Nachweise von Wölfen

Erstellt: Freitag, 09. November 2018

(Hero). Die Zahl vermeintlicher Wolfssichtungen hat in Baden-Württemberg seit rund einem Jahr stark zugenommen. 457 Meldungen gingen bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) nach eigenen Angaben bis Ende September ein. Im gesamten Jahr 2017 waren es 310, im Jahr davor 120. Den zahlreichen Hinweisen stünden wenige Dutzend gesicherte Nachweise gegenüber - "es gibt da eine sehr starke Diskrepanz", sagte Johannes Erretkamps, Wildtierökologe beim FVA. 

"Wenn jemand anruft, ich habe heute Morgen einen Wolf im Scheinwerferlicht gesehen, dann ist das kein gesicherter Nachweis", so Erretkamps. "Die Verwechslungsgefahr mit großen Hunden ist da einfach sehr groß." Der Experte rät, schnell das Handy zu zücken und Bilder zu machen - "dann können wir das überprüfen".

Eine zweifelsfreie Bestätigung können auch genetische Untersuchungen von Kot, Urin sowie Speichelproben an Kadavern gerissener Tiere liefern. Anders als bei Fotos oder Videos ist es für die Fachleute dann auch möglich, einzelne Wölfe voneinander zu unterscheiden. Nur bei 23 der Meldungen aus 2018 konnte demnach eindeutig ein Wolf nachgewiesen werden. 217 Hinweise blieben unbestätigt, 106 stellten sich als Falschmeldungen heraus.

In Baden-Württemberg ist nach Zahlen des Umweltministeriums bislang ein Wolf sesshaft geworden, im Nordschwarzwald. Fünf weitere wurden seit 2015 auf Wanderungen erfasst oder tot aufgefunden. Die Zahl ist überschaubar - das Thema laut Erretkamps hingegen sehr präsent in den Medien. "Wenn gerade ein Artikel erschienen ist, haben wir in der nächsten Woche besonders viele Meldungen".

Für Schlagzeilen hatte zum Beispiel Ende April der Rüde aus dem Schwarzwald gesorgt, beim Umweltministerium erfasst als GW852m: Nach einer Attacke auf eine Schafherde in Bad Wildbad waren in einer Nacht mehr als 40 Tiere gestorben. "Wenn ein neuer Wolf auftaucht, bekommen wir das superschnell mit", so Erretkamps. Tatsächlich könne man im Südwesten jederzeit mit Sichtungen rechnen, betonte der Wildtierökologe. "Der Wolf kommt langsam zurück."

Hinweise auf Wölfe werden nach den sogenannten SCALP-Kriterien bewertet. Die SCALP-Kriterien wurden als Grundlage für ein standardisiertes Monitoring von einer alpenweiten Expertengruppe ursprünglich für das länderübergreifende Luchsmonitoring entwickelt. Die Abkürzung steht für "Status and Conservation of the Alpine Lynx Population”.

Die Methodik wurde für Wolf und Bär weiterentwickelt und wird europaweit für das Monitoring der großen Beutegreifer verwendet. Sie teilt Meldungen nach deren Überprüfbarkeit ein. Der Buchstabe C steht für Kategorie (Category), die Ziffern 1 – 3 definieren die Überprüfbarkeit der Hinweise.

C1 = eindeutige Nachweise, harte Fakten: Lebendfang, Totfund, genetischer Nachweis, Foto/Video, Telemetrieortung

C2 = bestätigte Hinweise: durch eine erfahrene Person bestätigte Ereignisse wie Risse oder Spuren mit starkem Wolfsverdacht.

C3 = nicht bestätigte Hinweise: Ereignisse, die nicht überprüft wurden bzw. in der Regel nicht überprüfbar sind (zum Beispiel Beobachtungen, Rufe)

Neben diesen drei Kategorien gibt es Negativmeldungen, also Hinweise, bei der der Wolf als Verursacher ausgeschlossen werden kann und Hinweise, zu denen auf Grund fehlender Informationen keine Beurteilung möglich ist.

Einige C1-Nachweise zu Wölfen in der HardtIN-Region (Stand: 04.10.2018):
       
  Datum Gemeinde Hinweisart
       
  30.09.2018 Forbach Foto, Film
  21.09.2018 Forbach Foto, Film
  07.09.2018 Gernsbach genetischer Nachweis
  22.06.2018 Forbach Foto, Film
  21.06.2018 Forbach Foto, Film
  09.06.2018 Forbach Foto, Film
  08.06.2018 Forbach Foto, Film
  23.03.2018 Gernsbach genetischer Nachweis
  23.03.2018 Gernsbach genetischer Nachweis
  13.02.2018 Gernsbach genetischer Nachweis
       

Land kann Vorsorgemaßnahmen und Risse von Weidetieren zu 100 Prozent finanzieren  

Die EU will Maßnahmen zum Schutz von Weidetieren vor Wolfsangriffen künftig zu 100 Prozent fördern. Das hat das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) Freitag (09.11.) mitgeteilt. Investitionen in Vorsorgemaßnahmen können zum Beispiel die Kosten für Elektrozäune oder für die Anschaffung von Herdenschutzhunden sein. Ebenso soll es den Ländern künftig möglich sein, den finanziellen Schaden von Nutztierhalterinnen und Nutztierhaltern für die vom Wolf gerissene Schafe und Ziegen vollständig zu erstatten.  

Der NABU Baden-Württemberg begrüßt die Entscheidung der Europäischen Kommission, dass Investitionen in Vorsorgemaßnahmen gegen Risse von Weidetieren durch Wölfe künftig zu 100 Prozent durch die Länder finanziert werden können. "Dieser Schritt war überfällig. Damit haben Weidetierhalterinnen und -halter mehr finanzielle Sicherheit und das Rüstzeug, um ihre Herden effektiv zu schützen", sagt NABU-Landesvorsitzender Johannes Enssle.

