Sandkorn insolvent

Erstellt: Donnerstag, 31. August 2017

Karlsruhe (proh).  Stefanie Lackner, Geschäftsführerin der Sandkorn-Theater gGmbH, gab bekannt, dass 61 Jahre nach seiner Gründung ein Insolvenzverfahren in die Wege geleitet werden musste: "Nachforderungen des Finanzamts für vergangene Jahre" hätten am 30.08.2017 zu diesem drastischen Schritt geführt, da es dadurch zu einer Überschuldung des Sandkorn-Theaters gekommen sei. "Dieser Schritt wurde unvermeidbar." Das Ziel der Verantwortlichen ist es nun, die Auswirkung für den Theaterbetrieb und die Akteure "so gering wie möglich zu halten". 

Das Kürzel SK hat in der Karlsruher Kulturszene zweifache Bedeutung und ist aufs Engste miteinander verwoben: einmal steht es für SandKorn (-Theater), ein andermal für dessen Gründer Siegfried Kreiner. Unter der künstlerischen Ägide Prof. Dr. h.c. Kreiners, der das Privattheater Sandkorn 1956 als Verein aus der evangelischen Jugendarbeit heraus initiierte, wurde das mehrfach ausgezeichnete Theater zu einem professionellen Markenzeichen weit über die Stadtgrenzen hinweg.

Sechs Jahrzehnte prägte die Privatbühne unter Prinzipal Kreiner die hiesige Theaterszene entscheidend mit, ist Einsatzstelle für den Bundesfreiwilligendienst und Ausbildungsbetrieb. Seit 1981 hat das Theater seinen Sitz im einstigen Ofenhaus der Stadtwerke an der Kaiserallee. Das Sandkorn zählt zu den wenigen Privattheatern in Baden-Württemberg, die ein eigenes festes Schauspielensemble haben, derzeit mit sieben fest angestellten Schauspielern. Die Verträge laufen mindestens über ein Jahr. Das bietet Identifikation und Kontinuität.

Das Ensemble ist aufeinander eingespielt und das ist für die Zuschauer sichtbar. Schauspiel- und Regiegäste aus nah und fern bringen zusätzlich Leben ins Haus. Gastspiele von bekannten Künstlern aus der Region und überregionale Kabarett-Highlights setzen Akzente und junge Leute finden im Sandkorn-Theater ein reichhaltiges Spielplanangebot für Kinder und Jugendliche - sie können auf und hinter der Bühne mitwirken. Der Jugendclub am Sandkorn-Theater richtet sich an theaterbegeisterte Jugendliche, die selbst auf der Bühne stehen möchten. Alle profitieren von diesem einzigartigen Gemeinschaftserlebnis "Theater", manch beachtliche Schauspielkarriere wurde hier gestartet. 

Steffi Lackner, die Nachfolgerin Kreiners, hat das Credo ihrer Intendanz eindeutig definiert: "Theater ist für alle da". Mit diesem Leitbild ihres Schaffens sei der Einsatz "für eine offene, tolerante und vielfältige Gesellschaft" gewährleistet, und "das ist nicht verhandelbar." Doch nun musste sie den "schweren Gang" zum Insolvenzgericht antreten. "Den Betrieb eines Privattheaters wirtschaftlich zu führen und dennoch anspruchsvolles Programm anzubieten, ist eine immer schwerer zu lösende Aufgabe. Schon in den vergangenen Jahren war es nur mit Hilfe vieler Freunde des Theaters als auch unter Einsatz privater Mittel der Verantwortlichen möglich, den Betrieb des Theaters zu garantieren." 

Der Vorsitzende des 'Freundeskreis des Sandkorn-Theaters e.V.', seit 14. Juni 2009 Martin Wacker, bestätigt, dass "der Spagat zwischen Unterhaltung und Veränderung jederzeit gelungen" ist. Eine breite Palette des Bühnenschaffens kann auch Kulturdezernent Wolfram Jäger unterstreichen: "Das Sandkorn hat sich längst vom Amateurtheater zum breit aufgestellten, engagierten Theater entwickelt. Der Besuch ist immer ein besonderes Erlebnis." Unbestritten bleibt hierbei der Verdienst der vielen Aktiven um Siegfried Kreiner und Steffi Lackner. 

