Gefährlicher Kalikokrebs

Erstellt: Montag, 13. November 2017

Rastatt (pr). 37 Naturschutzwarte sind derzeit im Landkreis Rastatt und Stadtkreis Baden-Baden ehrenamtlich im Einsatz. Bei einer Arbeitstagung der Unteren Naturschutzbehörden würdigte Sébastien Oser, der Leiter des Amtes für Baurecht, Naturschutz, Recht und Ordnung im Landratsamt, dieses Engagement. Oser stellte heraus, dass die Naturschutzwarte als direkte Ansprechpartner und damit als Mittler zwischen Natur und Mensch vor Ort eine wichtige Funktion innehaben. "Durch ihren Einsatz leisten sie einen großen Beitrag zur Erhaltung unserer Landschaft. Sie unterstützen damit aktiv das Hauptanliegen des Naturschutzes, Natur und Landschaft auch für künftige Generationen zu erhalten."

Der Kalikokrebs stammt ursprünglich aus den USA. Seine Heimat sind die Gewässersysteme um den Mississippi River in Nordamerika. Anfang der 1990er Jahre gelangte dieser bis zu zehn Zentimeter große Flusskrebs in die Gewässer um Sinzheim und Baden-Baden. Vermutlich wurde er dort aus falsch verstandener Tierliebe aus einem Aquarium in die freie Natur ausgesetzt.

Seitdem breitet sich der Kalikokrebs immer weiter aus. Sein Verbreitungsgebiet reicht heute von Straßburg im Süden bis Mannheim im Norden. Innerhalb dieses Territoriums besiedelt er fast alle Gewässer bis in die höheren Lagen westlich und östlich des Rheins – mit tödlichen Folgen für die dort lebenden Tiere und Pflanzen.

Aufgabe der Naturschutzwarte ist es in erster Linie, die Besucher der freien Landschaft über die Vorschriften zum Schutz von Natur und Landschaft zu informieren. Darüber hinaus sind sie oft auch Experten für bestimmte Tiergruppen, sodass sie auch bei Fragen zum Artenschutz häufig beratend tätig sind.

Die Schwerpunkte der diesjährigen Tagung lagen auf den Themen "Artenschutz und Sanierung von Gebäuden", "Sanierung des Rheinhochwasserdammes zwischen Rheinstetten und Rastatt" sowie "Kalikokrebs".

Bei einer anschließenden Exkursion bei Elchesheim-Illingen konnten die Teilnehmer bei einem mit Kalikokrebsen befallenen Gewässer die gebietsfremden Tiere direkt in Augenschein nehmen und sich von den katastrophalen Auswirkungen auf das Ökosystem überzeugen. So befinden sich in solchen Gewässern praktisch keine anderen Tiere und Pflanzen mehr, weil sie vom Kalikokrebs gefressen werden. Dadurch geht das ökologische Gleichgewicht in einem See vollkommen verloren.

An der Pädagogischen Hochschule (PH) Karlsruhe beschäftigt sich seit 2014 ein 15-köpfiges Kaliko-Team des Instituts für Biologie und Schulgartenentwicklung mit der Ausbreitung und Lebensweise des Krebses. Zwei Team-Mitglieder (Alexander Herrmann und Robin Wegner, Lehramtsstudenten mit dem Hauptfach Biologie) beantworten Fragen rund um den invasiven Allesfresser.

Wie kommt es, dass sich der Kalikokrebs am Oberrhein offensichtlich wohlfühlt?

Alexander Herrmann: "Der Kalikokrebs findet in den Rheinauen die gleichen Lebensbedingungen vor wie in seiner Heimat am Mississippi. Dort besiedelt er warme, sauerstoffarme und pflanzenreiche Gewässer mit lehmigen Grund und geringer Fließgeschwindigkeit – ein Milieu, in dem nur wenige andere Flusskrebsarten überleben würden. Damit hat der Kalikokrebs bei uns seine optimale ökologische Nische gefunden, in der er ohne ernsthafte Bedrohung durch natürliche Feinde binnen weniger Jahre wahre Massenbestände aufbauen konnte."

… und welche Folgen hat das?

Alexander Herrmann: "Wie alle Flusskrebse ist der Kalikokrebs ein Allesfresser. Sein großes Nahrungsspektrum reicht von Plankton über Wasserpflanzen, Schnecken, Muscheln, wirbellose Kleinlebewesen wie Insektenlarven, kleine Wirbeltiere wie Molch- oder Froschlarven bis hin zu abgestorbenem Pflanzenmaterial. Bei hohen Populationsdichten schafft es der Kalikokrebs, ein Gewässer praktisch leerzufressen und damit vollkommen aus seinem ökologischen Gleichgewicht zu bringen. In Kleingewässern vernichtet er die Bestände von Amphibien, Libellen und anderen Tierarten nahezu vollständig."

Ist dieser enorme Appetit das einzige Problem?

Alexander Herrmann: "Nein, der Kalikokrebs bringt gleich eine ganze Reihe von Eigenschaften mit, die ihn zum perfekten Invasor temporärer Auengewässer machen. Er baut tiefe Wohnröhren in lehmigen Uferabschnitten, in denen er nicht nur vor Frost oder Konkurrenten geschützt ist, sondern auch monatelanges Trockenfallen des Gewässers überdauern kann. Des Weiteren unternimmt der Kalikokrebs in feuchten und milden Nächten gerne Wanderungen, um neue Lebensräume über Land zu erschließen. Auf diese Weise hat er am Oberrhein eine Vielzahl isolierter Stillgewässer besiedelt.
Hinzu kommt, dass er – wie alle nordamerikanischen Flusskrebsarten – ein latenter Überträger des Krebspesterregers ist. Damit stellt der Kalikokrebs auch eine Gefahr für die bei uns lebenden heimischen und etablierten Flusskrebsarten dar."

Wie stehen denn die Chancen, dass der Kalikokrebs wieder verschwindet?

Robin Wegner: "Meiner Ansicht nach gibt es keine Möglichkeit mehr, den Kalikokrebs aus unseren Gewässern vollständig zu entfernen. Es ist nicht zu vermeiden, dass er sich auch weiterhin im Rhein und den umliegenden Gewässern ausbreitet. Was wir noch machen können, ist zu verhindern, dass der Kalikokrebs über Land in andere Gewässer eindringt. Das schaffen wir, indem wir Managementmaßnahmen entwickeln wie etwa Wandersperren. Baumstämme zum Beispiel können Kalikokrebse nicht überwinden, die meisten Amphibien jedoch schon. Bei der Neuanlage von Gewässern ist auf eine möglichst große Entfernung zu bereits besiedelten Gewässern zu achten. Langfristig müssen wir den Kalikokrebs als neuen Mitbewohner akzeptieren lernen. Allerdings können wir daran arbeiten, wertvolle Lebensräume vor der Neubesiedelung durch den Kalikokrebs zu bewahren. Somit sollten wir den Blick weniger auf die Bekämpfung des Kalikokrebses richten, sondern stärker auf den Schutz unserer wertvollen Gewässerfauna und -flora."

(Quelle: Lara/Nabu)