Glyphosat im Salat

Erstellt: Mittwoch, 24. Januar 2018

(Hero). Die EU-Mitgliedsstaaten hatten 2017 im Vermittlungsausschuss eine Einigung über die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat erzielt. Zuvor war die Entscheidung mehrfach verschoben worden. Ein Sonderausschuss soll die Transparenz des EU-Zulassungsverfahrens, die Unabhängigkeit von der Industrie und die wissenschaftliche Qualität der Risikobewertung durch die Europäische Lebensmittelagentur (EFSA) und die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) prüfen. Sobald das Europäische Parlament im Februar dem Einsatz dieses Sonderausschusses zustimmt, werden die 30 Mitglieder tagen. 

18 Mitgliedstaaten haben für den Vorschlag der Kommission für eine Verlängerung der Zulassung von Glyphosat um fünf Jahre gestimmt, neun dagegen, ein Land hat sich enthalten. Damit ist die nötige qualifizierte Mehrheit erreicht. Auch Deutschland hat für die weitere Zulassung gestimmt.

Die erneuerte Zulassung für Glyphosat ist sehr umstritten, das Total-Herbizid steht im Verdacht, krebserregend zu sein und durch seine Wirkung auf Bienen und Hummeln das Insektensterben zu verursachen. Die EU-Kommission hat zuletzt vorgeschlagen, den Einsatz von Glyphosat für weitere fünf Jahre zu erlauben. Deutschland hatte sich bei den bisherigen Abstimmungen enthalten.  

Die Europäische Kommission hatte ursprünglich eine Verlängerung um 10 Jahre vorgeschlagen und hat schließlich den Vorschlag auf fünf Jahre herabgesenkt. Dies kann auch als Reaktion auf das Votum des Europäischen Parlaments zurückgeführt werden. Auch wenn die Abstimmung des Parlaments vom 26.10.2017 nicht rechtlich bindend war, konnte das Parlament einen wegweisenden Kompromissvorschlag vorlegen: Das Europäische Parlament hatte sich für eine fünfjährige Verlängerung der Zulassung von Glyphosat unter Auflagen ausgesprochen.

Diesen Kompromiss haben nicht nur die christdemokratische EVP-Fraktion, sondern auch die Sozialdemokraten und die Grünen unterstützt. Die EVP-Fraktion hatte sich dafür eingesetzt, dass Glyphosat nicht mehr kurz vor der Ernte verwendet werden darf. Auch auf Spielplätzen und in Parks soll das Unkrautvernichtungsmittel EU-weit verboten werden Das Votum ist zwar rechtlich nicht bindend, galt aber als wegweisend für die Sitzung des Regelungsausschusses.

"Dies war die dritte Abstimmung und endlich wurde einen Mehrheit gefunden. Landwirte und Verbraucher wurden bisher unnötig verunsichert. Deutschland hat bei der Abstimmung für die Mehrheit eine entscheidende Rolle gespielt und ich finde es gut, dass sich Deutschland endlich positioniert hat und Verantwortung übernommen hat", so der umweltpolitische Sprecher der größten Fraktion im Europäischen Parlament (EVP-Christdemokraten), Dr. Peter Liese.

"Ich begrüße besonders, dass die Europäische Kommission die Forderung des Europäischen Parlamentes aufgenommen hat zusätzliche Restriktionen einzuführen, zum Beispiel bei der Behandlung vor der Ernte. Ich hätte mir gewünscht, dass dies noch präziser gefasst wird. Dass vor der Ernte, die Kulturpflanze abgetötet wird, um die Arbeit mit den Erntemaschinen zu erleichtern, entspricht nicht der guten landwirtschaftlichen Praxis. Wenn Deutschland mit einer Stimme gesprochen hätte und sich das Umweltministerium auf Kompromisse eingelassen hätten, wäre da vielleicht noch eine strengere und präzisere Formulierung möglich gewesen" erklärte Liese.

"Ich freue mich, dass die Mitgliedsstaaten bei einer so umstrittenen Frage zu einem sinnvollen Kompromiss gekommen sind. Ein sofortiges Verbot von Glyphosat hielte ich für nicht vertretbar, da es keine halbwegs akzeptablen Alternativen gibt. Im schlimmsten Fall würde ein Cocktail aus sehr viel problematischeren Substanzen eingesetzt und man kann die Landwirtschaft in Europa nicht kurzfristig auf biologischen Anbau umstellen. Daher brauchen wir Zeit und in dieser Zeit muss eine Alternative entwickelt werden", so Liese. 

