Die Nase vorn

Erstellt: Donnerstag, 08. Februar 2018

Iffezheim (proh). "2017 war ein ordentliches Jahr für die Fischwanderung im Rhein", freut sich Frank Hartmann, Fachmann für das Fischereiwesen im Regierungspräsidium Karlsruhe. Das zeigen jedenfalls die Zahlen der vom Regierungspräsidium Karlsruhe überwachten Fischzählungen am Fischpass Iffezheim. "Die Aufstiegszahlen eröffnen der Fischereibehörde einen einzigartigen Einblick in den Fischbestand des Rheins", so Hartmann. Gleich drei hochauflösende Kameras mit Selbstauslöser stehen inzwischen vor der Sichtscheibe der Beobachtungsstation.

Diese erfassten im Jahr 2017 am Fischpass insgesamt über 42'000 Fische. Das ist zwar etwas weniger als jeweils in den drei Jahren zuvor, jedoch deutlich mehr als im Durchschnitt seit der Inbetriebnahme des Fischpasses im Jahr 2000.

Hartmann: "Die Bilanz ist bei einigen Arten gut oder zumindest zufriedenstellend und spiegelt die zunehmende Verbesserung von Wasserqualität und Gewässerlebensräumen am Rhein wieder". 

Außergewöhnlich hoch war im vergangenen Jahr der Aufstieg von "Nasen", lateinisch: Chondrostoma nasus, einer Fischart, die tatsächlich eine besonders auffällige Nase hat.

Über 19'000 Exemplare dieser typischen Rheinfischart haben den Weg in den Fischpass gefunden und die 37 Becken in Richtung Oberwasser der Staustufe durchquert. "Nasen" profitieren als sogenannte Kieslaicher sehr stark von dem sogenannten Geschiebemanagement der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes: mit speziellen Booten werden enorme Mengen an Kies in den Rhein unterhalb der Staustufe Iffezheim geschüttet, um die Eintiefung des Flusses zu verhindern.

Diese Zugabe an Kies bildet stromabwärts bis Mannheim naturnahe und hochfunktionale Kiesbänke im Rhein. Auf diesen Kiesbänken laichen die "Nasen". Seit Jahren nehmen sie im Rhein zu. So wurden in den Jahren 2008 – 2013 noch wenige hundert "Nasen" jährlich registriert. "Die Erholung der "Nase" ist ein Gewinn für die Biodiversität im Rhein", resümiert Hartmann.

Ein weiteres Sorgenkind der Fischerei ist der Europäische Aal, ein Wanderer zwischen dem Rhein und dem Atlantik. Diese schlangenähnliche Fischart wurde über 12'000 Mal am Fischpass gefilmt. Seit 2008 ist dies die zweithöchste Zahl beim Aal in Iffezheim. Die Bestände des Aals sind europaweit so stark zurückgegangen, dass der Europäische Rat für Meeresforschung ihn als "außerhalb gesicherter biologischer Grenzen" einstufen musste.

Inzwischen steht der Aal auf der Roten Liste als stark gefährdete Tierart, wird von der Europäischen Union in einer eigenen Verordnung geschützt und hat nach dem Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (CITES = Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora) denselben Schutzstatus wie das Zwergflusspferd oder der Löwe in Afrika.

Das Land Baden-Württemberg hat für den Aal eine besondere Verantwortung, da das Rheinsystem ausgezeichnete potenzielle Lebensräume bietet. In Baden-Württemberg darf der Aal am Rhein deshalb seit Jahren ganzjährig nicht mehr gefischt werden. Zudem werden von den Anglern, den Erwerbsfischern und dem Land, viele tausend Jungaale zum Erhalt der Art ausgesetzt. In ihren Versuchsfischereien registriert die für den Fischartenschutz zuständige Fischereibehörde eine deutliche Erholung des Aalbestandes am Rhein. 

Erfreulich sind ebenso die 171 Lachse, die in 2017 nach ihrer gefährlichen und strapaziösen Reise aus dem Nordatlantik in Iffezheim begrüßt werden konnten. Diese Anzahl ist beachtlich, weil die historischen Lachsgewässer in Baden-Württemberg immer noch nicht vollständig durchgängig sind und aus diesem Grund seit vielen Jahren immer nur in den Unterläufen der Flüsse eine vergleichsweise kleine Anzahl an Junglachsen ausgesetzt werden kann.

Der eigentliche Bestandsaufbau mit Lachsen kann erst dann beginnen, wenn die jungen Lachse auch schadenfrei die gesamten Flussläufe abwandern können. In den 50er Jahren war der Rheinlachs ausgestorben, inzwischen laicht er in Alb, Murg und Kinzig wieder natürlich ab. "Es ist sehr einfach, eine Tierart auszurotten und ungleich schwerer, sie wieder anzusiedeln", bekräftigt Hartmann.

Erst wenn die Naturräume wieder einigermaßen hergestellt sind, haben diese Arten eine Chance. Die Schwimmleistungen der Wanderfische sind enorm: sie legen, wie etwa die in Iffezheim 83 aufgestiegenen Meerforellen oder 74 Meerneunaugen, innerhalb weniger Wochen viele tausend Kilometer zurück, um ihre angestammten Laichreviere bei uns zu erreichen. 

Weniger erfreulich sind die Ergebnisse am Fischpass Iffezheim bei vielen anderen Fischarten: zum Teil bestehen eklatante Aufstiegsdefizite und es konnten nur Einzelexemplare nachgewiesen werden. Dies hängt der Fischereibehörde nach nicht ausschließlich mit der negativen Bestandsentwicklung einiger Arten im Rhein zusammen, sondern auch mit der individuellen Aufstiegsmotivation, den Abfluss- und Temperaturverhältnissen im Rhein sowie mit den hydraulischen Bedingungen im 200 Meter langen Fischpass.

"Für viele schwimmschwache Fische ist dieser Hochleistungsparcours einfach nicht zu bewältigen", bewertet Hartmann die turbulenten Verhältnisse in den Fischpassbecken. Um das Wildwasser im Fischpass etwas zu entschärfen wird der Fischpass in diesem Herbst unter der Federführung der Energie Baden Württemberg AG (EnBW) umgebaut.

Die EnBW betreibt gemeinsam mit der Electricité de France SA (EDF) nicht nur die große Wasserkraftanlage Iffezheim, sondern unterhält auch den Fischpass und unterstützt vor Ort die Untersuchungen der Fischereibehörde. Nach der Umgestaltung hofft die Fischereibehörde auf einen nochmaligen starken Anstieg bei den Aufstiegszahlen in 2019.

Früher oder später wird zudem ein zweiter Fischpass auf der gegenüberliegenden Flussseite gebaut werden müssen, um auch langfristig einen ausreichenden genetischen Austausch bei den Fischarten im Rhein zu ermöglichen, so die Einschätzung der Fischereiexperten.

(Quelle: RPK/HIN)