Strukturwandel = Mehr Natur?

Erstellt: Freitag, 12. Mai 2017

(Hero). Strukturwandel in der Landwirtschaft führt zu scheinbar widersprüchlichen Entwicklungen: Immer weniger Bauern im Südwesten halten Schweine, Rinder und Hühner. Dabei wachsen die durchschnittlichen Tierbestände in den einzelnen Betrieben immer weiter an, wie das Statistische Landesamt Baden-Württemberg mitteilte. Diese gegenläufigen Entwicklungen lassen sich für alle im Rahmen der Agrarstrukturerhebung erfassten Tierkategorien feststellen, wobei es Unterschiede im Detail gibt. Der Grund: Viele kleine Betriebe haben laut der Behörde die Viehhaltung aufgegeben, da sich diese nicht mehr lohnt. 

"Ohne die heimische Land- und Forstwirtschaft wird die Gesellschaft ihre Klimaschutzziele nicht erreichen können. Extreme Wetterereignisse nehmen in ihrer Häufigkeit und Heftigkeit zu, und schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Folgen des Klimawandels für unsere Bauern gravierend sein werden. Neben den vielfältigen Maßnahmen des Landes und der Branche zum Schutz vor den Klimafolgen brauchen wir eine gesamtgesellschaftliche Diskussion, die die Belange unserer Landwirte stärker in den Mittelpunkt stellt und sie nicht einseitig zum Buhmann macht", sagte der Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Peter Hauk MdL, am Donnerstag (11. Mai) im Rahmen einer Landtagsdebatte.

"Durch den Kauf regionaler Produkte werden beispielsweise lange Transportwege vermieden und damit ein wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz geleistet. Auch sind die Agrar-Umweltstandards in weiten Teilen der Welt nicht annähernd so hoch, wie bei uns", betonte Hauk. Baden-Württemberg setze deshalb auf eine heimische und bäuerlich geprägte Landwirtschaft, die die Menschen auch in Zukunft mit hochwertigen Lebensmitteln und nachwachsenden Rohstoffen versorge.

"Wer etwas für den Klimaschutz tun will, der muss beim Griff ins Regal eine bewusste Entscheidung treffen", so der Minister. Es könne nicht sein, dass diejenigen, die mit ihrer Arbeit für mehr Klimaschutz stehen, am Ende die Zeche für einen Klimawandel zahlen, den die gesamte Gesellschaft verursacht habe. Die Frostschäden des letzten Monats hätten gezeigt, dass jetzt gehandelt werden müsse.

"Den Klimawandel können wir nur langsam aufhalten. Deshalb müssen wir die, deren Arbeit vom Wetter abhängt, fit für die Veränderungen des Klimas machen. Die Landwirte wollen Lösungen und keine Hilfen, wenn Katastrophen eingetreten sind. Sie wollen ihre Arbeit auch künftig im Einklang mit der Natur erbringen. Wir sind gefordert, gemeinsam mit der Landwirtschaft Lösungen zu finden, wie dies gelingen kann. Denkverbote darf es nicht geben", betonte Hauk.

Dies gelte neben der Landwirtschaft auch für die Waldwirtschaft im Land. Bewirtschaftete Wälder seien hervorragende Klimaschützer und Holz sei ein überaus energieeffizienter Rohstoff, der das in im gespeicherte Kohlendioxid nahezu unbegrenzt speichern könne. Dies trage vor allem auch dazu bei, dass die Biodiversität erhalten werde.

"Land- und Forstwirtschaft, Flurneuordnung, Jagd und Wildtiermanagement erbringen vielfältige Leistungen für den Erhalt der Biodiversität als Beitrag für den Klimaschutz. Wir setzen deshalb auf vielfältige Maßnahmen, für mehr Biodiversität nach der Devise: Schützen durch Nützen", so Peter Hauk. "Die Artenvielfalt, die wir heute vorfinden, verdanken wir auch einer verantwortungsvollen Land- und Forstwirtschaft. Deshalb müssen wir diese Potentiale im Kampf gegen den Klimawandel nutzten."

Weidetiere würden Artenvielfalt zurückbringen

"Seit 1990 geht der Bestand der Feldvögel rapide bergab. Bei einigen der wiesenbrütenden Vögel ist der Bestand sogar um bis zu 80 Prozent zurückgegangen", erklärt René Sollmann vom NABU Thüringen und Mitarbeiter der Natura 2000-Station "Auen, Moore, Feuchtgebiete" im Rahmen seines Eingangsvortrags zur Exkursionstagung am 09. Mai 2017 in Stressenhausen. 70 Vertreter aus den Bereichen des Naturschutzes, Landwirtschaft, Behörden und des Forstes trafen sich, um sich über das Thema Wiesenbrüterschutz durch extensive Beweidung auszutauschen.

René Sollmann ist sich sicher, wenn wir in der Fläche keine artenfördernden Nutzungskonzepte entwickeln, können wir den Artenschwund nicht aufhalten. "Extensive, ganzjährige Weidelandschaften können uns dabei helfen, den Rückgang vieler Arten zumindest auf diesen Flächen aufzuhalten. Bekassine, Kiebitz und Schafstelze finden auf diesen Weiden die nötige Ruhe und Strukturen, um ihre Jungen großzuziehen. Insekten und Amphibien werden nicht beim nächsten Mähgang zerkleinert", sagt der Experte.