"Das entsprach nicht der Weisungsgrundlage, die von der Bundesregierung ausgearbeitet war", gab die Bundeskanzlerin auf einer Pressekonferenz zwar bekannt, aber sie machte deutlich, dass sie in der Sache eher auf Schmidts Seite stehe als auf der von SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks: "Das ist etwas, was sich nicht wiederholen darf", sagte sie weitergabst vor.

Im Bundeslandwirtschaftsministerium wurde schon lange darauf gedrungen, der Glyphosat-Verlängerung in der EU im Alleingang zuzustimmen. Das ergibt sich aus internen Unterlagen, die WDR, NDR und "Süddeutsche Zeitung" (SZ) einsehen konnten. Demnach empfahl das zuständige Fachreferat für Pflanzenschutz seinem Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) bereits am 7. Juli, zu prüfen, ob man ohne das Einverständnis des Bundesumweltministeriums dem Vorschlag der EU-Kommission "eigenverantwortlich" zustimmen könne.

Eine Zustimmung ohne Einigung in der Bundesregierung widerspricht zwar den Vereinbarungen des Koalitionsvertrages von Union und SPD. Dieser sieht vor, dass sich die Bundesregierung in solchen Fällen auf europäischer Ebene enthalten muss. Aber bei einer Koalition, die derart auf die Politik der CDU/CSU ausgerichtet war und ist, erstaunt dieses Verhalten nicht wirklich. Der Vorgang hat selbstredend keinerlei Konsequenzen für den CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt:

"Die lange Diskussion über die Zulassungsverlängerung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat wurde heute auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse fachlich entschieden. Mit der Zustimmung Deutschlands habe ich wichtige Verbesserungen, zum Beispiel für die Pflanzen- und Tierwelt durchgesetzt. National werden wir darüber hinaus zusätzliche Maßnahmen im Sinne einer restriktiveren Anwendung ergreifen. Ohne die Zustimmung Deutschlands wäre Glyphosat auch ohne diese Verbesserungen von der EU-Kommission zugelassen worden. Mit der heutigen Entscheidung habe ich mehr durchgesetzt, als in der Sache jemals von den Beteiligten Ressorts gefordert worden ist."

WHO hat Glyphosat in die zweithöchste Gefahrenstufe und damit als wahrscheinlich krebserregend eingestuft

Bereits im März 2015 hat die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glyphosat in die zweithöchste Gefahrenstufe und damit als wahrscheinlich krebserregend eingestuft. Glyphosat und sein Abbauprodukt AMPA beeinflussen die Fähigkeit der Zelle, ihr genetisches Material exakt zu kopieren und zu vervielfältigen. Dies führt zu einem erhöhten Krebsrisiko.

Im wichtigen argentinischen Anbaugebiet von Soja mit einem massiven Einsatz von Glyphosat, der Provinz Chaco, steigen die Krebsraten. Glyphosat steht zudem im Verdacht, Embryonen zu schädigen, wie eine argentinische Studie zeigt. Im Laborversuch wurden bei Frosch- und Hühner-Embryonen, die Glyphosat ausgesetzt wurden, Deformationen festgestellt. So stieg in der Provinz Chaco die Anzahl von Missbildungen bei Neugeborenen von 1997 bis 2009 auf das Vierfache.

Studien an Zellkulturen und an Ratten zeigen zudem, dass Glyphosat Einfluss auf den weiblichen und männlichen Hormonhaushalt haben. Glyphosat ist ein weltweit in großem Umfang eingesetztes Breitbandherbizid. Es tötet jede Pflanze, die nicht gentechnisch so verändert wurde, dass sie den Einsatz von Herbiziden überlebt.

In Deutschland kommt Glyphosat in der konventionellen Landwirtschaft auf etwa 40% der Ackerflächen sowie auf kommunalen und privaten Flächen zur Anwendung. Es soll die Felder frei von Wildkräutern halten. Weniger Wildpflanzen auf den Ackerflächen bieten aber Insekten, der Hauptnahrung von Vögeln, weniger Lebensraum. 30% aller Vögel der Agrarlandschaft stehen bereits auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten.

