Daueraufgabe Artensterben

Erstellt: Dienstag, 14. November 2017

(Hero). Umweltstaatssekretär Andre Baumann hat beim Zukunftsforum des Landesnaturschutzverbandes vor überzogenen Erwartungen beim Kampf gegen das Insekten- und Artensterben gewarnt. Der Kampf gegen das Artensterben stehe erst am Anfang und er sei eine Daueraufgabe.  Als Gastredner beim Zukunftsforum des Landesnaturschutzverbandes (LNV) hat Umweltstaatssekretär Andre Baumann vor überzogenen Erwartungen beim Kampf gegen das Insekten- und Artensterben gewarnt.

 "Wir brauchen einen langen Atem und wir müssen flexibel auf aktuelle Entwicklungen der Arten reagieren können. Deshalb ist auch ein Monitoring von entscheidender Bedeutung. Nur wenn wir die Entwicklung des Bestands, beispielsweise auf landwirtschaftlichen Flächen, beobachten, können wir erkennen, wie wirkungsvoll unsere ergriffenen Maßnahmen sind, die das Artensterben aufhalten sollen. Ein belastbares Monitoring ist eine Voraussetzung um Steuergelder effizient einzusetzen", so der Umweltstaatssekretär.  

Der Kampf gegen das Artensterben stehe erst am Anfang und er sei eine Daueraufgabe, sagte Baumann. Niemand solle deshalb mit schnellen Ergebnissen rechnen. Er sei dankbar, dass sich die am Sonderprogramm biologische Vielfalt beteiligten Ministerien in diesem Punkt einig seien und die Mittel für das Monitoring im Haushalt bereitgestellt würden.

Baumann warb beim LNV eindringlich dafür, die Anstrengungen für den Erhalt der Biodiversität auf allen Ebenen zu erhöhen: "Wenn Insekten sterben, ist das ein deutliches Signal, dass wir handeln müssen. Die Studien, die eindeutig belegen, dass die Insektenpopulation in den deutschen Kulturlandschaften inzwischen um rund drei Viertel abgenommen hat, sind höchst alarmierend, und ich bin sehr froh, dass das Thema Biodiversität jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist", so Baumann.

Land schafft Maßnahmen gegen Insektensterben  Mit dem Sonderprogramm biologische Vielfalt, das in den nächsten Wochen im Kabinett beschlossen werden soll, und der Naturschutzstrategie des Landes sei Baden-Württemberg gut gerüstet für den Kampf gegen das Insekten-und Artensterben. So enthalte die Naturschutzstrategie sieben Oberziele und über 100 konkrete Maßnahmenpläne, so Baumann.

Als wichtige Bausteine nannte er die Schaffung, Aufwertung und Verbindung von Lebensräumen. Diese Ziele verfolgten zum Beispiel das Moorschutzprogramm, der landesweite Biotopverbund, die Qualitätssicherung von Naturschutzgebieten sowie die Aufwertung von Wacholderheiden. "Alle diese Maßnahmen wirken gezielt gegen das Insektensterben und sind entscheidende Handlungsfelder des Umweltministeriums".  

Als Meilenstein bezeichnete der Staatssekretär die fast flächendeckend eingeführten Landschaftserhaltungsverbände, die eine Brücke zwischen Naturschutz und Landwirtschaft bauen. Die Zuwendungen für Landschaftspflegmaßnahmen seien zudem in den letzten Jahren deutlich gestiegen und sollen im Doppelhaushalt 2018/2019 weiter erhöht werden.

Dass es noch ganz andere Ansätze braucht, ist hinlänglich bekannt. Solange auch weiterhin Pestizide zum Einsatz kommen bleibt die Daueraufgabe Artensterben bestehen. Auch Forschungen am KIT weisen darauf hin.

Das Schweigen der Hummeln

Getreide, Kartoffeln, Tomaten – viele Nutzpflanzen sind, nicht nur für einen hohen Ertrag, auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Dass Pestizide das Bestäubungsverhalten von Hummeln beeinträchtigen, haben Forscherinnen und Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und der University of Stirling herausgefunden. Ihre Ergebnisse stellen sie in der Fachzeitschrift Scientific Reports vor.

Hummeln setzen Pollen per Vibrationsbestäubung frei. Sie erzeugen mit ihrem Flügelschlag Frequenzen, die die Pollen aus der Blüte herausschütteln. So entsteht das bekannte Summen, das zwei Zwecken dient, nämlich der Bestäubung anderer Blüten und Sammeln von Nahrung.

"Wir haben die Wirkung des Pestizids Neonicotinoid auf Hummeln untersucht und herausgefunden, dass es die Vibrationen, und somit auch das Summen, negativ beeinflusst", sagt Dr. Penelope Whitehorn. Die Biologin, die jetzt am Institut für Meteorologie und Klimaforschung – Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU) des KIT forscht, leitete die Studie an der University of Stirling.

Zusammen mit Dr. Mario Vallejo-Marin, University of Stirling, untersuchte sie durch das Pestizid belastete Hummelkolonien, überwachte deren Verhalten und nahm über einen längeren Zeitraum das Summen mit Mikrofonen auf. Danach analysierten die Wissenschaftler das akustische Signal, das die Hummeln bei der Vibrationsbestäubung erzeugen, um Veränderungen im Summen festzustellen.

Sie fanden heraus, dass die permanente Belastung durch das Pestizid die Vibrationen verringert. Dies wiederum reduziere die Menge der gesammelten Pollen und somit die Nahrung der Hummeln, so die Forscher.

"Hummeln einer Kontrollgruppe, die dem Pestizid nicht ausgesetzt waren, lernten in ihrer Entwicklung nach und nach dazu, wie sie mehr Pollen sammeln und besser Blumen bestäuben können", so Whitehorn. "Die Hummeln, die mit dem Pestizid in Berührung kamen, entwickelten ihre Fähigkeiten nicht weiter. Sie sammelten am Ende des Experiments zwischen 47 und 56 Prozent weniger Pollen als die Kontrollgruppe."

"Unsere Forschungsergebnisse leisten einen wesentlichen Beitrag zu der Frage, wie sich Pestizide auf die Hummelpopulation und ihre Bestäubungsleistung auswirken. Sie weisen auch darauf hin, dass die Belastung durch Pestizide die Fähigkeiten der Hummeln beeinträchtigen kann, komplexe Verhaltensweisen wie die Vibrationsbestäubung weiterzuentwicklen", sagt Vallejo-Marin.

"Der nächste Schritt unserer Forschung wäre nun, den Mechanismus zu bestimmen, durch den das Pestizid die Hummeln beeinflusst. Wir glauben, dass Pestizide sich auf das Gedächtnis und die kognitiven Fähigkeiten von Hummeln auswirken. Beides sind wichtige Voraussetzung für komplexe Verhaltensweisen."

(Quelle: UM.bw/kit/HIN)