dem Problem umzugehen." Mit diesen Worten eröffnete Landrat Jürgen Bäuerle sechste PFC-Info-Veranstaltung vom Landkreis, der Stadt Baden-Baden und dem Regierungspräsidium Karlsruhe. 

Vier Themenbereiche wurden in Kurzvorträgen näher ausgeführt. Das Landesgesundheitsamt berichtete über die Ergebnisse der Blutkontrolluntersuchung. Ein Vertreter des Technologiezentrums Wasser (TZW) des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW) stellte die eingeleiteten Maßnahmen zur Sicherstellung mit einwandfreiem Trinkwasser vor. 

In Kurzvorträgen berichteten Experten u.a. über die durchgeführte Blutkontrolluntersuchung. Mehr als 300 Anwohner/innen aus 15 unterschiedlichen Gemeinden im Raum Rastatt hatten sich an einer Studie beteiligt und Blutproben abgegeben. In Blutproben von Anwohnern waren höhere Werte der Chemikalie nachgewiesen worden, die über das Trinkwasser in das Blut kam. 

Der Mittelbadische PFC Skandal hat inzwischen Auswirkungen auf die Blutspendendienste. Der DRK-Blutspendedienst hat die direkte Verwendung von Blutplasma aus der Region Mittelbaden am Patienten vorläufig gesperrt.

"Stell dir mal vor, du bekommst eine lebensrettende Blutspende und später stellt sich raus: Die ist mit einer Chemikalie verunreinigt", so eine DRK-Mitarbeiterin. Das DRK hat die direkte Verwendung von Blutplasma aus der Region Mittelbaden an Patienten vorläufig gesperrt. [⇒ Blutplasma aus Mittelbaden vorerst gesperrt]

Über die eingeleiteten Maßnahmen zur Sicherstellung der Wasserversorgung mit einwandfreiem Trinkwasser wurde ebenso informiert wie über die Gewährleistung unbelasteter Lebensmittel. Beim so genannten Vorerntemonitoring wurden Agrarprodukte von mit der Chemikalie PFC belasteten Flächen in Mittel- und Nordbaden auf Rückstände untersucht.

Bereits zu Beginn der Untersuchungen fanden sich höhere Werte bei Spargel, Wintergerste und Winterweizen. Getreide, Obst und Gemüse aus der Region würden mit einem sogenannten Vorernte-Monitoring überprüft, erklärte Jürgen Bäuerle, Landrat von Rastatt: Es gibt keinen amtlichen Grenzwert, aber was auch nur über Empfehlungsgrenzen liegt, wird vernichtet. 

Bauern aus Mittelbaden mussten deshalb in den vergangenen Jahren Teile der Erdbeer- und Spargelernte vernichten - die Äcker anderweitig genutzt werden. Personen, die Gemüse und Obst aus den betroffenen Gebieten verzehrten, wiesen laut flächendeckenden Untersuchungen kaum höhere Werte auf als Menschen außerhalb der belasteten Gebiete - und in Kartoffeln lagerte sich PFC nicht ab. 

In diesem Jahr ist die "Geringfügigkeitsschwelle" neu festgesetzt worden. Das bedeutet, dass noch mehr Äcker betroffen sind. Die Belastung verdünnt sich zwar, zieht aber immer weitere Kreise Richtung Rhein. Viele der kurzkettigen PFC, das sind die ungefährlicheren, sind mobil und längst im Grundwasser angekommen. 

Die Wasserversorger haben die Aufbereitung nachgerüstet, beruhigte nicht nur Peter Riedinger von den Stadtwerken Baden-Baden. "Gerade in Baden-Baden im Grundwasserwerk von Sandweier, wo wir wesentliche Belastungen auch in Einzelbrunnen hatten, um diese nachhaltig weiter und wieder nutzen zu können, und wir entfernen dort nachhaltig PFC im Trinkwasser - mit Hilfe von Umkehrosmose und Aktiv-Kohlefilterung."

"In kleinen Schritten gelingt es uns, die Belastung zu kontrollieren", sagte die Baden-Badener Oberbürgermeisterin Margret Mergen. Über höhere Wasserpreise müssen die Bürger das mitfinanzieren.  

In Rastatt werden als Hauptursachen für die Preisanhebung für Trinkwasser mit Wirkung vom 1. Januar 2019 um fast zwölf Prozent die Kosten für Investitionen zur Abwehr von Verunreinigungen des Grundwassers mit per- und polyfluorierten Kohlenwasserstoffen (PFC) und den Betrieb dieser Anlagen angeführt. "Wir zählen aber auch nach der Preiserhöhung weiterhin zu den günstigsten Wasserversorgern Baden-Württembergs", betont Olaf Kaspryk, Geschäftsführer der Stadtwerke Rastatt.

Darüber hinaus wurde ausgeführt, wie PFC-Funde in der Bauleitplanung Berücksichtigung finden. Etwa bei der Erweiterung des Parkplatzes Oberfeld an der Autobahn 5 bei Weitenung, nachdem im Bodenaushub PFC festgestellt worden war - oder bei der Erweiterung der Tank- und Rastanlage Bühl, wo wegen der PFC-Belastung eine Grundwasserreinigungsanlage eingebaut werden musste, bevor das entnommene Grundwasser in die Gewässer abgeleitet werden konnte.

Nach den von Susanne Diebold moderierten Kurzreferaten bestand die Möglichkeit an Infoständen zu den einzelnen Themenkomplexen mit den jeweiligen Experten zu sprechen. "Warum wird hier kein Wort über die Verantwortlichen gesagt, die PFC sind doch nicht vom Himmel gefallen", erregte sich zu Recht der ehemalige Rastatter Landtagsabgeordnete und Stadtrat Gunter Kaufmann - und er war nicht der Einzige, der sich darüber erregte, dass die Bürger wieder einmal für Fehlverhalten zahlen sollen, während die Verursacher straffrei bleiben.

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Unter dem Titel "PFC-Problematik: Zwischenbilanz und Ausblick - Eine Bürgerinformation" hat das Regierungspräsidium Karlsruhe nun die bisherigen Erkenntnisse und Maßnahmen sowie noch geplante Maßnahmen und Projekte zur Bewältigung der PFC-Problematik in Mittel- und Nordbaden zusammengefasst. Die "Bürgerinformation" ist in enger Zusammenarbeit mit dem Landratsamt Rastatt, der Stadt Baden-Baden und der Stadt Mannheim entstanden. Sie ist insbesondere für betroffene Bürgerinnen und Bürger eine Informationsquelle und soll allen Interessierten einen allgemeinverständlichen Überblick zu dem komplexen Thema PFC geben.

"Durch die Bürgerinformation setzen wir den transparenten Umgang der Verwaltung mit der PFC-Problematik konsequent fort. Sie ergänzt die Bürgerinformationsveranstaltungen der betroffenen Stadt- und Landkreise, die verschiedenen Informationsplattformen im Internet sowie unsere für die Öffentlichkeit und Medien eingerichtete Stabsstelle PFC im Regierungspräsidium Karlsruhe", so Regierungspräsidentin Nicolette Kressl zu der Motivation für die Veröffentlichung der 52 Seiten umfassenden Dokumentation.

 

siehe auch ⇒ PFC im Blut

(Quelle: RPK/HIN)