Wolfsmanagement

Erstellt: Dienstag, 20. März 2018

(Hero). Angesichts vermehrter Nachweise von Wölfen in Baden-Württemberg in den letzten Monaten hat Staatssekretär Andre Baumann gestern (19.03.) die große Bedeutung der Weidewirtschaft für den Natur- und Landschaftsschutz betont: „Baden-Württemberg braucht eine zukunftsfähige Weidetierhaltung. Wir werden also die Voraussetzungen für ein gutes Nebeneinander der Weidetierhaltung und des geschützten Wolfes schaffen. Da sich in den nächsten Jahren Wölfe oder auch Wolfsrudel dauerhaft im Land niederlassen könnten, müssen und werden wir das Thema aber auch künftig intensiv bearbeiten.“

Der Wolf kehrt zurück in den Südwesten Deutschlands. Lassen sich die Lebensraumanforderungen dieses streng geschützten Raubtieres mit den Ansprüchen des Menschen in Einklang bringen? Wie ändert sich unsere Umwelt mit dem Wolf? Müssen wir uns Sorgen um unsere Sicherheit machen? Wie stehen Jäger, Tourismusmanager und Schäfer zu dem Neuankömmling? Wie reagieren andere Wildtiere auf die Änderung?

Umweltminister Franz Untersteller hat gestern eine enge Zusammenarbeit der Bundesländer Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland im Umgang mit Wölfen angekündigt. „Mit unserem länderübergreifenden Konzept erweitern wir unser Wolfsmanagement um einen wesentlichen Faktor und tragen dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung und der Landwirtschaft Rechnung“, sagte der für den Natur- und Artenschutz im Land zuständige Minister.

Baden-Württemberg stehe wie andere Bundesländer auch vor der Herausforderung, dass sich Wölfe in Deutschland wieder ausbreiten, erläuterte der Minister. Da Wölfe sehr mobil seien und keine Ländergrenzen kennen, liege eine länderübergreifende Zusammenarbeit nahe. Ziel sei ein umfassendes Wolfsmanagement, das sowohl Nutztierhalterinnen und -halter und deren Tiere und wirtschaftliche Existenz schütze, als auch dem Artenschutz gerecht werde, so Untersteller. „Wir haben vereinbart, uns dabei gegenseitig zu unterstützen, Kenntnisse auszutauschen, Erfahrungen und Knowhow zu teilen sowie Personal bereitzustellen.“

Geplant ist zunächst, eine gemeinsame Managementgruppe zu bilden, die den gegenseitigen Informationsaustausch – etwa über Wolfssichtungen oder das Verhalten einzelner Tiere – gewährleisten sowie Aktivitäten zum Schutz von Nutztieren und Menschen vor einem Wolf koordinieren soll. Dabei geht es darum, wandernde Wölfe und in Zukunft möglicherweise Wolfsrudel im Rahmen des Wolfsmonitorings effektiver zu beobachten und zu überwachen. Eine möglichst gute Kontrolle darüber, wo sich wie viele Wölfe befinden und wie sie sich verhalten, sei eine wesentliche Voraussetzung für ein Wolfsmanagement, das Tier und Mensch gleichermaßen schütze, sagte Untersteller.

Aufgabe der Managementgruppe wird auch sein, Experten-Teams zu bilden beziehungsweise auszuwählen, die einen Wolf fangen und notfalls auch erschießen können. Dazu gehört es auch, die erforderlichen Genehmigungen und die notwenige Ausrüstung zu beschaffen.

Umweltminister Franz Untersteller: „Wir wollen einzelne Wölfe fangen und dann mit Sendern ausstatten, um ihre Wege nachvollziehen zu können. Die Teams sollen aber auch verhaltensauffällige und potenziell gefährliche Tiere über die Bundesländergrenzen hinweg verfolgen, um sie im Bedarfsfall zu töten. Mit unserer Vereinbarung schaffen wir dafür die Voraussetzungen.“

Die Entscheidung, ob eine Ausnahme nach dem Bundesnaturschutzgesetz möglich ist und ein Wolf geschossen werden kann, bleibe weiterhin jedem Bundesland selbst überlassen, bekräftigte der Minister. Die Kosten für den Einsatz des Eingreifteams würden untereinander aufgeteilt. Weitere Bundesländer könnten sich jederzeit an der Zusammenarbeit beteiligen, so Untersteller, er könne sich beispielsweise vorstellen, ein Land wie Bayern in die Kooperation einzubeziehen.

