Immer das Gleiche

Erstellt: Freitag, 13. Oktober 2017

Karlsruhe | Stuttgart (Hero). "The same procedere as eyery year: Freiwillige Appelle, viel Rhetorik, aber keine zupackenden Sofortmaßnahmen für saubere Luft. Auch im dritten Jahr der Stuttgarter Feinstaubalarme werden wirksame Maßnahmen auf die lange Bank oder in die gerichtliche Warteschleife geschoben und die Verantwortung auf die Bürger*innen abgeschoben. Dabei waren die beiden ersten Feinstaubalarme weitgehend ein Flop und haben gezeigt, dass sich mit Freiwilligkeit und Appellen das Mobilitätsverhalten der Autofahrer*innen kaum ändert", sagt Brigitte Dahlbender, Landesvorsitzende des BUND in Baden-Württemberg.

Als kurzfristig wirksame Sofortmaßnahme fordert der BUND zum Start der neuen Feinstaubalarm-Saison am Sonntag (15. Oktober 2017) die umgehende Anordnung eines Tempolimits auf den Zufahrtsstraßen nach Stuttgart. "Ein Tempolimit von 50 Kilometern pro Stunde auf den Bundesstraßen B 10, B 14 und B 27 im Umfeld von Stuttgart sowie von 60 Kilometern pro Stunde auf den Autobahnen könnte kurzfristig umgesetzt und dadurch die Feinstaub- und Stickstoffdioxid-Emissionen deutlich reduzieren werden.

Der Feinstaubalarm kann mehrere Tage lang andauern, mindestens aber zwei aufeinanderfolgende Tage. Zur Aufhebung des Feinstaubalarms muss der Deutsche Wetterdienst eine nachhaltige und deutliche Verbesserung des Austauschvermögens vorhersagen, eine nur eintägige Unterbrechung der starken Einschränkung des Austauschvermögens reicht hierbei nicht aus.

Die Rechtsgrundlagen hierfür sind vorhanden und die Maßnahme kann unabhängig von den laufenden Gerichtsverfahren umgesetzt werden", betont Dahlbender. "Wenn Stadt Stuttgart und Landesregierung ihren Auftrag, für saubere Luft zu sorgen, wirklich ernst nehmen, können sie hier ein deutliches politisches Signal setzen."

 

Feinstaubalarm wird zwischen dem 15. Oktober 2017 und dem 15. April 2018 ausgelöst, sobald der Deutsche Wetterdienst (DWD) an mindestens zwei aufeinanderfolgenden Tagen ein stark eingeschränktes Austauschvermögen der Atmosphäre prognostiziert. Meteorologen sprechen dabei von einer sogenannten Inversions- oder austauscharmen Wetterlage.

Warmluft in den höher liegenden Luftschichten verhindert das Aufsteigen kalter Luft vom Boden. Im Stadtkessel und in den Tälern wird dadurch die Verdünnung der belasteten Luft erschwert oder verhindert. Dadurch können die Luftschadstoffe in Bodennähe nicht mehr abtransportiert werden, und die Konzentration von Feinstaub und Stickstoffdioxid steigt an. Es besteht die Gefahr von Überschreitungen der Grenzwerte.

Bei Feinstaubalarm gilt der Appell von Stadt und Land, das Auto möglichst stehen zu lassen. Außerdem ist der Betrieb von sogenannten Komfortkaminen verboten, wenn sie nicht der Grundversorgung dienen. Für den BUND ist die Feinstaub-Situation in der Landeshauptstadt alarmierend.

Flächendeckendes Messnetz für Feinstaub

Das neuartige Mess- und Analysesystem ergänzt vorhandene Daten wie meteorologische oder Verkehrsdaten und klassisch stationär erhobene Luftqualitätsdaten durch Messflüge von Drohnen und Feinstaub-Messungen von Bürgerinnen und Bürgern, zum Beispiel mit speziell ausgestatteten Smartphones. Das Verbundprojekt SmartQAnet unter Federführung des KIT wird vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) mit insgesamt 2,9 Millionen Euro gefördert.

Weltweit lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten, in Deutschland mehr als drei Viertel der Bevölkerung. Für ihre Gesundheit spielt die Luftqualität eine wesentliche Rolle. Schadstoffe wie Feinstaub sind in der städtischen Atmosphäre jedoch sehr unterschiedlich verteilt. Hochpräzise, teure Messstationen befinden sich in der Regel an wenigen neuralgischen Punkten mit sehr hoher Luftbelastung wie dem Neckartor in Stuttgart.

Wie hoch die Feinstaub-Belastung im eigenen Stadtviertel oder auf der Fahrradstrecke zum Arbeitsplatz ist, bleibt für den einzelnen Bürger bislang ungeklärt. Das Forschungsprojekt Smart Air Quality Network (SmartAQnet) erarbeitet ein Gesamtsystem, mit dem die Verteilung von Feinstaub in der Stadt besser verstanden werden soll. In dem vom KIT koordinierten Verbundprojekt von Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kommune werden bestehende Datensätze zusammengefügt und mit einer vernetzten mobilen Messstrategie verbunden.