Glyphosat ist zudem ein Wasserschadstoff. Hier sind besonders Amphibien betroffen, deren Embryonalentwicklung gestört wird. BUND-Experte Dr. Helmut Röscheisen wies auf eine weniger bekannte Auswirkung von Glyphosat hin. Forscher der Wiener Universität für Bodenkultur haben in Feldversuchen bei Regenwürmern und dem Einsatz von Glyphosat nach sechs Wochen eine 60-prozentige Abnahme der Fortpflanzung und Aktivität festgestellt.

"Regenwürmer sind aber für die Funktion und Fruchtbarkeit des Bodens unverzichtbar und spielen auch bei der Wasseraufnahmekapazität des Bodens bei Starkregen eine wichtige Rolle", erklärt Röscheisen. "So ist es nicht verwunderlich, dass nach langjährigem Einsatz von Glyphosat in Südamerika festgestellt wurde, dass die Krümelstruktur des Bodens und bodenfördernde Mikroorganismen zerstört werden." 

Umweltverbände: EU stellt Konzerninteressen vor Gesundheitsschutz der Bürger

Anlässlich der Wiederzulassung für Glyphosat und der deutschen Ja-Stimme für das Totalherbizid für fünf weitere Jahre sagte Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): "Das Abstimmungsverhalten Deutschlands ist skandalös. Die Union hat in Gestalt von Agrarminister Christian Schmidt, anscheinend mit Rückendeckung aus dem Kanzleramt, Umweltministerin Hendricks und die SPD bei der Glyphosat-Abstimmung in Brüssel brüskiert. Mit diesem Alleingang hat die Union alle bisher gültigen Regeln und Absprachen gebrochen. Das Ja zu Glyphosat ist in der Sache und im Vorgehen ein beispielloses Foulspiel und ein Armutszeugnis für die politische Kultur in unserem Land.

Erst die deutsche Zustimmung hat ermöglicht, dass Glyphosat für fünf weitere Jahre in der EU eingesetzt werden kann. Fünf Jahre sind fünf Jahre zu viel. Damit stellen sich Deutschland und die Mehrheit der EU-Länder gegen den Schutz von Mensch und Natur. Sie votierten für ein Ackergift, das alle Pflanzen abtötet und damit ein Hauptverursacher des massiven Artensterbens in der Agrarlandschaft ist. Gleichzeitig steht es im Verdacht, beim Menschen Krebs zu verursachen."

Von einer "längst überfälligen Einigung der EU-Mitgliedsstaaten" spricht Christian Stockmar, Obmann der IndustrieGruppe Pflanzenschutz (IGP), bei der Zulassung von Glyphosat für weitere fünf Jahre. "Doch das Ergebnis entspricht nicht den wissenschaftlichen Fakten. Diese sprechen klar für eine Verlängerung um 15 Jahre: Denn 3.300 Studien sowie sämtliche Gesundheitsbehörden weltweit, die mit einer Bewertung von Glyphosat beauftragt waren, kommen zu dem Schluss, dass Glyphosat bei sachgemäßem Einsatz sicher ist."

Immerhin hätten sich 18 EU-Mitgliedsstaaten doch noch für die Wissenschaft und gegen NGO-Panikmache ausgesprochen, so Stockmar. "Leider hat Österreich gegen eine Wiederzulassung gestimmt. Denn Wirkstoffe sind wichtige Substanzen für landwirtschaftliche Kulturen und werden analog zur Humanmedizin eingesetzt, um Pflanzen vor Krankheiten, Schädlingen sowie Unkraut zu schützen. Das Thema sollte daher auch wissenschaftlich und sachlich und nicht auf Basis von Wahlkampf- und NGO-Kampagnen diskutiert werden."

"Bedauerlich" sei jedenfalls, so Stockmar, dass NGOs bereits ankündigen, ihre absurden Kampagnen fortzusetzen. "Doch es entspricht ihrer Kampagnenlogik, auch ohne Argumente und entgegen dem wissenschaftlichen Konsens für Einzelmeinungen zu kampagnisieren", betont Stockmar. "Wir werden jedenfalls den Dialog fortsetzen und die Öffentlichkeit über die Sicherheit und den Nutzen von Glyphosat informieren. Die NGOs sind nun gefordert, sich diesem Dialog zu stellen."

Prüfung des Zulassungsverfahrens zeichnet sich ab 

"Es ist nicht zuletzt das hohe persönliche Engagement von Landeshauptmann Peter Kaiser und der gesamten SPÖ in puncto Glyphosat-Verbot, das sich jetzt offenbar auszahlt. Denn die Fraktionsvorsitzenden des Europaischen Parlaments haben nun entschieden, einen Sonderausschuss einzuberufen, der sich mit dem Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittelwirkstoffe befassen und dieses verbessern soll", so SPÖ-Klubobmann Herwig Seiser, der die Haltung der SPÖ angesichts dieser neuesten Entwicklungen bestätigt sieht.