Aktuell sind in Deutschland 60 Wolfsrudel bestätigt

Das geht aus einer neuen Erhebung des Bundesamtes für Naturschutz und der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Wolf (DBBW) hervor. Die Zahl der 60 von den Bundesländern bestätigten Rudel des aktuellen Monitoringjahres 2016/2017 in Deutschland ist im Vergleich zum vorherigen um 13 gestiegen. Allerdings ist die Zahl der Wolfspaare im selben Zeitraum von 21 auf 13 und die Zahl der sesshaften Einzelwölfe ist von vier auf drei gesunken.

"Für den Naturschutz sind diese Zahlen zwar erfreulich, jedoch weist die Art noch immer eine insgesamt ungünstige Erhaltungssituation auf", sagt "Bundesamt für Naturschutz"-Präsidentin Prof. Beate Jessel. "Vor allem der Straßenverkehr gefährdet den Wolf in seinem Bestand; daneben stellen illegale Abschüsse ein erhebliches Problem dar." Von den in Deutschland seit dem Jahr 2000 insgesamt 201 tot aufgefundenen Wölfen sind 140 durch den Straßenverkehr ums Leben gekommen und 26 illegal getötet worden. Im Vergleich zum Monitoringjahr 2015/2016 ist die Zahl der illegalen Tötungen von zwei auf fünf angestiegen.

Die Daten, die das Bundesamt für Naturschutz jährlich im Herbst veröffentlicht, werden von den Bundesländern jeweils für ein Monitoringjahr erhoben. Dieses läuft jeweils vom 1. Mai bis zum 30. April des darauffolgenden Jahres und deckt sich zeitlich mit einem biologischen "Wolfsjahr", von der Geburt der Welpen bis zum Ende des ersten Lebensjahres. Die Daten werden anschließend jeweils noch überprüft und durch das BfN und die DBBW bundesweit zusammengeführt. Diese Zusammenführung erfolgt jährlich im Herbst bei einem Treffen der im Monitoring erfahrenen Personen von Bund und Ländern.

"Die Rückkehr des Wolfes stellt uns in unserer heutigen Kulturlandschaft vor eine besondere gesellschaftliche Herausforderung. Die Angst der Menschen vor direkten Begegnungen und die Sorgen der Weidetierhalter müssen wir sehr ernst nehmen. Wir unterstützen mit wissenschaftlich fundierten Beiträgen und Handlungsempfehlungen zum Wolf und informieren so die Bundesländer, bei denen in Sachen Wolf die Vollzugshoheit liegt", so die BfN-Präsidentin. Einen wichtigen Beitrag leistet dabei die DBBW, die der Bund im Jahr 2016 eingerichtet hat, um insbesondere Daten aus den Bundesländern zusammenzutragen und die Fachbehörden zu beraten.

Mittlerweile wurden in 13 Bundesländern Wolfsmanagementpläne sowie entsprechende Leitlinien, Konzepte oder Leitfäden veröffentlicht. Darin ist in der Verantwortung der Länder unter anderem festgelegt, wie für den Schutz von Weidetieren die Prävention und auch Kompensation geregelt sind. "Ein flächendeckender Herdenschutz, der sich an den vom BfN empfohlenen Schutzstandards orientiert, ist essentiell, um in weiteren potenziellen Ausbreitungsgebieten für die Ankunft des Wolfes gewappnet zu sein.

Um Übergriffe auf Weidetiere weitgehend zu reduzieren, müssen Herdenschutzmaßnahmen konsequent umgesetzt und dafür auch ausreichend finanziert werden", sagt Prof. Beate Jessel. Die Ausgaben der Bundesländer mit Wolfsvorkommen betrugen im Jahr 2016 insgesamt 1'100.963 Euro für Herdenschutzmaßnahmen. Im Vergleich dazu lagen die Schadenausgleichszahlungen, bei denen ein Wolf als Verursacher nachgewiesen oder nicht ganz ausgeschlossen werden konnte, bei rund 135'140 Euro.

Herdenschutzhunde wirksam

Staatssekretär Baumann verwies auf die oftmals bereits angespannte ökonomische Situation der weidetierhaltenden Betriebe im Land: „Ich kann die Sorgen der Weidetierhalter gut verstehen. Durch die Rückkehr der Wölfe darf sich die finanzielle Lage vieler Betriebe nicht noch weiter verschlechtern.“ Deshalb sei eine bessere finanzielle Ausstattung der Weidewirtschaft mit Landwirtschaftsmitteln wichtig, genauso wie ein möglichst effektives Wolfsmanagement, betonte der Staatssekretär des für den Natur- und Artenschutz im Land zuständigen Umweltministeriums.

