Kritische Temperatur

Erstellt: Freitag, 27. Juli 2018

(joER). Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warnt vor steigenden Temperaturen im Rhein und seinen Nebenflüssen. In Kürze drohe die für die Gewässerökologie kritische Temperatur von 28 Grad Celsius überschritten zu werden. Neben der andauernden Hitze- und Niedrigwasserperiode sorgen vor allem auch fossil befeuerte Kraftwerke und Industriebetriebe mit ihren Kühlwasser-Einleitungen für zusätzliche Wärmefrachten. Dadurch werden aus dem Takt gebracht.

Das Wetter wird weiter von der Hitzewelle dominiert, die wohl bald ihren vorläufigen Höhepunkt mit zu erwarteten 38 Grad erreichen könnte. Kälter wird es danach aber nicht wirklich. Das zeitliche Zusammentreffen von Niedrigwasser im Rhein und der lang andauernden Hitzeperiode bedroht in vielfältigster Weise die Gewässerökologie. Beispielsweise ziehen sich aufstiegsbereite Fische in kühlere Grundwasserzutritte zurückt: So kann beispielsweise das Paarungsverhalten und der Ablaicherfolg gestört werden, wenn die Fische zu spät die angestammten Laichgründe in den Oberläufen der rheinischen Seitengewässer erreichen.

Der in der Oberflächengewässerverordnung festgelegte Grenzwert von 28 Grad erscheint den Gewässerexperten des BUND als zu hoch. Unter Berücksichtigung von Kaltwasser geprägten Fischen, beispielsweise dem Lachs, müssten Minderungsmaßnahmen in den Kraftwerken und Industriebetrieben schon ab 26 Grad ergriffen werden. U.a. im Rahmen seiner Mitarbeit in der Internationalen Rheinschutzkommission setzt sich der BUND für eine Reduzierung der Temperatur-Limits ein.

Wird dieses Temperaturniveau erreicht oder gar überschritten, müssten die vorbereiteten Pläne zum Herunterfahren der Kraftwerke aus den Schubladen der Länderbehörden und Energieversorger geholt werden. Denn die Abwärme von Kraftwerken und großen Industrieunternehmen sattelt sich auf die wetterbedingte Erhöhung der Rheinwassertemperaturen oben auf.

Die Erfahrungen aus früheren Hitzeperioden – beispielsweise aus dem Extremsommer 2003 - lassen erwarten, dass zur Vermeidung von Kraftwerksabschaltungen »Teppichhändlerverhandlungen« zwischen den Umweltministerien und den Energieversorgern starten werden. Die Energieversorger werden alles versuchen, die Abschaltung von Kraftwerken zu vermeiden.

Auswirkungen der Hitze auf die Stromversorgung

Thermische Kraftwerke wie Kohle- und Kernkraftwerke benötigen zu ihrem Betrieb Kühlwasser, das sie aus nahegelegenen Flüssen beziehen. Zum Schutz des Gewässers sowie der Fische und sonstigen Lebewesen ist der Bezug des Kühlwassers und die Einleitung des beim Kühlvorgang aufgewärmten Wassers nur bis zu einer maximalen Wassertemperatur von in der Regel 28 Grad Celsius genehmigt.

Aufgrund der derzeitigen Hitzeperiode haben aktuell die Betreiber des Rheinhafen-Dampfkraftwerk Karlsruhe einen Antrag gestellt, den Betrieb auch beim Überschreiten der 28-Grad-Marke ausnahmsweise fortsetzen zu dürfen. "Die Lage ist zwar angespannt, nach aktuellem Stand können die zuständigen Wasserbehörden die Ausnahmen aber erteilen", sagte Umweltminister Franz Untersteller heute (27.07.). "Die Versorgungssicherheit ist im Moment weiterhin gewährleistet."  

Die Ausnahmen sind kurzzeitig befristet. Die damit verbundenen zusätzlichen Auswirkungen auf die Gewässerökologie sind auf Grund eines erfolgten Gewässermonitorings vertretbar. Zudem findet auch weiterhin ein begleitendes Gewässermonitoring an den betroffenen Standorten statt, um bei Bedarf kurzfristig reagieren zu können.  

Erfreulicherweise führe der Sonnenschein dazu, dass tagsüber der Strombedarf im Land mit einem Anteil von bis zu 40 Prozent über die Photovoltaik bereitgestellt werde, sagte Umwelt- und Energieminister Untersteller weiter. "Die aktuelle Hitzeperiode liefert daher einen weiteren Beleg dafür, wie wichtig es ist, dass wir uns von den konventionellen Kraftwerken unabhängiger machen und die erneuerbaren Energien weiter ausbauen. Schließlich benötigen Windkraft- und Photovoltaikanlagen keine Flusskühlung."

Kai Baudis, stellvertretender Landesvorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Baden-Württemberg fordert, dass schon vor der Erreichung von 26 Grad müssen Minderungsmaßnahmen ergriffen werden, um das insbesondere für Fische gefährliche Temperaturniveau nicht zu erreichen:

"Das Abwärmeproblem ist ein weiterer Beweis, dass der Weiterbetrieb von Kohle- und Atomkraftwerken nicht zukunftsfähig ist. Die in Kohle und Uran steckende 'Primärenergie' wird in diesen Kraftwerken allenfalls zu 40 Prozent genutzt, der große Rest landet als Abwärme in den Flüssen oder heizt über die Kühltürme die ohnehin schon zu heiße Atmosphäre auf. Im Gefolge des Klimawandels werden die Hitzeperioden zunehmen", so die Befürchtung von Baudis, "dann wird auch der Betrieb der abwärmeträchtigen Kraftwerke immer weniger planbar."

Umweltschützer schlagen inzwischen übrigens Wasser-Notstandspläne in Städten für heiße Sommer vor. Der fortschreitende Klimawandel verlange auch einen Wandel des Städtebaus, sagte der Präsident der Umweltstiftung NatureLife, Claus-Peter Hutter, am Mittwoch in Ludwigsburg bei Stuttgart. Er fordert etwa mehr Rückhaltung von Regenwasser. "Wir brauchen Anlagen, die nicht nur Überschwemmungen bei Starkregen abmildern, sondern auch als Großzisternen in Notzeiten zur Verfügung stehen."

siehe auch:

Klima CO2-abhängig

Risiken durch hochsommerliche Temperaturen

Auf Entnahme von Grundwasser verzichten

 

(Quelle: Bawue/HIN)