Wasser ist in Gefahr

Erstellt: Montag, 05. November 2018

(joER). Die EU-Kommission könnte auf Drängen von Industrie-Lobby und einigen Mitgliedstaaten schon bald den europäischen Schutz unser Flüsse, Seen und Bäche schwächen. Denn bereits heute geht es den Gewässern schlecht. Über Generationen hinweg wurden sie verschmutzt und zerstört. Nitrat, Quecksilber, Begradigungen, Staudämme sind einige Teile davon. Wenn die EU-Kommission jetzt auch noch die Schutzstandards schwächt, statt sich endlich für die Gewässer stark zu machen, hätte das fatale Auswirkungen auf wertvolle Ökosysteme. 

Zu viel Nitrat und Quecksilber, hinzukommen Begradigungen, Vertiefungen, Wehre und Stauanlagen – der Zustand deutscher Gewässer ist flächendeckend prekär und verstößt gegen die Wasserrahmenrichtlinie. Die Belastungen resultieren aus menschlichen Aktivitäten im Einzugsgebiet der Gewässer und durch Eingriffe oder Einleitungen in das Gewässer selbst.

Solche Stoffeinträge aus punktuellen oder diffusen Quellen stehen dabei traditionell im Fokus der Aufmerksamkeit. Aber auch Eingriffe, die die Struktur des Flusses beeinträchtigen, haben in hoch entwickelten Ländern einen bedeutenden Einfluss auf den Gewässerzustand. Sie verändern nicht nur das Landschaftsbild, sondern entziehen Gewässerorganismen oft ihre Lebensräume und damit die Lebensgrundlage. 

Zudem gibt es bei der Umsetzung einer nachhaltigen Wasserpolitik gravierende Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Das ist das Ergebnis einer WWF-Untersuchung, die die Naturschutzorganisation vorgestellt hat.

Rheinland-Pfalz, Bayern oder Schleswig-Holstein bilden zwar die Spitzengruppe beim Wasserschutz, doch auch sie bleiben weit hinter den gesetzlichen Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) zurück. Laut WWF-Vorstand Christoph Heinrich sind sie nur "die Einäugigen unter den Blinden".

Baden-Württemberg gehört zum Mittelfeld: "Die Sanierung und nachhaltige Nutzung der Gewässer ist eine Daueraufgabe, die wir gemeinsam bewältigen müssen", so Umweltminister Franz Untersteller. "Es gilt immer wieder aufs Neue, zum Beispiel die Nutzungskonflikte zwischen Naturschutz und Landwirtschaft zu thematisieren und aufzulösen, Flächen zu extensivieren, Nährstoffeinträge zu verringern. Auch müssen wir stärker als früher auf die Auswirkungen des Klimawandels reagieren."  

Die Wasserrahmenrichtlinie wurde 2000 von den EU-Mitgliedsstaaten verabschiedet. Alle Mitgliedstaaten der EU sind verpflichtet bis 2015 und in Ausnahmefällen bis 2027 alle Gewässer in einen "guten ökologischen" und "guten chemischen Zustand" zu bringen. Für Grundwasser ist ein "guter mengenmäßiger" und "guter chemischer Zustand" zu erreichen.

Insgesamt zeichnet die WWF-Analyse, die auf offiziellen Behördendaten fußt, ein alarmierendes Bild: Für über ein Drittel der deutschen Grundwasservorkommen wird ein "schlechter chemischer Zustand" konstatiert. Grund hierfür sind die gravierenden Nitrateinträge durch den Agrarsektor. Diese bleiben eines der größten, ungelösten Probleme der deutschen Wasserproblematik.

Die Quecksilberbelastung, vor allem eine Folge der massiven Kohlestromerzeugung in Deutschland, liegt beinahe flächendenkend über den  in der Wasserrahmenrichtlinie festgeschrieben Grenzwerten. Derartige Überschreitungen führen zu einer Gefährdung  der Gewässerorganismen und der menschlichen Gesundheit. Jahrzehntelang wurden selbst kleinste Fließgewässer unter Ingenieursgesichtspunkten begradigt und damit ihrer "ökologischen Seele" beraubt. Praktisch alle Flüsse sind als Wasserstraßen ausgebaut. Mithin können nur noch 8 Prozent der deutschen Bäche und Flüsse  als ökologisch intakt bezeichnet werden.

"Insgesamt verfehlen alle sechszehn Bundesländer die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie", kritisiert Heinrich. Anlässlich der am Mittwoch startenden Umweltministerkonferenz in Bremen der Länder fordert er daher die Landespolitik auf, "den Gewässerschutz endlich ernst zu nehmen"  und die Richtlinie konsequent umsetzen. "Es wurde zu lange weggesehen, wenn weite Teile der Industrie und des Agrarsektors auf Kosten unseres Wassers gewirtschaftet haben. Das Problem wurde verschleppt. Notwendig sind mehr Geld, mehr Personal und vor allem der politische Wille, unser Wasser zu schützen."

Bei der laufenden regulären Überprüfung der WRRL muss Deutschland sich auf EU-Ebene für den Erhalt des heutigen Rechtsrahmens offensiv aussprechen. Die Bestrebungen auf EU-Ebene - auf Drängen von Industrie-Lobby und einigen Mitgliedstaaten – die Zielvorgaben der Wasserrahmenrichtlinie aufzuweichen, Fristen zu verlängern und damit insgesamt den Wasserschutz zu schwächen bezeichnete Heinrich als "absolut kontraproduktiv und gefährlich". Außerdem forderte er angesichts der Nitrat- und Quecksilberbelastung eine Wende in der Landwirtschaft und einen zügigen Ausstieg aus der Kohlestromerzeugung.

Zum Bericht des WWF über den Zustand der Gewässer in Deutschland erklären Steffi Lemke, Sprecherin für Naturschutzpolitik, und Bettina Hoffmann, Sprecherin für Umweltpolitik der GRÜNEN Bundestagsfraktion: "Begradigte, verengte und vertiefte Flüsse voller Ackergifte und Dünger aus der Landwirtschaft bieten vielen Tieren und Pflanzen keinen Lebensraum und keine Nahrung mehr. Bund und Länder müssen endlich Maßnahmen zur Erreichung der Ziele der europäischen Wasserrahmenrichtlinie als Querschnittsaufgabe in den Bereichen Landwirtschaft, Industrie, Energie, Verkehr und Bau verbindlich integrieren. Denn gesunde Gewässer sind eine wichtige Ressource für zukünftige Generationen, Hotspot für den Artenreichtum und besonders wertvolle Ökosysteme."

siehe auch: 

Protect Water [UNTERSCHRIFTENAKTION]

Traurige Bilanz

Projekt BAGGERSEE