Der jetzige Schritt in die Insolvenz war, wie es in einer offiziellen Erklärung heißt, "wegen drohender Nachforderungen des Finanzamts für vergangene Jahre, die nach eingehender Rechtsberatung zur Überschuldung der Sandkorn-Theater gGmbH geführt hätte, unvermeidbar." Und es war wichtig, dass rechtzeitig, noch bei Vorliegen einer drohenden Zahlungsunfähigkeit, Insolvenzantrag gestellt und nicht verschleppt wurde. Dieser dient dazu, den Theaterbetrieb soweit als möglich weiterzuführen. "Die Geschäftsführung ist deshalb glücklich darüber, dass sich im Umfeld langjähriger Freunde des Sandkorn-Theaters namhafte Persönlichkeiten gefunden haben, die bereit sind, Verantwortung für den Fortbestand des Theaterbetriebs zu übernehmen." Das Amtsgericht prüft nun den Insolvenzantrag. 

Jetzt sollte klar und offen kommuniziert und Fehler aufgearbeitet werden. Eine operative Restrukturierung und strategische Neuausrichtung muss nun ins Auge gefasst werden. Insbesondere in Krisensituationen verlangen Investoren und Banken ein tragfähiges Sanierungskonzept, zumindest aber müssen die Mindestanforderungen des BGH erfüllt werden, um die Rechtssicherheit zu gewährleisten. Zunächst sollte aber die Fortführungsfähigkeit im Sinne des HGB gegeben sein. Hierfür müssen alle tatsächlichen und rechtlichen Begebenheiten beseitigt werden, die einer Fortführung der Unternehmenstätigkeit entgegenstehen.

Die Sandkorn-Theater gGmbH sieht sich gezwungen ein Sanierungskonzept in Aussicht zu stellen, das eine objektive Entscheidungsgrundlage für die involvierten Interessensgruppen zur weiteren Begleitung und Unterstützung des Unternehmens liefert. Das ist insbesondere deshalb entscheidend, da ausschließlich eine umfassende Prüfung der rechtlichen und wirtschaftlichen Risiken eine verlässliche Aussage über die Fortführungs- und Zukunftsfähigkeit des Theaters erst möglich macht. Das vorrangige Ziel wird somit eindeutig definiert: die Finanzierung ist zu gewährleisten. Ullrich Eidenmüller, ehemaliger Karlsruher Kulturbürgermeister und Gründungsvorsitzender des Sandkorn-Fördervereins, sicherte ebenso wie der Regisseur Erik Rastetter bereits Unterstützung zu.

"Es wird akut an einer Lösung gearbeitet, damit die Institution erhalten bleibt und wir hoffen das Beste in dieser ernsten Lage", teilte Erik Rastetter mit. "Ohne grundlegende Gedanken zum Neuanfang kann es nicht gehen. Die Institution als solche bleibt hoffentlich erhalten. Ein einfaches 'Weiter-so' wird nach Lage der Dinge nicht möglich sein. Das Hauptaugenmerk muss jetzt der Errichtung einer neuen Trägergesellschaft gelten, die mit ausgewiesener kultureller und wirtschaftlicher Kompetenz das Vertrauen der am Insolvenzverfahren Beteiligten genießt. Ullrich Eidenmüller, Martin Wacker, Günter Knappe und ich sind dabei." Eine Eigenverwaltung als geeigneter Lösungsweg drängt sich damit geradezu auf.

Bei einer Eigenverwaltung hat der berufene Sachwalter lediglich eine Zustimmungsbefugnis für bestimmte Rechtsgeschäfte und übernimmt eine Art Überwachungsfunktion, wodurch eine lange Einarbeitungszeit eines Insolvenzverwalters entfällt. Darüber hinaus sind die Verfahrenskosten wesentlich geringer, da ein Sachwalter nur 60% der Vergütung eines Insolvenzverwalters veranschlagt. Durch die Verringerung der Kosten kann sich somit die Auszahlungsquote für den Gläubiger Finanzamt erhöhen.

