Rettet die Bäume

Erstellt: Donnerstag, 02. August 2018

(joER). Der Juli 2018 ist sehr heiß verlaufen; vielerorts wurden die Monatsrekorde gebrochen. Spitzenreiter war am Dienstag, 31. Juli, mit 39,5 Grad Celsius.  "Ursache für die Hitzewelle ist sehr warme Luft vom Mittelmeer, die über eine südwestliche Strömung zu uns gelangt", erklärt Klima-Experte Professor Heiko Paeth. Dazu komme eine sehr stabile Wetterlage mit Hochdruckeinfluss. Diese beeinflusse – mit kurzen Unterbrechungen – seit April das Wettergeschehen in Deutschland. In vielen Regionen habe sie für extreme Trockenheit gesorgt.

In der Hitze fiebern viele Menschen den Abendstunden entgegen, wenn die Luft langsam wieder abkühlt und sie die Wohnung noch einmal richtig durchlüften können. Dann aber stellt so mancher enttäuscht fest, dass die Luft draußen bei weitem wärmer ist als gedacht. In der Innenstadt macht sich der sogenannte städtische Wärmeinseleffekt bemerkbar.

"Bebaute Gebiete mit ihren Straßen und Häuserfassaden heizen sich tagsüber stärker auf und können abends schlechter abkühlen als das Umland", erklärt Hartmann. Besonders in den frühen Nachtstunden geben Asphalt, Steine und Beton die gespeicherte Wärme wieder ab. "Wie lange die Hitze in Deutschland noch bleibt, weiß nur Petrus" sagt Hartmann.

Roloff sieht eine Lösung vor allem darin, gesunde, langlebige und adaptierte Bäume zu etablieren. Dafür forscht er seit über zehn Jahren in chinesischen Städten wie Peking, wo ein auch für Deutschland zu erwartendes Klima mit schnellem Frühlingsanfang und langen, heißen Sommern herrscht. Die Baumarten in China seien im Vergleich zu Nordamerika laut Roloff noch relativ unerforscht. Insbesondere sucht er nach Baumarten, die an Straßen gut wachsen. Bisher sei das zum Beispiel der Ginkgo.

Für die kommenden Tage stünden die Weichen auf jeden Fall weiter für Temperaturen von über 30 Grad Celsius: Da also kein Ende des heißen und trockenen Sommers in Sicht zu sein scheint, hat die Feuerwehr ab der kommenden Woche ihre Unterstützung in der Not zugesagt. Sie wird in vielen Städten, etwa in Gaggenau und Rastatt, an bis zu drei Tagen mit einem Löschfahrzeug den Straßenbäumen an besonders trockenen Stellen zu Hilfe eilen. Schon jetzt ist klar, einige Bäume werden diesen heißen Sommer nicht überleben. 

Die Natur leidet nämlich zunehmend unter der Trockenheit und Hitze. Viele Straßenbäume befinden sich in einer lebensbedrohlichen Situation. Um dem entgegenzuwirken, sind die städtischen Mitarbeiter der Technischen Betriebe Rastatt im Kundenbereich Grünflächen bereits seit Wochen im Dauereinsatz. Tag für Tag bewässern acht Mitarbeiter die Grünflächen und Bäume im Stadtgebiet mit 60'000 Litern Wasser.

Neu gepflanzte Blumen trocknen aus und auch erste Bäume verlieren bereits jetzt schon verfärbte Blätter. Die Natur leidet und fordert auch die technischen Betriebe. Täglich werden derzeit etwa 16'000 Liter Wasser für Blumen, Pflanzen und Bäume in Gaggenau benötigt, um sie zu erhalten. "Wenn die Trockenperiode weiterhin anhält, werden wir das Bewässern noch weiter ausdehnen müssen", meint der Leiter der technischen Betriebe, Andreas Heck.

Schon jetzt sind es tagtäglich umgerechnet 1'600 große Gießkannen voll Wasser. Zwei Fahrzeuge mit großen Wassertanks, die jeweils viermal täglich neu "betankt" werden, erleichtern den drei Mitarbeitern ihre Arbeit erheblich. Besonders komfortabel ist dabei der Unimog, der mit einem sogenannten "Gießarm" ausgestattet ist und über einen Joystick gesteuert werden kann. "Die Gießvorrichtung ist ein wahnsinniger Vorteil", erklärt Andreas Heck, dass damit sehr gezielt gegossen werden kann.

Seit April müssen die Pflanzen und Blumen von der Stadtgärtnerei bewässert werden, da es seither keine längere Regenperiode gab. "Durch das sehr trockene Frühjahr und die zurzeit anhaltende Hitze sind die Pflanzen extrem ausgetrocknet", weist Andreas Heck darauf hin, dass nicht nur Blumen sehr gefährdet sind, sondern nun auch schon eingewachsene Bäume regelmäßig mit Wasser versorgt werden müssen.