Um diese Art der Beweidung mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu richten, veranstaltete die thüringenweit agierende Natura 2000-Station "Auen, Moore, Feuchtgebiete" mit Unterstützung des Kompetenzzentrums Natura 2000-Stationen eine Exkursionstagung zu dem Thema. Unter dem Titel "Wiesenbrüter – all you can watch" wurden von namhaften Referenten verschiedene Beweidungskonzepte sowie Untersuchungsergebnisse vorgestellt. Anhand von "best practice"-Beispielen wurde aufgezeigt, welche Vorteile ganzjährige extensive Weidelandschaften für die Artenvielfalt haben. Dies konnte man gut am Projekt der Teichwiesen aufzeigen.

Zukunftsweisend war in diesem Zusammenhang auch die Vorstellung des länderübergreifenden Projektes in der Bischofsaue am Grünen Band. Bayern und Thüringen möchten hier gemeinsam eine großangelegte extensive Weidelandschaft etablieren. "Um derartige Flächen bewirtschaften zu können, kommen unter anderem Heckrinder, Wasserbüffel und Wildpferde wie Koniks zum Einsatz. Die Tiere helfen uns, einen günstigen Erhaltungszustand in unseren Schutz- und Natura 2000-Gebieten zu gewährleisten", erläutert René Sollmann.

Die großen Pflanzenfresser bieten eine gute Lösung, um die Verbuschung im Offenland aufzuhalten und die Artenvielfalt zu erhöhen. Dabei ist es wichtig, das Nahrungsangebot und die Anzahl der Tiere genau aufeinander abzustimmen. Nur so können die gewünschten Strukturen und Biotope auf den Flächen entstehen und dann erhalten werden. Im Sommer fressen die Weidetiere nur das, was ihnen auch schmeckt. In den Wintermonaten werden dann beispielswiese auch Brombeersträucher, Ginster, Schilf und Baumtriebe gefressen. "Das ist eigentlich wie bei uns Menschen, wir greifen auch lieber zu Leckereien", so der NABU-Mann.

Wegfall kleinerer Standorte mit wenigen Tieren

Im Frühjahr 2016 gab es im Land 14' 740 landwirtschaftliche Betriebe, in denen insgesamt 984' 363 Rinder gehalten wurden. Gegenüber 2010, dem letzten Jahr mit einer vergleichbaren Erhebung, hat sich die Zahl der Rinder haltenden Betriebe um nahezu ein Fünftel verringert (−18,1 Prozent), während der Rinderbestand vergleichsweise moderat (−3,0 Prozent) eingeschränkt wurde. Besonders stark war der Rückgang bei den Schweinemastbetrieben.

2016 gab es noch rund 7'000 Höfe mit Hühnern im Südwesten.  Durch den Wegfall kleinerer Standorte mit wenigen Tieren verschob sich der Durchschnittswert des gehaltenen Viehs teils deutlich nach oben. Bei den Rindern wuchs die durchschnittliche Zahl der Tiere je Betrieb von 56 auf 67.

Der gesamte Bestand der Rinder ging nur leicht um drei Prozent auf circa 984'000 Tiere zurück. Die Schweinehaltung erlebte mit 12 Prozent minus den stärksten Rückgang: Dort wurden im 2016 nur noch 1,9 Millionen Tiere gezählt. Die Schweinemastbetriebe hielten 2016 im Schnitt aber 357 Tiere (2010: 245). Im Gegensatz dazu stieg die Zahl der gehaltenen Hühner um rund 21 Prozent auf 4,3 Millionen. Mit 611 Hühnern je Betrieb stieg die Durchschnittszahl seit 2010 um mehr als das Anderthalbfache.

Die durchschnittliche Bestandsgröße stieg von 56 auf 67 Rinder je Betrieb. Der wichtigste Zweig in der Rinderhaltung sind die Milchkühe. In diesem Betriebszweig hat die Zahl der Betriebe zwischen 2010 und 2016 deutlich stärker abgenommen als die Zahl der Rinderhalter insgesamt (−29,7 Prozent auf 7 572). Die Zahl der Milchkühe ist dagegen nahezu unverändert geblieben (−1,9 Prozent auf 346 936 Milchkühe).

Der durchschnittliche Milchkuhbestand wuchs von 33 auf 46 Milchkühe.  Die Haltung von Schweinen wurde innerhalb von nur sechs Jahren in fast vier Zehnteln der Betriebe eingestellt (−39,6 Prozent). Das ist die stärkste Abnahme von allen Tierkategorien. Im Jahr 2016 waren es daher nur noch 5 250 landwirtschaftliche Betriebe, in denen insgesamt 1 875 626 Schweine gehalten wurden.