"Der Theaterbetrieb muss weitergehen, das Sandkorn-Theater weiter Teil des Kulturlebens unserer Stadt sein", lautet die Entscheidungsgrundlage für die involvierten Interessensgruppen zur weiteren Begleitung und Unterstützung des Unternehmens. "Für uns war es als langjährige Begleiter des Sandkorn-Theaters keine Frage, alles dafür zu tun, den Theaterbetrieb aufrecht zu erhalten", teilte der Sandkorn-Förderverein mit. "Wir stehen bereit, mit einer Auffanggesellschaft in dieser schwierigen Lage Verantwortung zu übernehmen." 

"Wir wollen der geplanten Auffanggesellschaft helfen, dass die beliebte Institution Sandkorn Theater in eine gute Zukunft geführt werden kann", versprach die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Elke Ernemann; und sie zeigte sich überzeugt, dass dies mit erfahrenen Kräften sehr gut gelingen werde. Hierbei seien neue Idee und bewährte Konzepte gefragt, die den Erfolg für das ganze Theaterhaus manifestieren sollen. Den Theater-Verantwortlichen sei es immerhin gelungen, in den vergangenen Jahrzehnten ganze Generationen und alle sozialen Bildungsschichten für das Theater zu begeistern.

Die CDU-Fraktion zeigte sich von den Schwierigkeiten des Kulturbetriebs überrascht, das Theater gehöre schließlich unverzichtbar zur Kulturszene der Stadt. Man müsse eruieren, wie Abhilfe zu schaffen sei und "wie die Stadt eventuell behilflich sein kann." Für das professionelle Privattheater sei von der Stadt Karlsruhe 2017 ohnehin eine Förderungsumme von 242'000 Euro im städtischen Haushalt vorgesehen. Für die FDP-Fraktion steht indes fest, dass ein neues Denken im Sandkorn vonnöten sei, nachdem "alle Fakten mit Besonnenheit analysiert wurden". 

Auch Kult-Stadtrat Michael Haug drängt auf Klärung der Ursachen, wie es zu der existenzbedrohenden Nachforderung seitens des Finanzamtes hatte kommen können. Dessen ungeachtet sieht er seine Fraktion in der Pflicht, "dem Sandkorn-Theater unter die Arme zu greifen". Renate Rastätter, kulturpolitische Sprecherin der Grünen Gemeinderatsfraktion, schließt sich dem an: "Wenn alle notwendigen Informationen vorliegen, werden wir uns als Grüne im Rahmen der gemeinderätlichen Möglichkeiten dafür einsetzen, dass das Theater weiter bestehen kann."

Der parteilose Stadtrat Stefan Schmitt bringt es auf den Punkt, wenn er darauf hinweist, dass "das Staatstheater nur mit immensen Subventionen der öffentlichen Hand betrieben werden kann". Im Gegenzug sollten Privattheater zumindest steuerlich so begünstigt werden, dass sie nicht durch Steuerforderungen in existenzielle Nöte geraten. "Gerade die kleinen Theaterbetriebe bereichern die Stadt", ergänzt die Wählergemeinschaft für Karlsruhe (GfK).

"Der jetzige Schritt bedeutet einen tiefen Einschnitt für alle, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten für unsere Vorstellung von engagiertem Theater in Karlsruhe gelebt haben", so Intendantin Lackner. "Drückt uns die Daumen, dass es weitergehen kann, mit einem vielfältigen, spannenden und anspruchsvollen Theaterprogramm für alle Generationen und Bildungsschichten. Der aktuelle Vorverkauf läuft vorerst weiter, die Planungen werden aufrechterhalten und an der ⇒ Karlsruher Theaternacht am 9. September beteiligen wir uns wie vorgesehen", war aus dem Sandkorn zu vernehmen.

"Wir wollen während der Karlsruher Theaternacht unbedingt Flagge zeigen", schließlich beginne da traditionell die neue Spielzeit, bestätigt Medienunternehmer Günter Knappe, der aktiv in der neuen Trägergesellschaft mitarbeitet. Er könne trotzdem dem Insolvenzverwalter nicht vorgreifen: "Die Entscheidung über den weiteren Spielbetrieb kann erst nach Absprache mit dem Insolvenzverwalter getroffen werden." Der Kampf um das Fortbestehen des Theaters hat begonnen.