Täglich beginnen die Arbeiten derzeit bereits um sechs Uhr am Morgen. Aufgrund der extremen Witterung wird das Personal auch am Wochenende eingesetzt, um insbesondere die etwa 4'500 Sommerblumen in Gaggenau vor dem Austrocknen zu retten. "Der Sommerflor hat derzeit oberste Priorität, deshalb müssen andere Arbeiten, wie beispielswiese die Grünpflege, hinten angestellt werden", erklärt der Baubetriebshofleiter.

Amphibien sind ebenfalls stark von den extremen Witterungsverhältnissen betroffen. Sie halten sich vermehrt in Tümpel oder Teiche auf, so auch in Gaggenau im Traischbach. Regelmäßig fährt eine Kolonne zu dem Tümpel, um eine ausreichende Wasserversorgung zu gewährleisten, damit die Frösche nicht auf dem Trockenen sitzen. 

Ganz aktuell sind in Rastatt weitere drei Fahrzeuge der Technischen Betriebe mit Wasserfässern aufgerüstet worden. Zusammen mit dem Saugwagen des Eigenbetriebs Stadtentwässerung können so zusätzliche 82'000 Liter Wasser für die dürstenden Bäume und Grünflächen zur Verfügung gestellt werden. Klingt viel, ist aber nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein, denn 170 Hektar Grünflächen in Rastatt wollen versorgt werden - das ist derzeit nicht umfassend möglich.

Die städtischen Bewässerungsaktionen konzentrieren sich daher auf die Bereiche Pagodenburganlage, die Staudenbeete und Wechselflorflächen im Murgpark und im Stadtpark, in der Josefstraße, der Herrenstraße und dem New Britain Park sowie auf die bepflanzten Blumenampeln an Brücken. Jungbäume werden selbstverständlich ebenfalls regelmäßig gegossen.

Die Baubetriebshöfe und der BUND Naturschutz setzt auf die Hilfe der Mitbürger, die Stadtbäume vor der Haustür zu gießen und somit ihre Überlebenschancen zu erhöhen, die Blütenpracht vor dem Austrocknen zu bewahren. "Wenn jeder nur zwei bis drei Bestandspflanzungen im öffentlichen Verkehrsraum gießt, sei es am Gehweg oder direkt vor der Haustür, wird die Stadt weiterhin blühen", so Heck.

Die Stadt ist für Bäume ein Extremstandort

Stadtbäume haben häufig einen sehr eingeschränkten Wurzelraum. In den meisten Fällen ist die Baumscheibe nur wenige Quadratmeter klein, sie wird links durch den Gehweg, rechts durch die Straße und hinten und vorne durch Parkplätze begrenzt und von Randsteinen aus Beton eingefasst. Ver- und Entsorgungsleitungen im Boden unter den Bäumen und hohe Bodenverdichtung verhindern das Vordringen der Baumwurzeln bis zum natürlich gewachsenen Boden und zum Grundwasser.

Wenn die Baumscheibe austrocknet, leiden die Bäume sehr, und auch kurzzeitige Starkregenereignisse bringen kaum Erholung. Das meiste Wasser fließt in den Städten über die Kanalisation ab und steht den Bäumen nicht mehr zur Verfügung. Zusätzliche Belastungen für Stadtbäume sind: Abstrahlung von Glasfassaden, aufgeheiztem Beton und Asphalt, Abgase, schlechter Baumschnitt, häufige Verletzungen durch Bauarbeiten und auch der Einsatz von Streusalz macht sich jetzt bei den Bäumen bemerkbar, indem die Blätter vom Rand her vertrocknen. Unter diesen sogenannten Blattrandnekrosen leiden vor allem Ahorn, Linden und Kastanienbäume.

Baumexperte Prof. Dr. Andreas Roloff beobachtete bereits in den Hitzesommern 2003 und 2015, wie vor allem jüngere Bäume austrockneten, weil sie mit ihren noch nicht voll ausgebildeten Wurzeln das zur Neige gehende Bodenwasser nicht mehr erreichten. Besonders kritisch sieht er dies für die städtische Baumbepflanzung. Auf bebauten Gebieten wurde das Grundwasser oft abgesenkt und liegt meist unter zwei bis drei Metern.

Zudem werden Flächen versiegelt und verdichtet. Viele neu gepflanzte Bäume haben dann Schwierigkeiten, aus ihrem Ballen heraus zu wurzeln. Oft werde laut Roloff bei schneller Pflanzung durch billige Anbieter wenig Sorge getragen, auch das Umfeld der Bäume zu berücksichtigen und dort den Boden vorzubereiten. Mit der Baumpflanzung ist in der Regel eine dreijährige Gewährleistung verbunden. Verantwortliche, die sich gründlich um die Anpflanzung kümmern, bemühen sich darum, dass die Bäume mindestens diese Zeit überleben.

