Situation ist besorgniserregend

Erstellt: Montag, 06. August 2018

(joER). Die weiter anhaltende Hitzewelle hat dazu geführt, dass die Temperatur des Rheins weiter angestiegen ist und 28 Grad im Tagesmittel am Wochenende überschritten hat. Die Süßwasserqualitätsverordnung schafft die Grundlage für die zuständigen Wasserbehörden, bei den Großeinleitern Nutzungsbeschränkungen vorzunehmen. Daher wurden die bedeutenden wassereinleitenden Unternehmen an den großen rheinland-pfälzischen Fließgewässern aufgefordert, die Nutzung von Flusswasser zur Kühlung von Produktionsprozessen oder Kraftwerken zu drosseln.

Im Hochrhein hat ein hitzebedingtes Fischsterben begonnen. Am Wochenende wurde bereits rund eine Tonne toter Fische eingesammelt, wie der schweizerische Fischereiverband bestätigte. Betroffen sind vor allem Äschen, die Temperaturen unter 23 Grad bevorzugen. In Stein am Rhein war das Wasser aber schon über 27 Grad warm.

"Die Unternehmen haben bereits in den vergangenen Tagen wegen der höheren Temperaturen ihre Produktion und Leistung angepasst. Das stellt sie vor wirtschaftliche Herausforderungen", sagte Umweltministerin Ulrike Höfken. "Das warme Wasser hat negative Auswirkungen auf das Ökosystem im Fluss: Gewässerorganismen verfügen nicht über die Fähigkeit, ihre Körpertemperatur zu selbst zu regulieren. Die Folge daraus ist, dass sie kräftiger atmen müssen. Für Fische und für Wirbellose wie etwa Muscheln ergibt sich hieraus eine zunehmend gefährliche Stresssituation. Dabei wird auch das Immunsystem der Tiere in Mitleidenschaft gezogen, so dass die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten steigt."

Darum müssten alle Maßnahmen ergriffen werden, die die Situation entschärfen können. "Wärmeres Flusswasser kann mittel- bis langfristig auch zu einer Veränderung des Artenspektrums führen. Auch das Wanderverhalten der Fische ist gestört", so Höfken. Aktuell aber führten der hohe Sauerstoffgehalt von mehr als sechs Milligramm pro Liter im rheinland-pfälzischen Teil des Rheins und die ebenfalls noch ausreichende Abflussmenge dazu, dass die warmen Temperaturen des Wassers noch keine kritischen Auswirkungen auf das ökologische Gleichgewicht hätten.

"Die Messwerte der LUBW zeigen deutlich: Neckar und Rhein werden jeden Tag noch ein bisschen wärmer. Doch der Sauerstoffgehalt in den Flüssen geht jeden Tag ein Stückchen zurück und nähert sich an manchen Messstellen der für Fische kritischen Grenze von vier Milligramm pro Liter", sagt Gottfried May-Stürmer, Referent für Landwirtschaf und Gewässer-Experte beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband Baden-Württemberg e. V..  Der BUND  Baden-Württemberg, fordert Umweltminister Franz Untersteller auf, die Ausnahmegenehmigungen für Atom- und Kohlekraftwerke zum Weiterbetrieb bei Wassertemperaturen von über 28°C zurückzunehmen.

Am Hochrhein und an der Mosel ist es im Südwesten bereits zu Fischsterben gekommen. Auch bei Heilbronn hat der Fischereiverein Böckingen tote Karpfen aus dem Neckar gezogen. "Die Kraftwerke weiter laufen zu lassen und auf Regen am Donnerstag zu hoffen, ist ein verantwortungsloses Glücksspiel. Das Risiko ist hoch", so May-Stürmer. "Das kann gut gehen, aber es kann auch daneben gehen. Bei den stetig steigenden Temperaturen kann niemand exakt voraussagen, wann die Grenze für größere Fischsterben erreicht wird."

Die 28°C-Grenze ist ein Kompromiss zwischen Gewässerökologie und Stromversorgung, der noch aus einer Zeit stammt, als es kaum andere Stromquellen als Kohle- und Atomkraftwerke gab. Für empfindlichere Fischarten wie die Äsche sind 28°C schon zu viel. Heute erreichen die Photovoltaikanlagen in Deutschland bei der stabilen Hochdruckwetterlage täglich Leistungen von rund 30 Gigawatt und decken damit die Mittagsspitze im Stromverbrauch zuverlässig ab.