Umwelt- und Naturschutzminister Franz Untersteller begrüßte diese Entscheidung: "Wir haben uns gemeinsam mit der Bundesregierung in Brüssel dafür eingesetzt, die engen Vorgaben des europäischen Beihilferechts auszuweiten und eine 100-Prozent-Förderung von Herdenschutzmaßnahmen zu ermöglichen. Ich freue mich, dass die EU-Kommission unseren Argumenten nun gefolgt ist."  

Sobald die Entscheidung der EU-Kommission im genauen Wortlaut vorliege, werde das Umweltministerium prüfen, wie diese neuen Fördermöglichkeiten möglichst schnell im Land umgesetzt werden könnten, sagte der Minister.  Auch wenn die aktuelle Entscheidung der EU-Kommission richtig sei, reiche sie alleine aber noch nicht aus.

Die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland und Baden-Württemberg sei für viele Nutztierhalterinnen und –halter mit hohen Kosten wegen der nötigen Herdenschutzmaßnahmen verbunden. Viele seien sogar in ihrer Existenz bedroht, so Untersteller.  "Wichtig ist es daher, dass die EU den Ländern in Zukunft auch erlaubt, den erhöhten Arbeitsaufwand, den die Nutztierhalterinnen und Nutztierhalter für den Schutz ihrer Herden vor dem Wolf aufwenden müssen, ebenfalls erstatten können." Dies sei bislang leider noch nicht möglich. 

Bisher hat das Land 90 Prozent der Präventionskosten für Maßnahmen, die in der Förderkulisse Wolf im Nordschwarzwald getätigt werden, übernommen. Risse werden aus dem Ausgleichsfonds Wolf entschädigt, den der NABU derzeit gemeinsam mit BUND, dem Landesnaturschutzverband (LNV), Euronatur und dem Ökologischen Jagdverein (ÖJV) verwaltet.  

Die Europäische Kommission hat Freitag entschieden, dass Investitionen in Vorsorgemaßnahmen gegen Risse von Weidetieren durch Wölfe zu 100 Prozent durch die Länder finanziert werden können, ohne dass dies als unzulässige Beihilfe gilt. Bislang konnten Schafhaltern und Landwirten nur 80 Prozent der Vorsorgekosten, etwa für die Anschaffung von wolfssicheren Zäunen oder von Herdenschutzhunden erstattet werden.

Auch solche Schäden, die infolge eines Wolfsrisses auftreten, dürfen fortan vollständig erstattet werden. Neu ist, dass dies auch für indirekte Schäden gilt, wie zum Beispiel für die Behandlungskosten gerissener Tiere beim Veterinär oder für die Arbeitskosten bei der Suche versprengter Tiere nach einem Angriff. Auch hier waren vorher nur 80 Prozent staatliche Erstattung zulässig.  

Bundesumweltministerin Svenja Schulze begrüßt die Entscheidung der Kommission: "Mir ist es sehr wichtig, dass Weidetierhalter in Deutschland auf ganzer Linie entlastet werden – von der Vorsorge bis zur Schadensregulierung. Deshalb habe ich mich in Brüssel dafür eingesetzt, dass die dabei entstehenden Kosten den Schäfern und Weidetierhaltern vollständig erstattet werden. Das hilft Schäfern, Landwirten, dem Grünland in Deutschland - und letztlich auch den Wölfen."

Die Entscheidung der EU-Kommission ist nach intensiven Bemühungen Deutschlands gefallen. Unter Leitung von Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth fanden in den letzten Monaten mehrere Besprechungen von Delegationen von Bundesregierung und Ländern mit der EU-Kommission in Brüssel statt, um eindringlich dafür zu werben, dass Weidetierhalter zusätzliche Kosten infolge der Rückkehr des Wolfes in Deutschland vollständig erstattet bekommen dürfen.

Von der jetzigen Entscheidung der Kommission noch nicht erfasst sind weitere indirekte Vorsorgekosten der Landwirte – etwa für den zusätzlichen Arbeitsaufwand, der mit dem Aufstellen von Zäunen verbunden ist. Hier wird der Bund weiter darauf drängen, auch für diese Aufwendungen die vollständigen Kosten erstatten zu können.

Enssle ist überzeugt: "Eine hundertprozentige Förderung des Landes kann die Akzeptanz für den Wolf als großem Beutegreifer in unserer Kulturlandschaft steigern. Die Landesregierung hat bereits angekündigt, dass sie die Kosten etwa für wolfssichere Elektrozäune komplett übernehmen würde. Jetzt gilt es, das Angebot schnell umzusetzen und die Weidetierhalter und -halterinnen beratend dabei zu unterstützen", fordert Enssle.

Im Rahmen des Projekts "Herdenschutz in der Praxis" arbeitet der NABU gemeinsam mit dem Landesschafzuchtverband (LSV) mit finanzieller Förderung des Landes an praxistauglichen Maßnahmen für einen effektiven Herdenschutz in Baden-Württemberg. Die Beweidung durch Tiere leistet etwa durch das Offenhalten von Flächen einen unverzichtbaren Beitrag zum Naturschutz und zum Erhalt unserer Kulturlandschaft. Der NABU fordert alle Tierhalterverbände auf, sich proaktiv und lösungsorientiert im Interesse ihrer Mitglieder daran zu beteiligen.  

siehe auch ⇒ 

Wolfangriff auf Schafherde

Wolfsmanagement

(Quelle: MLR.bw/HIN)