Der Sonderausschuss soll jetzt die Transparenz des EU-Zulassungsverfahrens, die Unabhängigkeit von der Industrie und die wissenschaftliche Qualität der Risikobewertung durch die Europäische Lebensmittelagentur (EFSA) und die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) prüfen. Sobald das Europäische Parlament im Februar dem Einsatz dieses Sonderausschusses zustimmt, werden die 30 Mitglieder tagen.

"Kärntens konsequenter Kurs – ein effektives Verbot für das im Verdacht krebserregend zu sein stehende Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat umzusetzen – hat Signalwirkung und könnte zum Vorbild für ganz Europa werden. Dafür tritt auch Landeshauptmann Peter Kaiser mit ganzer Kraft ein, der bereits eine entsprechende Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft Klagenfurt eingebracht hat und gemeinsam mit dem Präsidenten des Ausschusses der Regionen (AdR), Karl-Heinz Lambertz angekündigt hat, dieses Thema im AdR zu diskutieren, um über die europäischen Regionen Druck für ein Glyphosat-Verbot zu machen.

Mit dem im Dezember 2017 auf Initiative der SPÖ einstimmig gefassten Beschluss im Rechts- und Verfassungsausschuss des Kärntner Landtages wurde außerdem das gesetzliche Verbot von Glyphosat in Kärnten auf den Weg gebracht", erläutert Seiser die gesetzten Schritte. "Unsere Haltung ist weiterhin klar: Der Schutz der Menschen steht für uns an allererster Stelle und damit immer auch vor möglichen politisch lobbyierten Konzerninteressen."

Kadenbach: Vergebene Chance, Glyphosat sofort zu verbieten

"Die Mitgliedstaaten haben sich nach langem Hin und Her für eine fünfjährige Verlängerung von Glyphosat entschieden. Das ist schade, denn ich bin weiterhin für ein rasches Verbot von Glyphosat mit einer Auslaufzeit von allerhöchstens fünf Jahren. Der Schutz der Gesundheit der Menschen muss klar Vorrang gegenüber den Profitinteressen der Agrochemie-Lobby haben. Das sehen leider nicht alle Mitgliedstaaten so. Die heutige Entscheidung ist eine vergebene Chance, Glyphosat zu verbieten", kritisiert SPÖ-EU-Abgeordnete Karin Kadenbach und ergänzt:

"Die EU-Kommission hätte ihren Vorschlag überarbeiten und dem ehrgeizigen Kompromiss des EU-Parlaments folgen müssen. Wir haben uns im EU-Parlament darauf einigen können, dass das Pestizid ab 15. Dezember 2022 europaweit verboten werden soll. Immerhin haben wir mit unserer Beharrlichkeit durchgesetzt, dass die EU-Kommission statt zehn Jahren eine Zulassung von fünf Jahren vorschlägt. Für mich steht fest: Unser Ziel muss nach wie vor ein schnelles Verbot von Glyphosat in Europa sein. Das erwarten sich auch die BürgerInnen und dafür werde ich mich auch weiter einsetzen."

Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der GRÜNEN im Bundestag

"Die EU-Staaten sind vor Monsanto und Co eingeknickt. Das ist ein Schlag ins Gesicht der 1,3 Millionen Europäerinnen und Europäer, die den Glyphosat-Ausstieg gefordert haben. Die historische Chance, den Glyphosat-Ausstieg einzuleiten, wurde verspielt. Sollte Minister Schmidt der Zulassungsverlängerung ohne Abstimmung mit dem Umweltministerium zugestimmt haben, wäre das ein handfester Skandal. Die Union setzt sich mit brutaler Rücksichtslosigkeit über die Gesundheit der Menschen und den Umweltschutz hinweg. Wir werden alle Hebel in Bewegung setzen und auf nationale Anwendungseinschränkungen drängen. Das dramatische  Artensterben auf unseren Äckern muss gebremst, die Krebsgefahr ausgeschlossen werden."