Aktuelle gewässerökologische Untersuchungen des Landesamtes für Umwelt haben zwar ergeben, dass es im Rhein noch zu keinen Beeinträchtigungen gekommen sei. Allerdings ist die Situation am gesamten Flussverlauf sehr unterschiedlich, wie Nachrichten über ein Fischsterben in der Schweiz belegen. Die Prognosedaten der Kraftwerke sowie der LUBW, Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg, lassen vermuten, dass die Wassertemperaturen zwar wieder etwas ansteigen, aber die 28 Grad-Marke voraussichtlich nicht mehr erreichen werden wird. Ab Donnerstag ist voraussichtlich auch mit einer deutlichen Abkühlung der Luft- und infolgedessen der Wassertemperaturen zu rechnen.  

Da die Lage insgesamt aber weiter angespannt ist, haben verschiedene Kraftwerksbetreiber vorsorglich erneut Anträge auf eine wasserrechtliche Ausnahmegenehmigung beim Umweltministerium und den Regierungspräsidien gestellt. Darunter die erwähnten Atomkraftwerke Philippsburg und Neckarwestheim sowie das GKM.  

Außerdem beantragen das Rheinhafendampfkraftwerk Karlsruhe, die Kraftwerke Heilbronn und Altbach sowie das Heizkraftwerk Stuttgart-Münster am Neckar eine erneute Ausnahmegenehmigung. Es ist vorgesehen, die Anträge auf Grundlage einer stromwirtschaftlichen Beurteilung und einer Beurteilung der ökologischen Situation in Rhein und Neckar befristet bis kommenden Montag (13.08.) und auf Widerruf zu erteilen.

Das Umweltministerium steht in regelmäßigem Austausch mit den Kraftwerksbetreibern, um die Situation vor Ort zu besprechen und gegebenenfalls handeln zu können.  Vorsorglich hat GKM angekündigt, die Kraftwerksblöcke 6-8 nicht zu betreiben, wenn die Wassertemperatur dauerhaft über 27,5 Grad ansteigt. Die EnBW wird auf freiwilliger Basis Maßnahmen an ihren Neckarkraftwerken ergreifen, wie zum Beispiel Turbinenbelüftungen, um den Sauerstoffeintrag zu verbessern.

"Der Klimawandel ist eine Tatsche und an der derzeitigen Situation am Rhein spürbar und messbar. Wir müssen unsere Anstrengungen im Klimaschutz deutlich verstärken, aber uns auch in allen Lebensbereichen an die Folgen des Klimawandels anpassen ", so Höfken. "Ein Beispiel für das Engagement vom Land war die Einführung des Wassercents: Diese Abgabe auf die Nutzung von Wasser etwa hat bewirkt, dass andere Möglichkeiten der Kühlung in Produktionsprozessen von den Unternehmen genutzt werden und die Einleitung von warmem Kühlwasser vermieden wird."

Das Wichtigste, betonte die Ministerin, sei aber, die Treibhausgasemissionen langfristig drastisch zu reduzieren: "Der Kohleausstieg muss in sehr naher Zukunft erfolgen, denn die Kohlekraftwerke sind nicht nur für einen Großteil der CO2-Emissionen verantwortlich, sondern nutzen auch sehr viel Flusswasser zur Kühlung."

Wegen der sich häufenden und im Rahmen des Klimawandels auch in den kommenden Jahren zu erwartenden Hitzeperioden und damit verbundenen hohen Gewässertemperaturen wird sich das Umweltministerium in der Flussgebietsgemeinschaft Rhein dafür einsetzen, Vorgehensweisen und Handlungskonzepte verstärkt länderübergreifend abzustimmen und durchzuführen.

"Darüber hinaus halten wir es für erforderlich, dass alle rheinland-pfälzischen Großeinleiter ihre vorhandenen Kühlkonzepte auf den Prüfstand stellen", so Höfken. Das Umweltministerium wolle daher einen Runden Tisch einrichten, an dem mit allen Beteiligten über die Möglichkeiten gesprochen werde. "Es ist davon auszugehen, dass die Situation kein Einzelfall bleibt – wir müssen im Gespräch mit der Industrie und dem Umweltverbänden daher nach Lösungen suchen."

siehe auch: 

Kritische Temperatur

Weg in die 'Heißzeit'?

(Quelle: UM.bw/HIN)