Lebensräume verbinden

Erstellt: Freitag, 15. September 2017

(Hero). "Grüne Infrastruktur heißt Lebensräume verbinden", erklärt Verkehrsminister Winfried Hermann MdL. Wie das Konzept der Wiedervernetzung funktioniert verdeutlichen künftig zehn neue Informationsschilder an ausgewählten Querungshilfen in Baden-Württemberg. Alle Standorte der Schilder liegen in Sichtweite bestehender Tierquerungsbauwerke. Auf diese Wiedervernetzungsmaßnahmen sollen die neuen Informationsschilder aufmerksam machen und gleichzeitig informieren. 

Neben dem flächenhaften Verlust von Lebensräumen, der Verinselung durch umgebende intensive Landnutzung sowie dem Verlust der Qualität der verbliebenen Flächen als nutzbarer Lebensraum ist die Zerschneidung von Habitaten und Lebensraumnetzen durch lineare Verkehrsinfrastrukturen (Bau und Betrieb) eine der bedeutsamsten Ursachen für die Gefährdung von Arten und deren Populationen. In den letzten zwanzig Jahren hat in Deutschland die Dichte des Verkehrsnetzes beständig zugenommen, so dass es derzeit das dichteste Verkehrsnetz in Europa hat.

Unser dichtes Straßennetz hilft uns, zügig von A nach B zu kommen. Für viele Tiere stellen Straßen, Schienen und Siedlungsbereiche aber schwer überwindbare Hindernisse dar. Um sich Nahrung zu beschaffen und sich fortzupflanzen, müssen Tiere ihre Standorte und Reviere wechseln können. Wenn Tierpopulationen sich nicht mit ihren nahen und fernen Artgenossen austauschen können, drohen außerdem langfristig genetische Probleme bis hin zum Aussterben der Art. 

Auch der Klimawandel zwingt zur Aufgabe angestammter Standorte. Ganz zu schweigen von den direkten Verlusten im Straßenverkehr durch Wildunfälle, die auch ein großes Problem für die Verkehrssicherheit sind. Deshalb wurden Wiedervernetzungskonzepte entwickelt, die das Ziel haben, Standorte und Reviere der betroffenen Tier-und Pflanzenarten wieder miteinander zu verbinden. Die Wiedervernetzungskonzepte sind damit auch ein Instrument zur Wiederherstellung und zur dauerhaften Sicherung der biologischen Vielfalt.

"Grüne Infrastruktur trägt zum Erhalt einer intakten und vielfältigen Natur bei und erhöht die Verkehrssicherheit. Sie ermöglicht Wildtieren, ihre Lebensräume und Reviere ungestört zu wechseln. Der massive Ausbau der Verkehrsinfrastruktur im letzten Jahrhundert war hier sehr rücksichtlos. Heute wird behutsamer geplant und gebaut", erklärt Minister Hermann.  

Das Land Baden-Württemberg will eine Vorreiterrolle zur Weiterentwicklung dieser "Grünen Infrastruktur" einnehmen, um die biologische Vielfalt zu sichern. So hat u.a. die Naturschutzstrategie Baden-Württemberg zum Ziel, die Wiedervernetzung von Lebensräumen an bestehenden Straßen voranzubringen.

Lebensraumnetzwerke (auch Lebensraumnetze) sind Systeme von jeweils ähnlichen, räumlich benachbarten, besonders schutzwürdigen Lebensräumen, die potenziell in enger funktionaler Verbindung zueinander stehen. Im Rahmen von Eingriffsplanungen sollten die Netze vorrangig auf den strategischen Planungsebenen zur Berücksichtigung überörtlicher Bezüge eingesetzt werden. 

Unter Wiedervernetzung von Lebensräumen wird ein planvolles Zusammenspiel klassischer Elemente:

  1. des Biotopverbunds
  2. planerischer Instrumente (Landschaftsplanung, Raumordnung, Flächennutzungsplanung)
  3. die gezielte Überwindung artifizieller Barrieren (z.B. Straßen)

Das Verkehrsministerium hat ein umfassendes Wiedervernetzungskonzept erarbeitet, mit dem Ziel, die von Straßen durchschnittenen Lebensräume der Tiere durch den Bau von Grünbrücken, Amphibien- bzw. Kleintierdurchlässen und Grünunterführungen wieder miteinander zu verbinden und die gefahrlose Querung der Verkehrswege zu ermöglichen.    