Damit Städte durch länger anhaltende Hitzeperioden im Zuge des Klimawandels in Zukunft nicht baumloser werden, prognostiziert Prof. Dr. Roloff, dass in den nächsten 100 Jahren einheimische Baumarten auf Extremstandorten zum Beispiel im Innenstadtbereich eine immer geringere Rolle spielen werden. Stadtverwaltungen sollten daher die Auswahlkriterien für Bäume überdenken. "Wir weisen bereits seit zehn Jahren darauf hin, dass neben Winterhärte Hitze- und Trockengefährdung an erster und zweiter Stelle stehen müssen."

"Mit ein bis zwei großen Gießkannen Wasser am Tag kann man den Bäumen bei dieser Trockenheit schon helfen" erklärt Christopher Busch, Baumschutzexperte von der Landesfachgeschäftsstelle. In vielen Städten werden Baumpatenprojekte angeboten. Die Baumpflege übernimmt natürlich weiterhin die Stadt. Die Baumpaten pflegen die Grünfläche, in der der Baum steht und können sich gestalterisch verwirklichen zum Beispiel mit bunter Staudenbepflanzung, an manchen Baumstandorten findet sich ein Liegestuhl oder ein Vogelhäuschen.

Dies wertet die häufig als Restfläche, Hundeklo oder Müllabladeplatz wahrgenommene Baumscheibe auf. Und auch für die Bäume bringt das viele Vorteile: Der Unterwuchs dient als Verdunstungsschutz, durch die Wurzeln der Stauden wird der Boden der Baumscheibe gelockert, zusätzliches Hacken verbessert die Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens und natürlich wässern die Paten ihre Bäume an heißen Sommertagen. Die Bäume danken es und kühlen durch Transpiration also Verdunstung von Wasserdampf über ihre Blätter die Umgebung ab. Dies macht die Stadtbäume als natürliche Klimaanlagen überlebensnotwendig für die Bevölkerung.

"Die Sommermonate waren in den letzten Jahren gekennzeichnet von immer neuen Hitzerekorden. Studien prognostizierten bis zum Ende des Jahrhunderts eine rapide Zunahme der Hitzetage mit Tagestemperaturen über 30° C und auch die Zahl der Tropennächte, in denen es nicht unter 20° C abkühlt, steigt an, was bei vielen Personen zu einer fehlenden Regeneration in der Nacht führen kann", mahnt Richard Mergner.  

In Städten verschlechtert die hohe Wärmespeicherfähigkeit von Beton und Asphalt und der hohe Versiegelungsgrad die Situation zusätzlich und führt zu einer Stauung der Hitze. So ist es in Städten immer bis zu 5 Grad wärmer als im unbebauten Umland. Grünflächen spielen daher für die Klimatisierung einer Stadt eine sehr wichtige Rolle.

Bäume haben den größten Einfluss auf das urbane Mikroklima, sie kühlen durch Verdunstung und verschatten Höfe, Straßen und Plätze. Außerdem sind sie für den Erhalt der Biodiversität von größter Bedeutung. Ein ausgewachsener Laubbaum verdunstet an einem heißen Sommertag bis zu 400 Liter Wasser und kühlt somit seine Umgebung ab. Außerdem sind sie effektive Schattenspender: Mit gerade einmal 15 m Kronendurchmesser schafft es ein einziger Laubbaum, eine Fläche von 160 m² mit seinem Schatten zu kühlen.

Vor diesem Hintergrund ist es umso dramatischer, dass in den vielen Städten und Gemeinden jedes Jahr eine große Zahl an Bäumen unwiederbringlich abgeholzt wird. "Angesichts der positiven Effekte der Bäume auf das Stadtklima, die Luft- und Lebensqualität, Biodiversität und ihrer gesundheitlichen Wirkung, haben die Bürger natürlich ein starkes Interesse am Wohlergehen ihrer Stadtbäume", erklärt der BUND. "Für Fragen aller Art zu Stadtbäumen und deren Schutz, zu Baumpatenschaften, bei Fragen zur Verkehrssicherheit von Bäumen, bei Nachbarschaftsstreitigkeiten oder wenn eine Fällung ohne Genehmigung vermutet wird – stehen wir interessierten Bürgern für ihre Anliegen als Ansprechpartner zur Verfügung" 

Appell an die Bevölkerung wegen Brandgefahr

Feuerwehr und Technische Betriebe appellieren daher an alle Bürgerinnen und Bürger: Bitte darauf achten, Zigarettenkippen nicht achtlos auf Grünflächen und im Wald wegzuwerfen! Aber auch Glasscherben sollten nicht sorglos weggeschmissen oder liegen gelassen werden. Denn von ihnen kann bei starker Sonnenreflexion Brandgefahr ausgehen [siehe ⇒ Poster].

siehe auch:

Risiken durch hochsommerliche Temperaturen

Auf Entnahme von Grundwasser verzichten 

(Quelle: BUND/JMU/HIN)