Schon jetzt erhielten Halterinnen und Halter von Nutztieren eine unbürokratische Entschädigung für den Fall, dass ihre Tiere von einem Wolf gerissen wurden. „Außerdem setzen wir uns dafür ein, den Fördersatz in der Landschaftspflegerichtlinie für präventive Herdenschutzmaßnahmen wie Elektrozäune von derzeit bis zu 90 Prozent auf bis zu 100 Prozent zu erhöhen“, so der Staatssekretär. „Daneben werden wir voraussichtlich noch dieses Frühjahr ein neues gemeinsames Herdenschutzprojekt mit den betroffenen Verbänden starten, dabei wollen wir auch die möglichen Vorsorgemaßnahmen in den besonders herausfordernden Steillagen weiterentwickeln.“ 

Um in der Praxis schnell handlungsfähig zu sein, zum Beispiel beim Auftauchen verhaltensauffälliger und potenziell gefährlicher Wölfe, hat das Umweltministerium Baden-Württemberg gemeinsam mit Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland ein länderübergreifendes Konzept zum Umgang mit Wölfen entwickelt, so Baumann weiter. „Das hierbei vereinbarte Monitoring wird es uns ermöglichen, Wölfe in Zukunft effektiver zu beobachten und zu überwachen.

Dies ist wichtig, damit wir die Halterinnen und Halter von Weidetieren rechtzeitig informieren und diese die ihnen möglichen Schutzmaßnahmen ergreifen können.“ Auch die geplanten Experten-Teams, die einen Wolf im Bedarfsfall länderübergreifend verfolgen, fangen und notfalls auch töten könnten, leisteten einen Beitrag zum Schutz der Weidewirtschaft.

Nachdem in Widdern (Landkreis Heilbronn) mehrere Schafe durch einen Wolfsangriff getötet wurden, hat sich Umwelt- und Naturschutzminister Franz Untersteller dafür ausgesprochen, umgehend die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Nutztierhalter in Baden-Württemberg ausgebildete Herdenschutzhunde einsetzen können.

"Herdenschutzhunde sind ein wirksamer Schutz gegen Wolfsangriffe. Wir müssen deshalb die Tierschutz-Hundeverordnung so gestalten, dass unsere Schäferinnen und Schäfer sie auch einsetzen dürfen", sagte Untersteller. "Statt leichtfertig darüber zu reden, wie wir den Wolf am besten loswerden, müssen wir doch darüber nachdenken, wie wir unsere Nutztiere optimal schützen und zugleich dem Wolf das Überleben ermöglichen. Das ist unsere Aufgabe und das verstehe ich unter verantwortungsbewusstem Tier- und Artenschutz."

Tierschutzhunde-Verordnung sollte im Sinne des Bundeslandwirtschaftsministeriums ausgelegt werden. Der Minister plädierte deshalb dafür, in einem ersten Schritt die Verordnung des Bundes in Baden-Württemberg künftig - anders als bisher - im Sinne des zuständigen Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) auszulegen.

Das BMEL hatte erst im Sommer mit einem Brief klargestellt, dass es sehr wohl möglich sei, Herdenschutzhunde auf Weiden mit Elektrozäunen einzusetzen - obwohl in der Tierschutz-Hundeverordnung stromführende Vorrichtungen in Hundezwingern verboten würden.  Eine Weide sei jedoch kein Zwinger im Sinne der Verordnung, so das Bundesministerium.

"Ich finde, dass sich Baden-Württemberg dieser Haltung anschließen sollte und werde mich dafür beim zuständigen Landwirtschaftsminister einsetzen", erklärte Untersteller. Bislang vertrete das Ministerium eine andere und sehr strenge Linie in dieser Frage, die dem Herdenschutz entgegenstehe. In einem zweiten Schritt, so Untersteller weiter, sei es dringend geboten, dass Baden-Württemberg sich in Berlin für eine Anpassung der Tierschutzhunde-Verordnung einsetze.

Tierschutz sei natürlich ein hohes Gut, sagte Untersteller, aber wenn die Verordnung beispielsweise verlange, dass für Hunde, die im Freien eingesetzt werden, ein witterungsgeschützter und wärmegedämmter Liegeplatz zur Verfügung stehen muss, dann sei das auch eine Vorschrift zu Lasten der Wanderschäferei in Baden-Württemberg und anderswo.

"Wandern mit einer gedämmten Hundehütte unterm Arm geht einfach nicht", sagte Untersteller. "Die Wanderschäferinnen und -schäfer leisten aber eine unverzichtbare Arbeit zum Erhalt unserer Kulturlandschaften. Wenn wir ihnen helfen wollen, ihre Herden und Existenz mit Schutzhunden zu schützen, müssen wir das Nötige dafür auch tun. Das geht meiner Auffassung nach ohne den Tierschutz zu schleifen."

(Quelle: UM.bw/HIN)