"Wir versuchen alle verfügbaren vorhandenen Daten zusammenzuführen und ergänzen sie durch ein vielschichtiges Netzwerk von Sensoren, um eine bessere Datenlage zu schaffen", sagt Projektleiter Matthias Budde, Informatiker am Lehrstuhl für Pervasive Computing Systems (PCS) und der Forschungsgruppe TECO.  Der Lehrstuhl erforscht, wie große Datenmengen effizient ausgewertet und in nutzbares Wissen verwandelt werden können. Geleitet wird er von Professor Michael Beigl, Sprecher des Smart Data Innovation Lab (SDIL), einem der drei vom Bund geförderten Big Data Kompetenzzentren in Deutschland.

Bei SmartAQnet fließen in die Datensammlung neben den Luft- und Wetterdaten klassischer Messstationen unter anderem Messungen von Flugdrohnen ein, die Auskunft über die Feinstaubverteilung in höheren Luftschichten geben, sowie Messdaten von Bürgern, die die Feinstaubbelastung mit günstiger Sensorik erfassen. Beispielsweise könnte durch einen von Budde entwickelten, aufsteckbaren Sensor und eine App die Kamera des Telefons zum Feinstaubdetektor werden:

Der Blitz des Smartphones gibt Licht in den Messbereich ab, Feinstaub streut dieses Licht, und die Kamera fängt das Messergebnis als Bild auf, dessen Helligkeit sich in die Staubkonzentration umrechnen lässt. Einfache Technik für Messungen durch Nicht-Experten ist zwar weniger genau, gleicht diesen Nachteil aber potenziell durch die große Anzahl an Messungen und ihre breite räumliche Abdeckung aus.  

Das Zusammenspiel und die Auswertung der Daten unterschiedlicher Messinstrumente von der stationären, wissenschaftlichen Hochpräzisions-Messung bis zum kostengünstigen, von Laien einfach zu bedienenden Gerät, ist eine der Herausforderungen des Forschungsprojekts. "Dafür sind schlaue Algorithmen und Big Data-Analysen nötig", betont Budde.

Ein Fokus bei SmartAQnet liegt auf der Entwicklung einer Plattform, in die die Verbundpartner ihre Umweltmessungen einspeisen. "Soweit keine personenbezogenen Daten betroffen sind, sollen alle Daten, die beteiligte Forscher und Bürger sammeln, als Open Data jedem Interessierten zugänglich sein", betont Budde. Sie sollen Wissenschaftlern, Stadtplanern, Behörden und Bürgern gleichermaßen zur Verfügung stehen.

"Von Seiten der Stadtklimaforschung gibt es ein sehr großes Interesse an flächendeckenden Messungen, um ein vollständiges Bild der Luftqualität zu erreichen", sagt Professor Stefan Emeis, Klimaforscher am Institut für Meteorologie und Klimaforschung (IMK) des KIT, das Verbundpartner von SmartAQnet ist. Erkenntnisse aus SmartAQnet nutzen die KIT-Klimaforscher unter anderem zur numerischen Simulation im Zuge ihrer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschung zum "Stadtklima im Wandel".

SmartAQnet sei ein zukunftsträchtiges Vorhaben, um zu erkennen, welche Teile der Stadt wie belastet sind, so Emeis. Augsburg eigne sich als Modellregion, weil in der Umwelthauptstadt Bayerns zahlreiche Umweltinstitutionen angesiedelt sind und Dauermessstellen bestehen, deren langfristige Aussagen in das Projekt einfließen.  

Das im Frühjahr 2017 gestartete Forschungsvorhaben SmartAQnet hat eine Laufzeit von drei Jahren. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) fördert das Verbundprojekt über seinen Modernitätsfonds für digitale, datenbasierte Innovationen mit insgesamt 2,9 Millionen Euro, davon entfallen jeweils rund 500.000 Euro auf die beiden beteiligten KIT-Institute.

"In diesem Jahr ist der Feinstaubgrenzwert von 40 Mikrogramm am Neckartor bis zum 11. Oktober schon 39 Mal überschritten worden. Im Jahre 2016 waren es für denselben Zeitraum nur 34 Überschreitungen. Das zeigt, dass eine Verbesserung nicht in Sicht ist und freiwillige Maßnahmen nicht greifen", so Dahlbender. Notwendig seien stattdessen klare ordnungsrechtliche Vorgaben wie Tempolimits, Fahrverbote und ein Parkraummanagement.

Aus Sicht des Landes ist es derzeit jedoch nicht möglich, Verkehrsverbote umzusetzen, die nach dem Emissionsverhalten der Fahrzeuge weitergehend differenzieren, als es die Plakettenregelung des Bundes (35. BImSchV) tut. Und nach dieser Plakettenregelung in ihrer heute geltenden Fassung sind alle Diesel-Pkw, die die grüne Plakette erhalten haben, von Verkehrsverboten in der Umweltzone ausgenommen.

Ziel muss es aber sein, alle Diesel-Pkw mit schlechteren Abgasnormen als Euro 6 von belasteten Gebieten fern zu halten. Hierzu bedarf es einer blauen Plakette, die aber der Bund einführen müsste. Ob das Land eine Zwischenlösung ohne Plakette einrichten darf, wird höchstrichterlich geklärt werden. Denn in dieser Frage hat das Land in dem parallel laufenden Verfahren zwischen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und dem Land die Sprungrevision beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig eingereicht. Mit einem Urteil ist in der ersten Jahreshälfte 2018 zu rechnen.

(Quelle: KIT/BUND/HIN)