Imke Byl, umweltpolitische Sprecherin der GRÜNEN im niedersächischen Landtag:

"Ich bin fassungslos. Die Bundesregierung ist umgefallen und hat so den Weg für Glyphosat frei gemacht. Der Schutz unserer Gesundheit und unserer Umwelt ist hier offensichtlich nachrangig." "Wo Glyphosat und Neonikotinoide genutzt werden, bleiben ausgeräumte Landschaften zurück. Ich freue mich, dass nun auch Umweltminister Olaf Lies erkannt hat, dass wir beim Artensterben vor einer existenziellen Frage stehen.

Mehr Bäume pflanzen ist ein netter Anfang, aber Schönwetterpolitik genügt nicht. Es ist dringend an der Zeit, die Ursachen anzugehen und den überbordenden Einsatz von Pestiziden und Bienengiften zurückzuschrauben. Dazu hört man jedoch von Olaf Lies kein Wort. Bleibt Niedersachsen bei seiner ablehnenden Haltung und dem rot-grünen Verbot von Glyphosat auf Spielplätzen, Parks und Sportanlagen?"

Umweltminister Habeck: "Die Zustimmung durch die geschäftsführende Bundesregierung  ist anmaßend."

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck hat die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat kritisiert: "Es ist anmaßend, dass eine geschäftsführende Bundesregierung hier vollendete Fakten schafft, wissend, wie umstritten Glyphosat ist. Das gilt ja sogar innerhalb des noch amtierenden Kabinetts", sagte der Minister in Kiel.

Er betonte: "Inhaltich ist die Entscheidung falsch: Wir brauchen einen klaren Ausstiegsplan für Glyphosat. Was die EU-Länder dagegen machen, ist eine schlichte Verlängerung. Das ist schädlich, widerspricht dem Vorsorgeprinzip und hilft den Bauern null in der gesellschaftlich aufgeheizten Debatte."

Landesvorsitzende der Grünen Bayern, Sigi Hagl: Die Mitgliedsländer der EU billigen für weitere fünf Jahre eine riesige Umweltschweinerei

"Landwirtschaftsminister Schmidt von der CSU hat dafür gestimmt, dass weiterhin ein Gift auf unsere Felder ausgebracht wird, das im Verdacht steht krebserregend zu sein. Gegen den Willen von Millionen EU-Bürgern, gegen Amtskollegin Hendricks und gegen den gesunden Menschenverstand. Das Pflanzengift ist maßgeblich verantwortlich für das Artensterben. Damit hat sich die Agrarlobby durchgesetzt und die Chance auf eine vernünftige, maßvolle Landwirtschaftspolitik zunichte gemacht. Das Vorgehen von Minister Schmidt gibt einen bitteren Vorgeschmack auf die nahende GroKo III.

GRÜNE Schleswig-Holstein: Eine schlechte Nachricht für die Umwelt

Zur heutigen Entscheidung über die Verlängerung der Zulassung des umstrittenen Totalherbizids Glyphosat sagt der agrarpolitische Sprecher der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Bernd Voß: Jetzt hat Deutschland also doch der Verlängerung der Zulassung von Glyphosat zugestimmt. Unklar ist vor allem, ob das Umweltministerium umgefallen ist oder der Agrarminister Christian Schmidt die Umweltministerin Hendrick übergangen hat.

Zwar scheint es auf den ersten Blick, als seien die Mitgliedsstaaten der Empfehlung des Europäischen Parlamentes gefolgt, doch das ist mitnichten so. Das Europäische Parlament hatte nämlich eine Reihe von Maßnahmen mitbeschlossen, die den Ausstieg aus dem System Glyphosat sofort eingeleitet hätten.

Jetzt ist die Gefahr groß, dass weitere fünf Jahre verschlafen werden, in denen der dringend notwendige Umstieg von dem umstrittenen Totalherbizid Glyphosat auf pflanzenbauliche Alternativen nicht zielstrebig genug angegangen wird. Diese an keinerlei Bedingungen geknüpfte Verlängerung ist eine schlechte Nachricht für die Umwelt, für die Verbraucher*innen und am Ende auch für alle Landwirt*innen.

Pestizidexperte Tomas Brückmann von der GRÜNEN LIGA:

"Die EU-Mitgliedstaaten konnten sich in Brüssel auf eine Verlängerung des Unkrautvernichters Glyphosat einigen. Deutschland hat mit seiner Zustimmung wesentlich zu dieser Entscheidung beigetragen. Das ist eine Ignoranz der Bürgermeinung und ein nicht hinnehmbarer Machtmissbrauch von Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt. Die Bundesregierung hat sich laut ihrer Geschäftsordnung auf eine Stimmenenthaltung geeinigt. Die Bundeskanzlerin muss jetzt handeln und Schmidt entlassen."