NACHTRAG 09. September 2017: Spielbetrieb gesichert – Neuaufstellung nimmt Fahrt auf  

Nach ersten Gesprächen mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter der "Alt-Gesellschaft" des Sandkorn-Theaters, soll der Theaterbetrieb weiter laufen. Freunde und Förderer der Sandkorn-Idee hatten sofort nach Bekanntgabe des Insolvenzantrages reagiert und bemühen sich seither um eine Neuaufstellung. Die neue Gesellschaft soll die Spielstätte übernehmen und für die künstlerische Neuausrichtung und künstlerische Gestaltung sorgen.

Mittlerweile gibt es "zahlreiche positive Signale von Stadt, Sponsoren und Partnern", wie die designierten Geschäftsführer der Auffang-Gesellschaft Günter Knappe und Erik Rastetter erklären. Zunächst stehe die Übergangsphase an, welche die GmbH "alt" mit dem Insolvenzverwalter gestalte. Hier sei auch die Unterstützung der noch im Amt befindlichen Intendantin Steffi Lackner "äußerst hilfreich". Danach steht nach den Worten Knappes "ein kompletter finanzieller, organisatorischer und künstlerischer Neustart bevor".

Martin Wacker unterstützt als Vorsitzender des unabhängigen Sandkorn-Freundeskreises gemeinsam mit dem ehemaligen Bürgermeister und Freundeskreis- Gründer Ullrich Eidenmüller "den Neuanfang und die im Kulturleben tief verwurzelte Sandkorn- Idee". Als gemeinnütziger Verein, der rechtlich und organisatorisch unabhängig von der insolventen Trägergesellschaft des Theaters ist, wird der Vorstand auch bei der Theaternacht am 9. September sein Engagement öffentlich dokumentieren.

Erik Rastetter, designierter künftiger künstlerischer Leiter betont "wir stehen für DAS SANDKORN – die Bühne und mehr". DAS ("neue") SANDKORN blicke nach vorne! "Es steht für ein offenes Bühnenhaus, neue Kooperationen und besinnt sich dabei auch auf Stärken von einst." Nach einer Transformationszeit, in der durch einige Übernahmen aus dem Repertoire sowie bereits länger geplanter Premieren der Spielbetrieb im Haus gewährleistet bleibt, wird um den kommenden Jahreswechsel herum der neue Ansatz voll greifen.

Das "Studio" soll die Kleinkunst-Zentrale für Künstler aus Karlsruhe und der Region werden, die "Fabrik" eine Spielwiese für zeitgemäßes Theater mit Anspruch und Heimat für engagiertes Kinder- und Jugendtheater. Ein herausragendes und festes Element sollen regelmäßige Angebote im Bereich praktische Theaterfortbildung unter professioneller Anleitung sein.

Weiter betont er in diesem Zusammenhang: "Der Jugendclub, D!E SP!NNER!, Inszenierungen aktueller Stoffe sowie die Zusammenarbeit mit Kulturschaffenden ohne feste Spielstätte sorgen für eine besondere Stellung im Kulturleben der Stadt." DAS SANDKORN bietet Platz für gesellschaftlichen Diskurs und relevante Themen.

Die Konzeption wird in den nächsten Tagen mit der Stadt Karlsruhe und den Fraktionen diskutiert werden. "Es soll ein von einer breiten Öffentlichkeit und den politischen Entscheidern getragenes Konzept sein, das einen festen Platz im Karlsruher Kulturbetrieb hat und eine klare künstlerische Positionierung darstellt ", so Günter Knappe, der auf Basis der rechtlichen Begleitung des Prozesses durch die Kanzlei Caemmerer Lenz die finanziellen Voraussetzungen prüft.

"DAS 'neue' SANDKORN besinnt sich auf die zentrale Grundidee, die viele alte Sandkörner angetrieben hat – das Sandkorn im Getriebe unserer Zeit zu sein." Man hoffe vor allem auch auf die weitere Bereitschaft des vorläufigen Insolvenzverwalters, diesen Weg mitzugehen. Bei der Theaternacht werden auch Vertreter der Auffanggesellschaft und des Freundeskreises Fragen beantworten und die ersten Ideen zu "DAS SANDKORN" präsentieren.

(Quelle: SK.ka/HIN)