Amphibientunnel oder Grünbrücken, die Wildtieren das gefahrlose Überqueren von stark frequentierten Straßen ermöglichen, werden häufig von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen. Dabei erfüllen sie einen wichtigen Zweck: Durch Wiedervernetzungsprojekte wird die einzigartige Tiervielfalt in Baden-Württembergs geschützt. Pfade und Wege, die durch Infrastruktur zerschnitten wurden, können so zumindest teilweise wieder benutzt werden.      

Das farbig bebilderte, knapp 2 Meter hohe und 60 Zentimeter breite Informationsschild mit dem Titel "Lebensräume verbinden!", erklärt anschaulich durch Bilder und Beispiele, wie Wiedervernetzung zum Erhalt einer intakten und vielfältigen Natur und zur Erhöhung der Verkehrssicherheit beiträgt. Die Schilder zeigen auf, dass Wiedervernetzung neben der Wahrung der biologischen Vielfalt auch einem sicheren Straßenverkehr dient, da dadurch Wildunfälle vermieden werden können.  

Der prominent abgebildete Luchs verdeutlicht die Vielfalt des regionalen Artenbestands. Der Luchs ist eine unter Artenschutz stehende Katzenart, die, nachdem sie durch gezielte Ausrottungsmaßnahmen aus fast ganz Westeuropa verschwunden war, ganz allmählich in Baden-Württemberg wieder heimisch wird.

An ausgewählten Orten mit Querungshilfen für Tiere in Baden-Württemberg werden weitere Schilder aufgestellt, um die Bevölkerung mit Texten, Bildern und weiterführenden Informationen über einen QR-Code für das Thema zu sensibilisieren. Als nächstes werden an einer Amphibienschutzanlage am Schattengrund in Stuttgart-Büsnau, in Wolterdingen im Schwarzwald-Baar-Kreis sowie in Dettingen im Landkreis Heidenheim die Schilder mit dem Luchs als Symbol aufgestellt. 

Den größten Projektbaustein stellt das vom VM erarbeitete 'Landeskonzept Wiedervernetzung an Straßen' dar. Das Konzept setzt sich aus drei Bestandteilen zusammen: 

  1. Identifizierung, Auswahl und Priorisierung von Konfliktstellen auf Basis des Fachplans "Landesweiter Biotopverbund Baden-Württemberg" und des Generalwildwegeplans 
  2. Identifizierung, Aktualisierung und Priorisierung der Amphibienwanderstrecken an Straßen in Baden-Württemberg 
  3. Bundesprogramm Wiedervernetzung 

Die Identifizierung und Priorisierung von Wiedervernetzungsabschnitten im Straßennetz sind wesentliche Bestandteile des Landeskonzeptes. Damit erhält die Straßenbauverwaltung wichtige Hinweise für Ihre Planung, um die Vernetzung von Lebensräumen bei Straßenneu- und -ausbauvorhaben sowie bei Erhaltungsmaßnahmen aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzustellen.

Aufbauend auf dem Landeskonzept sollen in Abhängigkeit von den Erhebungen Vorort und von der örtlichen Situation entsprechende Vermeidungs- und Minimierungsmaßnahmen erfolgen. Die Entscheidung über die Erforderlichkeit, Lage und Gestaltung der Querungshilfen kann dabei nur im Einzelfall auf Grundlage der örtlichen Verhältnisse getroffen werden.

Das Landeskonzept soll darüber hinaus als Grundlage für die Planung und Umsetzung von Wiedervernetzungsmaßnahmen an bestehenden Straßen dienen. Schließlich können Kompensationsmaßnahmen in den Verbundkorridoren und im Bereich von Amphibienwanderstrecken ein wichtiger Beitrag zur Wiedervernetzung und zum Artenschutz sein. 

(Quelle: VM.bw/HIN)