Jochen Goedecke, NABU-Landwirtschaftsreferent in Baden-Württemberg:

"Die Verlängerung der Zulassung des möglicherweise krebserregenden Glyphosats ist ein schwarzer Tag für alle, die sich für eine Pestizidreduktion in Deutschland einsetzen, auch in Baden-Württemberg. Es ist ein Schlag ins Gesicht für jene, die das geltende Vorsorgeprinzip der EU verfolgen. Aber auch für alle, die die Biodiversität erhalten wollen und gegen das wissenschaftlich anerkannte Insekten- und Vogelsterben ankämpfen. Mit seiner Zustimmung zur 5-Jahres-Verlängerung konterkariert Bundesagrarminister Christian Schmidt die Bemühungen für eine Weiterentwicklung hin zu einer naturnahen Landwirtschaft. Und er ignoriert den Willen von Millionen Verbraucherinnen und Verbrauchern, die sich gegen die Verlängerung ausgesprochen haben."

Das Europäische Parlament forderte am 24.10. in einer nicht verbindlichen Resolution ein sofortiges Teilverbot im privaten und öffentlichen Gebrauch und ein endgültiges Aus für Glyphosat ab 2022. Auf etwa 40 Prozent der deutschen Äcker wird Glyphosat gespritzt. Hier vernichtet es alle Ackerwildkräuter. Insekten und Vögel finden dann keine Nahrung mehr. So ist das Pestizid wesentlich für das gravierende Insekten- und Vogelsterben mitverantwortlich.

Bio-Musterregionen

Mit dem Wettbewerb "Bio-Musterregionen" will das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium (MLR) "Bio" und "Regio" besser vernetzen, regionale Kreisläufe stärken und einen Ideenwettbewerb für Vermarktungswege anstoßen. Die Natur- und Umweltschutzorganisationen NABU, BUND und LNV bewerten die Initiative des MLR positiv.

"Viele tausend landwirtschaftliche Betriebe im Land zeigen bereits, dass Bio ökologisch und ökonomisch machbar ist. Es ist aber dringend notwendig, die Weiterverarbeitung und die Vermarktungswege auszubauen und hierfür Bäcker, Metzger, Lebensmitteleinzelhandel und Gastronomie einzubinden", sagt Jochen Goedecke, NABU-Landwirtschaftsreferent in Baden-Württemberg im Namen der drei Verbände.

"Die Betriebe können einmal mehr beweisen, dass pestizidfreie Lebensmittel auf dem Acker auch beim Verbraucher gut ankommen. Alle Betriebe, ob konventionell oder ökologisch wirtschaftend, können in den Musterregionen voneinander lernen", so Goedecke.

"Die Nachfrage nach ökologisch erzeugten Produkten ist in den letzten Jahren deutlich schneller gewachsen als das Angebot. Wir hoffen, dass die Initiative Bio-Musterregionen des Landwirtschaftsministeriums ihren Beitrag dazu leistet, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher mehr in Baden-Württemberg erzeugte Bio-Lebensmittel einkaufen können. Ökologisch und regional einkaufen soll kein Widerspruch sein", so Gottfried May-Stürmer, Landwirtschaftsreferent beim BUND Baden-Württemberg.  

"Keine Pestizide und deutlich weniger Gülle, Mist und mineralische Dünger auf den Feldern senken auch den Nitrateintrag ins Grundwasser. Damit leisten ökologisch wirtschaftende Betriebe, auch in den künftigen Bio-Musterregionen, einen wichtigen Beitrag zur Sicherung unseres Trinkwassers", ergänzt NABU-Referent Goedecke.  Bei Nitrat und Pestiziden sehen BUND, LNV und NABU auch in Zukunft deutlichen Handlungsbedarf im Südwesten. "

Um den Pestizideinsatz in Baden-Württemberg bis 2025 mindestens zu halbieren, brauchen wir ein effizientes Maßnahmenpaket mit klaren Zielen und eine Landesregierung, die auch gegen Widerstände etwa aus der Landwirtschaft ihren Weg geht", fordern die drei Verbände.

 

siehe auch:

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Ohne die Einigung wäre am 15. Dezember 2017 die Frist für die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung abgelaufen!

(Quelle: UM/BUND/HIN)