Der Schweinebestand wurde demzufolge gegenüber 2010 um gut ein Zehntel (−12,1 Prozent) verringert. Im Durchschnitt hält ein Betrieb Anfang 201'6 357 Schweine, im Jahr 2010 waren es noch 245 Schweine.  Im Vergleich zur Rinder- und Schweinehaltung war die Entwicklung bei den Schafen und Ziegen deutlich gemäßigter. Die Zahl der Betriebe mit Schafen hat zwischen 2010 und 2016 um −7,0 Prozent auf 2 716 abgenommen, der Schafbestand hat sich geringfügig verändert (–2,0 Prozent auf 243' 558 Schafe).

Die mittlere Bestandsgröße nahm von 85 auf 90 Schafe zu. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe mit Ziegen war zwar ebenfalls rückläufig (−2,8 Prozent auf 2 502), dagegen ist für den Bestand an Ziegen sogar eine positive Veränderungsrate festzustellen (+18,1 Prozent auf 29 776).  Ebenfalls positiv entwickelt hat sich der Bestand an Hühnern und sonstigem Geflügel1.

Bei Hühnern ist gegenüber 2010 eine Zunahme um 20,9 Prozent auf gut 4,3 Millionen zu verzeichnen, die höchste Zuwachsrate unter allen Tierkategorien. Bei sonstigem Geflügel, das sind Truthühner, Enten und Gänse, ist ebenfalls eine Zunahme zu verzeichnen (+12,4 Prozent auf 1,1 Millionen). Wie bei allen anderen Tierkategorien sind auch beim Geflügel die Halterzahlen rückläufig, bei Hühnern −27,6 Prozent auf 7 037 und bei sonstigem Geflügel −28,4 Prozent auf 811 Betriebe.

Der durchschnittliche Hühnerbestand beziffert sich auf 611 Hühner (2010: 366 Hühner), bei sonstigem Geflügel sind es 2016 im Durchschnitt 1 397 Tiere je Betrieb, 2010 waren es 891 Tiere.

Regionale Unterschiede in der landwirtschaftlichen Bodennutzung

Baden‑Württemberg ist ein Land mit einer großen naturräumlichen Vielfalt. Das findet nach Feststellungen des Statistischen Landesamts seinen Niederschlag in einer entsprechend vielfältigen landwirtschaftlichen Bodennutzung. Nach den Ergebnissen der Agrarstrukturerhebung bewirtschaften die rund 40 000 landwirtschaftlichen Betriebe insgesamt rund 1,42 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche (ha LF).  Davon werden, mit großen regionalen Unterschieden, rund 820' 000 ha (58 Prozent) als Ackerland genutzt.

Im Rheintal, den Gäulandschaften, Tauberfranken, Hohenlohe und dem Bereich Alb-Donau dominiert das Ackerland die landwirtschaftliche Bodennutzung deutlich. Der Anteil des Ackerlands beläuft sich hier häufig auf 80 Prozent und mehr. Grünland ist in diesen Regionen vergleichsweise selten, gewinnt aber an Bedeutung je höher, rauer und feuchter die Lage wird. Im Schwarzwald, Schwäbischen Wald, Odenwald, auf der Alb sowie vor allem im Allgäu ist Grünland die vorherrschende landwirtschaftliche Nutzungsform. Die Sonderkulturen Wein und Obst konzentrieren sich entlang der großen Flusstäler und am Bodensee.  

Die Nutzung des Ackerlands selbst wird traditionell von einigen wenigen Arten dominiert: auf die verschiedenen Formen von Weizen (28 Prozent), Mais (24 Prozent) und Gerste (18 Prozent) entfallen zusammen sieben Zehntel des Ackerlands. Dagegen stellen die Hülsenfrüchte (Leguminosen) nur eine Nische im Anbausortiment der Landwirte dar. Auf sie zusammen entfallen nur 2 Prozent des Ackerlands (17 500 ha).

Weil Leguminosen als sogenannte ökologische Vorrangflächen anerkannt werden, haben sie seit 2014 an Wertschätzung und Bedeutung gewonnen. Die Anbaufläche hat sich seit damals verdreifacht. Die wichtigste Hülsenfrucht sind die Erbsen (7 400 ha), die aufgrund der ausgeglichenen Standortansprüche regional die größte Verbreitung haben.

Die zweitwichtigste Hülsenfrucht, die Sojabohne wird auf 5 900 ha angebaut. Ihr Anbau konzentriert sich aufgrund der hohen Ansprüche an Wärme und gute Wasserverfügbarkeit auf die Gunstlagen des Ackerbaus. Dagegen lieben es Ackerbohnen (2 300 ha) eher feucht und kühl. Sie sind daher vermehrt in den Randlagen des Ackerbaus zu finden. Auf die übrigen Hülsenfrüchte zusammen entfallen 1 900 ha, darunter finden sich auch die für ein schwäbisches Leibgericht erforderlichen Linsen.

*  Beachten Sie bitte, dass nur Betriebe mit Geflügelbestand am Stichtag 1. März 2016 einbezogen sind.

**Der Stichtag für die Erfassung der Tierbestände war der 1. März 2016. Dies gilt es im Hinblick auf die stark von saisonalen Einflüssen geprägte Haltung von Enten und Gänsen zu beachten.

(Quelle: ESTATIS.bw/HIN)